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Porträt eines Campingplatzchefs "Kein Papier mehr auf den Klos - jetzt ist Ruhe"

Campingplatz BUM: Kurt und seine Dauercamper Fotos
Julian Amershi

Kurt Ullrich rationiert Toilettenrollen, macht Kontrollgänge und trinkt sein Feierabendbier mit Dauercampern: Vor vier Jahren gab er seinen Job als Lkw-Fahrer auf, übernahm einen Campingplatz und machte sein Glück.

"Machste mal Schranke auf?" Kurt Ullrich sagt das zu seiner Frau, ohne den Mund allzu weit zu öffnen. Die rot-weiße Schranke hebt sich und gibt einem Ford Kombi mit Wohnwagen die Einfahrt frei auf den Campingplatz namens BUM. 200 Stellplätze, zwei Waschhäuser, ein See und ein Restaurant. Willkommen in Kurt City, mitten in Schleswig-Holstein.

Jeden Morgen um halb acht beginnt Ullrich den Tag auf der Bank vor dem Kiosk und beobachtet die Ein- und Abgänge der Gäste. Der 47-Jährige trägt eine leicht getönte Brille zum Kurzhaarschnitt, ein Bäuchlein zeichnet sich unter seinem blauen Polohemd ab. "Als Campingplatzchef ist man gleichzeitig Klempner, Gärtner und Seelsorger", sagt er. Gerade ist er Sheriff: Ullrich macht einen Kontrollgang über den Platz - gucken, ob alles paletti ist. Zwei Minuten später zeigt sich: Ist es nicht.

Ullrich zeigt auf einen verwitterten Wohnwagen, vor dem kniehoch das Unkraut wuchert, ein rostiges Windrad aus Metall ragt aus einem Haufen Bretter heraus. "Der kriegt jetzt erstmal 'ne Mahnung, der soll seine Sachen mal aufräumen. Das zieht ja den ganzen Campingplatz runter."

So haben viele Parzellen ausgesehen, als Ullrich den Campingplatz vor vier Jahren übernommen hat: Zugemüllt und alles voller Gestrüpp. Damals griff er zur Säge und hat erst mal "35 Bäume runtergeholt." Dann schaffte er auf den Toiletten das Klopapier ab. "Irgendwelche Spaßvögel haben immer Klorollen in die Schüsseln geschmissen, alles war verstopft. Jetzt gibt's auf den Klos kein Papier mehr, seitdem ist Ruhe." Jeder Gast bekommt am Eingang eine Rolle Toilettenpapier, die er dann selbst ins Waschhaus mitnehmen muss.

Der schroffe Sheriff, der seinen Gästen auch mal Grenzen setzen muss, hat einen weichen Kern: "Wenn man Menschen nicht mag, braucht man den Job nicht machen. Und ich mag die Mentalität der Menschen hier sehr", sagt er.

Ullrichs Hart-aber-herzlich-Regiment kommt an. Seitdem er den Laden schmeißt, hat sich die Gästezahl verdreifacht. Der Camping-Boom gibt ihm Rückenwind: Rund 25 Millionen Übernachtungen verzeichneten deutsche Campingplätze von Januar bis August - damit wird 2015 voraussichtlich ein Rekordjahr.

"Die Schnapsidee meines Lebens"

Ullrich war Lkw-Fahrer einer Großbäckerei, bevor er vor vier Jahren in die Campingbranche wechselte: "Ein Freund und ich hatten ordentlich einen gebechert und dann überlegt, diesen Platz zu übernehmen. Das war die Schnapsidee meines Lebens." Mittlerweile beschäftigt er drei feste Mitarbeiter, in der Campingsaison zwischen März und September noch ein Dutzend weitere.

Seine Frau Lucyna kümmert sich um den Kiosk und das Restaurant, sein 20-jähriger Sohn Benjamin soll den Platz eines Tages übernehmen. Was so ein Campingplatz abwirft? Ullrich hält sich bedeckt: Das meiste Geld habe er wieder in den Betrieb gesteckt. "Aber ich kann von meinem Verdienst hier viel besser leben als von meinem alten Job."

