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Handfester Job Ich bin dann mal Gemüselieferant

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DPA

Eine Überdosis Schopenhauer, das Freiburger Öko-Reizklima, kaum Praxis - nichts wie raus aus dem Unimilieu. Der Held in Matthias Nawrats Debütroman will einen handfesten Job an der frischen Luft. Und gurkt mit Gurken, Kürbis, Wirsing durch den Schwarzwald: ein Beruf, wie er im Buche steht.

Stellen Sie sich vor, Sie haben in Freiburg studiert, diesem südlichen Zipfel Deutschlands, kurz vor der Schweiz, wo das Wetter immer besser ist als anderswo, wo die Menschen grüner wählen als im Rest des Landes, wo so viele Studenten wohnen wie fast sonst nirgends, wo es einen komplett autofreien alternativen Stadtteil gibt und gefühlt mehr Weltläden als in jeder anderen Stadt.

Sie haben Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung" gelesen, Max Stirners "Der Einzige und sein Eigentum" und dann noch obendrauf "Die Krisis der europäischen Wissenschaften". Dann wissen Sie: Es ist genug. Ein richtiger Job muss her, irgendwas ohne viel Kopf, dafür mit Körpereinsatz und frischer Luft, naja, zumindest mit schöner Aussicht.

So ging es dem Helden in Matthias Nawrats Debütroman "Wir zwei allein". Der Erzähler wohnt in Freiburg, er hat studiert, genau jene Bücher gelesen - und wurde dann erst einmal Gemüselieferant. Er gurkt also durch den Schwarzwald. Eine Routine mit Aussicht, bis, ja, bis ihm etwas anderes einfällt. Selbst Gemüse anbauen etwa, Schnaps brennen, auf irgendeinem Hof in Merdingen, Ihringen, Weiden. Ein liebevolles Buch über einen, der aus einer Generation von karrierefixierten Wissensanwendern ausgestiegen ist.

Autor Matthias Nawrat Zur Großansicht
Lorena Simmel

Autor Matthias Nawrat

Matthias Nawrat hat selbst gezeigt, dass es nicht immer der scheinbar offensichtliche Weg sein muss, den man einschlägt, um einen Beruf zu finden. Der gebürtige Pole zog mit zehn nach Bayern. Er hat mal Biologie studiert, natürlich in Freiburg, als Wissenschaftsjournalist für süddeutsche Biologieinstitute geschrieben, er hat sogar bei der Businessplattform Xing ein Profil, aber quasi unausgefüllt und mit gerade einmal einem Kontakt.

Man sieht schnell: Nawrats Fokus war das literarische Schreiben. Da hat einer konsequent auf den Traum gesetzt, nicht auf die Vernunft. Es hat ja dann auch geklappt, mit Anfang 30: Mit einer Kurzgeschichte gewann er 2011 den MDR-Literaturpreis, jetzt erschien sein erster Roman. Der eigentlich eine Liebesgeschichte ist, aber als Helden eben diesen 30-jährigen Typen hat, der im klapprigen Sprinter die Schwarzwaldhochstraße entlang kurvt, mit Kürbis und Spinat hinten drin, für die Gasthäuser an der Strecke.

Wer sich das als Karriereoption offen halten möchte, hier mal der Arbeitsalltag von Gemüselieferanten, wie er im Buche steht:

  • Was gibt's zu tun?

Der Held muss Kisten quer durch den Schwarzwald ausfahren, den Transporter bis oben voll mit Gemüse, die Plastikkiepen schaben in den vielen Kurven auf der Ladefläche herum. Ein Lieferantenjob, immerhin in einer der schönsten Landschaften der Republik. "Zwei Kilo Kürbis für den Wächtle in Gottenheim, eine Salatkiste für den Bären in Kirchzarten" und so weiter, immer schön die Lieferscheine sammeln, das ist die simple Arbeitsliste für einen Tag. Sogar die Bauern und die Gastwirte, die er auf seinen Touren trifft, beneiden ihn. Doch offenbar bleibt auch mal was liegen in der Freiburger Firma: "Die Blumenkohlgehirne stapeln sich in den Kisten, der Geruch von Erbrochenem füllt die Halle aus."

