Von Jochen Brenner
Ahrens kann natürlich keine Namen nennen. Aber beschreiben kann er, was er ganz oben erlebt. Zum Beispiel den Fall eines Managers, dessen zweite Schicht seines Arbeitstages abends um 20 Uhr beginnt, wenn andere längst zu Hause sind. Dann beginnt er, seine Kollegen in Übersee mit Aufträgen zu versehen, wenn durch die Zeitverschiebung deren Arbeitstag beginnt.
Niemand hält das ewig durch. "Meine Klienten sind Menschen unter starker Anspannung, mit hoher Verantwortung und mit hohen Gehältern. Auch sie müssen seit einigen Jahren mit immer weniger Zeit, weniger Mitteln und weniger Mitarbeitern klarkommen", sagt Ahrens.
Jede Erfahrung wird emotional markiert und abgespeichert
Er lässt die Workaholics dann ihren Alltag schildern, ihre Tätigkeiten. "Die erzählen mir dann oft, was sie organisatorisch jetzt schon an Tricks draufhaben, um schneller zu werden", sagt er. "Ich frage sie dann, was genau sie jetzt noch verbessern wollen." Danach beginnt das, was der Psychologe die "Zuspitzung" nennt. Er konfrontiert sie mit ihren persönlichen Prioritäten, fragt nach, wenn es um Freundschaften und das Verhältnis zum Partner geht. "Dann kommen wir meistens an den Punkt, an dem sie merken, dass sie auf dem Weg in den Burnout sind", sagt Ahrens.
In seinen Coachings setzt er dann auf das Konzept der "somatischen Marker" des portugiesischen Neurowissenschaftlers Antonio Damasio. Es basiert auf der Annahme, dass jede Erfahrung emotional markiert und abgespeichert wird. Über die somatischen Marker bekommen die Klienten einen Zugang zu ihren überwiegend unbewussten Erfahrungen. Ahrens erarbeitet dann eine Strategie, mit der sie positive Erinnerungen in Stress-Situationen abrufen können.
"Am Ende des Prozesses kann das ein Bildschirmschoner-Motiv aus dem Urlaub sein, das den emotionalen Zugriff auf die positive Erinnerung möglich macht", sagt Ahrens. Das Prinzip, erzählt er, stammt aus der Werbung. "Priming" heißt es dort und soll die positiven Erinnerungen potentieller Kunden wecken. Nichts anderes empfiehlt er ausbrennenden Managern, wenn sie nicht mehr weiterwissen: Sie werben bei sich für sich selbst.
"Offenbar gab es Handlungsbedarf"
Thomas Barann, der Personalleiter bei der Gothaer-Versicherung, dessen Kollegen ihren alten Postkorb vermissen, hat nach einer Mitarbeiterbefragung externe Stress-Coaches engagiert. "30 bis 50 Prozent der Kollegen aus einer Abteilung haben sich angemeldet, das hat mich schon überrascht", sagt er. "Offenbar gab es Handlungsbedarf." Die Postkörbe waren nur ein Merkmal, das die Überforderung illustrierte. Jetzt gehören exakte Zielvereinbarungen zum Arbeitsalltag, so erzählt es Barann.
Auch Meyra, ein Rollstuhlhersteller im Lipper Bergland, baut schon seit längerem auf externe Arbeitswissenschaftler. "Das war am Anfang nicht leicht durchzusetzen, gerade bei den Kollegen in der Produktion", sagt Rolf Baumanns, als Geschäftsführer verantwortlich für 450 Mitarbeiter. "Bei uns ging es darum, das Vertrauen der Kollegen in die Firma wieder zu festigen. Die Entscheidung der Vorarbeiter und Meister muss für den Einzelnen nachvollziehbar sein."
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