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Streit um Leiharbeit "BMW kann die Werke für vier Monate zusperren"

BMW-1er-Produktion in Leipzig: Sind 20 Prozent Leiharbeiter zu viel? Zur Großansicht
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BMW-1er-Produktion in Leipzig: Sind 20 Prozent Leiharbeiter zu viel?

Jeder fünfte BMW-Werker in Leipzig ist Leiharbeiter. Mit kurzfristiger Beschäftigung hat das oft wenig zu tun, kritisiert Manfred Schoch, Chef des Konzernbetriebsrats. Im Interview sagt er, wie das Unternehmen mit weniger Leihkräften flexibel bleiben kann - und was die Stammbelegschaft dafür alles tun will.

Frage: Herzlichen Glückwunsch, Herr Schoch!

Schoch: Danke, aber was verschafft mir die Gratulation?

Frage : BMW überweist seinen Tarifbeschäftigten zweieinhalb Monatsgehälter Erfolgsbeteiligung für 2011, im Durchschnitt kommen Ihre Kollegen damit auf 7650 Euro.

Schoch: Und das ist fast doppelt so viel wie bei Daimler.

Frage : Wie viel bekommen denn die bei BMW beschäftigten Leiharbeiter?

Schoch: Die Leiharbeiter haben keinen Arbeitsvertrag mit BMW, sondern mit Randstad, mit Loewe oder einer anderen Zeitarbeitsfirma. Wie dort die Erfolgsbeteiligung ist, kann ich Ihnen nicht sagen.

Frage : Kaum so hoch wie bei BMW. Ist das gerecht? Lässt sich nicht mehr durchsetzen?

Schoch: Wenn ein Mitarbeiter nur sechs, acht oder zehn Monate bei BMW arbeitet, dann hat er keinen Anspruch auf unsere Erfolgsbeteiligung. Er erwirbt auch kein Anrecht auf unsere Altersversorgung oder auf einen Jahreswagen. Das gleiche gilt auch für einen Leiharbeiter. BMW steht dafür, dass ihm seine Leiharbeitsfirma das Grundentgelt der IG Metall zahlt, das bekommt er bei anderen Unternehmen nicht. Gleiche Leistung, gleicher Lohn: das haben wir durchgesetzt.

Frage : Sie streiten momentan mit dem BMW-Vorstand darüber, wie hoch der Anteil der Leiharbeiter an der Gesamtzahl der Beschäftigten sein darf. Was ist Ihrer Ansicht nach vertretbar?

Schoch: Eins vorab: Ich lehne Leiharbeit nicht komplett ab. Sie ist notwendig, damit der Konzern auf Krisen flexibel reagieren kann und die Produktion ohne allzu hohe verbleibende Kosten an eine geringere Nachfrage anpassen kann. Aber Leiharbeit muss begrenzt bleiben. Wenn ein Leiharbeiter länger als zwölf Monate in einem Unternehmen arbeitet, dann hat das nichts mehr mit kurzfristiger Flexibilität zu tun. Dann muss er fest eingestellt werden.

Frage : Das Arbeitsgericht in Leipzig hat eine solche Pflicht vor einigen Wochen verneint. Das Hauptargument der Richter: Besser Leiharbeiter als gar nicht beschäftigt.

Schoch: Ein Arbeitsrichter ist juristisch nicht die letzte Instanz. Und wenn das Urteil tatsächlich Bestand haben sollte, dann werden wir öffentlichen Druck machen. Ich bin sicher, wir werden breite Unterstützung quer durch die Gesellschaft finden: in der Politik, bei den Kirchen, und auch bei den Medien. Die Marke BMW darf durch die Zeitarbeiterdiskussion nicht leiden. Ich denke, das haben Vorstand und Aufsichtsrat auch verstanden.

Frage : Der Vorstand strebt eine Leiharbeiterquote von 20 Prozent an. Wäre das für Sie noch vertretbar?

Schoch: Nein. Es gibt intelligentere Möglichkeiten, auf einen angenommenen Nachfrageeinbruch um 20 Prozent zu reagieren. Wir brauchen eine Art Flexibilitätsbaukasten. Ich habe neulich im Aufsichtsrat einen netten Vergleich gezogen: Ein Zylinderkopf wird auch nicht mit einer einzigen Schraube angezogen. Der wird mit acht bis zwölf Schrauben befestigt. Genauso benötigen wir mehrere Möglichkeiten, in Krisen flexibel zu agieren.

Frage : BMW gilt in Sachen Produktion und Beschäftigungsmodelle schon heute nicht gerade als unflexibel. Dennoch hält der Vorstand an den 20 Prozent Leiharbeiterquote fest. Versteht die Runde ihr Handwerk nicht?