  • Das Arbeitsgerät

Ein Sprinter. Damit kurvt unser namenloser Held sommers wie winters durch den Schwarzwald, frühmorgens geht's los in Freiburg, wenn alle anderen noch schlafen. Der Boden ist durchgerostet, der Sitz wackelt etwas. Die Heizung funktioniert im Winter gottlob zwar, doch das linke Vorderrad ist nicht ausgewuchtet, und den Vergaser muss er selbst reinigen. Und wenn unser Held unterwegs im Schwarzwald aus Versehen ein Wildtier überfährt, hält der Wagen das auch aus.

  • Der Chef

Der leitet den Laden eher als Hobby, wie es scheint: Meist ist er mit seinen Immobilien in Kroatien beschäftigt oder düst mit der Familie zum Urlaub nach Spanien. Dafür lässt er unseren Helden in Ruhe arbeiten, der darf mit dem Sprinter sogar privat in der Gegend rumfahren, auch am Wochenende, und seinen Umzug damit machen: "Volle Entfaltungsmöglichkeiten", würde in einer Stellenanzeige stehen. Der neue Geschäftsführer, den der Chef am Ende anheuert, legt schon eher Managerqualitäten an den Tag: Expandieren will er. "Fleischerzeugnisse", Getränke, Obst "ins Portfolio aufnehmen", alles natürlich "aus der Region". Einen neuen Namen hat er auch schon für den Laden: "Breisgau Food Service". Ja, klinge "irgendwie zukunftsweisend", sagt der Ich-Erzähler knapp.

  • Das Gehalt

Nicht der Rede wert. Der Kerl hat zwar eine Yuccapalme, aber nicht mal ein Telefon. Das liegt sicher auch daran, dass sein Chef ihm mitunter mehrere Monate hintereinander keinen Lohn zahlt.

  • Die Aufstiegsmöglichkeiten

Begrenzt - Geschäftsführer des Lieferunternehmens will unser Held sowieso nicht werden, mit 30. Aber der Chef setzt trotzdem große Hoffnungen in ihn: "Eigentlich könntest du doch in Zukunft die Bestellungen machen", sagt er. "Du hast doch studiert." Immerhin erkennt er, wenn der Wirsing zu blass ist.

  • Die Mittagspause

Wer mittags einfach an Orten Halt machen kann, die Schluchsee heißen, Himmelreich oder Schauinsland, hat zumindest die erfreuliche Aussicht auf eine wirklich erholsame Pause. Mit Blick aufs Tal, die Hände in Grasbüschel getaucht. Und mit ein wenig Glück hat er gerade in einem Gasthaus ein paar Kisten Tomaten und Feldsalat ausgeliefert - und bekommt von der Chefin einen Teller Maronensuppe angeboten.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Ohjesses!
Layer_8 06.07.2012
Zitat von sysopEine Überdosis Schopenhauer, das Freiburger Öko-Reizklima, kaum Praxis - nichts wie raus aus dem Unimilieu. Der Held in Matthias Nawrats Debütroman will einen handfesten Job an der frischen Luft. Und gurkt mit Gurken, Kürbis, Wirsing durch den Schwarzwald: ein Beruf, wie er im Buche steht. Buchrezension: Matthias Nawrat Debütroman Wir zwei allein - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,842415,00.html)
Fahren Sie mal im Schwarzwald als Gütertransporter (Spedition) rum. Hab ich damals auch mal als Student (Heidelberg) gemacht. Einmal! Denn, Sie kommen da wirklich nicht unter 0,8 Promille in den Feierabend. Ein Schnapps hier, ein Schnaps da... OK, das war vor fast 30 Jahren... Nach 2 Wochen hab ich gottseidank einen Ferienjob beim Daimler gefunden
2. Was reinigt er?
jameskirk 07.07.2012
Ich weiß ja nicht was der Held der Geschichte da reinigt, aber bestimmt nicht den Vergaser. Sprinter werden seit 1995 gebaut und haben eine ja nach Bauart unterschiedlich geartete Einspritzanlage.
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