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Pflegehelfer Hauptsache Arbeit

Altenheime: Der harte Job von Pflegehelfern Fotos
Andreas Voigt

Viele Jahre verdiente Lajos Piros gutes Geld bei einem Fernsehdienst. Seit die Firma pleite ist, hält er sich mit dem harten Job eines Pflegehelfers gerade so über Wasser - die Geschichte eines Berliners, der schon bessere Zeiten gesehen hat und mitten in der Niedriglohn-Realität angekommen ist.

Für einen Pflegehelfer, der alle Hände voll zu tun hat, macht Lajos Piros (Name geändert) einen relativ entspannten Eindruck. Dabei ist im Wohnbereich 3 der Seniorenresidenz "Domicil" in Berlin-Steglitz gerade Kaffeezeit. Im Ess- und Aufenthaltsraum flitzt Piros von Tisch zu Tisch, schenkt den Bewohnern Kaffee nach und bringt ihnen Kuchen.

Bisweilen piept sein tragbares Telefon. Immer dann steuert der drahtige Mann mit dem rot kariertem Pflegerhemd eine der zahlreichen Türen auf dem langen Korridor an. Eine alte Dame muss auf die Toilette, ein alter Mann benötigt Hilfe beim Aufstehen. "Einige der Bewohner sind bettlägerig und können sich ohne Hilfe nicht mehr allein fortbewegen", sagt Piros und hastet ins nächste Zimmer.

Sein Job ist hart, körperlich wie seelisch. Und in der Hierarchie der Pflegeberufe steht er ganz unten: Pflegehelfer werden am schlechtesten bezahlt und müssen nicht selten am meisten leisten. Sein Bruttostundenlohn liegt bei 8,50 Euro, Sonn- und Feiertagszuschläge eingerechnet. Doch beschweren würde einer wie er sich nie. Piros, 58, ist froh, überhaupt eine Arbeit zu haben. "Von 'Vater Staat' abhängig zu sein", sagt der gebürtige Ungar, "das ist nichts für mich."

Goldene Zeiten: Sicherer Job, ausgefülltes Leben

Als er vor drei Jahren arbeitslos wurde, brach für ihn eine kleine Welt zusammen. 28 Jahre lang war er bis dahin Lagerarbeiter bei einem Berliner Fernsehreparatur-Dienst. 28 Jahre hat er neue Fernsehgeräte geprüft, Ersatzteile nachbestellt und bei Bedarf an Fernsehmechaniker ausgehändigt. Piros verdiente gut und musste sich nicht allzu sehr verausgaben. Heute kommt ihm das alles "wie ein Märchen aus einer vergangenen Zeit vor".

Lajos Piros wuchs in einer südungarischen Kleinstadt auf. Seine Homosexualität musste er verbergen; auf einer Urlaubsreise Silvester 1979 nach Ost-Berlin lernte er einen jungen Mann aus dem Westen der Stadt kennen. Aus der flüchtigen Begegnung wurde eine langjährige Beziehung. Piros stellte einen Ausreiseantrag und siedelte bald nach West-Berlin um. Der Drogerieverkäufer lernte Deutsch und fand schnell einen sicheren, neuen Job - beim "Jäger Fernsehdienst".

Einst war der Fernsehreparatur-Service mit dem Slogan "Fernsehkummer? Jägernummer! 88088" eine kleine Goldgrube. Das Geschäftsmodell ähnelte einer Versicherung: alle nötigen Reparaturen für eine Monatspauschale von 35 Mark. Allein der Wartungsdienst bescherte der Firma monatliche Einnahmen in Höhe von 1,4 Millionen Mark. Piros stieg schnell zum Leiter des Ersatzteillagers auf, verdiente in Spitzenzeiten über 3000 Mark. Er reiste viel, kaufte sich eine kleine Eigentumswohnung und spielte in einem schwul-lesbischen Sportverein Badminton.

In der Insellage des damaligen West-Berlin ließ es sich ganz gut leben. Die Stadt profitierte von hohen Subventionen aus dem Westen, mit verhältnismäßig niedriger Arbeitslosigkeit und soliden Löhnen. "Ich kannte damals niemanden, der arbeitslos war", sagt Lajos Piros.

