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Unser Mann in Cannes Und nun zur Werbung

Cannes-Blog: Die Löwen sind los Fotos
REUTERS

Originellster Spot, krummste Idee, aufregendste Anzeige - die Werbebranche misst sich gern bei Wettbewerben. Ihre Weltmeisterschaft ist das Cannes-Festival. Sascha Hanke ist diesmal Jurymitglied. Für eine Woche berichtet der Hamburger Kreative über die wundersame Welt der Werbung.

"Ich muss noch was schreiben", sage ich und verabschiede mich höflich, aber zügig von Masaya und Hiroko, Hector und Anselmo - meinen Jurykollegen aus Japan, Mexiko und Brasilien. Sehr fleißig, typisch deutsch, denken sie bestimmt, während ich bei warmen 26 Grad vom Festivalpalais die Croisette entlang in Richtung Hotel schlendere. Schlendern trifft es ganz gut, denn zum Mittagessen servierte man uns einen "Mouton Cadet", einen 2011er Bordeaux. Danach juriert es sich lockerer. Merkte man auch den Japanern an.

Links rast ein Ferrari vorbei und rollt mir beinahe über den Fuß. Dahinter gleitet ein Bentley majestätisch den Boulevard entlang, gefolgt von einer ungeduldigen Corvette. In allen drei Prachtkarossen sitzen Frauen hinter dem Steuer. Ihre Figur: dünn. Ihre Lippen: dick. Ihr Make-up: makellos. Gibt's doch gar nicht, denke ich. Aber das ist hier alles völlig normal, im beschaulich kleinen, aber restlos reichen Cannes.

Bis ins frühe 19. Jahrhundert war Cannes ein Fischerdorf. Und noch immer werden in Cannes die Köder ausgeworfen. Anbeißen, das tun seit mehr als einem halben Jahrhundert aber immer seltener die Fische - sondern, mit beeindruckender Beharrlichkeit Jahr für Jahr aufs Neue, Tausende von Werbeagenturen aus aller Welt.

Kaum sind die Regisseure, Schauspieler, Kritiker Ende Mai von den Internationalen Filmfestspielen verschwunden, buhlen an der Côte d'Azur schon Werber um die "Löwen", die begehrtesten Trophäen der Kreativbranche. Das Cannes Lions International Advertising Festival ist heute ihre weltweit bekannteste Veranstaltung - gegründet 1954, inspiriert von den Filmfestspielen in Cannes und Venedig, bekannt auch durch die "Cannes Rolle" mit prämierten Spots.

Ein Löwe zählt mehr als jede andere Trophäe

Es ist ein Schaulaufen der Agenturen und auch ein riesiger Branchenkongress. So kamen 2008 über 10.000 Werber aus der ganzen Welt zusammen. Der Stellenwert der Cannes-Löwen in Gold, Silber und Bronze entspricht dem des Oscars in der Filmbranche. Ein goldener Löwe zählt mehr als jeder andere Triumph. Und davon wird es in diesem Jahr wieder etliche geben. Insgesamt gehen beeindruckende 34.301 Arbeiten an den Start, ein Fünftel mehr als im Vorjahr. Allein Deutschland schickt fast 2400 Arbeiten ins Rennen und ist damit die drittstärkste Einreichernation der Welt, nach den Brasilianern und Amerikanern.

Für die Veranstalter dürfte das ziemlich lukrativ sein: Die Einreichung eines Funkspots (Kategorie "Radio") kostet 299 Euro, eine integrierte Kampagne schlägt gleich mit 1195 Euro zu Buche (Kategorien "Titanium & Integrated" und "Creative Effectivness"). Wir Deutsche haben den Festivalveranstaltern mit unseren Arbeiten in diesem Jahr exakt 980.862 Euro in die Kassen gespült.

Darauf stoße ich jetzt an. Und freue mich, dass ich für meinen Bordeaux heute Mittag nichts bezahlen musste. Hier sitze ich nun, in der sechsten Etage meines charmanten Vier-Sterne-Hotels. "La décoration repose sur l'emploi de matériaux nobles et d'essences exotiques", heißt es im Werbeprospekt. Ich schaue mich skeptisch um. Der Werbetexter, der das geschrieben hat, hat seinen Job gut gemacht.

