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Rechtspsychologe übers Bluffen "Die cleveren Trickser kommen meistens durch"

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Corbis

Schwindler entlarven: "Lügen ist einfach menschlich"

Gutachter Günter Köhnken prüft die Wahrheit vor Gericht. Im Interview erklärt der Rechtspsychologe, woran er Falschaussagen erkennt und was ihn im Kachelmann-Prozess stutzig machte.

KarriereSPIEGEL: Herr Köhnken, wer so viel Erfahrung hat, erkennt einen Lügner sicher auf den ersten Blick, oder?

Köhnken: Nein. Im Alltag lasse ich mich leider durchaus auch von höflichen und sprachgewandten Menschen blenden, weil ich natürlich nicht jeden Satz systematisch untersuchen kann. Lügen ist einfach menschlich.

KarriereSPIEGEL: Aber es muss doch möglich sein, "Bluffer" zu enttarnen?

Köhnken: Das wäre schön, deshalb führen Wissenschaftler aus aller Welt auch immer neue Experimente und Studien durch. Ich selbst gehörte einmal zu einem Expertenteam, das 4800 Menschen aus 75 Ländern befragt hat, woran sie Schwindler erkennen. Zwei Drittel gaben an, dass sie darauf achten, ob ein vermeintlicher Lügner ihnen ins Gesicht schaut oder vielleicht verlegen den Blick abwendet.

KarriereSPIEGEL: Ist das der Weg, um Lügner zu entlarven?

Köhnken: Nein. Das ist nur Küchenpsychologie, die sich wissenschaftlich durch nichts belegen lässt. Anders als die meisten Menschen glauben, gibt es keinen Zusammenhang zwischen Täuschung und nonverbaler Kommunikation, also Mimik und Gestik.

Zur Person
  • DPA
    Professor Günter Köhnken (Jahrgang 1948) ist Rechtspsychologe an der Universität Kiel. Er wird zu Hilfe gerufen, wenn Gerichte daran zweifeln, ob Angeklagte, Zeugen oder Opfer die Wahrheit sagen. Als Gutachter trat er bereits in vielen spektakulären Fällen auf - zum Beispiel im Prozess gegen den Wettermoderator Jörg Kachelmann, der schließlich vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde.
KarriereSPIEGEL: Jeder kennt doch Schummler, die mit ihren Fingern spielen oder nervös mit den Füßen wippen...

Köhnken: Solche Einzelfälle merken wir uns, weil jeder von uns schon mal eine plumpe Lüge aufgedeckt hat. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir deshalb gute Lügenermittler sind, denn die cleveren Trickser kommen meistens mit ihrer Masche durch. Wir erkennen sie eben nicht, weil sie nicht einmal mit der Wimper zucken oder rot werden, sondern bluffen und lächeln, während sie uns Märchen auftischen. Sogar geschulte Polizeibeamte enttarnen im Schnitt nur 54 Prozent aller Lügner, wenn sie keine weiteren Informationsquellen haben.

So geht Bluffen: Lernen von den Profis
  • Corbis
    Ehrlich währt am längsten? Nicht dort, wo hoch gepokert wird. Wenn Argumente allein nicht zählen, muss das Gegenüber ausgetrickst oder überwältigt werden. Im Magazin SPIEGEL JOB erklären fünf Profis ihre Strategien in Kürze, darunter eine Zauberin, eine Paartherapeutin und ein Rechtspsychologe. Ausführlichere Interviews gibt es in dieser Bluffen-Serie.
KarriereSPIEGEL: Also ist es purer Zufall, ob wir einen Lügner entdecken oder nicht?

Köhnken: Genau. Es gibt höchstens eine Fifty-fifty-Chance. Nicht jeder ist automatisch ein Schwindler, nur weil er zum Beispiel im Gespräch schwitzige Finger bekommt oder unruhig auf dem Stuhl rutscht. Vielleicht ist er nur nervös. Und nicht jeder ist vertrauenswürdig, nur weil er gepflegt auftritt und freundlich lächelt. Auch dazu gibt es Studien.

KarriereSPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel?

Köhnken: In einem Video von US-Kollegen erzählt eine Frau eine Geschichte, die an einigen Stellen nicht der Wahrheit entspricht. Die Testpersonen sollten ermitteln: Hat sie geblufft, und wenn ja, wo? Die Probanden, die nur den Text hören und die Frau nicht sehen konnten, hatten eine wesentlich höhere Trefferquote als die, die auch Mimik und Körpersprache beurteilt haben. Die haben die Schummelstory größtenteils geglaubt.

KarriereSPIEGEL: Achten Sie selbst überhaupt auf Gesichtsausdruck, Kopf- oder Handbewegungen, wenn Sie eine Zeugenaussage prüfen?

Köhnken: Nein. Ich konzentriere mich einzig auf den Inhalt, studiere zunächst die Ermittlungsakten der Polizei und spreche erst danach mit dem Zeugen. Wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, frage ich mich: Ist der Zeuge überhaupt geistig in der Lage, eine solche Aussage zu erfinden, wurde er vielleicht unter Druck gesetzt oder unbewusst manipuliert? Natürlich aber auch: Könnte es Gründe für eine Falschaussage geben?

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KarriereSPIEGEL: Und woran erkennen Sie eine erfundene Geschichte?

Köhnken: Indem ich zum Beispiel die Chronologie der Ereignisse durcheinanderbringe. Ausgedachte Geschichten haben in der Regel einen simplen Aufbau. Wer schon einmal ein Gedicht auswendig lernen musste, weiß, dass man sich den Inhalt am besten merken kann, wenn man sich von Zeile zu Zeile, von Strophe zu Strophe hangelt. Jeder Schüler käme ins Stottern, wenn der Lehrer ihn fragen würde: Wie lautet die dritte Zeile in der vierten Strophe? Ich spiele den Lehrer und lasse den Zeugen die Geschichte von hinten vortragen oder erst in der Mitte anfangen. Mogler kommen da ziemlich schnell ins Schleudern.

