• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Computerspiel Moorhuhn Totgesagte gackern länger

Game-Klassiker Moorhuhn: Ich wollt, ich wär kein Huhn Fotos
phenomedia publishing gmbh

Alle Welt spielt "Angry Birds". Beinah vergessen sind die Moorhühner - glotzen blöd, gackern nervig, bei Treffern stieben ihre Federn. Das schlichte Spiel machte eine Bochumer IT-Bude schlagartig reich. Dann die krachende Pleite, der neue Anlauf. Eine kleine Geschichte der Hühnerjagd.

Am Anfang war eine Whiskey-Marke. Die sollte in Deutschland per Computerspiel beworben werden. Hostessen zogen 1999 mit Laptops durch Szenekneipen, mit einem Mätzchen auf den Rechnern: Moorhuhnjagd. Wer mit der Maus treffsicher auf die glupschäugigen Flatterviecher zielte, bekam eine Whiskey-Probe. Wer besonders oft traf, konnte eine Diskette mit dem Spiel gewinnen.

Mit dieser Idee wollte eine Hamburger Werbeagentur schottische Jagdgewohnheiten mit dem schottischen Nationalgetränk zusammenbringen. Programmiert wurde das Federvieh im Ruhrgebiet. "Damals zur Jahrtausendwende ein Riesenerfolg, im Grunde wurden damit die casual games erfunden", erinnert sich Helge Borgarts, 41, von der Bochumer phenomedia publishing GmbH.

Er selbst war damals noch nicht bei Phenomedia; die heutige Firma hat rein rechtlich nichts mit der damaligen Phenomedia AG in Wattenscheid zu tun, darauf legt Borgarts Wert. "Eine neue, simple Spielidee und der Online-Boom zur Jahrtausendwende - das war eine günstige Koinzidenz", sagt er. Millionenfach verbreitete sich das Mini-Spiel binnen kürzester Zeit.

Die "Bild am Sonntag" ("BamS") berichtete im Januar 2000 über Angestellte, die alle Arbeitspflichten vernachlässigten, Telefonate ignorierten und lieber die virtuelle Schrotflinte durchluden. "Diese Spiele gehören zur gesellschaftlichen Wirklichkeit", sagte eine resignierte Daimler-Chrysler-Sprecherin, gefragt nach den Folgen im Büroalltag.

"Gimme more Huhn!"

Einfach und schnell - mit diesen beiden Merkmalen, sagt Benjamin Weyers, gelang dem Moorhuhn der Siegeszug. Der Informatiker forscht an der Uni Duisburg/Essen zur Interaktion zwischen Mensch und Maschine. "Man hat schnell Erfolg, kann Punkte sammeln und erlebt seine Lernfortschritte: Viele haben's gespielt, man hat sich darüber ausgetauscht und die Punktestände verglichen." Bemerkenswert findet Weyers den Erfolg auch, weil es im Moorhuhn-Geburtsjahr 1999 noch keine Smartphones, Tablets oder iPods gab.

Harald Schmidt ballerte in seiner Late-Night-Show mit einer großkalibrigen Waffe Richtung Zuschauer. Wigald Boning, Komiker und Träger seltsamer Herrenanzüge, machte den holprig gereimten Trittbrettsong zum Spiel, "Gimme more Huhn":

Gimme gimme gimme more Huhn!
I love the power to shoot.
Gimme gimme gimme more Huhn!
Moorhühner make me feel good.

Heute wiederholt sich die Game-Geschichte gerade ein wenig - mit "Angry Birds", ebenfalls ein Überraschungserfolg aus dem Nichts. Beide Spiele haben, mit einem Jahrzehnt Abstand, deutliche Parallelen. Moorhuhn war, wenn man so will, der schlichteste Ego-Shooter: per Flinte diesen hässlichen Hühnern eins verpassen, auf vielen Levels den Highscore jagen - ein albernes Spiel mit schlichter Grafik für kindische Erwachsene.

Milliarden-Monopoly am neuen Markt

Bei "Angry Birds" geht es wieder um zeitverschwenderischen Unfug durch hässliche Piepmätze, die sonderbare Geräusche machen. Das Spiel hat einen ähnlich hohen Sucht-Sog, programmiert in einer winzigen finnischen Software-Bude, die bis dato erfolglos war und dann kometenartig aufstieg. Die Firma Rovio verdient an der App prächtig; ihr Wert wird momentan auf eine Milliarde Euro geschätzt. Mindestens.

Auch Phenomedia wurde zwischenzeitlich ein Wert von fast einer Milliarde Euro zugeschrieben - allerdings auf Basis von Finanztricks. Die Bochumer Entwickler nutzten den Hype ums Huhn und brachten ihre Firma an die Börse. Am Neuen Markt sollen sie schon am ersten Tag über 20 Millionen Euro von Aktionären eingesammelt haben. Wer Anfang der Nullerjahre cool sein wollte als Informatiker oder Entwickler, träumte von Jobs oder gar einer Partnerschaft bei Unternehmen wie Phenomedia.

