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Arbeitsplatz-Design Warum Dämmerlicht im Büro kreativ macht

Büros im Test: Bunt und dämmrig macht kreativ Fotos
Corbis

Ein Tisch, ein PC, eine Halogenlampe - fertig ist der Arbeitsplatz. Aber kann man hier vernünftig arbeiten? Nein, sagt Lioba Werth. Warum Miró immer ins Büro passt und frierende Verkäufer schneller Rabatte geben, verrät die Architekturpsychologin im Interview.

KarriereSPIEGEL : Frau Werth, Sie untersuchen mit der Forschungsgruppe "Menschen in Räumen", wie sich die Arbeitsumgebung auf die Leistung der Mitarbeiter auswirkt. Haben Sie das perfekte Büro schon gefunden?

Werth: Das ist leider nicht so einfach, denn perfekt heißt noch lange nicht angenehm. Für Ingenieure ist es mittlerweile kein Problem mehr, technisch perfekte Räume zu konzipieren, zum Beispiel ein Büro, das sämtliche Hintergrundgeräusche schluckt. Doch die Mitarbeiter sind häufig nicht zufrieden in diesen Räumen. So ist unsere Forschungsgruppe überhaupt erst entstanden: Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik suchte ein Psychologenteam, das ihnen etwas über das Denken und Fühlen der Menschen sagen kann.

KarriereSPIEGEL : Was haben Sie herausgefunden?

Werth: In dem vermeintlich idealen Callcenter-Büro war zum Beispiel die Schalldämpfung zu gut. Ohne Hintergrundgeräusche fühlen sich Menschen wie in einem toten Raum, so kann niemand arbeiten. Um eine Empfehlung abzugeben, welche Akustik für die Arbeitsleistung eines Mitarbeiters am besten ist, müssen wir aber noch mehr forschen. In meiner Arbeitsgruppe konzentrieren wir uns allerdings vor allem auf Klima und Licht. Die Ergebnisse haben uns selbst überrascht: Klimatisierte Räume sind nicht unbedingt arbeitgeberfreundlich.

KarriereSPIEGEL : Wieso denn das?

Werth: In unseren Experimenten haben wir eine Verkaufssituation simuliert, und zwar bei 19, 23 und 27 Grad Celsius. In dem kalten Raum waren die Verkäufer deutlich kooperativer und räumten den Kunden schneller Rabatte ein.

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KarriereSPIEGEL : Und wie erklären Sie sich das?

Werth: Hinter dem Verhalten steckt das Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Wir versuchen unbewusst, die Kälte durch menschliche Wärme zu kompensieren. Dieses Phänomen konnten wir auch in anderen Experimenten immer wieder beobachten.

KarriereSPIEGEL : Ist das Kälteempfinden nicht sehr subjektiv?

Werth: Doch, das ist richtig. In Asien gelten klimatisierte Räume traditionell als ein Zeichen für Wohlstand, dort würden die Ergebnisse vielleicht anders ausfallen. Aber bislang beschränken wir uns bei unserer Forschung auf Deutschland. Die Architekturpsychologie ist noch eine sehr junge Disziplin.

KarriereSPIEGEL : Wieso eigentlich? Büros gibt es doch schon ewig.

Werth: Das Thema wird gern unterschätzt. Selbst innerhalb der Psychologie werde ich von einigen Kollegen noch belächelt. Dahinter steckt die Annahme, der Mensch funktioniere wie eine Maschine: Reiß dich mal zusammen, dann kannst du überall arbeiten. Erschwerend kommt hinzu, dass sich das Zusammenspiel von Mensch und Raum nur interdisziplinär erforschen lässt. Und Ingenieure und Psychologen sprechen verschiedene Sprachen. Mit Lux-Zahlen zum Beispiel hatte ich mich vorher auch noch nicht beschäftigt.

KarriereSPIEGEL : Und was haben Sie herausgefunden?

Werth: Für kreatives Arbeiten ist dämmriges Licht am besten, für analytisches Denken sehr helles. Die in deutschen Büros vorgeschriebene Beleuchtung für Bildschirmarbeitsplätze von bis zu 750 Lux ist also nicht der Hit. Bei neutralem Licht werden nämlich noch lange keine Höchstleistungen erbracht.

KarriereSPIEGEL : Wie haben Sie die Leistung gemessen?

Werth: In unseren Tests mussten die Probanden verschiedene Aufgaben lösen. Sie sollten zum Beispiel einen Alien zeichnen. Bei einer Beleuchtung von 1500 Lux waren die meisten Zeichnungen sehr menschenähnlich, bei nur 150 Lux dagegen sehr originell.

KarriereSPIEGEL : Werber sollten also im Keller sitzen und Buchhalter unter der Neonröhre?

Werth: Neonröhren haben einen ganz negativen Einfluss auf die Arbeitsleistung, da sollte niemand drunter sitzen. Ideal wären intelligente Beleuchtungssysteme, die auf die Aufgaben der Mitarbeiter reagieren.

KarriereSPIEGEL : Was sagen Arbeitgeber zu Ihren Ergebnissen?

Werth: Die meisten wollen erst mal wissen, wie hoch der Mehrwert für sie ist. Lohnt sich eine Investition von 100.000 Euro in neue Lampen, oder reicht es, die Mitarbeiter häufiger zum Betriebssport zu schicken? Das ist für uns als Wissenschaftler ganz schwer zu beantworten. Wir können sagen, welche Faktoren Leistung stimulieren oder behindern, aber wir können das schwer in Zahlen fassen.

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KarriereSPIEGEL : Wie sieht eigentlich Ihr eigenes Büro aus?