Erstmals in der Jury

In Cannes bin ich zum vierten Mal. Und darf in diesem Jahr zum ersten Mal mitbestimmen, welche Arbeiten einen der begehrten Werbe-Oscars bekommen. Das ehrt. Das schmeichelt. Gebe ich offen zu.

Wir Juroren pflügen uns schon seit Tagen durch die Springflut an Einsendungen. In der Jury repräsentiere ich Deutschland in der Wettbewerbskategorie "Promotion & Activation" - einer Sparte, die 2006 eingeführt wurde, weil viele der eingereichten Arbeiten nicht mehr in gewöhnliche Kategorien wie "Film", "Anzeige", "Plakat" und "Radio" passten.

Morgen, am Sonntag, ist offizieller Festival-Beginn.
Ich klappe meinen Mac auf.
Doppel-Klick auf Word.

Vor mir liegen sieben Tage. Und ein digitales leeres weißes Blatt. Der Alptraum eines jeden Kreativen. Egal, denke ich. Bislang ist mir immer etwas eingefallen. Zur Not frage ich die Japaner.


  • Wer ist der Verrückte?

Bei der Hamburger Werbeagentur Kolle Rebbe arbeitet Sascha Hanke, 37, als Executive Creative Director - typischer Jobtitel der Branche. Soll heißen: Als Co-Kreativchef verantwortet er gemeinsam mit Stefan Kolle und Stefan Wübbe die Arbeit der fast 300 Mitarbeiter starken inhabergeführten Agentur. Zuvor arbeitete er zehn Jahre lang bei Jung von Matt. Hanke hat schon säckeweise Medaillen bei deutschen und internationalen Wettbewerben abgeräumt, auch zehn Cannes-Löwen und 2011 den einzigen für Deutschland in der "Integrated"-Königsdisziplin für Kampagnen in neuen und alten Medien (mit einem Spot für das Konzerthaus Dortmund).