Schoch: Sagen wir es so: Sie sollte froh sein, dass sie einen sehr gut mitdenkenden Betriebsrat und die IG Metall hat. Die dafür sorgen werden, dass BMW einen Baukasten mit mehreren schnellen Schrauben bekommt. Da werde ich nachhaltig bleiben. In einem halben Jahr werden Sie sehen, dass wir ein tolles Modell geschaffen haben.

Frage : Wie könnte es aussehen? Was sollte drin sein in Ihrem Baukasten?

Schoch: Als Erstes könnten wir unsere Arbeitszeitkonten einsetzen. Wir können bei BMW bis zu 300 Stunden auf solchen Konten sammeln - und genauso 300 Stunden ins Minus gehen. Das bedeutet, dass wir allein über den Abbau solcher Zeitdepots die Werke für vier Monate zusperren könnten. Und bei 20 Prozent Nachfrageeinbruch könnten wir die Arbeit zum Beispiel jeden Freitag ruhen lassen.

Frage : Fehlen noch zwei Schrauben.

Schoch: Erstens könnten wir einen Teil des Urlaubs und auch Freischichten opfern. Ein Tag gemeinsamer Urlaub pro Monat brächte eine zusätzliche Produktionskürzung um zwölf Tage im Jahr. Wir würden einen beträchtlichen Teil unseres Urlaubs einsetzen, um Arbeitsplätze zu sichern. Zweitens bleibt immer noch das in der letzten Krise wichtigste Instrument: die Kurzarbeit.

Frage : Herr Schoch, Sie sagen, die 20 Prozent seien Ihnen zu viel. In Leipzig, BMWs jüngstem Werk, ist die Leiharbeiterquote allerdings schon heute höher. Und Sie haben den Vorstand dort gewähren lassen...

Schoch: Leipzig ist eine Ausnahmesituation. Nicht nur, weil es ein sehr kleines Werk ist. Wir waren alle froh, dass BMW noch einmal eine Autofabrik in Deutschland gebaut hat. Da wollten wir unseren Beitrag leisten. Trotzdem wollen wir auch für Leipzig eine vernünftige Regelung.

Frage : Und was hat sich daran geändert?

Schoch: Konzernweit hat sich einiges geändert. Der Vorstand hat die Zahl der Leiharbeiter bereits deutlich über den Stand der Krise erhöht. Damals haben wir rund 9000 Leiharbeiter beschäftigt. Heute sind es 13.000, bei gut 70.000 Stammkräften. Eindeutig zu viele Zeitarbeiter, das müssen wieder weniger werden. Dafür kämpfe ich. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es mir auch gelingt.

  • Das Interview führte Michael Freitag, Redakteur beim manager magazin. In dessen Online-Ausgabe erschien der Artikel zuerst.

