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19. Februar 2013, 12:49 Uhr

Büroalltag

Hilfe, ich muss in die Bütt!

"Sagen Sie doch ein paar Worte zum Publikum" - und schon rutscht das Herz in die Hose. Eine Rede zu improvisieren, ist eine Stress-Situation, die regelmäßig im Berufsleben vorkommt. Managementberater Rüdiger Klepsch gibt Tipps, wie überrumpelte Redner unfallfrei zum Punkt kommen.

Martin Luther hat die wesentlichen Erfolgsfaktoren einer Stegreifrede auf den Punkt gebracht: Tritt frisch auf, tu 's Maul auf, hör bald auf! Besser kann man's kaum sagen, das gilt auch rund 450 Jahre später noch. Was bedeuten Luthers Punkte im Büroleben des Jahres 2013?

In der Regel ist eine Stegreifrede eine Chance, weil alle wissen, dass Sie nicht vorbereitet sind. Gelingt Ihr Auftritt auch nur halbwegs, haben Sie schon gewonnen. Vielleicht entlastet es Sie zu hören, dass nach einer Faustregel der Inhalt Ihrer Rede für den Gesamteindruck nur zu 30 Prozent wichtig ist. Zu 70 Prozent entscheiden Gestik, Mimik und Stimme.

Also suchen Sie eine Position, von der aus Sie alle sehen können und wo auch Sie gut gesehen werden können. Stellen Sie sich aufrecht hin, die Füße leicht auseinander, mit den Armen zum Gestikulieren bereit.

Tunlichst vermeiden sollten Sie verschränkte Arme, versteckte Hände oder die Handhaltung eines Fußballers beim direkten Freistoß. Passen Sie in der Folge die Gestik dem Inhalt und dem Raum an: Je größer der Raum, umso kleiner die Gesten. Der wichtigste Gesichtsausdruck ist das Lächeln - wohldosiert eingesetzt. Einen Dauerlächler nimmt niemand mehr ernst.

Nehmen Sie Blickkontakt auf. Und damit ist nicht der Radarblick über das Auditorium gemeint. Picken Sie sich vielmehr ein Gesicht heraus, verweilen Sie einen Moment, suchen das nächste Gesicht und arbeiten sich so langsam durch den Raum und wieder über andere Gesichter zurück.

Nichts ist "unfrischer" als eine monotone Stimmlage. Nun kann jemand, der üblicherweise monoton spricht, nicht plötzlich zum Stimmwunder werden, wenn er glaubwürdig bleiben möchte. Aber sinnvoll bei zentralen Aussagen laut oder leiser werden, das geht immer.

Wer das Maul aufmacht, sollte idealerweise etwas zu sagen haben. Wenn Sie unvorbereitet sind, heißt es hier wohl Zeit gewinnen. Der einfachste Weg ist das Thema oder die Frage, um die es gehen soll, zu wiederholen. Zudem erwartet keiner, dass Sie sofort loslegen. Machen Sie eine Pause. Das kann die Glaubwürdigkeit erhöhen. Runzeln der Stirn, bedächtiges Schräglegen des Kopfes oder Brille abnehmen und versonnen auf die Gläser schauen, liefern die vielleicht notwendige Begründung, um Zeit zu schinden.

Jetzt muss es schnell gehen: Was ist Ihr Ziel? Es gibt bei Reden bewährte Grundmuster: vom Problem zur Lösung, von der Ursache zur Wirkung, chronologisch berichten. Wählen Sie ein Muster. Alles was Sie jetzt sagen, sollte dem Muster folgen und auf das Ziel hinführen.

Dann heißt es loslegen. Leiten Sie über eine persönliche Erfahrung im Kontext mit dem Thema ein. Oder noch einfacher: Reagieren Sie auf das vorher Gesagte. Und bitte nicht entschuldigen, keiner erwartet eine glänzend ausgefeilte Rede.

Hören Sie auf, wenn Sie fertig sind. Deshalb ist das Redeziel so wichtig: Wenn das Ziel klar war, müssen Sie nur noch stoppen. Klingt banal? Das fällt vielen schwer!

Selbst wenn Ihnen die Rede anschließend nicht optimal erscheint: Verhalten Sie sich so, als wäre sie ein Erfolg. Es besteht eine gute Chance, dass das Publikum mitspielt. Schließlich fühlen sich dann alle wohl.

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