Coaching für Frauen Schluss mit dem Puppenspiel
Männer machen Karriere mit Getöse, Frauen sind einfach zu still. Aufstiegsberaterin Andrea Och will den Bann brechen. In ihren Seminaren demontiert die Unternehmensberaterin die "Leistungslüge" und zeigt Managerinnen den Weg zur "Marke Ich".
Ihre Seminare für aufstiegswillige Frauen beginnt Andrea Och jeweils mit einer Aufgabe: "Jede von euch sagt mir jetzt: Worin seid ihr besser als alle anderen?" Die Teilnehmerinnen sollen sich dann im Kreis aufstellen und sich selbst preisen - eine nach der anderen, in beliebiger Reihenfolge.
Die übliche Reaktion: verlegene Blicke, Schweigen, Herumdrucksen. Aber wehe, jemand murmelt eine Wischiwaschi-Antwort, so etwas wie "ich kann gut zuhören" oder "ich arbeite gern im Team". Damit kommt man nicht durch. "Wenn andere sagen, dass sie das auch können, muss man sich etwas Neues überlegen", sagt Och und lacht, laut und glockenhell.
Ein fieses Spiel, speziell für Frauen. "Selbstvertrauen wird uns als Mädchen systematisch aberzogen", so Och. Glaubenssätze, mit denen Frauen aufwachsen, wirkten später häufig unbewusst weiter. Sie erschwerten nicht nur Eigenlob, sondern vor allem auch den beruflichen Aufstieg. Sätze wie dieser: Du bist doch wohl nicht besser als andere.
Das Zurechtstutzen beginne in der frühen Kindheit, von allen Seiten, etwa beim Spielen: "Überlegen Sie mal, wie spielen Mädchen miteinander?", fragt Och. Und antwortet: mit Puppen, harmonisch, auf Konsens bedacht. Keine dürfe sich vordrängeln, zu herrisch sein, sonst strafen die anderen mit Nichtbeachtung.
Jungs hingegen, beim Fußball: Da habe selbstverständlich immer einer das Sagen, der Trainer nämlich. Es geht nicht um Harmonie, sondern ums Gewinnen. Wer für sein Team Tore schießt, muss nicht unbedingt auch noch nett und bescheiden sein.
Och fragte die Frau, ob sie ihrem Chef gesagt habe, dass sie sich für seine Nachfolge interessiert. Die Antwort der Klientin: Nein, sie habe gedacht, das sei doch klar.
Eine Riesin, die gern auffällt
"Frauen trommeln nicht für sich", stellt die gelernte Marketing-Fachfrau und Unternehmensberaterin fest. Um möglichst vielen Frauen das Trommeln beizubringen, bietet Och neben individuellen Coachings auch Seminare an mit Titeln wie "Die Marke ICH - Ein strategischer Erfolgsplan" oder "Netzwerken leichtgemacht! Wie Sie Mentoren und Helfer für sich gewinnen und zugleich beliebt und einflussreich werden".
Eine Hamburger Unternehmensberaterin, 49, die sich von Och coachen ließ, sagt über sie: "Sie vermittelt das Gefühl, dass sie persönlich daran interessiert ist, dass es einem gutgeht. Außerdem weiß sie, wovon sie redet - sie war mit Anfang dreißig schon auf einer Karrierestufe, auf der ich erst viele Jahre später angekommen bin."
Bei früheren Coachings hatte die Hanseatin schlechte Erfahrungen gemacht: "Viele wollten das psychologisch-esoterisch abhandeln. Frau Och konzentriert sich auf den Job, sie stellt gezielte Fragen, hört aufmerksam zu und erzählt auch mal von sich."
Die 44-jährige Coacherin selbst hat sich, falls sie je unter mädchenhafter Zaghaftigkeit gelitten haben sollte, gänzlich davon befreit. Worin sie besser sei als alle anderen? "Ich kann andere sehr gut begeistern und inspirieren, das ist eine ganz große Stärke von mir", antwortet Och rasch. "Ich kann sehr schnell erkennen, wo die wichtigen Punkte liegen. Und ich lerne extrem schnell."
Sie habe noch viele, viele andere Stärken, fügt sie hinzu und lacht wieder ihr lautes Glockenlachen, das ihr Gegenüber förmlich zum Mitlachen zwingt. "Aber ich denke, das sind die drei wichtigsten, die meinen Erfolg ausgemacht haben."
