Frage: Herzlichen Glückwunsch, Herr Schoch!
Schoch: Danke, aber was verschafft mir die Gratulation?
Frage : BMW überweist seinen Tarifbeschäftigten zweieinhalb Monatsgehälter Erfolgsbeteiligung für 2011, im Durchschnitt kommen Ihre Kollegen damit auf 7650 Euro.
Schoch: Und das ist fast doppelt so viel wie bei Daimler.
Frage : Wie viel bekommen denn die bei BMW beschäftigten Leiharbeiter?
Schoch: Die Leiharbeiter haben keinen Arbeitsvertrag mit BMW, sondern mit Randstad, mit Loewe oder einer anderen Zeitarbeitsfirma. Wie dort die Erfolgsbeteiligung ist, kann ich Ihnen nicht sagen.
Frage : Kaum so hoch wie bei BMW. Ist das gerecht? Lässt sich nicht mehr durchsetzen?
Schoch: Wenn ein Mitarbeiter nur sechs, acht oder zehn Monate bei BMW arbeitet, dann hat er keinen Anspruch auf unsere Erfolgsbeteiligung. Er erwirbt auch kein Anrecht auf unsere Altersversorgung oder auf einen Jahreswagen. Das gleiche gilt auch für einen Leiharbeiter. BMW steht dafür, dass ihm seine Leiharbeitsfirma das Grundentgelt der IG Metall zahlt, das bekommt er bei anderen Unternehmen nicht. Gleiche Leistung, gleicher Lohn: das haben wir durchgesetzt.
Frage : Sie streiten momentan mit dem BMW-Vorstand darüber, wie hoch der Anteil der Leiharbeiter an der Gesamtzahl der Beschäftigten sein darf. Was ist Ihrer Ansicht nach vertretbar?
Schoch: Eins vorab: Ich lehne Leiharbeit nicht komplett ab. Sie ist notwendig, damit der Konzern auf Krisen flexibel reagieren kann und die Produktion ohne allzu hohe verbleibende Kosten an eine geringere Nachfrage anpassen kann. Aber Leiharbeit muss begrenzt bleiben. Wenn ein Leiharbeiter länger als zwölf Monate in einem Unternehmen arbeitet, dann hat das nichts mehr mit kurzfristiger Flexibilität zu tun. Dann muss er fest eingestellt werden.
Frage : Das Arbeitsgericht in Leipzig hat eine solche Pflicht vor einigen Wochen verneint. Das Hauptargument der Richter: Besser Leiharbeiter als gar nicht beschäftigt.
Schoch: Ein Arbeitsrichter ist juristisch nicht die letzte Instanz. Und wenn das Urteil tatsächlich Bestand haben sollte, dann werden wir öffentlichen Druck machen. Ich bin sicher, wir werden breite Unterstützung quer durch die Gesellschaft finden: in der Politik, bei den Kirchen, und auch bei den Medien. Die Marke BMW darf durch die Zeitarbeiterdiskussion nicht leiden. Ich denke, das haben Vorstand und Aufsichtsrat auch verstanden.
Frage : Der Vorstand strebt eine Leiharbeiterquote von 20 Prozent an. Wäre das für Sie noch vertretbar?
Schoch: Nein. Es gibt intelligentere Möglichkeiten, auf einen angenommenen Nachfrageeinbruch um 20 Prozent zu reagieren. Wir brauchen eine Art Flexibilitätsbaukasten. Ich habe neulich im Aufsichtsrat einen netten Vergleich gezogen: Ein Zylinderkopf wird auch nicht mit einer einzigen Schraube angezogen. Der wird mit acht bis zwölf Schrauben befestigt. Genauso benötigen wir mehrere Möglichkeiten, in Krisen flexibel zu agieren.
Frage : BMW gilt in Sachen Produktion und Beschäftigungsmodelle schon heute nicht gerade als unflexibel. Dennoch hält der Vorstand an den 20 Prozent Leiharbeiterquote fest. Versteht die Runde ihr Handwerk nicht?
Schoch: Sagen wir es so: Sie sollte froh sein, dass sie einen sehr gut mitdenkenden Betriebsrat und die IG Metall hat. Die dafür sorgen werden, dass BMW einen Baukasten mit mehreren schnellen Schrauben bekommt. Da werde ich nachhaltig bleiben. In einem halben Jahr werden Sie sehen, dass wir ein tolles Modell geschaffen haben.
Frage : Wie könnte es aussehen? Was sollte drin sein in Ihrem Baukasten?
Schoch: Als Erstes könnten wir unsere Arbeitszeitkonten einsetzen. Wir können bei BMW bis zu 300 Stunden auf solchen Konten sammeln - und genauso 300 Stunden ins Minus gehen. Das bedeutet, dass wir allein über den Abbau solcher Zeitdepots die Werke für vier Monate zusperren könnten. Und bei 20 Prozent Nachfrageeinbruch könnten wir die Arbeit zum Beispiel jeden Freitag ruhen lassen.
Frage : Fehlen noch zwei Schrauben.
Schoch: Erstens könnten wir einen Teil des Urlaubs und auch Freischichten opfern. Ein Tag gemeinsamer Urlaub pro Monat brächte eine zusätzliche Produktionskürzung um zwölf Tage im Jahr. Wir würden einen beträchtlichen Teil unseres Urlaubs einsetzen, um Arbeitsplätze zu sichern. Zweitens bleibt immer noch das in der letzten Krise wichtigste Instrument: die Kurzarbeit.
Frage : Herr Schoch, Sie sagen, die 20 Prozent seien Ihnen zu viel. In Leipzig, BMWs jüngstem Werk, ist die Leiharbeiterquote allerdings schon heute höher. Und Sie haben den Vorstand dort gewähren lassen...
Schoch: Leipzig ist eine Ausnahmesituation. Nicht nur, weil es ein sehr kleines Werk ist. Wir waren alle froh, dass BMW noch einmal eine Autofabrik in Deutschland gebaut hat. Da wollten wir unseren Beitrag leisten. Trotzdem wollen wir auch für Leipzig eine vernünftige Regelung.
Frage : Und was hat sich daran geändert?
Schoch: Konzernweit hat sich einiges geändert. Der Vorstand hat die Zahl der Leiharbeiter bereits deutlich über den Stand der Krise erhöht. Damals haben wir rund 9000 Leiharbeiter beschäftigt. Heute sind es 13.000, bei gut 70.000 Stammkräften. Eindeutig zu viele Zeitarbeiter, das müssen wieder weniger werden. Dafür kämpfe ich. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es mir auch gelingt.
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