Werth: Ich habe gleich drei Büros: eines in der Uni, eines in meiner privaten Firma, eines im Promotionskolleg. So habe ich automatisch Abwechslung, das ist schon mal gut. Das Uni-Büro ist ein ganz klassisches, grau-weißes Hochschullehrerzimmer, allerdings mit schönem Blick ins Grüne. Das war mir wichtig. Ein Büro ohne Fenster hätte ich nicht genommen! Ich habe auch viele Pflanzen im Büro, ich brauche einfach etwas Lebendiges um mich herum. Und die Tischplatte ist in einem warmen Holzton, denn natürliche Elemente haben eine erholsame Wirkung.

KarriereSPIEGEL : Wieso das?

Werth: In einem unserer Experimente haben wir herausgefunden, dass farbige Akzente im Raum die Kreativität fördern. Abweichungen in Farbe oder Form inspirieren, sie signalisieren uns, dass wir Neues denken dürfen. Zu bunt sollte es aber auch nicht sein, sonst kommt es zur Reizüberflutung.

KarriereSPIEGEL : So wie in den Google-Büros?

Werth: Leider haben wir mit Google bisher nicht zusammengearbeitet. Ich weiß aber, dass auch dort längst nicht alle Räume von den Mitarbeitern genutzt werden. Das läuft nach dem Trial-and-Error-Prinzip: Was nicht angenommen wird, wird wieder abgebaut, und es kommt was Neues. Generell gilt aber: Abweichung ist gut, Ablenkung schlecht.

KarriereSPIEGEL : Also reicht ein buntes Bild an der Wand?

Werth: Ja, das kann schon eine gute Inspirationsquelle sein. Mit Miró oder Kandinsky kann man nichts falsch machen, abstrakte Bilder fördern das Denken.

Zur Person
  • Lioba Werth (Jahrgang 1972) ist Professorin für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der Uni Hohenheim. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit den Auswirkungen von Räumen auf Leistung und Wohlbefinden von Menschen und hat diverse Fachbücher zum Thema veröffentlicht. Seit 2010 leitet sie gemeinsam mit Klaus Sedlbauer von der Universität Stuttgart das interdisziplinäre Promotionskolleg "Menschen in Räumen".

Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Redakteurin Verena Töpper.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Wachstums- und Optimierungswahn
macinfo 16.08.2013
Immer alles schön weiter optimieren. Den Mitarbeitern für die Pausen Tischtennis-Platten aufstellen ... aber wehe der Profit wächst nicht! Und den Kunden Rabatte geben, wo kommen wir denn da hin, bloß schnell die Klimaanlage abschalten. Schon komisch, als Kunde hängt man bei diesen Call-Centern doch eher immer länger in der Warteschleife als kürzer, ganz zu schweigen von Rückrufen, auf die man meist bis zum Sanktnimmerleinstag warten kann. Aber wir werden sich alles noch zu Tode optimieren, dafür ist jedenfalls Geld vorhanden. Lustige Welt, wenn es nicht so traurig wäre.
2.
testuser300 17.08.2013
Zitat von macinfoIn dem vermeintlich idealen Callcenter-Büro war zum Beispiel die Schalldämpfung zu gut. Ohne Hintergrundgeräusche fühlen sich Menschen wie in einem toten Raum, so kann niemand arbeiten.
Echo aus der Praxis: Die Menschen gibt es nicht. Ich kenne einige Ingenieure und Wissenschaftler, die sich in die schalltoten Messräume ihrer Firma setzen, um wenigstens für einige Zeit richtig produktiv und kreativ zu arbeiten.
3. Callcenter...
clausde 17.08.2013
...unterliegen besonderen Anforderungen. Hintergrundgeräusche sind diejengen, welche beim Kunden ankommen. Der Callcenteragent trägt in der Regel ein Headset mit zwei Kopfhörern. Einer ginge zwar auch, aber die Kommunikation soll ja konzentriert mit dem Kunden stattfinden. Da sind zwei Hörer besser. Ansich ist es vernünftig Architekturphilosophie auf Arbeitsplätze anzuwenden. Es geht auch nicht um die Optimierung der Menschen, sondern das "Wohlfühlverhalten" in den Büros zu erhöhen. Wenn damit eine unbewusste Leistungserhöhung einhergeht, zeigt das nur dass diese Steigerung als schlummerndes Potenzial vorhanden war. Was will man mehr aus Arbeitgebersicht?
4. Wundert mich nicht
calexico55 17.08.2013
Neonröhren sind also ganz schlecht für die Arbeitsleistung. Schön das in meiner Ex-Firma (alles voll mit Neonröhren) die warmweißen Röhren durch effizientere mit blauerem Licht getauscht wurden (um ein paar Euro Strom zu sparen). Ergebnis: die Mitarbeiter waren noch unzufriedener als vorher.
5. ...
Newspeak 17.08.2013
Wie wäre es denn, wenn man den direkten Weg geht? Also nicht Forscher beschäftigen, die herausfinden sollen, wie Mitarbeiter produktiv arbeiten können, sondern einfach die Mitarbeiter selbst zum Maßstab machen, fragen, ob sie sich wohlfühlen, fragen, wie man Dinge verbessern kann, individuelle Vorlieben berücksichtigen. DIE allgemein richtige Theorie wird es nämlich aller Wahrscheinlichkeit nie geben. Aus eigener Erfahrung weiß ich z.B. daß die persönliche Stimmungslage die Produktivität so stark beeinflußen kann, daß es fast unabhängig ist, wo man arbeitet. Und im Büro ist es nicht die Architektur, die vom produktiven arbeiten abhält, sondern die netten Kollegen und die zerfaserte Projektführung. Man findet einfach keine Ruhe zum Nachdenken. Das hat aber eben nichts mit der Einrichtung zu tun.
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