KarriereSPIEGEL: Sie waren einer der Gutachter im Kachelmann-Prozess, der mit einem Freispruch vom Vergewaltigungsvorwurf endete. Details spielten eine große Rolle.

Köhnken: Uns machte stutzig, dass die ansonsten sehr wortgewandte Klägerin den eigentlichen Tathergang im Vergleich zu anderen Dingen nur sehr dürftig beschreiben konnte. In den meisten ausgedachten Geschichten fehlen die Details. Deshalb zweifelten wir an der Glaubwürdigkeit der Aussage.

KarriereSPIEGEL: Einzelheiten sind also ein Indiz für die Wahrheit?

Köhnken: Ja, wenn Zeugen sogar scheinbare Nebensächlichkeiten genau beschreiben können. In einem meiner Fälle war ein Vater angeklagt, der den Schulfreund seines Sohnes missbraucht haben sollte. Der Angeklagte leugnete, aber der Junge konnte alles beschreiben: wie der Beschuldigte ihn in den Keller lockte, wie der Verschlag aussah, in dem der Übergriff stattfand, welche Farbe dort die Kartons mit Modelleisenbahnen hatten. Und dass der Vater den Finger an den Mund nahm und "pst!" flüsterte, als unerwartet ein Nachbar in den Keller kam. Solche unvorhergesehenen Unterbrechungen in einem Geschehensablauf sind fast immer ein Beweis, dass ein Zeuge die Wahrheit sagt.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
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1. aufschlussreich
noalk 27.11.2014
Allerdings frage ich mich, warum der BGH seinerzeit die Eignung eines Polygraphtestes verneint hat, weil ein solcher nur eine Trefferquote von 98% hat. Ich bezweifle, dass Herr Köhnken diesen Wert übertrifft, geschweige denn erreicht.
2. selbst passiert
nick999 27.11.2014
ich habe es einmal erlebt, das jemand vor 25 Zuhörern ein komplett falsches Bild über sich abgegeben hat. Es klang glaubwürdig. Als ich es zufällig feststellte, hieß es plötzlich leise: "Psst, das ist mein Avatar". D.h. Es gibt Menschen, die eine Scheinwelt vorspielen. Für die ist es keine Lüge, die bekommt man mit keinen Psychotricks gestellt.
3.
les2005 28.11.2014
Zitat von noalkAllerdings frage ich mich, warum der BGH seinerzeit die Eignung eines Polygraphtestes verneint hat, weil ein solcher nur eine Trefferquote von 98% hat. Ich bezweifle, dass Herr Köhnken diesen Wert übertrifft, geschweige denn erreicht.
Keine Ahnung ob das mit den 98% stimmt, aber ich denke es ging um die Zulassung als BEWEISMITTEL. Mit anderen Worten, das Ergebnis des Polygraphentests würde als hinreichender Beweis gewürdigt. Wenn ein Sachverständiger dagegen, wie hier geschildert, ein Gutachten abgibt, wird dies vom Gericht nicht als Beweis angesehen, sondern vom Gericht selbst hinsichtlich Aussagekraft eingestuft. So zumindest die Theorie...
4. Erstaunlich und bitter
colr 28.11.2014
finde ich, dass sich immer noch nicht herumgesprochen hat, dass es im Zuge einer Traumatisierung durchaus so sein kann, dass Details nicht mehr klar, teilweise sogar falsch (in ihrer Zusammensetzung) oder gar nicht erinnert werden können. Die Informationsverarbeitung funktioniert während und nach einer Traumatisierung einfach anders. Das macht es Gerichten schwer, das ist klar! Aber auch den Opfern. Ich finde es an der Stelle nur einfach eine Frechheit, dass aufgrund dieser Dinge immer gleich der Schluss gezogen wird, dass eine Aussage falsch sein müsste, ohne dem Rechnung zu tragen was Traumatisierung verursachen kann. Besonders auch dann verursachen kann, wenn es vielleicht (was ja auch denkbar wäre) nicht die erste Traumatisierung dieser Art war. Es ist nicht leicht, an der Stelle Richter oder Gutachter zu sein. Aber es ist auch verdammt schwer, an der Stelle Opfer und Zeuge zu sein.
5.
Join_Me 28.11.2014
Zitat von noalkAllerdings frage ich mich, warum der BGH seinerzeit die Eignung eines Polygraphtestes verneint hat, weil ein solcher nur eine Trefferquote von 98% hat. Ich bezweifle, dass Herr Köhnken diesen Wert übertrifft, geschweige denn erreicht.
„Der Polygraph bezweckt mithin, vom Beschuldigten mehr und andere „Aussagen“ als beim üblichen Verhör zu erlangen, darunter solche, die er unwillkürlich macht und ohne das Gerät gar nicht machen kann. Neben der bewußten und gewollten Antwort auf die Fragen „antwortet“, ohne daß der Beschuldigte es hindern kann, auch das Unbewußte. Ein solcher Einblick in die Seele des Beschuldigten und ihre unbewußten Regungen verletzt die Freiheit der Willensentschließung und -betätigung (§ 136a StPO) und ist im Strafverfahren unzulässig. Zur Erhaltung und Entwicklung der Persönlichkeit gehört ein lebensnotwendiger und unverzichtbarer seelischer Eigenraum, der auch im Strafverfahren unangetastet bleiben muß.“ – Urteil vom 16. Februar 1954, 1 StR 578/53 BGHSt 5, 332, 335[7]
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