Was ist Stress genau, und was führt dazu, dass wir ihn empfinden oder er uns sogar krank macht? Darauf kann die Wissenschaft noch keine erschöpfende Antwort geben. Andrea Lohmann-Haislah ist Psychologin und Autorin des "Stressreports Deutschland 2012", der in der vergangenen Woche Aufsehen erregte: Sie erklärt, was in unserem Arbeitsleben dafür sorgt, dass Stress entsteht, und warum es entlastet, wenn wir selbst die Mittagspause bestimmen.
KarriereSPIEGEL: Frau Lohmann-Haislah, was müssen wir uns unter "psychisch belastender Arbeit" genau vorstellen?
Lohmann-Haislah: Als belastend gilt erst einmal jede Arbeit. Aber erst wenn mehr von uns gefordert wird, als wir meinen, leisten zu können, entsteht Stress. Allein hohe Anforderungen oder hohe Belastung führen nicht automatisch zu emotionaler oder körperlicher Erschöpfung.
KarriereSPIEGEL: Welche Erklärung haben Sie dafür, dass die Psyche in bestimmten Arbeitssituationen nicht mehr mitspielt?
Lohmann-Haislah: In der Stressforschung untersuchen wir das Gleichgewicht von Anforderungen und Ressourcen. Zu den Ressourcen zählt etwa der Handlungsspielraum, den der Einzelne hat - ob er sein Pensum selbst einteilen oder ob er seine Pausen frei bestimmen kann. Wir schauen auch, wie groß die soziale Unterstützung am Arbeitsplatz ist. Gibt es Hilfe und Unterstützung von Kollegen? Wie gut ist die Kommunikation mit den Vorgesetzten? Wenn zwischen diesen Ressourcen und den Anforderungen ein Ungleichgewicht entsteht, ist das Stress.
KarriereSPIEGEL: Eine sehr anstrengende Arbeit mit vielen Herausforderungen kann also weniger belastend sein als eine einfache, sehr reglementierte Arbeit?
KarriereSPIEGEL: Worauf müssen Unternehmen achten, damit ihre Mitarbeiter mit einem höheren Arbeitspensum fertig werden, ohne sich gestresst zu fühlen?
Lohmann-Haislah: Ein gutes Arbeitsklima trägt zur Bewältigung von stressigen Situationen bei. Trotzdem: Man kann nicht ohne Ende draufpacken. Auch Erholung ist ein wichtiges Kriterium, um emotionalen und körperlichen Erschöpfungen vorzubeugen.
KarriereSPIEGEL: Was kann ein Arbeitgeber tun, um arbeitsbedingte psychische Erkrankungen zu verhindern?
Lohmann-Haislah: Die Unternehmen müssen eine Gefährdungsbeurteilung machen. Das schreibt der Gesetzgeber in Paragraph 5 des Arbeitsschutzgesetzes vor - dort sind die psychischen Belastungen explizit einbezogen.
KarriereSPIEGEL: Was heißt das genau?
Lohmann-Haislah: Wir haben es ja mit einer Vielzahl von Tätigkeiten und Anforderungen in der Arbeitswelt zu tun. Insofern ist das so allgemein für alle Tätigkeiten und Branchen schwer zu beschreiben. Man muss halt gucken: Welche Gefährdungen körperlicher und psychischer Art gibt es bei uns? Und was können wir dagegen tun? Wie hoch ist der Termindruck? Wie lang sind die Arbeitszeiten? Können wir sagen, dass die Arbeitsabläufe menschengerecht gestaltet sind?
KarriereSPIEGEL: Das ist sehr schwammig.
Lohmann-Haislah: Wir haben leider kein Fieberthermometer für Stress. Prävention von der Stange gibt es nicht. Es ist natürlich viel einfacher, körperliche Belastungen zu erfassen. Aber die Arbeit wandelt sich. Die geistig-seelischen Anforderungen nehmen in fast allen Bereichen zu, in unterschiedlicher Form: Viele Termine, E-Mails und Anrufe, aber auch umständliche Organisationstrukturen machen die Arbeit stressiger. Umso mehr, wenn die Mitarbeiter keine Chance sehen, sich konstruktiv einzubringen.
KarriereSPIEGEL: Hilft die Sinnhaftigkeit der Arbeit dabei, Stress zu vermeiden?
Lohmann-Haislah: Wenn man in der Tätigkeit einen Sinn sieht, dann ist das natürlich eine Quelle, auf die man zurückgreifen kann, um seine Psyche im Lot zu halten. Wie sinnstiftend und selbstwertbildend Arbeit wirken kann, zeigt sich ja nicht zuletzt daran, dass in unserer Gesellschaft arbeitslose Menschen am stärksten von psychischen Erkrankungen betroffen sind.
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