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Ausgezeichneter Chauffeur Auf der Überholspur mit José Carreras

Chauffeur des Jahres: Bitte einsteigen! Fotos
Hendrik Steinkuhl

Liegesitze, Tageszeitungen und gekühlte Getränke: Die Limousine von André Westerkamp ist die Business-Class auf vier Rädern. Wer hier einsteigt, fährt mit dem amtierenden Chauffeur des Jahres. Auf der linken Spur fährt er eigentlich nur, wenn der Kunde schläft.

Man darf davon ausgehen, dass die Partnerin eines Geheimagenten mehr über den Job ihres Mannes weiß als die Frau von André Westerkamp. "Ich sage ihr, in welcher Stadt ich gerade bin." Wen er in diese Stadt gefahren hat, worüber sie unterwegs gesprochen haben - das, sagt Westerkamp, werde seine Frau nie erfahren. Und auch sonst niemand. "Wenn ich mal irgendwo den Namen eines Kunden erwähne, und der bekommt das durch einen blöden Zufall mit... Nein, das wäre nicht gut."

Seit über 20 Jahren ist André Westerkamp Chauffeur. Zuerst fuhr er für den Osnabrücker Automobil-Zulieferer Karmann. Doch die Firma ging pleite, Westerkamp musste sich einen neuen Job suchen. Er entschied sich für denselben - dieses Mal aber als eigener Unternehmer. "Mein Fahrer" hat er seine Firma genannt. Seine Arbeit, sagt Westerkamp, sei sein Hobby. "Ich kann auch gar nichts anderes."

Für seine Kunden ist er immer erreichbar, Tag und Nacht. "Mein Handy ist an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden lang bereit. Und ich auch." Fährt er mit seiner Frau und den beiden Kindern weg, dann an einen Ort, von dem aus er innerhalb von zwei Stunden wieder im heimischen Wallenhorst ist. Urlaub an der Nordsee muss reichen.

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Westerkamps Kunden sind zum Großteil Führungskräfte und Künstler. José Carreras ist der einzige Fahrgast, dessen Namen er preisgibt. "Stand ja in allen Zeitungen, dass wir ihn gefahren haben." Westerkamp hat ein Foto von sich und dem Sänger gerahmt, es steht in seinem heimischen Büro. Dort war er in den letzten sechs Wochen nur an sechs Tagen.

Grundsätzlich fahre er jeden, sagt Westerkamp. Wie teuer der Rundum-Service ist oder wie viel Geld er mit seinem Job verdient, will er nicht verraten: "Über Geld spreche ich nicht." Man kann aber davon ausgehen, dass der durchschnittliche Tagessatz für einen Fahrdienst bei rund 500 Euro liegt.

Viele Kunden nutzen die Fahrtzeit zum Arbeiten. Westerkamps Limousine hat Steckdose und W-LAN - und Westerkamp seine Fahrgäste immer im Blick. "Wenn jemand gerade liest, fahre ich nicht zu schnell, damit ihm die Zeitung nicht aus der Hand fällt." Schläft ein Fahrgast, fährt er aber auch mal 230.

"Der Audi ist zu sportlich gefedert"

Jahrelang fuhren die Manager bei Westerkamp in einem Audi A8. Jetzt ist er auf den VW Phaeton umgestiegen. Der ist gerade recht günstig zu haben und bietet neben den obligatorischen Liegesitzen auch eine sanftere Fahrt. "Der A8 ist ziemlich sportlich gefedert. Das hat einige Kunden gestört."

Trotz der PS-Stärke seiner Limousine klebe er nicht auf der linken Spur. "Ich passe mich dem Verkehr und dem Zeitfenster des Kunden an." Sein Fahrstil ist dabei so ausgelegt, dass die Limousine möglichst sanft dahingleitet. Ruckartiges Anfahren und Bremsen sind tabu. Im Kreisverkehr und auf Autobahnabfahrten wählt Westerkamp den weiten Kurvenradius, damit die Fliehkraft den Fahrgast nicht unangenehm zur Seite zieht.

