Von Angela Gatterburg
Stress gehört zum Leben. Aber in einer beschleunigten, vernetzten Welt verkraften viele Menschen die wachsende Belastung nicht mehr, fühlen sich vor allem im Job gehetzt. Ab wann macht Stress krank? Und wie kommt es zum Burnout? Das neue SPIEGEL-Buch "Diagnose Burnout" zeigt, wie man der Überforderung vorbeugen kann. SPIEGEL-Autoren stellen neue Erkenntnisse von Wissenschaftlern, Ärzten und Therapeuten vor. Hier schildert Angela Gatterburg, wie Coaches helfen können.
Manche Menschen bringen ihr Leben so regelmäßig auf den Prüfstand wie ihr Auto zur Inspektion - und suchen sich dafür einen Coach. Den meisten ist dabei klar, dass die kritische Betrachtung des eigenen Daseins komplizierter ist als die technische Untersuchung eines Wagens - aber auch reizvoller. Aus einer Frage können viele andere entstehen, aus diffusem Unbehagen heraus formen sich neue Ziele und Wünsche und vielleicht die Erkenntnis: Ich werde etwas ändern.
So jedenfalls sieht das Jutta Rossellit, die in Hamburg als Coach arbeitet. Mit einem kundigen Reflexionspartner nachdenken über sich selbst, in einem handfesten beruflichen oder auch in einem philosophisch-existentiellen Sinn, das sei das Ausgangsbedürfnis bei ihren Klienten, erzählt die studierte Geisteswissenschaftlerin.
Manche haben das Gefühl, festzustecken, wie etwa der Manager eines internationalen Konzerns, den sie derzeit betreut. Der Vater zweier Kinder klagt über Schlafprobleme und Rückenschmerzen, grübelt viel über seine berufliche Situation nach, über Fehler und Fallen im eigenen Unternehmen, über Strukturumbau und Machtverteilung.
In den bisherigen Gesprächen offenbarte sich eine tiefe Unzufriedenheit im Job, so Rossellit, aber vor allem etwas, das sich der Manager bislang nicht eingestehen mochte: Eines Tages erzählte er von der Einsamkeit in seiner Ehe und wie unglücklich er darüber sei. "So kann sich hinter einer vermeintlichen Berufskrise eine private Misere verbergen", sagt die Fachfrau fürs Coaching.
Repariere mich, optimiere mich!
Innehalten, wieder Zutrauen zu den eigenen Gefühlen entwickeln und sicher werden in seinen Wahrnehmungen, im Bewerten, darum gehe es im Coaching. Gerade für viele Männer sei es ein "regelrechtes Glück, Gefühle wiederzuentdecken", so Rossellit. Manche Coachees, wie die Klienten heißen, kommen über Wochen zu ihr, meistens reichen aber drei bis fünf Sitzungen.
Rossellit erzählt von einem Mann, der Rat suchte, weil er jedes Bewerbungsgespräch vermasselte. Es stellte sich heraus, dass er unbewusst pampig reagierte im Gespräch, weil er sich unter keinen Umständen von anderen Menschen bewerten lassen wollte. Durch Gespräche und Rollenspiele entwickelte er in drei Sitzungen eine positive Haltung zur Bewerbungssituation, nämlich: "Ich biete denen eine tolle Show, es macht mir Spaß, mich mit einem Auftritt zu präsentieren."
Manche kommen voller Ehrgeiz und Elan, getrieben, aber auch blockiert von widerstreitenden Gedanken, wie im Lauf der Coaching-Stunden deutlich wird. Andere hätten die Erwartung: Repariere mich, optimiere mich! Doch ohne Mitarbeit geht es nicht. Nur so entstehen, wo vorher etwas aussichtslos erschien, neue Wege und selbstbewusste Handlungsfähigkeit. Rossellit sagt, sie biete dafür "eine Art Zufluchtsort, wo Manager, Angestellte oder auch Arbeitslose über sich selbst nachsinnen können". Sie könne dabei helfen, durch akzeptierende Wertschätzung, intensives Zuhören und manchmal eben mit dem anderen Blick: "Ich sehe da etwas, was Sie vielleicht nicht sehen im Moment."
Coaching will nicht lange um Probleme kreisen, sondern gibt sich lösungsorientiert und ist kurzfristig angelegt. Es kann eine Therapie nicht ersetzen, auch wenn durchaus Methoden aus verschiedenen Therapierichtungen zum Einsatz kommen. Der Klient nennt sein Thema und bestimmt, wo es langgeht. Wie unkompliziert und pragmatisch das ablaufen kann, ließ sich unlängst im Bayerischen Fernsehen betrachten, wo einer der bekanntesten Coaches Deutschlands, die Münchnerin Sabine Asgodom, mit Herzenswärme und Humor Leute mit ganz unterschiedlichen Anliegen beriet.
Coaching passt zu einer Zeit, in der lebenslanges Lernen und permanente Optimierung gefordert sind, ob im Job, an Figur, Frisur, Garderobe oder Fähigkeiten aller Art. Der Freiburger Soziologe Ulrich Bröckling spricht vom "unternehmerischen Selbst", das sich wie ein Markenprodukt präsentieren soll, umstellt von Forderungen und Ansprüchen, begleitet von einem ständigen Gefühl des Ungenügens - streng dich an, streng dich mehr an, na, was schaffst du noch?
Wie seriös und gut ausgebildet ein Coach ist, muss jeder für sich herausfinden. Die zahlreichen Verbände und Ausbildungsinstitute haben keine allgemeingültigen Qualitätsstandards, jeder kann sich heute "Coach" nennen, entsprechend viele Scharlatane und Blender tummeln sich in der unübersichtlichen Szene. Die Preise liegen in der Regel bei 100 Euro pro Sitzung aufwärts. Die "Entwicklungshelfer" sind vor allem bei beruflichen Problemen gefragt. Ein brauchbares Selbstmanagement wünschen sich viele Menschen angesichts der rasanten Beschleunigung und Verdichtung des Alltags - die Angst, abgehängt zu werden oder gar zu scheitern, ist gewaltig.
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