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insgesamt 20 Beiträge
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    Seite 1    
1. ...und was ist mit den Dienstverträgen?
hlmd 29.03.2012
Ist ja alles ganz nett, dass man auf die Zeitarbeit/Arbeitnehmerüberlassung rumreitet. Seitdem aber die BR der großen Firmen bei den Zeitarbeiter EqualPay durchgesetzt haben, werden mehr Dienst-/Werkverträge abgeschlossen, damit man dies elegant umgehen kann. Der Herr Schoch sollte sich mal auch diesen Missstand anschauen und nicht nur die Zeitarbeitsverträge. Viele mit Dienstvertrag bekommen auch bei der Propellerfirma deutlich weniger als ein "Interner" bei gleicher Tätigkeit.
2. Bäh
nurEinGast 29.03.2012
Zitat von sysopJeder fünfte BMW-Werker in Leipzig ist Leiharbeiter. Mit kurzfristiger Beschäftigung hat das oft wenig zu tun, kritisiert Manfred Schoch, Chef des Konzernbetriebsrats. Im Interview sagt er, wie das Unternehmen mit weniger Leihkräften flexibel bleiben kann - und was die Stammbelegschaft dafür alles tun will. Streit um Leiharbeit: "BMW kann die Werke für vier Monate zusperren" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,824426,00.html)
hmm, ich kann mich des Verdachtes nicht erwehren, dass der Kollege eher zum Aufsichtsrat denn zur Belegschaft gehört. Was er als "Baukasten" so euphorisch beschreibt, sind Standardmittel, die in allen grossen Firmen so schon seit langer Zeit zum Einsatz kommen. Enttäuscht hat mich auch sein Gestammel in Sachen Zeitarbeit. Keine klare Aussagen, keine Alternativen, keine Innovationen. Letztendlich ist Herr Schoch ein perfektes Bild der Gewerkschaften heutzutage- ein zahnloser Verein für Besitzstandswahrer, die nicht über den Tellerrand denken können (sprich: jenseits von erfolgsbeteiligung und Lohnerhöhungen). Ich bin sehr froh über meine Entscheidung, dass ich den Gewerkschaften nach deren Verrat an mir den Rücken gekehrt habe. Seitdem fahre ich deutlich besser, spare mir Beiträge und das ewige "wählt SPD"-Gesäusel der Gewerkschaft.
3.
Stäffelesrutscher 29.03.2012
Zitat von hlmdIst ja alles ganz nett, dass man auf die Zeitarbeit/Arbeitnehmerüberlassung rumreitet. Seitdem aber die BR der großen Firmen bei den Zeitarbeiter EqualPay durchgesetzt haben, werden mehr Dienst-/Werkverträge abgeschlossen, damit man dies elegant umgehen kann. Der Herr Schoch sollte sich mal auch diesen Missstand anschauen und nicht nur die Zeitarbeitsverträge. Viele mit Dienstvertrag bekommen auch bei der Propellerfirma deutlich weniger als ein "Interner" bei gleicher Tätigkeit.
Der Herr Schoch kann nur für seinen Bereich sprechen. Fragen zu Dienstverträgen = Scheinselbständigkeit sollten Sie beispielsweise an den Schulsenator der Freien und Hansestadt Hamburg oder an die Verwaltung des Deutschen Bundestages richten.
4.
testthewest 29.03.2012
Zitat von nurEinGasthmm, ich kann mich des Verdachtes nicht erwehren, dass der Kollege eher zum Aufsichtsrat denn zur Belegschaft gehört. Was er als "Baukasten" so euphorisch beschreibt, sind Standardmittel, die in allen grossen .....
Wer seinen Arbeitgeber als Feind begreift, hat etwas entscheidendes nicht begriffen: Man sägt nich an dem Ast, der einem trägt! Sehen sie sich einfach die Fakten an: BMW ist international tätig. In Deutschland Autos zu bauen ist deutlich teurer als in China. Man kann von Konzernen fordern was man will, Wunder können sie auch nicht vollbringen. Wenn man den Bogen überspannt, dann gehen sie oder gehen ein. Insofern muss man immer auslooten, was wirklich sinnvoll ist, und dann konstruktiv arbeiten. Aber falls sie es besser können, werden sie doch selber Arbeitgeber und machen einen Laden auf. Sie werden sehen, wie schwer es ist, alleine 5 Angestellte zu bezahlen...
5. Auch in anderen großen Firmen gibt es viele Leiharbeiter
andrea1067 29.03.2012
Nicht nur bei BMW werden so viele Leiharbeiter eingesetzt. Mein Mann ist jetzt schon seit 5 Jahren in einer großen Firma als Leiharbeiter ausgeliehen. Und damit es nicht so auffällt, tragen die Leiharbeiter die gleiche Arbeitskleidung wie die fest Angestellten. Wenn jemand 5 Jahre in ein und derselben Firma eingesetzt ist, dann kann man da wohl kaum noch von Spitzen abfangen reden.
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  • DPA
    Manfred Schoch ist Vorsitzender des Konzernbetriebsrats bei BMW und stellvertretender Vorsitzender des BMW-Aufsichtsrats.
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Arbeitszeit-Richtlinie
Die Höchstarbeitszeit pro Woche beträgt 48 Stunden, durch individuelle Vereinbarung kann es aber auch mehr sein.
Allerdings kann die Bereitschaftszeit in aktive und inaktive Phasen gesplittet werden. Aktive Bereitschaftszeit gilt als Arbeitszeit, inaktive Bereitschaftszeit nicht.
Inaktive Bereitschaftszeit kann als Arbeitszeit berechnet werden, wenn nationale Gesetze dies vorsehen oder die Sozialpartner das vereinbaren.
Eine Arbeitszeit von mehr als 60 Wochenstunden ist nur ausnahmsweise und durch Vereinbarung der Tarifparteien möglich.
Für Beschäftigte, bei denen durch Ausnahmeregelungen die inaktive Bereitschaftszeit als Arbeitszeit gerechnet wird, gilt eine neue Obergrenze von 65 Stunden pro Woche.
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Zeitarbeiter sollen grundsätzlich vom ersten Tag an die gleichen Rechte im Betrieb bekommen wie ihre festangestellten Kollegen. Das gilt für Bezahlung, Urlaub und Elternzeit.
Zeitarbeiter müssen auch Kantine, Kindergarten oder Transportmittel der Firma nutzen dürfen. Ausnahmen sind möglich, wenn die Gewerkschaften und Arbeitgeber dies vereinbaren.
In Deutschland gilt bereits der Grundsatz der gleichen Bezahlung und Behandlung von Zeitarbeitern (equal pay). Davon kann aber abgewichen werden, wenn durch Tarifvertrag andere Regelungen vereinbart sind, etwa für die Zeit der Einarbeitung.


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