An dieser Stelle muss man Och beschreiben - denn ihre Erscheinung ist zweifelsfrei ein Erfolgsfaktor. Der erste Eindruck: eine Riesin, die gern auffällt, und die, im wörtlichen Sinne, auf die meisten Menschen herabgucken kann. 1,90 Meter ist sie groß, die Peeptoe-Pumps von Gucci mit den klackernden Bleistiftabsätzen noch nicht eingerechnet.
"In drei Jahren vier Karrierestufen genommen"
An diesem Sommermorgen trägt sie ein figurbetontes Wickelkleid in gelbgrauem Leopardenprint, Brillanten an den Ohren und goldene Ringe an perfekt manikürten Händen. Finger- und Zehennägel sind dunkelviolett lackiert. Das blonde Haar fällt in Wellen über die Schultern. Natürlich geht der Lippenstift kein bisschen ab, während sie an ihrem Kaffee nippt und erzählt, wie sie Frauen-Coacherin geworden ist. Ihre Geschichte beginnt mit einem Trompetenstoß: "Mir war immer klar, dass ich Karriere machen wollte." Sie habe sich nach Freiheit und Unabhängigkeit gesehnt, "und je höher Sie aufsteigen, desto mehr können Sie gestalten".
In welchem Beruf sie Karriere machen wollte, war ihr weniger klar. "Hätte ich vor 15 Jahren gewusst, was ich heute weiß, hätte ich das sicher strategischer angefangen. Ich hätte mir andere Branchen gesucht, große Wachstumsbranchen, von denen klar ist, dass sie wichtig werden."
So arbeitete sie nach dem Marketing-Studium in Hamburg zunächst bei einem Unternehmen, das Lehrmittel herstellte, danach bei einer großen Unternehmensberatung. "Als ich in drei Jahren vier Karrierestufen genommen hatte, mit 33, wurde ich die jüngste Bereichsleiterin. Auf dieser Stufe waren außer mir nur zwei Frauen, und die taten alles, damit ihr Geschlecht nicht auffiel."
Die anderen Vorstandsfrauen, beide kinderlos, seien extra burschikos aufgetreten und hätten sich gekleidet wie Männer. Absurd sei ihr das vorgekommen, sagt Och, verheiratet und Mutter einer mittlerweile erwachsenen Tochter. Über das Thema Frauen und Macht hatte sie sich bis dahin keine Gedanken gemacht: "Für mich war immer klar, die Grenze bin nur ich selbst."
Sie stellte fest, dass es für Frauen auch andere, äußere Grenzen gab. Und sie sah eine Marktlücke - eine richtig große Wachstumsbranche sozusagen. Sie beobachtete, bildete sich weiter, und dann, vor rund zehn Jahren, begann sie, andere Frauen zu beraten, zunächst "aus eher altruistischen Motiven", wie sie sagt. "Aber dann wurde das immer größer, so dass ich irgendwann auch Geld dafür genommen habe, klar."
Heute verbringt sie die Hälfte ihrer Arbeitszeit damit, Unternehmen zu beraten, die andere Hälfte mit Coachings, Seminaren und Vorträgen. Ihr Ziel sei es, Frauen zu stärken, sagt Och, "damit die besten Männer und Frauen gemeinsam in Führung gehen".
- 1. Teil: Schluss mit dem Puppenspiel
- 2. Teil: "Leistung macht nur zehn Prozent des beruflichen Erfolgs aus"
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
- RSS
- alles aus der Rubrik Berufsleben
- RSS
- alles zum Thema Frauen im Beruf
- RSS
© SPIEGEL Wissen 3/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Pionier-Pilotinnen: "Are you a madam, Sir?" (16.09.2013)
- Karriereknick nach Babypause: Frauen, hört auf zu jammern (17.07.2013)
- Top-Jobs: Fröhlichen Frauen wird Führung kaum zugetraut (07.06.2013)
- Persönlichkeitsentwicklung: Das Leben ist eine Baustelle (29.08.2013)
- Frau im Top-Management: "Ich bin wahnsinnig gern mit Männern zusammen" (03.04.2013)
- Frauen in Ingenieurberufen: Karriere technisch unmöglich (08.08.2013)
- Frauenförderung: "Die Quote ist Teufelszeug" (06.03.2013)
- Unternehmensberaterinnen: Allein unter Männern (15.05.2012)
- Büro-Alltag: Coaching ist kein Couching (05.09.2011)
- Verborgene Begabungen: Finden Sie Ihr Supertalent! (29.05.2013)
für die Inhalte externer Internetseiten.