Der Schrecken aller Bosse verbreitete sich so rasant, dass Arbeitgeber bald dramatische Rechnungen aufstellten: Wenn wöchentlich 300.000 Angestellte während der Arbeit nur 30 Minuten lang Hühner jagen, bedeute das bereits Verluste von fast vier Millionen Euro täglich. "Arbeitnehmer, die ständig auf ihrem PC spielen, können abgemahnt werden, weil sie Arbeitsmittel für private Dinge gebrauchen", warnte Rechtsanwalt Christoph Schreyer in der "BamS". Arbeitgeber versuchten, spielsüchtige Mitarbeiter mit dem Merkblatt "Hühnerjagd im Betrieb" zur Ordnung zu rufen. Ob es aber jemals tatsächlich zu einem Moorhuhn-Arbeitsgerichtsprozess kam? Wohl kaum.

Hoffnung auf die alten Erfolge

Verurteilt wurden indes zwei frühere Vorstände der Phenomedia AG. Im Dunstkreis des Neuen Marktes wucherten damals die Skandale, 2002 wurde auch ein millionenschwerer Betrug der Moorhuhn-Macher aufgedeckt. Nach vierjährigem Prozess brummte das Bochumer Landgericht den beiden Hauptverantwortlichen 2009 mehrjährige Haftstrafen auf, wegen Betrugs, Bilanzfälschung und Untreue. "Wir wurden mit fremdem Geld nur so zugeworfen, aber wir hatten nicht die Fähigkeit, damit umzugehen", sagte der Ex-Vorstandschef. "Wir haben ein Spiel gespielt: Monopoly - aber mit echtem Geld."

2002 war das alte Phenomedia-Unternehmen in die Insolvenz gegangen, Millionen waren unwiderruflich verbrannt. Das Moorhuhn allerdings lebte weiter. Die 2004 gegründete phenomedia publishing GmbH hoffte, an alte Erfolge anknüpfen zu können. Bald waren wieder 50 Mitarbeiter für die GmbH aktiv, Marketingleute ebenso wie Spieleentwickler, Programmierer und Informatiker. Und schnell war klar: Der Absturz schien sich zu wiederholen. "Ich bin 2006 als Geschäftsführer ins Unternehmen gekommen", so Helge Borgarts. "In dem Jahr hatten wir ein Minus von über einer Million Euro."

Ein schmerzhafter Reform- und Schrumpfungsprozess folgte, 2008 war die Bilanz erstmals wieder positiv. Heute hat die Firma nur noch drei Mitarbeiter. "Alles andere wird extern erledigt, von Kooperationspartnern und Freelancern", sagt Borgarts. Die Firma beschränkt sich aufs Kerngeschäft, nämlich Publishing - alles andere ist ausgelagert. Ausgewiesene IT-Spezialisten oder Spieleentwickler gibt es bei phenomedia heute nicht mehr.

"Mit dem Moorhuhn lässt sich immer noch Geld verdienen"

Auch Helge Borgarts selbst kommt aus einem ganz anderen Fach. Eine klassische Gesangsausbildung hat er mal gemacht, kurz mit dem Gedanken an eine Karriere als Wagner-Tenor geliebäugelt, sich dann für ein Biologiestudium mit Schwerpunkt Zoologie entschieden und nebenher bei einem Spieleentwickler in Mülheim gejobbt. "Irgendwann musste ich mich entscheiden - für eine Promotionsstelle auf den Philippinen oder den Einstieg in die IT-Firma." Nach verschiedenen Jobs und einem weiteren Promotions-Anlauf landete er 2006 bei den Moorhuhn-Nachfolgern.

"In der Spiele-Branche liegen Kreativität und Unvermögen leider oft nah beieinander", weiß Borgarts. Weil Produkt und wirtschaftliche Struktur gleichermaßen stimmen müssen, plädiert er heute für eine klare Trennung der Bereiche Entwicklung und Vermarktung. "Beides ist spannend", sagt Borgarts, "aber wer sich für die Games-Branche interessiert, muss sich entscheiden." Ihn interessiere heute vor allem der Markt, der sich so rasant wandelt, und die Frage, wie man bei App-Preisen von 1,79 Euro noch mit Spielen Geld verdienen könne: "Da müssen ganz neue Ideen entstehen, um zugleich wirtschaftliches Wachstum und gute Qualität zu erreichen." Bisher fehle es an jungen Leuten, die ökonomisch und kreativ neue Konzepte entwickelten.

Manchmal geht bei phenomedia in Bochum-Wattenscheid der Blick zurück in die goldenen Moorhuhn-Zeiten. Die seien, sagt Helge Borgarts, nicht völlig vorbei: "Mit dem Moorhuhn lässt sich immer noch Geld verdienen." Aus dem ursprünglich simplen Shooter ist längst eine ganze Produktfamilie geworden. 34 Varianten gibt es derzeit, die neuesten heißen "Moorhuhn Combat" und "Tiger & Chicken" (siehe Fotostrecke). Im phenomedia-Besprechungsraum füllen die Spielepackungen und etliche Merchandising-Produkte ganze Regalwände.