Ullrich schreitet an einem Porzellanigel, einem Porzellanhund und einer Porzellanschildkröte entlang, an Stellplätzen mit gepflasterter Einfahrt und akkurat gestutzten Hecken. Viele der Dauercamper sind Rentner. Sie stellen die Stammkundschaft von Ullrichs Platz, verbringen Sommerurlaube und Wochenenden teils seit Jahrzehnten auf ihrer sorgsam gepflegten Parzelle.

Der Wohnwagen als Erstwohnsitz

Am Campingplatz-Eingang stehen ein Dutzend Briefkästen, sie deuten auf die ersten Bewohner von Kurt City hin. Denn Ullrich hat einen weiteren Trend ausgemacht: Der Wohnwagen wird zum Erstwohnsitz. "Leute, die sich eine Wohnung in der Stadt nicht mehr leisten wollen, ziehen auf den Campingplatz." Rund hundert Euro Pacht pro Monat - billiger geht's kaum. "Aber es ist auch ein anderes Leben," wirft Ullrich ein. "Man hat kein eigenes Bad und muss zum Duschen raus ins Waschhaus."

Aber auch die, die mit Camping zwar nicht viel am Hut haben, aber gern ein Häuschen im Grünen hätten, will Ullrich ansprechen. Er führt auf eine Lichtung im Waldbereich des Campingplatzes: Gerade hat er hier Strom- und Abwasserleitungen für 25 Grundstücke verlegen lassen.

"Das wird eine eigene Siedlung hier" erklärt Ullrich. Nur Mobilheime sollen hier stehen: Fertighaus-Container mit 40 Quadratmetern Wohnfläche, zwei Schlafzimmern, eigener Dusche und Bad. In den meisten Städten bekäme man dafür nur eine Ein-Zimmer-Wohnung im Problemviertel, hier gibt es ein Eigenheim im Grünen inklusive Seeblick. Viele Plätze sind bereits reserviert, das erste Mobilheim wurde schon errichtet.

"Wenn du im Urlaub bist, bist du ein anderer Mensch"

Wie unter einem Vergrößerungsglas zeigt sich auf Ullrichs - im Vergleich zu den Camping-Hochburgen mit 20.000 Parzellen - eher kleinem Platz, wie verschieden Camper sind: Unternehmer, Aussteiger, Ingenieure, Arbeitslose und Naturfreunde. Ullrich will sie alle unter einen Hut bringen.

Wenn die Abende mild sind, sitzt eine bunte Truppe aus alteingesessenen Wohncampern (Erstwohnsitz auf dem Campingplatz), Dauercampern (Erstwohnsitz woanders) und jungen Urlaubsgästen (eine Woche Zelturlaub) vor dem Kiosk am Eingang. Mit einem Bierchen in der Hand guckt man auf den ruhigen Borgdorfer See und fühlt sich ganz weit weg vom Alltagsstress, von der A7 um die Ecke, von den nahe gelegenen Städten Neumünster, Rendsburg und Kiel. "Wenn du im Urlaub bist, bist du doch auch ein anderer Mensch, oder?", sagt Ullrich. "Viel entspannter."

Der Film "7 Tage unter Campingfreunden" von Julian Amershi und Benjamin Arcioli läuft am 13. November um 21.15 Uhr im NDR-Fernsehen.

