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Bröckelnde Stadien Wer nicht hüpft, der ist ein Kölner...

REUTERS

Rhythmisch springen, bis die Tribüne schwankt: Tausende Fans tun das jedes Wochenende in den Bundesliga-Arenen. Aber wie viel Begeisterung hält ein Stadion aus? Ein Bochumer Ingenieur untersucht das Phänomen - und kommt zu erschreckenden Ergebnissen.

Lokale Fußball-Rivalitäten sind Michael Kasperski ziemlich egal: Erst wohnte er in Dortmund, zog dann nach Gelsenkirchen, sein Büro hat er zu allem Überfluss in Bochum. Mehr Fußball-Feindschaft geht kaum - doch wenn sich der Ingenieurwissenschaftler der Ruhr-Universität mit der Bundesliga beschäftigt, lassen ihn blau-weiße oder gelb-schwarze Animositäten völlig kalt. Kasperski schaut im Stadion nicht auf das Gekicke, sondern auf die Fans. Noch genauer: auf die Tribünen, auf denen sie sitzen, stehen, springen und schreien.

"Was ich da sehe, lässt mich nicht unbedingt ruhig schlafen", sagt der Bauingenieur. Sein Spezialgebiet ist die Sicherheit und Zuverlässigkeit von Tragwerken - also zum Beispiel von Stadiontribünen. Auf diesem Feld gibt es ein eigenes Forschungsgebiet über "Man-made disasters", also vom Menschen verursachte Katastrophen. "So eine Stadiontribüne muss ja nicht nur das statische Gewicht von ein paar Tausend Menschen aushalten, sondern auch deren Bewegungen abfangen können", beschreibt Michael Kasperski eine der Herausforderungen.

Denn wenn tausende Fans zeitgleich hüpfen und singen, dann wirken auf die Bauwerke ungeheure Kräfte. Zu sehen ist das auf zahlreichen Videos, die von Fans ins Netz gestellt wurden (siehe YouTube-Kasten): Zentimeterbreit öffnen sich da Fugen im Beton, Tribünen schwanken bedenklich auf und ab, und in Nürnberg platzen im Herbst 2005 schon mal Teile der Betonverkleidung ab und fielen auf die Fans im Unterrang. "Wenn man das sieht, wird einem Angst und Bange", sagt Kasperski.

2400 Messwerte pro Sekunde

Als Bauingenieur wollte er es genauer wissen - und entwickelte an der Ruhr-Uni in Zusammenarbeit mit einer von den Biomechanikern geliehenen Messanlage einen Versuchsaufbau, mit dem hüpfende Fußballfans getestet werden können. Mit den Daten lässt sich dann eine tausendfache Menschenmenge im Stadion simulieren. Die Kraftmessplatte sieht aus wie eine überdimensionale Personenwaage. "Wir lassen unsere Testpersonen hier rhythmisch zur Musik springen", erklärt Kasperski, "und messen dann 2400 Mal pro Sekunde, wie stark sie sich abdrücken oder welche Last sie beim Landen entwickeln."

Zusammen mit vier Mitarbeitern untersucht der Bauingenieur aber nicht nur Tribünen, sondern generell Fußgängerbauwerke und deren Schwingungsverhalten im Zusammenhang mit menschlichen Körpern. Nicht alles lässt sich dabei im Labor erforschen: Gelegentlich lässt Kasperski auch schon mal eine Gruppe von Polizisten oder Soldaten über eine Brücke marschieren, um deren Schwingungsverhalten zu testen.

Drei Hüpf-Typen haben Kasperski und sein Team unter den Fußballfans ausgemacht: die schlechten ohne Rhythmus-Gefühl, die mittelguten und die Profis. Letztere sind die Gefährlichsten, weil sie synchron springen und damit zum Härtetest für jedes Bauwerk werden. "Bei Untersuchungen im Dortmunder Stadion haben wir festgestellt, dass die Fans sich im Laufe der Saison mit jedem Heimspiel immer weiter verbessert haben", so der Bauingenieur. Das alles am Rechner zu simulieren und dabei auch die passiven Stadionbesucher mit zu berücksichtigen, ist für Kasperski eine große fachliche Herausforderung.

