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DPA

Arbeitgeber Amazon: "Mitarbeiter stecken in einer extremen Zwickmühle"

Die Arbeitswelt der Zukunft ist demokratisch. Jeder kann mitreden, Führungskräfte verlieren Macht. Alles nicht echt, sagt Wirtschaftswissenschaftler Christian Scholz: Bei Amazon und Co. gehe es um knallharte Kontrolle und die Jagd auf "Minderleister".

Zur Person
  • Christian Scholz (Jahrgang 1952) ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes. In seinem neuen Buch "Generation Z: Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt" schreibt er über die Nachfolgegeneration der Generation Y.
KarriereSPIEGEL: Unmenschliche Arbeitszeiten, gezielte Schikanen, Rausschmiss bei Krankheit - die "New York Times" beschrieb kürzlich die Firmenkultur beim Online-Händler Amazon als gnadenlos. Wie passt das zusammen mit dem Wettbewerb um Talente?

Scholz: Unternehmen wie Amazon verkörpern eine Organisationsform, die genau zur Generation Y passt, zu jungen Arbeitnehmern. Auf der einen Seite gibt es das hoch darwinistische System, das Leistung belohnt und die Schwachen ausselektiert. Zugleich wird auf der anderen Seite individueller Opportunismus unterstützt. So kann zum Beispiel jeder Mitarbeiter jederzeit mit anonymen Feedback-Systemen seine Kollegen beurteilen.

KarriereSPIEGEL: Sind solche Rückmeldungen schlecht?

Scholz: Grundsätzlich nicht. Aber sie sind problematisch in Kombination mit einer Kultur, in der man in seinem Job eher überlebt, wenn man Konkurrenten gezielt diskreditiert. Deshalb bekommt jeder Mitarbeiter quasi schon beim Einstieg ein kleines Messer in die Hand, mit dem er unliebsame und weniger produktive Kollegen in den Rücken stechen kann.

KarriereSPIEGEL: Jetzt übertreiben Sie aber.

Scholz: Bei Amazon lerne man, "wie man andere diskret unter den Bus schubst", sagt ein Marketing-Mitarbeiter im "Inside Amazon"-Report wörtlich. Wo es so zugeht, stecken Mitarbeiter in einer extremen Zwickmühle: Sie müssen aufpassen, dass sie nicht als Minderleister aussortiert werden, und sie müssen sich gegen oftmals unfaire Bewertungen ihrer Kollegen wehren - ein brutales Spiel in einem menschenverachtenden System.

KarriereSPIEGEL: Dennoch gehört Amazon in den USA zu den beliebtesten Arbeitgebern und ist auch einer der erfolgreichsten Rekrutierer an führenden Business Schools. Warum lassen sich Talente so behandeln?

Scholz: Die sind sehr leistungsorientiert und wollen Karriere machen. Sie finden es toll, wenn sie sich mit großen und wichtigen Aufgaben beweisen können. Also hängen sie sich rein - und wissen, worauf sie sich einlassen. Dafür sorgen schon die sozialen Medien. Nur: In so einer Umgebung arbeitet man sich bald auf und hält gesundheitlich nicht immer lange durch.

"Was kosten Sie? Sie müssen weg"

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KarriereSPIEGEL: Sind solche Unternehmen nicht Extremfälle?

Scholz: Sicherlich nicht. Das System unterscheidet sich kaum von dem in manchen Start-ups. Auch dort gibt es neben Entspannungszonen und Cappuccino-Maschinen Sprüche wie "Du weißt nicht, wo dein Arbeitsplatz in drei Monaten ist" oder "Ihr müsst euch permanent neu erfinden". Das gilt heute als schick.

KarriereSPIEGEL: Kollidiert das nicht damit, dass gleichzeitig in Personalerkreisen und in den Medien alle vom Trend zu demokratischen Unternehmen schwärmen?

Scholz: Demokratie ist gut, richtig und nötig. Aber sie lässt sich nicht von oben durch Personalmanager im Ruhestand anordnen, die in ihrem Arbeitsleben nie demokratisch agiert haben. Vor allem aber wird unter dem Begriff "Demokratisierung" vieles verkauft. Netzwerke unter Kollegen sind zwar nicht hierarchisch, aber auch nicht demokratisch. Ich kann nur jedem raten, die immer wieder zitierten Musterbeispiele einmal genauer zu hinterfragen.

KarriereSPIEGEL: Sie meinen, das ist alles nur Lametta, und in Wahrheit agieren die Firmen so traditionell wie immer?

Scholz: Natürlich gibt es demokratisch geführte Unternehmen. Ich wäre allerdings vorsichtig bei Firmen, in denen die Gründerpersönlichkeit sehr stark im Vordergrund steht. Da wird nicht selten etwas überkompensiert, hinter einer vermeintlich demokratischen Unternehmenskultur steht manchmal sogar ein extremes Kontrollsystem. Besonders vorsichtig wäre ich bei Unternehmen, die sehr stark auf "Digitalisierung" setzen. Denn dadurch wird sich unsere Arbeitswelt radikal verändern.

