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12. November 2010, 08:57 Uhr

Denglische Stellenanzeigen

Von Beruf Programmer Analyst Supply Chain Support Projects

Für Bewerber ist das deutsch-englische Kauderwelsch in Stellenanzeigen oft verwirrend. Darüber promoviert Carolin Kruff, 29, in Aachen - und versteht auch nicht immer, wer genau da gesucht wird. Manche Wortkreationen sieht sie aber eher als kulturelle Leistung, nicht als Sprachverhunzung.

UniSPIEGEL: Sie haben nahezu 50.000 Stellenanzeigen aus deutschen Tageszeitungen der Jahre 1950 bis 2008 ausgewertet. Verstehen Sie immer, wer da gesucht wird?

Carolin Kruff: Bei einem "Regional Sales Manager Full Service Internet Provider" oder bei "Programmer Analyst Supply Chain Support Projects" ist das ganz schön schwierig. Solche Berufsbezeichnungen sollen international Fachleute einer bestimmten Branche ansprechen, für Otto Normalabsolvent sind die nicht gedacht.

UniSPIEGEL: Sind die Anzeigen mit Absicht so kryptisch formuliert?

Kruff: Natürlich treffen die Firmen so schon eine Vorauswahl. Gleichzeitig verschenken sie die Chance, einen breiteren Interessentenkreis anzusprechen. Ich rate Bewerbern immer: Ruft beim Unternehmen an und fragt nach, wenn ihr eine Stellenanzeige nicht versteht.

UniSPIEGEL: Wann haben sich die englischen Berufsbezeichnungen in Deutschland eigentlich eingeschlichen?

Kruff: Deutlich spürbar erst in den achtziger Jahren, davor gab es lediglich einige allgemeine aus dem Englischen entnommene Wörter wie Export oder Manager. So richtig angesagt war Englisch in deutschen Stellenanzeigen auf dem Höhepunkt der New-Economy-Euphorie im Jahr 2000, das drückte Modernität und Weltläufigkeit aus. Seither wird es weniger, insbesondere nach der Finanzkrise. Deutsche Berufsbezeichnungen sollen nun für Solidität und Bodenhaftung stehen. Mittlerweile finden sich viele Mischungen aus Deutsch und Englisch.

UniSPIEGEL: Beispiele, bitte!

Kruff: Teamleiter, Beteiligungscontroller, Softwareentwickler, Service-Mitarbeiter...

UniSPIEGEL: Was ist mit "Handy-Verkäufer"?

Kruff: Der wiederum ist eine rein deutsche Wortschöpfung. Ich nenne das immer "English made in Germany". Das Handy gibt es im Englischen ebenso wenig wie einen "Dressman". Der heißt in britischen oder amerikanischen Stellenanzeigen "Male model".

UniSPIEGEL: Verhunzen solche Wortkreationen die deutsche Sprache?

Kruff: Im Gegenteil. Ich sehe das eher als kulturelle Leistung. Wir integrieren Anglizismen in den meisten Fällen sehr gut in die deutsche Sprache und halten sie so lebendig. Von einer Bedrohung der deutschen Sprache durch Anglizismen sind wir momentan weit entfernt.

Das Interview führte Jan Friedmann. Es erschien erstmals im Mai 2010 im UniSPIEGEL.

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