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Tierische Lektion Lernen von den fetten Hennen

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DPA

Geben Sie's ruhig zu: Ihr Großraumbüro gleicht einer Legebatterie. Und geht es nicht überhaupt zu wie im Hühnerstall? Die Tücken der Hackordnung, ein verblüffendes Experiment mit gutmütigen Minderleistern und legefaulen Stimmungskanonen - ein Ausflug auf den Bauernhof.

Das Huhn wird in der modernen Managementliteratur unterschätzt. Man möchte gar nicht so genau wissen, was es den ganzen Tag treibt, in seiner Legebatterie oder seinem artgerechten Biohühnerstall. Lieber nimmt man sich Delfine zum Vorbild. Oder Wölfe oder Ameisen mit ihrer famosen Schwarmintelligenz.

Dabei sind die Hühner viel näher dran an den Problemen, mit denen wir es täglich im Büro zu tun haben. Vor allem, wenn es sich um ein Großraumbüro handelt. Auch dort stößt man mit Schwarmintelligenz und Delfinstrategien sehr schnell an Grenzen. Viel eher kommt es darauf an, einen passablen Platz in der Hackordnung zu ergattern und gegen alle Anfeindungen zu verteidigen. Das gilt erst recht in Betrieben mit so genannten "flachen Hierarchien": Dort schützen einen keine Stellenbeschreibung, keine Weisungsbefugnis. Wer was zu sagen hat, das entscheidet sich im Berufsalltag. Ganz wie bei den Hühnern.

Das führt uns zum Prinzip der Hackordnung. Die lässt sich auch im Büro kaum vermeiden. Sie bildet sich ganz von allein, ohne dass es Ihnen auch nur bewusst wird. Bereits die Art, wie Sie am ersten Arbeitstag durch die Tür kommen, hat Einfluss darauf, ob man Sie eher oben oder unten einordnet. Tendenziell starten Neulinge aber eher unten - im Büro wie im Hühnerstall. Erst allmählich steigen wir auf. Oder auch nicht.

Die Hackordnung darf mit der offiziellen Hierarchie nicht verwechselt werden. So gibt es Vorgesetzte, die zwar den ganzen Tag lang gackern, aber nicht viel zu melden haben - ganz anders als gerade die alteingesessenen Bürohühner. Allerdings bleibt die Hackordnung nicht starr. Jeder kann sie umwerfen, er muss sich nur gegen einen ranghöheren Kollegen durchsetzen. Gegen dessen erklärten Widerstand, versteht sich.

Der Junghahn kämpft auch gegen die stärkste Althenne

Wenn das nicht gelingt, ist das auch nicht schlimm, wie ein Blick auf den Hühnerhof lehrt. Die jungen Hähne halten es nämlich nicht anders. Bevor so ein Nachwuchshahn die Spitzenposition erobert, muss er sich erst einmal mit den Althennen auseinandersetzen. Unvermittelt greift er sie an, bevorzugt morgens, nach dem altbewährten Strategenrezept. Einige Hennen kapitulieren sofort, auch wenn sie dem kleinen Hahn körperlich überlegen sind. Andere lassen sich auf den Kampf ein und geben dem überambitionierten Grünschnabel gewaltig Dresche.

Doch der lässt sich davon nicht beeindrucken. Weil er immer wieder die Auseinandersetzung sucht und auch körperlich zulegt, gibt irgendwann die stärkste Henne auf. Ist einer Ihrer Kollege charakterlich ähnlich strukturiert, so haben Sie die Wahl: Machen Sie ihn zur Nummer eins, oder werfen Sie ihn raus. In beiden Fällen haben Sie augenblicklich Ruhe.

Aber was die Hühner für das Management erst richtig interessant macht, das kommt jetzt. Ganz wie die Mitarbeiter werden ja auch die Hühner nicht einfach so gehalten, sagen wir, aus reiner Tierliebe. Sie müssen etwas leisten, nämlich möglichst viele, dicke Eier legen. Das Ergebnis zählt, sagen die Fachleute.

Nun ist es bei den Legehennen nicht anders als in vielen Betrieben. Diejenigen mit den besten Zahlen sind charakterlich nicht immer die angenehmsten Zeitgenossen. Rücksichtslos sind sie, sorgen für Stress, vergiften das Betriebsklima. Nicht schön, aber was will man machen? Sie sind nun mal die Leistungsträger hier.

Endlich Frieden in den Hühnerställen

Und so werden sie gefördert, während man ihre behäbigeren Kollegen möglichst loswerden möchte. In der Hühnerzucht kann man sie buchstäblich aussortieren. Dann dürfen sich nur die leistungsstärksten Hennen fortpflanzen. Ihr aggressives Naturell wird in der Legebatterie durch Medikamente gedimmt, während in den Unternehmen die bissigen Top-Dogs sogenannte Softskills antrainiert bekommen.

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Allerdings hat diese Methode einen überraschenden Nachteil. Sperrt man die besten Hühner zusammen und betreibt eine rigorose Auslese, legen sie insgesamt weniger Eier als vorher. Denn sie machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle.

Darum hatte der Biologe William Muir in den achtziger Jahren eine andere Idee: Er baute Ställe, in denen jeweils zwölf Hennen Platz hatten. Statt aus jedem Stall das legefreudigste Huhn weiterzuzüchten, schaute Muir nach: In welchem Stall werden die meisten Eier gelegt? Diese zwölf Hennen durften ihre Eigenschaften an die nächste Generation weitervererben, also auch die gutmütigen Minderleister und die legefaulen Stimmungskanonen.

Nach sechs Generationen war Frieden in die Hühnerställe eingekehrt: Die Hennen lebten nicht nur länger, sie legten auch insgesamt zweieinhalbmal so viel Eier. Außerdem hatten sie ihr äußeres Erscheinungsbild verändert: Aus den zerzausten, gestressten Legemaschinen waren rundliche, gemütliche Hühner geworden.

Aber die Sache mit der Hackordnung, die haben auch die dicken Hühner niemals aufgegeben.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Matthias Nöllke ist Vortragsredner, Journalist und Autor von Sachbüchern, auch zur Frage, was sich Manager von der Natur abgucken können ("Von Bienen und Leitwölfen"). Sein letztes Buch: "Vielen Dank an das gesamte Team - 111 unvermeidliche Sätze fürs Berufsleben".

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insgesamt 1 Beitrag
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1. Meine Rede
Leser161 04.06.2012
Wieder ein schönes Beispiel dafür, dass man komplexe Systeme (Hühnerstall) nicht prüfungslos entlang der erstbesten griffigen Kennzahl (Ei pro Huhn pro Tag) optimieren die einem einfällt. Die Welt ist komplex und sie wird immer komplexer.
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