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"Boreout" im Büro-Alltag Hilfe, mein Job ödet mich höllisch an

Comic-Held Homer Jay Simpson (im Kinofilm): Desinteresse ist sein dritter Vorname - unqualifiziert und faul schleppt er sich zur Arbeit im Atomkraftwerk Springfield Zur Großansicht
dpa/ 20th Century Fox

Comic-Held Homer Jay Simpson (im Kinofilm): Desinteresse ist sein dritter Vorname - unqualifiziert und faul schleppt er sich zur Arbeit im Atomkraftwerk Springfield

Wer wenig Arbeit auf den Schreibtisch bekommt, hat viel Zeit zum Surfen und Schwatzen. Eine Weile ist das angenehm - bis Leerlauf umschlägt in bohrende Langeweile. Management-Berater Rüdiger Klepsch gibt Tipps, was Arbeitgeber und Angestellte gegen Boreout, den Verwandten des Burnout, tun können.

Krankmachender Stress kommt meist durch zu viel Arbeit zustande, manchmal auch durch zu wenig Arbeit. Bei Arbeitsüberschuss - insbesondere wenn die Erfolgserlebnisse ausbleiben - entwickelt sich ein Burnout. Werden Mitarbeiter durch die geringe Arbeitsmenge oder durch die Einfachheit der Tätigkeit im Verhältnis zum eigenen Können unterfordert, steigt das Risiko des Boreout.

Diesen marketingträchtigen Begriff haben zwei Unternehmensberater 2007 aus der Taufe gehoben. Das englische Wort Boredom (Langeweile) stand Pate für das Buch "Diagnose Boreout" der Autoren Philippe Rothlin und Peter R. Werder. Der Wert ihrer Wortneuschöpfung liegt darin, dass sie einen Missstand darüber besprechbar machten.

Dahinter versteckt sich allerdings keine anerkannte Krankheit, sondern eine bekannte Tatsache: Ob negativer Stress durch Über- oder Unterforderung entsteht, die Symptome können die gleichen sein. Dazu zählen Schlafstörungen, Depressionen oder psychosomatische Erkrankungen wie Magen-Darm-Beschwerden oder Anfälligkeit für Infektionen, zudem Tinnitus, Muskelzucken, Kopf- und Rückenschmerzen - lauter Hinweise auf eine Überreiztheit.

Sozialwissenschaftler unterscheiden…

  • Quantitative Unterforderung: Es gibt zu wenig Arbeit. Diese Situation taucht häufig auf und wird durch einer Umfrage von Salary.com bestätigt. Demnach verbringen 30 Prozent der Arbeitnehmer über zwei Stunden pro Tag mit Surfen oder Plaudern - weil es an Arbeit fehlt.
  • Qualitative Unterforderung: Ehemals hochqualifizierte Berufe, mit viel Verantwortung und reich an Entscheidungen, werden simpler. Interessante Aufgabenbereiche fallen weg, werden von Kollegen oder auch von Maschinen übernommen. Ein Mitarbeiter, der aufgrund seiner Fähigkeiten deutlich mehr leisten könnte, ist nur noch Lieferant für anspruchslose Teilchen. Er verschleißt sich in öden Routinetätigkeiten und bekommt keine echte Verantwortung, etwas zu gestalten.

Strafversetzt ins "Sterbezimmer"

Im Verhalten von Mitarbeitern offenbart sich Unterforderung vor allem in Desinteresse, im Gefühl der Gleichgültigkeit gegenüber der Arbeit und dem Arbeitgeber, oft begleitet von der Frage nach dem Sinn der Tätigkeit. Vielleicht wurde der falsche Beruf gewählt - besteht schon am Anfang des Berufslebens Desinteresse, weil die Tätigkeit gar nicht zu einem passt, fördert das den Boreout. Oder: Der Beruf ist der richtige, aber das Unternehmen das falsche.

Mitunter entsteht Leerlauf im Job durch schlichte Faulheit eines Mitarbeiters - und aus der ständigen Unterforderung dann ein Stresssyndrom. Denn bald macht es keinen Spaß mehr, nichts zu tun. Selten, aber immer noch zu oft wird Boreout auch provoziert, als Spielart des Mobbing: Man gibt jemandem zum Beispiel etwas zum Überprüfen, obwohl er es schon fünfmal überprüft hat und keine Fehler mehr finden kann. So wird er mit voller Absicht in Stress durch Unterforderung versetzt.

Ähnlich verwerflich: "Mitarbeiter saßen über Wochen während der Arbeitszeit in ihren Büros und hatten nichts zu tun", wird ein Fachanwalt für Arbeitsrecht in Frankfurt zitiert. Menschenfeindlich wurde im Unternehmen von "Sterbezimmern" gesprochen. Dabei haben Arbeitnehmer ein Recht auf Beschäftigung, das sie auch gerichtlich durchsetzen können (Beschwerderecht nach dem Betriebsverfassungsgesetz).

Selbständige leiden fast nie unter Boreout

Hilfreich bei der Lösung eines Boreout-Problems ist die Antwort auf die Frage: Warum leiden Selbständige nicht darunter? Sie stecken ihr ganzes Herzblut in die Arbeit, sonst wären sie gar nicht selbständig geworden. Und würden sie dies nicht tun, landeten sie in der Insolvenz. Unternehmergeist scheint also ein wirksames Gegenmittel zu sein. Allein deshalb lohnt es sich für Führungskräfte, zumindest für eine Identifikation mit dem Unternehmen zu kämpfen.

Arbeitgeber sollten regelmäßig überprüfen, ob es Möglichkeiten gibt, einen Job sinnvoller und besser zu gestalten. Das Ziel muss sein, anspruchsvolle und angemessene Aufgaben zu schaffen. Dazu beitragen können mehr Verantwortung, Beteiligung an zentralen Projekten, mehr Mitbestimmung oder sogar finanzielle Beteiligung.

Zugleich bleibt jeder Arbeitnehmer in der Verantwortung, von sich aus den Teufelskreis zu durchbrechen, um sich selbst zu helfen. Viele müssen erst lernen, dass sie nicht nur Opfer sind, sondern selbst etwas ändern können. In Eigenverantwortung handeln können Mitarbeiter etwa, indem sie eine Zusatzausbildung oder eine Umschulung absolvieren oder - bei quantitativer Unterforderung - auf einen Teilzeitjob umsatteln. In Betracht kommen auch ein Arbeitgeberwechsel oder ein interner Stellenwechsel, sofern das Unternehmen es ermöglicht.

Vor allem aber ist Unterforderung im Beruf eine Herausforderung für Arbeitgeber: Leicht verlieren sie Mitarbeiter, die eigentlich viel mehr leisten könnten, als man sie lässt. Darum sollten Führungskräfte ihre Angestellten beobachten und ihnen helfen, aus dem Boreout auszubrechen.

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Jeder kennt sie, die kleinen Ärgernisse des Büroalltags. Die Kollegen tratschen, statt zu arbeiten, der Chef hat von Tuten und Blasen keine Ahnung - und für Sauberkeit in der Kaffeeküche fühlt sich keiner zuständig.

Wenn es Ihnen ähnlich geht, dann schildern Sie uns Ihre Bürosorgen per E-Mail , gern auch anonym. Managementberater Dr. Rüdiger Klepsch nimmt sich des Problems an - und gibt Tipps, wie Sie die Situation am besten meistern.

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Zum Autor
Rüdiger Klepsch arbeitet seit 1990 als Managementberater ( Dr. Klepsch & Partner ). Er hilft Führungskräften und Mitarbeitern, ihre kommunikativen und sozialen Fertigkeiten zu verbessern.
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