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15. Juni 2012, 09:14 Uhr

Rapperin als Beruf

Einmal Star und zurück

Von Anne Haeming

Eine Berliner Rapperin, die fette Reime in Serie raushaut, auf Europatournee geht, auf Covern in aller Welt prangt - das ist Karizma, HipHop-Göre und Ex-Model aus Sara Gmuers Debütroman. Ihre Geschichte übers Musikbusiness zeigt Rappen als Beruf, wie er im Buche steht.

Songs umsonst zum Runterladen, CDs, die in den Regalen liegenbleiben, weil keiner mehr diese Plastikdinger kauft, Konzerttourneen als letzter Strohhalm, um doch noch ein bisschen Geld zu verdienen: Dass es der Musikbranche nicht prächtig geht, rief im März der Sänger Sven Regener all jenen gründlich ins Bewusstsein, die das nicht sowieso schon wussten. Zehn Minuten Wut, eine Botschaft.

Das Wort Respekt fiel häufig, er redete von Pennern, Nutten, vom Ins-Gesicht-Pinkeln. Alles, was ein Rap so braucht. Nun ist Sven Regener kein Rapper, seine Band "Element of Crime" macht alles, nur keinen HipHop. Das Ganze war ein Radiointerview. Ums Urheberrecht ging es und um die Furcht vieler Künstler, auf Dauer von ihrer Arbeit nicht mehr leben zu können, weil sowieso alles gratis im Internet zu haben ist.

Es war eine Wutrede, die wenig Mut macht, es in diesem Business auch nur zu versuchen. Viele Justin Timberlakes gibt es nicht, Karrieren halten oft nur einen Song lang oder ein Album. So auch bei der Berlinerin Victoria, Halbitalienerin und Heldin aus Sara Gmuers Debütroman "Karizma".

Sie kommt eher zufällig zum Rappen, ihr Ex Said war einer der ganz Großen der Szene, bei einer Europatournee verschwand er irgendwann im Meer und tauchte nicht mehr auf. Als sie in ihrer Trauer seine alten Zeilenschnipsel durchkämmt, merkt sie, dass sie ihn auch hat: den Flow. Und angelt sich einen Plattenvertrag. Was anderes hat sie eh nicht zu tun - eigentlich ist sie Model, doch gebucht wurde sie schon lange nicht mehr.

Autorin Gmuer - Anfang 30, selbst Ex-Model, Halbitalienerin und laut Setcard Rapperin - sattelte inzwischen auf Schauspielerei um. Im aktuellen Ärzte-Musikvideo taucht sie ebenfalls auf, als große Blonde im kurzen Kleid, Songtitel "Fiasko". Aber Gmuers Buch ist kein Fiasko, dafür knallt ihre Sprache zu schön und fett wie ein schneller Beat. Auch wenn es letztlich nur eine weitere hübsche Geschichte über ein nicht so hübsches Berliner Künstlerleben ist, so liefert "Karizma" allemal eines: den Arbeitsalltag von Rappern, wie er im Buche steht.

"Vergiss Mission Impossible, vergiss True Lies / This mission is possible, look into my blue eyes / Wir waren die von nebenan, jetzt gehen wir worldwide / Bis jeder sehen kann, was ich zu Haus auf Word schreib", so rappt Victoria alias Karizma sich sozusagen live durch den Roman. Ihre Sätze klingen stets wie locker durch die Zähne gepresst. Alles richtig zu artikulieren ist viel zu anstrengend.

Grob gesagt: der gesamte Körper, Stimme und Hirn inklusive. Ohne das kein Rappen - blöd also, wenn das Hirn nicht will, weil es zu viel Koks und Pillen abbekommen hat. Schreiben sei wie Xbox-360-Spielen, findet Victoria. Anstrengend eben. Irgendwann reicht ihre Kondition nicht mehr, da nimmt sie sich einen Trainer, stemmt Hanteln, boxt, rennt um einen See. Aber wenn selbst das Herz mit "94 bpm" schlägt, dann ist man in dem Job wohl richtig.

Wenn sie im Flow ist, ist sie im Flow. Da kann man dann schon mal die Nacht durch im dunklen Studio stehen und einen Reim nach dem anderen rausblasen. Gibt's keinen Flow, gibt's ja noch Rotwein und Koks. In Mengen. Hilft zwar mittelfristig auch nicht, aber whatever.

Sie hat sich nach ihrem toten Ex, dem Rapper Said, benannt. Die Plattenbosse murren, stellen sie vor die Wahl: anderer Name oder kein Vertrag. Sie solle sich irgendetwas suchen, das "nicht nach einem Terroristen" klinge. "Die hätten wahrscheinlich Puff Daddy auch nach Hause geschickt, oder 50 Cent erst, ist doch so, 50 Cent, was ist das denn für ein Name?" Also: Karizma. Eine Bling-Bling-Goldkette und ihrem Rapper-Namen hat sie dann auch schnell. Einer der Produzenten heißt Monte Negro. Auch nicht besser.

Künstlerexklusivvertrag. Muss man mehr sagen? Wenn ein Clip bei YouTube binnen weniger Stunden fast eine Million Klicks hat oder man mit einem Song aus dem Nichts auf Platz drei der Singlecharts schießt, das knallt halt. Victoria gibt es einen Kick, sich ständig ihren Kontostand online anzuschauen. Immer und immer wieder. Und all die Designer werfen ihr dann auch noch umsonst Klamotten hinterher, Dealer legen ihre Drogen gratis obendrauf.

Es ist wie in Victorias Modelleben davor: Auf einmal ist es vorbei. Gerade noch auf ausgebuchter Europatournee, in den größten Hallen und Stadien, alles ausgebucht - und dann reicht ein Feuerzeug im Zuschauermeer, brennende Haare, ein Tumult und zwei Tote. Das war's dann. Skandal. Tour abgesagt, schlechte Presse, Flow futsch.

Die Modelinie, die sie angeschoben hat, reißt's mit in den Abgrund. Und wenn man dann wie Karizma für Platte drei aus Not andere No-Name-Rapper als Hilfsschreiber anheuert, die das ausplaudern, hat man schnell eine Klage über zwei Millionen Euro am Hals. Da hilft nur: alles verschenken, schnell. Und nur den Lamborghini behalten.

Für alle, die sich einen Roman mit einem Tonfall wünschen, der wirkt wie frisch von der Straße aufgesammelt. Und die Lust haben auf eine rotzige Protagonistin, na, wie Berliner Rapperinnen halt so sind. Okay, sie war ein Model und sieht gut aus, und streut gerne ein, sie tauge fürs Cover der "Vogue". Aber das ist natürlich Kalkül: Sex sells. Im Musikbusiness wie in der Verlagsbranche.

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