Ein König der Löwen, sozusagen. Außerdem engagiert er sich als Dozent an der Hamburger Texterschmiede und an der Miami AdSchool. Und sonst? Sonst hat Hanke einen schweren Musik-Spleen, ist vor allem Pet-Shop-Boys-Fan der ersten Stunde. Ende der neunziger Jahre veröffentlichte er selbst mehrere Platten mit Elektropop, eine verkaufte sich 6000-mal, immerhin. Was heute wohl schon für Doppelplatin reichen würde, vermutet Hanke.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
h.hass 16.06.2012
Also hier in Deutschland kann ja wohl keiner ernsthaft den Begriff Kreativität mit dem Begriff Werbung in Verbindung bringen. Ein absolutes Rätsel, weshalb sich diese Branche als "Kreativ"branche bezeichnet. Zu 99 % ist das doch alles uninspirierter, normierter, nerviger Schrott. Den Werbeblock im Kino beispielsweise kann man nur als Taubblinder ertragen, auch die TV- und Printwerbung sind ein einziges Trauerspiel.
2. Eine Kleinigkeit...
areopag 16.06.2012
Zitat von sysopOriginellster Spot, krummste Idee, aufregendste Anzeige - die Werbebranche misst sich gern bei Wettbewerben. Ihre Weltmeisterschaft ist das Cannes-Festival. Sascha Hanke ist diesmal Jurymitglied. Für eine Woche berichtet der Hamburger Kreative über die wundersame Welt der Werbung. Cannes-Blog: Die Weltmeisterschaft der Werbung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,839192,00.html)
Stimmt, so wie beschrieben, so ist Cannes. Man feiert sich als kreativund unterschlägt die Menge an Unoriginellem, die diese Branche täglich bei uns hinterlässt. ( Kommt wohl noch? ) Sympathisch ist es dennoch geschrieben. Aber muss es wirklich sein, dass wir das französische Zitat des Werbetexters ohne Übersetzung hinnehmen müssen? Eine arrogante Unart, die sich in den Medien immer mehr verbreitet. Auch im folgenden, indirekt " erklärenden " Satz von Herrn Hanke, wird das Pathos der französischen Werbeplattitude nicht nachvollziehbar. Wenn schon über Werbung geredet wird, dann sollte diese Kleinigkeit nicht verschweigen, wie oberflächlich Werbung oft ist.
3. Perspektive
filder 16.06.2012
Zitat von h.hassAlso hier in Deutschland kann ja wohl keiner ernsthaft den Begriff Kreativität mit dem Begriff Werbung in Verbindung bringen. Ein absolutes Rätsel, weshalb sich diese Branche als "Kreativ"branche bezeichnet.
Vielleicht liegt das auch an Ihrem beschränkten Verständnis des Begriffs Kreativität. Kreativität ist nichts anderes, als für bestehende Vorgaben neue Lösungen zu finden. Und da reüssieren - oft leider - die Lösungen, die von der angepeilten breiten Masse bevorzugt werden. Denn heute wird jede Kampagne bis zum Erbrechen durch die Marktforschung gejagt, bis das rauskommt, was eben zielführend ist, das was verkauft. Selbstverständlich gehören Sie nicht zu denen, die die Zielgruppe bilden, Sie sind natürlich ganz anders. Sie lesen vermutlich auch nicht die BILD oder gucken RTL2. Das machen immer nur die anderen ...
4. Bullshit
blowup 16.06.2012
Es gibt nichts Verlogeneres als diese awards. Die großen Network-Agenturen haben intern regelrechte Vorgaben für award-points. Die steken nichts in Kunden Akquisition und alles in awards. Weil es immer noch Kunden gibt, die auf diesen Zirkus abfahren. Wenn die dann anbeißen, werden die ausgenommen wie Weihnachtsgänse. Irgendwer muss diesen Schwachsinn ja bezahlen. Das sind dann die (bestehenden) Kunden. Im Zeitalter von digitaler erbung und exakter Messbarkeit des Werbeerfolgs ein Anachronismuss und reine Kreativ-Masturbation.
5.
h.hass 17.06.2012
Zitat von filderVielleicht liegt das auch an Ihrem beschränkten Verständnis des Begriffs Kreativität.
Ah so... also ist meine Beschränktheit dran schuld, wenn ich hinter den deutschen Werbe-Hervorbringungen keine Kreativutät entdecken kann. Es soll kreativ sein, neue Varianten für langweilige, normierte Werbekonzepte zu finden? Also bitte... Vermutlich kann nur jemand, der selber in der Werbeindustrie arbeitet, auf diese Idee kommen.
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Die Agenturlandschaft
Rund 3000 Werbeagenturen sind im deutschen Handelsregister eingetragen. Über 100 davon - vor allem die großen der Branche - haben sich im Gesamtverband Kommunikationsagenturen (GWA) zusammengeschlossen. Zwei Drittel der GWA-Agenturen haben 2010 neue Mitarbeiter eingestellt. Wichtigster Kunde der Werber war im vergangenen Jahr die Autoindustrie.

Insgesamt gibt es bundesweit mehr als 10.000 Werbeagenturen. Der Großteil beschäftigt nur eine Handvoll Angestellter; bei vielen übertrifft der Umsatz laut GWA nicht einmal die Schwelle von 250.000 Euro im Jahr.

Die Riesen der Branche
Marktführer ist die Firma Serviceplan. Das Münchner Unternehmen erreichte im Ranking der größten unabhängigen und inhabergeführten Werbeagenturen, das die Branchenmagazine "Horizont" und "w&v" ermittelten, den ersten Platz. Serviceplan beschäftigte demnach 2010 im Jahresmittel rund 1000 Mitarbeiter, erzielte einen Netto-Honorarumsatz von 145 Millionen Euro und wuchs damit um 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auf den folgenden Plätzen: Scholz & Friends (1500 Mitarbeiter, Umsatz 122 Millionen Euro); Media Consulta (334 Mitarbeiter; Umsatz 75 Millionen Euro); Jung von Matt (581 Mitarbeiter; Umsatz 64,3 Millionen Euro); Dialogfeld (245 Mitarbeiter; Umsatz 29 Millionen Euro).
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