  • Willem Konrad
    Julian Amershi (Jahrgang 1980) ist freier Journalist und Filmemacher in Hamburg und hat zuvor Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität in Lüneburg studiert.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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1. Gott sei Dank,
globaluser 13.11.2015
muss ich mich solchen Leuten nichts zu tun haben. Spießigkeit und Blockwarteigenschaften in Reinkultur.
2.
OskarVernon 13.11.2015
Zitat von globalusermuss ich mich solchen Leuten nichts zu tun haben. Spießigkeit und Blockwarteigenschaften in Reinkultur.
Wenn Ihnen Leute lieber sind, die nur um andere Leute zu ärgern z.B. öffentliche Toiletten unbrauchbar machen, ist das doch in Ordnung: Im Gegensatz zu Zeiten, da Blockwarte unterwegs gewesen sind, haben Sie die freie Auswahl, wessen Gesellschaft Sie suchen und wem Sie lieber aus dem Weg gehen - kein Grund zur Aufregung also :-)
3. Schlimm.
ksdecker 13.11.2015
Als passionierter Camper würde ich diesen Platz nach diesem Bericht nicht anfahren wollen. Deutsche Campingplätze haben generell im internationalen Vergleich mehrere Probleme. Totale Überregulierung (Klopapier, 50 Cent für 3 Minuten warmes Wasser usw.) ist das eine Problem. Das andere sind die sogenannten "Dauercamper". Spießbürgerliche Kleingartensiedlungen, die sich mit ihren abgeranzten Wonwagen auf den Campingplatz verlegt haben. Wer hat den schönsten Rasen, wer die tollste Hecke? Das hat mit Camping nichts mehr zu tun. Aber klar, die bringen verlässlich die Kohle rein, warum sollte ich meinen Platz dann noch für Urlauber attraktiv gestalten? Und der Nichtcamper oder Campinganfänger sieht dann in zig gleichgestrickten Dokumentationen im TV dieses Bild des Campings, schüttelt sich leicht erschreckt und bucht doch lieber wieder im Hotel. Kein Wunder, dass die Plätze immer weniger junge Familien oder Pärchen anziehen. Aber wenn man dann mal nach Frankreich, Italien, Kroatien, .... schaut, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Die ganz große Maße der Plätze im Ausland hat erkannt, dass die Zukunft des Campings nicht im grantelnden Dauercamper liegt, der jeden Morgen verlässlich seinen heiligen Rasen zupft, sondern in jungen Familien. Nur wenn ich neue Camper begeistern kann, hat mein Platz eine Chance. Diese Erkenntnis wird die deutschen Spießer-Plätze irgendwann einholen. Spätestens, wenn das Stammpublimum vorwiegend unter und nicht mehr auf dem Rasen anzutreffen ist.
4.
OskarVernon 13.11.2015
Zitat von ksdeckerAls passionierter Camper würde ich diesen Platz nach diesem Bericht nicht anfahren wollen. Deutsche Campingplätze haben generell im internationalen Vergleich mehrere Probleme. Totale Überregulierung (Klopapier, 50 Cent für 3 Minuten warmes Wasser usw.) ist das eine Problem. Das andere sind die sogenannten "Dauercamper". Spießbürgerliche Kleingartensiedlungen, die sich mit ihren abgeranzten Wonwagen auf den Campingplatz verlegt haben. Wer hat den schönsten Rasen, wer die tollste Hecke? Das hat mit Camping nichts mehr zu tun. Aber klar, die bringen verlässlich die Kohle rein, warum sollte ich meinen Platz dann noch für Urlauber attraktiv gestalten? Und der Nichtcamper oder Campinganfänger sieht dann in zig gleichgestrickten Dokumentationen im TV dieses Bild des Campings, schüttelt sich leicht erschreckt und bucht doch lieber wieder im Hotel. Kein Wunder, dass die Plätze immer weniger junge Familien oder Pärchen anziehen. Aber wenn man dann mal nach Frankreich, Italien, Kroatien, .... schaut, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Die ganz große Maße der Plätze im Ausland hat erkannt, dass die Zukunft des Campings nicht im grantelnden Dauercamper liegt, der jeden Morgen verlässlich seinen heiligen Rasen zupft, sondern in jungen Familien. Nur wenn ich neue Camper begeistern kann, hat mein Platz eine Chance. Diese Erkenntnis wird die deutschen Spießer-Plätze irgendwann einholen. Spätestens, wenn das Stammpublimum vorwiegend unter und nicht mehr auf dem Rasen anzutreffen ist.
Was genau finden Sie an gepflegten Dauercamperparzellen unattraktiv?
5.
ksdecker 13.11.2015
Zitat von OskarVernonWas genau finden Sie an gepflegten Dauercamperparzellen unattraktiv?
Das ist eine Mentalitätsfrage. Will ich Camping oder will ich Schrebergarten-Siedlung? Wobei das nicht heißt, dass "normales" Camping ungepflegt oder schmuddelig ist. Im Gegenteil, die Tagesstellplätze sind oft sauberer, als ein Dauerstellplatz, der zwei bis dreimal im Jahr aufgesucht wird. Generell stelle ich als Camper einfach fest, dass Plätze mit vorwiegend Dauercampern eine andere ... nennen wir es Ausstrahlung haben. Camping ist Freiheit. Und das Gegenteil von Freiheit ist deutsches Kleingärtnertum.
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