Ja, sagt Helge Borgarts, schön wär's, noch einmal eine solche Überfliegergeschichte zu schreiben. Planbar ist das kaum. Aber möglich, das schon. Die wütenden Vögel aus Finnland beweisen es ja.

  • Claudia Adolphs
    Armin Himmelrath (Jahrgang 1967) ist Wissenschafts- und Bildungsjournalist mit einem Faible für eher abseitig erscheinende Forschungsthemen - etwa rund um den Fußball. Darüber hat er das Buch "Macht Köpfen dumm? Neues aus der Fußball-Feldforschung" (Herder, 2006) geschrieben.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Erfolg
bluemetal 10.05.2012
Der Erfolg dieses äußerst simpel programierten Spiels ist ausnahmslos dem/den genialen Grafikerdesigner und sonst niemand zuzuschreiben sein. Die Hühner schauen einfach dermaßen dämlich aus, dass ich jetzt noch beim Betrachten der Bilder den unbändigen animalischen Wunsch verspühre sie zu töten :) So gesehen hätte mich ein Bericht über diesen Designer, oder eine Erwähnung über ihn/sie im Bericht mehr interessiert als diese Marketing-Geschwafel. Wären hier Flugzeuge o. ä. zu treffen hätte es nämlich gar keinen Erfolg gegeben.
2. Ich habe sogar
dr.u. 10.05.2012
Zitat von sysopAlle Welt spielt "Angry Birds". Beinah vergessen sind die Moorhühner - glotzen blöd, gackern nervig, bei Treffern stieben ihre Federn. Das schlichte Spiel machte eine Bochumer IT-Bude schlagartig reich. Dann die krachende Pleite, der neue Anlauf. Eine kleine Geschichte der Hühnerjagd. Computerspiel Moorhuhn: Aufstieg und Fall der IT-Firma Phenomedia - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,832326,00.html)
Moorhuhn-Schießen war ein genialer (Arbeits)zeitvernichter. Ich habe sogar ein Original Plüsch-Moorhuhn! Ich stehe dazu! (nur Modern Talking Mcs/LPs/CDs habe ich wirklich nie gekauft oder besessen) Moorhuhn; Live long and prosper ;-)
3.
HaioForler 10.05.2012
Zitat von bluemetalDer Erfolg dieses äußerst simpel programierten Spiels ist ausnahmslos dem/den genialen Grafikerdesigner und sonst niemand zuzuschreiben sein. Die Hühner schauen einfach dermaßen dämlich aus, dass ich jetzt noch beim Betrachten der Bilder den unbändigen animalischen Wunsch verspühre sie zu töten :)
ROFL, genau. 1195 stehen zu Buche. Leider die 1200 nie geschafft :)
4. Wer hats erfunden?
jorgos 10.05.2012
Zitat von bluemetalDer Erfolg dieses äußerst simpel programierten Spiels ist ausnahmslos dem/den genialen Grafikerdesigner und sonst niemand zuzuschreiben sein. Die Hühner schauen einfach dermaßen dämlich aus, dass ich jetzt noch beim Betrachten der Bilder den unbändigen animalischen Wunsch verspühre sie zu töten :) So gesehen hätte mich ein Bericht über diesen Designer, oder eine Erwähnung über ihn/sie im Bericht mehr interessiert als diese Marketing-Geschwafel. Wären hier Flugzeuge o. ä. zu treffen hätte es nämlich gar keinen Erfolg gegeben.
Ich gehörte als Kontakter zum Team der Agentur ( V und B), die das Moorhuhn erfunden hat. Der Grafiker, der das Moorhuhn entworfen hat, war unser Art Director Lothar Eberhardt.
5. ich erinnere mich....
rgw 10.05.2012
Zitat von sysopAlle Welt spielt "Angry Birds". Beinah vergessen sind die Moorhühner - glotzen blöd, gackern nervig, bei Treffern stieben ihre Federn. Das schlichte Spiel machte eine Bochumer IT-Bude schlagartig reich. Dann die krachende Pleite, der neue Anlauf. Eine kleine Geschichte der Hühnerjagd. Computerspiel Moorhuhn: Aufstieg und Fall der IT-Firma Phenomedia - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,832326,00.html)
Ganze Bürogemeinschaften hatten sich damals per email zum "ballern" verabredet. Die damalige GF meiner Firma sahen sich genötigt, ihre Angestellten zur Ordnung zu rufen. Bis sie selbst beim Moorhuhn spielen "erwischt" wurden... das Gelächter war groß.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema IT-Berufe - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Fotostrecke
Gehaltsreport: Was Informatiker verdienen

Verwandte Themen
Fotostrecke
IT-Arbeitsmarkt: Daten für die Datenschubser



Social Networks