Burnout-Kliniken Mit der Ruhe kommt die Kraft
Mit neuen Therapiekonzepten versprechen exklusive Häuser ausgebrannten Führungskräften schnelle Heilung. Die Manager sollen zu einer gesunden Balance zwischen Arbeit und Privatleben finden - und lernen, sich von den Unwägbarkeiten des Berufsalltags nicht an die Wand drücken zu lassen.
Heinz Golling streckt den Arm aus. Seine Hand beschreibt einen Bogen über eines der prächtigsten Panoramen des Voralpenlands. "Das hier ist nicht einfach ein Ausblick", sagt der Psychosomatiker, "für uns ist es eine Therapievariable."
Golling hat seine Worte sorgfältig gewählt. Er ist einer von zwei Chefärzten der Klinik "Chiemseeblick", einer nagelneuen auf die Behandlung von Burnout und Erschöpfungszuständen spezialisierten Institution in Bernau am Chiemsee. Die Aussicht, die seine rund 180 Patienten von den Balkonen ihrer Einzelzimmer, aus dem weitläufigen Park oder vom Bootssteg aus genießen, ist mehr als kulissenhafte Dreingabe. Sie ist ein variabler - und veritabler - Bestandteil der Behandlung.
Die Balustrade der Seeterrasse, ein Patient blinzelt in die Morgensonne. Er beschreibt den Effekt so: Morgens liegen oft Nebel "wie zarte Schleier" unterhalb der im Süden emporragenden Kampenwand. Vor Gewittern jagen Sonnenflecken oder Wolkenschatten über das kabbelige Binnenmeer im Norden. Und bei Föhn schimmert die Luft, als habe "eine Fee Goldstaub verstreut".
Das Ausgebranntsein nimmt epidemische Ausmaße an
Zufrieden nickt der Chefarzt. Bewusste, sinnliche Wahrnehmung ist eine der Methoden, mit denen seine Schützlinge lernen sollen, sich nicht mehr nur als ausgebrannte Persönlichkeiten wahrzunehmen: "Wir pflegen hier Genuss und bayerische Lebensart", sagt Golling. "Fürs Darben, Entsagen und andere Ausdrucksformen von calvinistischem Verzichtsdenken ist hier kein Platz."
Jetzt ist Golling neugierig, was er und sein Team von Ärzten und Psychologen, Musik-, Bewegungs- und Kunsttherapeuten, Gourmetköchen und engagierten Servicekräften aus dem Anwesen machen: Zwischenzeitlich als Erholungszentrum für US-Soldaten genutzt, soll die Klinik "Chiemseeblick" zur ersten Adresse im deutschen Sprachraum für Burnout-Opfer und krankhaft erschöpfte Führungskräfte werden.
Ein Anspruch, der auf ein wachsendes Bedürfnis trifft. Das Ausgebranntsein nimmt epidemische Ausmaße an: Nach einer Erhebung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hat sich die Zahl der Krankschreibungen wegen Erschöpfungssymptomen seit 2004 verneunfacht. Fast zehn Millionen Tage waren deutsche Erwerbstätige im vergangenen Jahr deshalb arbeitsunfähig.
Erst erlahmt der Antrieb, dann die Lebenskraft
Sicher: Nicht jedes Zipperlein ist so dramatisch, dass gleich eine stationäre Behandlung nötig wird. Doch die schweren Fälle, bei denen auch der Körper vollkommen ausgelaugt ist, nehmen erheblich zu in Zeiten von Smartphones, pausenloser Erreichbarkeit und der Verpflichtung, jederzeit und allerorts auf Veränderungen zu reagieren. Sich mal eben rasch "neu zu erfinden", sich anzupassen an eigene und externe Vorgaben. Schneller, höher, weiter, mehr.
Früher waren es vor allem Lehrer, Krankenschwestern oder ähnliche "Helferberufe", in denen mancher "ausbrannte", weil Erfolge in der Arbeit nur schwer erkennbar waren und positives Feedback lange ausblieb. Bis erst Antrieb und Einsatz lahmten. Und dann die Lebenskraft versiegte.
Heute bekennen sich erfolgsverwöhnte Stars wie TV-Koch Tim Mälzer oder Medienprofessorin Miriam Meckel zu ihrem Burnout. Peter Plate, der Sänger des Popduos Rosenstolz, war unlängst monatelang ausgebrannt und aus der Öffentlichkeit verschwunden. Zuletzt trat Ralf Rangnick, Trainer des Fußball-Bundesligisten Schalke 04, wegen eines schweren Burnouts zurück. Und zunehmend sind es auch die stark geforderten Führungskräfte aus Unternehmen, die so oft und so intensiv reagieren müssen, dass sie von Treibern zu Getriebenen der eigenen Projekte und Aufgaben werden.
- 1. Teil: Mit der Ruhe kommt die Kraft
- 2. Teil: Ein Sammelsurium an Beschwerden und Symptomen
- 3. Teil: Lernen, sich auszuklinken - und ganz viel Sport
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