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Briefmarkenhändler "Ich bin einer der letzten Dinosaurier"

Briefmarkenhändler: Jetzt oder nie, Philatelie Fotos
Helmut Reich

Echte Sammler kennen keinen Ruhestand. Seit fast einem halben Jahrhundert verkauft Gerhard Schröder Briefmarken, mit 71 Jahren steht er täglich in seinem kleinen Hamburger Laden - auch weil er sich von seinen gesammelten Schätzen kaum trennen kann.

Wer den Laden im Hamburger Stadtteil Altona betritt, staunt erst einmal: Kisten, Alben und Kataloge bis an die Decke, Briefmarken, wohin man schaut. Willkommen in der Welt von Gerhard Schröder. "Ja, ich bin einer der letzten Dinosaurier unter den Briefmarkenhändlern. Einer, der alles anbietet." Schröder hat Postwertzeichen aus nahezu allen Ländern im Programm.

Seine Leidenschaft für die Sammelei begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Familie wohnte beengt, doch zum Sortieren von Briefmarken reichte eine kleine Ecke völlig aus. Sonntagmittags traf sich der 1940 in Hamburg geborene Gerhard Schröder mit anderen Sammlern zum großen Tauschtag in der Kneipe um die Ecke. Er begann ein Englisch- und Geschichtsstudium, gab es wegen seiner erkrankten Mutter auf und machte 1965 sein Hobby zum Beruf.

Mitten in der belebten Fußgängerzone von Altona eröffnete Schröder sein Briefmarkengeschäft. Und der Laden brummte: "Samstags haben wir meist mit drei Leuten die vielen Sammler bedient." Das ist schon lange nicht mehr so, inzwischen sind die Kunden rar. Und alt geworden. "Dem Hobby Briefmarkensammeln fehlt es eindeutig an Nachwuchs", sagt Schröder, "für junge Leute gibt es einfach zu viele verlockende Alternativangebote".

Der Preisverfall macht den Händlern zu schaffen

Bis Mitte der achtziger Jahre boomte der Handel mit Briefmarken. Dann kamen das Privatfernsehen und Computerspiele, später auch das Internet. "Damals waren noch etwa 1000 Händler bei uns Mitglied", heute nicht einmal halb so viele, sagt Thomas Brückel, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Briefmarkenhandels. Die Zahl der Briefmarkenhändler habe sich aber in den letzten Jahren stabilisiert, denn gute Ware lasse sich weiter zu soliden Preisen verkaufen. "Vom Katalogwert darf man dabei aber nicht ausgehen, denn das sind keine Marktpreise", so Brückel. Die Kataloge dienten "vielmehr dazu, das jeweilige Wertverhältnis zwischen verschiedenen Marken und unterschiedlichen Sammelgebieten zu bestimmen".

Gerhard Schröder weiß: "Raritäten haben nach wie vor ihren Markt." Allerdings seien die tatsächlich zu erzielenden Preise zum Teil deutlich gefallen. "Die Euro-Einführung war für uns ein Tiefschlag, weil alle postfrischen Marken in den alten Länderwährungen für ungültig erklärt wurden", so Schröder. Bis die alten Marken 2002 ihre Gültigkeit verloren, hatte man zumindest die Sicherheit, dass man sie als Porto auf einen Brief kleben konnte.

"Der Wert für Briefmarken in Deutschland hat sich teilweise halbiert. So kostete der begehrte Posthorn-Satz früher 7000 Mark, heute wechselt er für nur noch 1500 bis 2000 Euro den Besitzer." Dieser Preisverfall gefällt dem Hamburger Händler gar nicht; wenn er sich eines Tages mal von seinen Schätzen trennt, bekommt er dafür deutlich weniger Geld als noch vor einigen Jahren.

"Wenn ich schließe, verkaufe ich alles"

Eigentlich ist Schröder schon seit sechs Jahren Rentner. Doch er hängt an seiner Arbeit und an seinem Laden, der heute in einer Altonaer Nebenstraße liegt. "Wenn ich schließe, dann verkaufe ich alles", sagt er. Seine Frau würde sich freuen, wenn sie mehr Zeit mit ihm verbringen könnte. Kinder, die das Geschäft übernehmen könnten, gibt es nicht. Und von seinen Kunden weiß er ohnehin: "In den meisten Familien besteht wenig Lust, die Sammlungen weiterzuführen."

Schröder schmunzelt über eine Anekdote eines guten Kunden. Dessen Sohn sagte immer: "Papa, von deiner Sammlung kaufe ich mir später mal ein Motorrad." Das sah der ältere Herr anders: "Kann ich selbst", sagte er, verkaufte alle seine Briefmarken und ging auf Weltreise.

Schröder ist mittlerweile der einzige Briefmarkenhändler im Hamburger Westen und schaut eher pessimistisch in die Zukunft seiner kleinen Branche: "Nur eine breite Masse trägt die Nachfrage." Wachstum gebe es lediglich noch in China und anderen Schwellenländern. "Dort ist es für viele Sammler der reicher werdenden Mittelschicht eine Prestigefrage, alle Marken ihres Landes zu besitzen." So wie für jeden leidenschaftlichen Sammler, und dazu zählt auch Gerhard Schröder - während manche andere Händler sagen, nur eine verkaufte Briefmarke sei eine gute Briefmarke.

Ein paar Jahre möchte Gerhard Schröder noch durchhalten. Wenn er aus dem Fenster seines kleinen Ladens blickt, sieht er auch dort den Wandel: Schräg gegenüber wurde gerade das alte Frappant-Gebäude komplett abgerissen. Hier kauften Schröder und seine Kunden einst bei Karstadt ein. Nun baut an selber Stelle der schwedische Konzern Ikea ein modernes City-Möbelhaus. Doch das ist eine andere Geschichte.

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