"I like sexy sexy sound", tönt es housig aus dem ziemlich beeindruckenden Soundsystem, als ich die "Cannes Lions Closing Gala" am Carlton Beach verlasse und zu meinem Hotel zwei Straßen weiter laufe. "... I like it dirty on the ground ..." Ich schaue nach unten: Dreckig sieht die Croisette aus. Tausende Werber haben in den letzten Tagen und vor allem Nächten ihre Spuren hinterlassen.
Ab morgen wird es wieder ruhiger im beschaulichen Cannes. Sehr ruhig sogar. Früher, in den Nullerjahren, da kamen nach den Werbern wenigstens noch die Pornostars: zur Verleihung der Porno-Oscars - den "Hots d'Or". Heute müssen sich die Einwohner von Cannes mit den Filmstars aus Hollywood und den funky Werbeleuten begnügen.
Schlecht sieht unsere Zunft ja nicht aus. Immer den neuesten Sneaker am Fuß, die verrücktesten Shirts am (mehr oder weniger) durchtrainierten Body und, natürlich, die obligatorische Werberbrille auf der Nase. Schwer im Trend: Man trägt jetzt Brillen aus Holz, echtem Holz. Très chic. Besonders gut zur Geltung kommen sie an einem kahl rasierten Schädel.
The Lion Sleeps Tonight
Doch zurück zum Festival. Bei allen vier Preisverleihungen, die über die Woche verteilt stattfanden, war auffällig, dass viele Werber mit Länderflaggen auf die Bühne hüpfen, um ihre Löwen abzuholen. Die Deutschen nicht. Keine Flagge. Kein Hüpfen. Ich will mich da gar nicht ausnehmen. Aber ab und zu etwas mehr Freude und Begeisterung zu zeigen, auch gegenüber Arbeiten von Kollegen aus anderen deutschen Agenturen, das würde uns bestimmt gut tun. Vielleicht sind wir Deutschen aber auch so. Fleißig, zielstrebig, konzentriert. Löwen gewinnen, abhaken, nächsten Löwen gewinnen.
Eine schöne Geste von Gideon Amichay: Der Jurypräsident der Kategorie "Direct" stellte sich bei seiner Rede mitten ins Publikum, um zu unterstreichen, dass Marken heutzutage zu den Konsumenten gehen müssen. Und nicht weiterhin von oben herab mit ihrer Zielgruppe kommunizieren dürfen. Marken müssen die Gespräche der Kunden verfolgen, ihr Verhalten untereinander begreifen, persönlichere Beziehungen als vorher schaffen. "Der klassische Fernseher ist tot, er weiß es nur noch nicht", sagte einmal Achim Berg, Chef von Microsoft Deutschland. Kampf der One-Way-Kommunikation - es lebe der Dialog.
Time To Say Sayonara
Im Kopf blieb mir auch ein Dialog mit einem japanischen Jurykollegen. Der freut sich, dass seine Agentur räumlich so großen Abstand zum Kunden hat. Ich wundere mich. Aber in Japan gilt: Je weiter eine Agentur vom Kunden entfernt ist, desto mehr Respekt hat der Kunde vor ihr. Der Kunde respektiert und achtet die Mühen und Strapazen der Agentur, die sie für die ständigen Anreisen auf sich nimmt. Gleich am Montag werde ich von Hamburg aus eine Akquise-Offensive in Japan starten...
Beim Passieren der Martinez-Bar muss ich an die amerikanische Kult-Serie "Mad Men" denken. Dort saß gestern der Film-Werber Don Draper alias Jon Hamm und ließ sich mit echten Werbe-Dons ablichten. Der "Mad Men"-Sender AMC setzt übrigens weiter auf das Thema Werbung. In der neuen Real-Life-Serie "The Pitch" treten in jeder Folge zwei Agenturen gegeneinander an und kämpfen um Etats. In der ersten Folge buhlen WDCW Advertising und McKinney um den Auftrag von Subway. Sehenswert - hier der Trailer.
Im Hotel in der Rue d'Antibes packe ich noch schnell meinen Koffer. Wir haben ordentlich Löwen abgesahnt. Dritterfolgreichste Agentur in Deutschland laut Medaillenspiegel des Fachmagins "W&V". Kann man nicht meckern.
Doch was ist, wenn man nichts gewonnen hat? Niente. Nada. Nothing. Iniesta. Wenn wieder mal nur die anderen Agenturen Wunderwerke berstender Kreativintelligenz erschaffen haben und man selbst nur "Liste" ist, nur nominiert wurde - na dann bleibt man eben mal hängen auf dem wippenden Sprungbrett in den goldenen Kreativranking-Punkte-Pool. Das ist frustrierend, gehört aber dazu. 90 Prozent der Ideen, die ein Werber hat, landen ohnehin im Müll. Abgeschossen vom Chef oder vom Kunden. Da hilft nur eins: weitermachen.
Zum Autor
Sascha Hanke, 37, ist Executive Creative Director bei Kolle Rebbe und verantwortet gemeinsam mit Stefan Kolle und Stefan Wübbe die Arbeit der fast 300 Mitarbeiter starken Werbeagentur. Zuvor arbeitete er zehn Jahre lang bei Jung von Matt. Hanke hat schon säckeweise Medaillen bei deutschen und internationalen Wettbewerben abgeräumt, auch zehn Cannes-Löwen und 2011 den einzigen für Deutschland in der "Integrated"-Königsdisziplin für Kampagnen in neuen und alten Medien (mit einem Spot für das Konzerthaus Dortmund). Sein Twitter-Account: www.twitter.com/saschahanke
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