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Beruf im Buch Eine Geisha packt aus

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REUTERS

Die Kimonos sind edel, das Leben darin eher nicht: Sayo Masuda erzählt in ihrer Autobiografie "Die letzte Geisha", wie ihr Job hinter dem Paravent aussah, Ganzkörperunterhaltung inklusive. Ihre Geschichte zeigt einen Beruf, wie er im Buche steht.

Was für eine Berufsuniform: weißes Gesicht, Kissen auf dem Rücken, Socken in Holz-Flipflops. Das war in der Edo-Zeit wie heute, viel hat sich da nicht getan.

"Geisha" meint eigentlich Künstler, Unterhaltungskünstler. Im weitesten Sinne also das, was Entertainer wie Joko und Klaas machen oder, für die Älteren, Thomas Gottschalk oder Peter Frankenfeld. In Japan, jenseits des Fernsehschirms, geht es aber eher darum, dass Mädchen auf der Shamisen Melodien zupfen, Geschichten erzählen, um die Männer in den Gasthäusern bei Laune zu halten.

Der Job wird erst seit Ende des 18. Jahrhunderts von Frauen gemacht. Davor waren Geisha Männer am Hofe, die Kaiser unterhalten haben, Hofnarren eben. Und als Frauen einstiegen, da wurde, naja, das Aufgabenprofil erweitert: Die Ganzkörperunterhaltung kam dazu. Oder wie es Sayo Masuda in ihrer Autobiografie "Die letzte Geisha" formuliert: "Alles, was ich in meinem Leben gelernt habe, seit ich zur Welt gekommen bin, sind die Künste und mit Männern zu schlafen."

Offiziell wird zwischen Prostituierten und Geisha unterschieden, aber de facto gab es laut Masudas Erzählungen zumindest in den dreißiger und vierziger Jahren keine Trennung. Mittlerweile gehört der Beischlaf wohl nicht mehr zu den Aufgaben der Geisha, dennoch sollte niemand seine Tochter beim nächsten Fasching so verkleidet in die Schule gehen lassen.

Dass dieser allein wegen der glänzenden Seiden-Kimonos so elegant wirkende Beruf keineswegs elegant zu ertragen war, wurde ja schon während des Geisha-Besteller-Hypes Ende des letzten Jahrtausends klar. Nein, das ist kein Zuckerschlecken, wie Sayo Masudas Erzählungen über den Beruf der Geisha zeigen.

  • Was gibt's zu tun?

Es gilt, Männer in Gasthäusern zu bespaßen. Lächeln, Smalltalk, Tanzen. Und immer schön Reiswein nachschenken. Damit die Männer viel trinken, locker werden, und dann mit der Dame oder den Damen ihrer Wahl die Party im Séparée weiterfeiern, idealerweise über Nacht. Daran verdienen die Gastwirte - und jene, die die Geisha vermieten. Alles straff organisiert, mit Namensplaketten, damit es keine Doppelbuchungen gibt.

  • Das Arbeitsgerät

Der eigene Körper. Gut, das war jetzt nicht schwer zu erraten. Aber nicht nur, um als Beischlafgerät herzuhalten, sondern auch um zu tanzen; "Geisha" bezeichnet eben ganz euphemistisch jemanden, der in "den Künsten" bewandert ist. Auch wichtig: der Kopf. Es gilt, taktisch klug vorzugehen, um selbst zum Zug zu kommen und bei Gesprächsthemen auf der Höhe der Zeit zu sein. Denn merke: Die Herren wollen sich auch noch gepflegt unterhalten, wie mit Edel-Hostessen heute auch. Oder wie Masuda schreibt: "Die Gäste sind Kinder, und die Geisha sind Maronen. Wir dürfen nicht von selbst aus der Stachelschale rausspringen und sagen 'bitte verspeis mich!'" Dabei immer schön an der Shamisen zupfen, einem dreisaitigen Instrument, das die Kunden irgendwann willenlos macht.

  • Die Arbeitsmoral

Stellen Sie sich vor, Ihre Mutter verkauft Sie für kleines Geld an eine Lady, die Sie gegen Bares weitervermietet an Männer... Eben. Gut, es kommt aufs Nervenkostüm an, wer den Fokus auf den Hauptpreis richtet, kann durchkommen. In Masudas Zeit ist der Hauptpreis, von einem sogenannten "Mäzen" vom Geisha-Haus freigekauft zu werden - und dann seine Geliebte zu werden. Mit einem eigenen Haus, eigenen Angestellten, vielleicht einem eigenen kleinen Restaurant, sobald die nächstjüngere Geisha vom Mann dazugekauft worden ist. Dann hatte man seine Ruhe - und sein eigenes kleines Reich.