Wichtige Faktoren bei den Berechnungen sind das Tempo des jeweiligen Liedes im Stadion und das Gewicht des Fans: "Ein 80-Kilo-Mann kann, wenn er entsprechend springt, mit dem drei- bis vierfachen seines Körpergewichts auf die Tribüne einwirken - manchmal sogar noch mehr." Machen das zehn Fans synchron, werden aus ihren normalen 800 Kilogramm schnell zweieinhalb Tonnen oder mehr: "Rechnen Sie das mal auf eine ganze Nordkurve hoch, dann können Sie sich vorstellen, dass so ein Bauwerk ganz schön ins Schwingen kommen kann."

Ein Problem, das bei den Vorschriften für Stadionbauten jedoch nirgendwo ausreichend berücksichtigt wird, findet Kasperski. Englische Bauingenieure bestreiten schlicht, dass Fußballfans überhaupt hüpfen; dänische Kollegen argumentieren, die Bestuhlung der Tribünen ließe keinen Platz für Herumgehopse. "Die Aufnahmen aus den Stadien beweisen das Gegenteil", sagt Michael Kasperski, "aber das Problem wird wohl erst dann ernst genommen, wenn ein Unglück passiert ist."

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insgesamt 32 Beiträge
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1. .
trompetenmann 14.10.2011
Ich habe mich schon immer gewundert, wie die Tribünen in Fußballstadien eine derartige dynamische Belastung aushalten und ob sie dafür überhaupt ausgelegt wurden. Beim Bund war es doch schon verboten, im Gleichschritt in Zug- bzw. Kompaniestärke über Brücken zu laufen, um Schäden durch Schwingungen zu vermeiden...
2. Autor aus Düsseldorf?
jphd 14.10.2011
An sich ein recht lesenswerter Artikel, lediglich die "Youtube-Box", bzw ihre Inhalte erschliessen sich mir nicht vollständig. Die zwei untersten Videos scheinen eher nicht in die Reihe zu passen, zumindest dann nicht, wenn ich kein glühender Anhänger der Fortuna-Fanszene bin.
3. Bildzeitung?
Riipa 14.10.2011
Reines Bildzeitungsniveau. Ein Experte (oder auch "Experte", wer weiß das schon) sagt etwas, es wird eine wilde Verantwortung des sachlich nicht zuständigen Ligaverbandes konstruiert und aus eine juristisch erstmal wertneutralen Änderung wird eine Abschwächung konstruiert. SPON bei der Arbeit.
4. .
GyrosPita 14.10.2011
Zitat von RiipaReines Bildzeitungsniveau. Ein Experte (oder auch "Experte", wer weiß das schon) sagt etwas, es wird eine wilde Verantwortung des sachlich nicht zuständigen Ligaverbandes konstruiert und aus eine juristisch erstmal wertneutralen Änderung wird eine Abschwächung konstruiert. SPON bei der Arbeit.
Das war auch mein Gedanke. Ich hab noch immer die Warnungen der Stiftung Warentest vor der WM 2006 im Ohr. Was da nicht alles hätte passieren können, nach deren Meinung. Mir scheint da ist nur jemand scharf auf ein paar zusätzliche Euros für irgendein Projekt oder für eine Gutachtertätigkeit...
5. Ohne das Wort "Resonanz" auch ein einziges Mal zu nennen...
Mirro 14.10.2011
...wird ein Artikel über die Resonanzkatastrophe geschrieben. Wieso sollen die Fussballfans, zu denen sicherlich die dümmsten unter uns gehören, wissen, was für physikalische Folgen so ein Verhalten haben kann, wenn sogar der Journalist, der darüber schreibt, die Begrifflichkeiten meidet? Übrigens kann mit dem synchronen Hüpfen so gut wie alles zerstört werden: Züge, Flugzeuge, Autos, Busse und so weiter, aber keinem würde es je in den Sinn kommen, diese hüpfresistent zu machen! Das würde das ganze Sicherheitskonzept um einiges dicker machen und alles so verteuern, dass die Wirtschaft ohne jede Zweifel damit zugrunde geht. Man verlangt aber nicht von den Idioten, nicht zu hüpfen, genauso wie man von denen verlangen würde, nicht mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Sondern dass die Stadien idiotensicher und ausnahmslos alle Wände gepolstert sein sollen! Die Verhältnisse erinnern irgendwie an die US Amerikanische, wo man McDonalds verklagt, weil der Kaffee heiß war und dann alle Becher dann mit der Aufschrift "inhalt heiß" versehen werden müssen. Wäre es nicht billiger, alle Stadien mit einer ähnlichen Aufschrift "wer nicht hüpft ist kein Selbstmörder" zu versehen?
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