KarriereSPIEGEL: Inwiefern?

Scholz: Die bisherige Hierarchie wird oftmals durch ein digitales Kontrollsystem ersetzt. Dann geht es nicht mehr um den einzelnen Menschen, sondern um digitale Daten, also Big Data. Sämtliche Daten werden durch Algorithmen gejagt. Dann weiß man nicht nur detailliert, was ein Mitarbeiter wann tut und wie schnell er auf eine E-Mail antwortet, sondern auch, wie man ihn am besten motiviert - oder zur Kündigung bewegt. Hier sollten wir uns Amazon genau anschauen. Das Unternehmen ist führend bei der Analyse des Kundenverhaltens. Es wäre interessant zu wissen, was Amazon davon schon auf die Personalarbeit übertragen hat.

KarriereSPIEGEL: Aber in Deutschland gelten ganz andere Arbeits- und Kündigungsschutzgesetze - da sind solche Exzesse wie in den USA nicht möglich.

Scholz: Gesetze werden uns da nicht helfen. Und wenn ich mir die Naivität mancher Wissenschaftler anschaue, die über Big Data im Personalmanagement fabulieren, bezweifle ich massiv, dass wir hier auf einem guten Wege sind.

KarriereSPIEGEL: Was raten Sie Berufseinsteigern?

Scholz: Ein typischer Vertreter der Generation Y kann sich solche Unternehmen durchaus für eine kurze Zeit anschauen. Nur sollte er sich nicht emotional einfangen lassen, was bei oftmals fast schon sektenartigen Unternehmen schwierig ist. Und er sollte nie vergessen: Wer nicht mitspielt, fliegt.

  • Helga Kaindl
    Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Bärbel Schwertfeger. Sie ist freie Journalistin in München.

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insgesamt 47 Beiträge
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1. Ein Beitrag der Mut macht...
SPONU 16.09.2015
...NOT Denn über kurz oder lang werden die Methoden der Grossen Player auch von den KMUs übernommen. Und wohin soll dann der geknechtete, digitalisierte Arbeiter noch hinwechseln? Ins Facility Management? Auch dort bleibt nur 1,69 Minute für 10x Schreibtisch wischen. Gute Nacht...
2.
moneysac123 16.09.2015
Wer einmal sein eigener Chef war möchte niemals mehr angestellt sein :D
3. Immer höher! Immer weiter! Immer schneller!
hedgehog66 16.09.2015
Ganz aktuell gestern im SPON: BMW-Chef Krüger forderte unlängst von den Führungskräften und Mitarbeitern 'Wir müssen schneller werden!' Dann brach er gestern auf der IAA in Frankfurt/M. zusammen ... Können mir die Chefs bitte mal erklären, wo das hinführen soll und wo/wie das endet???
4. ...
Newspeak 16.09.2015
Irgendwann, das zeigt die Geschichte der Menschheit dutzendfach, ist Schluß mit lustig. Dann geht es den Ausbeutern an den Kragen und auch vermeintliche Big Player sind dann vielleicht relativ schnell verschwunden. Demokratie ist nicht deshalb so erfolgreich, weil sie besonders efffizient wäre. Sondern, weil sie die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigt. Jeder, der meint, er könne das dauerhaft außer Acht lassen, ist heute schon auf dem absteigenden Ast. Vielleicht erleben wir es ja noch, daß sich die Wirtschaftsordnung radikal verändert. Dann werden Großkonzerne, die zum schlechten Zustand der Welt beigetragen haben, vielleicht Parias. Amazon wird seinen Platz in den Geschichtsbüchern finden, aber vielleicht als Beispiel, wie man es nicht macht. Amazon ist bei der nächsten Finanzkrise doch direkt am Ende, weil dann das Kapital zum ständigen Investieren wegbricht. Und wenn nicht, dann sind trotzdem irgendwann alle Märkte erschlossen, auch dann wird der Investor irgendwann mal sein Geld zurückfordern. Amazon ist bisher nur ein Versprechen in die Zukunft, daß man noch weiter wachsen wird, daß man noch mächtiger wird, und noch reicher. Der Tag wird kommen, wo man dieses Versprechen einlösen muß.
5.
exHotelmanager 16.09.2015
Wie kommt man auf die Idee, ein "demokratisch geführtes Unternehmen" zu fordern? Demokratie ist ein politischer Weg und hat in einer Unternehmensführung keinen Platz. wir sollten froh sein, dass es in Deutschland politisch gesetzte Grenzen für Unternehmen gibt, die den Arbeitnehmern auch rechte geben und sie vor besonders grober Willkür wie Abhören schützen. "Anschwärzen" ist allerdings nirgendwo fremd, wenn auch meist nicht offen vom Unternehmen gefördert. Handlungen zum Schaden des Unternehmens müssen aber genaugenommen von jedem Mitarbeiter gemeldet werden, weil er sich sonst zum Mittäter macht.
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