Für seinen Job hat sich Westerkamp einige Regeln auferlegt. Verschwiegenheit ist die wichtigste. Seine Diskretion geht so weit, dass er nicht einmal anonym über Ausfälle seiner Kunden spricht.

Wie er denn reagiere, wenn ein Fahrgast schwer alkoholisiert bei ihm einsteige? "Das ist zum Glück noch nie vorgekommen. Aber wenn, würde ich es auch nicht verraten", sagt Westerkamp und lacht.

Immerhin lässt er sich auf die Frage ein, ob ihn manchmal Manager um Rat fragen, wenn sie vor der Entscheidung stehen, einen Mitarbeiter rauszuschmeißen. "Jaaa… So in der Art, das kommt vor", sagt Westerkamp. Es gebe manchmal Kunden, die ihn, den Chauffeur, wählen lassen wollen, wenn es um wichtige Firmenfragen geht. "Ich bitte dann höflich um Verständnis, dass ich so eine Entscheidung natürlich nicht treffen kann."

Essen, Trinken, Small Talk - alles kommt in die Kartei

Ansonsten gibt es eigentlich keinen Wunsch, den Westerkamp seinen Kunden nicht erfüllt. Er ist mehr als ein Fahrer. Gesprächspartner, Reiseführer, Kumpel - "im Grunde bin ich sowas wie ein Concierge". Wenn er einen Fahrgast abgesetzt hat und der Kunde vor der Rückfahrt noch ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau braucht, dann besorgt Westerkamp das. Sobald jemand zum zweiten Mal mit "Mein Fahrer" fährt, bekommt er einen auf ihn zugeschnittenen Service. André Westerkamp führt eine Kartei, in der er für jeden Gast notiert hat, was dieser gerne isst, trinkt, oder worüber er gerne spricht.

Die Übererfüllung aller Ansprüche, die man an einen Fahrer haben kann, hat Westerkamp zum Chauffeur des Jahres 2010 gemacht. Der Titel wird vom Bundesverband der Chauffeur & Limousinen Service Unternehmen vergeben - an außergewöhnliche Mitglieder. Mangels Bewerbern hat der Bundesverband im vergangenen Jahr keinen Titelträger gewählt. Deshalb ist Westerkamp weiterhin der amtierende Fahrer-König. Im nächsten Jahr soll er einen Nachfolger bekommen, dann sollen sich auch Chauffeure bewerben können, die nicht im Bundesverband Mitglied sind.

"Man braucht für den Titel ein makelloses polizeiliches Führungszeugnis und darf keinen Punkt in Flensburg haben", sagt Westerkamp. "Außerdem sollte man regelmäßig Fahrsicherheitstrainings machen." Schließlich zählten natürlich auch die Empfehlungen, die Kunden oder auch Kollegen beim Bundesverband für ihn abgeben.

Für Westerkamp hat sich der Titel ausgezahlt. Die Kundenkartei wuchs - und der Boom hält an. "Die Auftragszahlen steigen im Moment, weil viele Firmen keinen festen Fahrdienst mehr beschäftigen." Wenn die Fahrer und Autos gerade nicht gebraucht würden, stünden sie ja herum. "Da setzen viele lieber auf einen Limousinen-Service."

Wenn ihn auf der Autobahn mal jemand schneidet oder ausbremst, registriert Westerkamp das lediglich. Er rege sich nicht auf, sagt er. Nie. Er habe auch niemals schlechte Laune. "Die Leute fragen mich manchmal, was ich nehme. Aber ich bin einfach so."

  • Jette Golz
    KarriereSPIEGEL-Autor Hendrik Steinkuhl ist freier Journalist und lebt in der Nähe von Osnabrück.

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insgesamt 1 Beitrag
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1. Sicherheit
blickpol 14.08.2012
Es gibt nie eine 100%ige Sicherheit im Straßenverkehr. Aber die größtmögliche kann man mit diesem Fahrer offensichtlich buchen. Schade, dass ich es mir nicht leisten kann, ich würde ihn buchen. Nur seine Familie tut mir leid, dass sie ihn so selten sehen.
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