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Beruf im Buch - Kunstfälscher Der ist doch nicht echt!

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picture alliance / dpa

Kunstfälscher und stolz darauf: Wolfgang Beltracchi

Verbrecher oder Genie? Kunstfälscher verdienen mit krimineller Arbeit Millionen - und werden von der Öffentlichkeit obendrein als "Jahrhundertfälscher" bejubelt, wie der Fall Wolfgang Beltracchi zeigt. Ein Buch entlarvt, wie viel Selbstüberschätzung zum Beruf des Fälschers gehört.

Testfrage: Wer denkt beim Wort "Kunstfälscher" sofort an Pierce Brosnan? Ja, das Remake des Kinoklassikers um die "Thomas Crown Affäre" hat ordentlich Hollywood-Glamour - auch dank des kunstliebenden und verboten attraktiven Diebs, der die richtigen Fälscher kennt.

Schlagen Sie sich das bitte aus dem Kopf, die Wirklichkeit sieht anders aus. Jener zu sechs Jahren Haft verurteilte deutsche Kunstfälscher namens Wolfgang Beltracchi, der in diesen Wochen ein Selbstvermarktungs-Feuerwerk nach dem anderen zündet und seine grauen Locken auf einigen Titelseiten zeigen durfte, ist nicht der Parvenü, als der er sich in der Öffentlichkeit geriert. Er ist ein Verbrecher, punktum. Der Mann hat in 35 Jahren Bilder von mehr als 50 Künstlern gefälscht, er wurde 2011 rechtskräftig verurteilt und lebt im offenen Vollzug.

Stefan Koldehoff und Tobias Timm, Kulturjournalisten unter anderem für Deutschlandfunk, "Zeit" und "FAZ", haben in "Falsche Bilder, echtes Geld" aufgeschrieben, wie Beltracchi und seine Frau vorgingen. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre für alle, die nicht auf die Selbstinszenierung des Fälschers hereinfallen wollen.

Das Ausmaß seines Treibens deutet sich bereits im Anhang des Buches an: Auf 25 Seiten listen die Autoren auf, welche unbekannten Werke bekannter (und weniger bekannter) Künstler von Fernand Léger über Max Ernst bis Max Pechstein sich die Bande um Beltracchi ausgedacht haben soll.

Koldehoff und Timm dröseln diesen realen Wirtschaftskrimi aus der Kunstszene so auf, dass man fast allen Glauben an die Malerei verliert. Und vor allem entlarven sie die kriminelle Arbeit eines Kunstfälschers, wie sie im Buche steht. Wir klopfen das Buch auf seine beruflichen Seiten ab.

1. Was sind die Schlüsselqualifikationen eines Fälschers?

So tun als ob. Werklisten von Künstlern durchgehen und Titel ohne abgebildete Gemälde finden. Sich dann diese Bilder an der Leinwand neu ausdenken. Und als echt ausgeben. Mit falschen Sammleretiketten und allem Pipapo. Und so Abermillionen aus dem nach Kunst geifernden Markt saugen.

2. Das Arbeitsgerät?

Alte Leinwände mit alten Rahmen von Flohmärkten, idealerweise kaum bemalt. Kann man besser abschleifen, um hernach drüberzumalen. Einen Trockenschrank, um den Altersprozess zu beschleunigen und das Craquelé, auf deutsch: Haarrisse, hinzukriegen. Und idealerweise das richtige Weiß. Denn zinkhaltiges Titanweiß ist unter Umständen schon ein Schritt Richtung Enttarnung: Das wurde nämlich erst ab 1937/38 industriell gefertigt. Nix für Kunstsimulation um 1900.

3. Die Arbeitsmoral?

Tja, Betrüger halt. Aber zugegeben: Kriminalität macht kreativ, irgendwie. Die Gauner gingen so weit, Helene Beltracchi in einem gefälschten alten Schwarz-Weiß-Foto tooootaaaal unauffällig vor einer Wand mit lauter gefälschten Gemälden abzulichten, um die Echtheit einer Sammlung zu dokumentieren. Dass man Blitzlicht sieht und die Fotozacken wie mit der Musterschere geschnitten aussehen: egal.

4. Was sind die miesen Seiten des Geschäfts?

Für die Verbrecher letztlich der Hauch der Chance, erwischt zu werden. Zugleich haben Beltracchi und Co. dem Kunstmarkt massiv geschadet, nicht nur finanziell. Es ist schwer abzusehen, wann und wie sich die Branche vom Imageschaden erholt. Vielleicht nimmt es eine positive Wende, wie Koldehoff und Timm fordern, und der Markt gibt sich einen strengeren und stringenteren Anti-Täuschungs-Kodex. Nicht die Nachkommen eines Malers über die Provenienz eines Gemäldes urteilen zu lassen, wäre ja schon mal ein Anfang.

5. Und, lohnt es sich?

Der Job ist nicht halb so glamourös, wie uns Hollywood einbläuen will. Dass Beltracchi mit seiner Hybris auf die Schnauze fallen musste, war eigentlich offensichtlich. Er ist nicht der Typ bescheidener Untergrundmaler. Der Titel "Jahrhundertfälscher" gefällt ihm sicher. Kein Wunder bei einem, der einen der unauffälligsten deutschen Namen via Heirat ablegte: Wolfgang Fischer klingt halt nicht so sexy.

6. Wie lange dauert so eine Karriere?

Sagen wir mal so: Es gibt ganz offenbar eine Karriere nach der Karriere. Dass Beltracchi seine Memoiren schreiben würde, die nun erschienen sind, war schon am Tag seiner Verurteilung klar, die Knast-Korrespondenz mit seiner Frau gibt's ebenfalls als Buch und im März folgt ein Film, den der Sohn seines Verteidigers gedreht hat. Noch Fragen? In Sachen Selbstvermarktungskunst siehe auch den einschlägigen Lexikoneintrag bei K wie Kujau, Konrad: Der konnte, nachdem er die Hitlertagebücher für den "Stern" gefälscht hatte, bis an sein Lebensende davon zehren, echt falsche Kunst zu machen. Und mit dem Film "Schtonk" wurden seine krummen Dinger auch noch geadelt.

7. Für wen taugt das Buch?

Für alle, die die unverfrorene Darstellungssucht des Fälschers entlarvt sehen wollen. Und für alle, die sich wundern, was passiert, wenn auf dem Kunstmarkt die Parole lautet: 'Mehr ist mehr!' Für solche Leser tragen Koldehoff und Timm Schicht für Schicht den Firniss vom Kunstmarkt ab. Dafür sind sie 2012 völlig zu Recht mit dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet worden.

Mehr über den leicht korrumpierbaren Markt der Raubkunst steht übrigens in der Neuauflage von Koldehoffs "Die Bilder sind unter uns", die im März erscheint. Sie wurde um den Fall Gurlitt ergänzt. Von wegen schöne Kunst.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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