  • Die miesen Seiten des Geschäfts

Die Männer. Natürlich. Die Mädchen müssen nehmen, was sie kriegen. Masuda landet bei einem "Lonpari", einem schielenden Typen, der ihr Großvater sein könnte. Da fallen dann schon mal Sätze wie: "Dass jemand, der gestorben ist, Pech gehabt hat, dass ist doch längst nicht gesagt!" Wer es nicht aushält, bringt sich um. Grundsätzlich gilt: "Liebe ist verboten."

  • Und die Kollegen?

Kolleginnen muss es natürlich heißen. Sie leben zusammen als "Schwestern" im Geisha-Haus, unter der Knute der "Mutter". Manche rutschen blöderweise in die Rolle einer "Mizuten" ab, das sind "Geisha, die mit jedem beliebigen Mann schlafen", schreibt Masuda. "Erstklassige" würden nur mit manchen schlafen. Aha, na gut, über das Ausmaß dieses Unterschiedes lässt sich streiten.

  • Lohnt es sich?

Zumindest entkam Masuda so der miesesten Knechtschaft als Kindermädchen auf einem Bauernhof. Als sie dann im Geisha-Haus landete, war sie wieder Dienstmagd, ganz unten in der Nahrungskette. Sie brannte aber darauf aufzusteigen, denn: "Geisha tragen prachtvolle Kimonos und müssen weder Wäsche waschen noch als Laufbotinnen herumrennen." Und in Yen, Sen und sonstigem Bargeld ausgedrückt: Von dem, was Männer zahlen, landet eigentlich nichts direkt bei den Mädchen. Für Azubinen müssen die Kunden gar nur die Hälfte des Preises zahlen. Und damit man sich's besser merken kann, nennt man sie auch so: "Hangyoku", also "Halbpreis".

  • Wie lange dauert so eine Karriere?

Das werde in den "Verkaufsgesprächen" vereinbart, erzählt Masuda. Sobald man in den Rang einer Voll-Geisha aufgestiegen ist, normalerweise zehn Jahre plus "ein Jahr Dankesdienst". Herzlichen Dank auch. Danach aber kann die Geisha auf eigene Rechnung anschaffen, äh, also arbeiten gehen. Wer über 20 ist und noch nicht von einem "Mäzen" losgekauft wurde, hat Pech gehabt. Und selbst das ist letztlich nur der Wechsel von Pest zu Cholera.

  • Für wen taugt's?

Der Job ist nur für Frauen, die gern gut geschnürt und dienend arbeiten, die Augen auf den Boden gerichtet, das Selbst schön brav unter die Tatami-Matte gekehrt. Das Buch erlaubt einen Blick hinter den Paravent in eine Berufswelt, die noch bis weit ins 20. Jahrhundert die Frauen als Edel-Kurtisanen abrichtete. Und letztlich auf Menschenhandel basierte. Deprimierend.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
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1.
thelix 21.08.2012
Sehr geehrte Frau Haeming, wie wäre es denn mit jetzt.de? Dort würden Sie - denke ich - mit Ihrem Schreibstil wesentlich besser hinpassen.
2. Das stumme Leiden einer Geisha
jona kompa 21.08.2012
Frau Haemig schreibt endlich einmal Klartext. Die Verklareung und falsche Romantisierung des Geisha-Lebens sollte nicht unwidersprochen bleiben. Den Maennern lebenslang zu dienen ist die Hauptaufgabe einer Geisha. Ich denke dass heutzutage Geishas nur noch teuere und recht harmlose Trinkspiel-Unterhaltung fuer wohlhabende Japaner bereitstellen. Im Prinzip ein Hostessen-Job. Eine sehr schoene Fassade fuer ein deprimierendes Lebensmodell.
3. Selten...
sprücheklopferklopfer 21.08.2012
Ich habe selten einen Artikel gelesen, der sich in solchen Ausmaßen anmaßt, fremde Kulturen so trivial in Popkultur zu übersetzen und Jahrhunderte alte Traditionen und Gebräuche intolerant, törricht und mit einer kulturell verklärten Brille nachvollziehen zu versucht. Setzen, 6, Frau Haeming!
4. optional
Muddern 21.08.2012
Vielleicht wäre es gut, mal ein wenig die Hintergründe zu beleuchten: 1. Das Buch stammt aus den 50ern. Die Autorin lebte von 1925 - 2008. Nur die Übersetzung ins Deutsche ist neu. 2. Die Autorin war eine sogenannte Onsen-Geisha. Diese Gruppe war zur Zeit der Autorin unter den Geishas wenig angesehen und wahrhaftig Prostituierte. Heute sollen aber auch die in Onsen arbeitenden Geishas nicht mehr mit ihren Kunden schlafen, sondern sie nur noch mit anderweitigen Künsten unterhalten 3. Im Übrigen ist die Titelübersetzung wenig gelungen - Sayo Musada war mitnichten die letzte Geisha.
5.
limelight76 21.08.2012
derart hämisch über die frauen herzufallen, die sich dieses leben nicht ausgesucht haben, und wenigstens versuchen, einen rest würde zu behalten, finde ich nicht in ordnung !
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