Im tiefen Loch der Arbeitslosigkeit

Nach der Wende bröckelte diese heile Welt gewaltig - Berlin, nun "arm, aber sexy". In der neuen "Geiz ist geil"-Zeit sind Fernseher günstig wie nie. Wer braucht da noch einen Service, der die Geräte repariert? Piros merkte, wie seinem Arbeitgeber die Kunden schwanden, wie die Mitarbeiteranzahl sank. Tapfer hielt sich das Unternehmen bis zum Frühjahr 2008, dann war endgültig Schluss. Und Lajos Piros nach mehr als einem Vierteljahrhundert seinen Job los.

55 Jahre alt, mit seinem ungarischen Abschluss als Drogerieverkäufer chancenlos auf dem deutschen Arbeitsmarkt - Piros fiel zunächst in ein tiefes Loch. Er las nicht mehr, ging nicht mehr aus, verzichtete sogar auf sein geliebtes Badminton. Länger arbeitslos zu sein: undenkbar.

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Immer im Dienst: Doppelschicht und Doppellast
Also griff Piros nach dem einzigen Strohhalm in Sicht. Die Pflegebranche hat zwar nicht den besten Ruf, doch in Seniorenheimen ist der Bedarf an Arbeitskräften groß. Zudem mag Lajos Piros ältere Leute, schätzt deren Weisheit und Lebenserfahrung. Im Juli 2008 begann er mit einer zehnwöchige Umschulung zum Pflegehelfer, mit Fächern wie Anatomie, Ernährung und Pflegeprozesse. "Es war schwer, nach so langer Zeit wieder die Schulbank zu drücken", sagt Piros. In seinem Umschulungskurs sitzen Menschen aus den verschiedensten Nationen, mit ganz unterschiedlichen Qualifikationen - alles andere als günstige Lernumstände. "Die meisten Teilnehmer störten den Unterricht, mit dem Ziel durchzufallen", so Piros.

"Wenn Lajos Feierabend macht, gehen Sonne und Mond unter"

Er aber wollte nur eines: schnell wieder in Lohn und Brot kommen. Was es bedeutet, in der Pflegebranche ganz unten anzufangen, erfuhr Piros bereits beim ersten Job in einem Berliner Pflegeheim: "Ich war der Depp, alle versuchten, die Arbeit auf mich abzuwälzen." Er schuftete in einem Heim, das personell chronisch unterbesetzt und schlecht ausgerüstet war, mit größtenteils bettlägrigen Bewohnern. Piros arbeitete meist mehr als 40 Wochenstunden, für 900 Euro netto, schon inklusive Überstunden und Feiertagszuschlägen.

Lange hielt er das nicht durch, bewarb sich weiter und landete im Januar 2009 in der privat geführten Seniorenresidenz "Domicil". Zwar verdient er auch hier nicht mehr als den Mindestlohn, doch immerhin ist die Pflege- und Arbeitssituation deutlich besser.

Seine Schicht beginnt um 14.30 Uhr und endet um 21 Uhr; meist beginnt er eine halbe Stunde früher. "Es ist viel zu tun", sagt Piros, während er den Pflegemittelschrank mit Handtüchern, Seifen und Inkontinenz-Materialien auffüllt. Zusammen mit zwei Kollegen kümmert er sich um 35 Bewohner. Alles muss schnell gehen: Essen reichen, Waschen, Haare kämmen.

Da ist die Zeit für einen Plausch oft sehr knapp. Dennoch spricht Piros mit den Bewohnern, so viel er kann. Oder hält auch mal deren Hand. Beliebt ist er im Pflegeheim. "Wenn Lajos Feierabend macht, dann gehen Sonne und Mond gleichzeitig unter", sagt eine 89-jährige Bewohnerin, deren linker Unterschenkel wegen einer Blutvergiftung amputiert werden musste.

Abschalten nach Feierabend ist schwierig

Inzwischen bereitet der Pflegehelfer das Abendessen vor. Es riecht nach getoastetem Weißbrot. Piros stellt Butter, Aufschnitt und Multivitaminsaft auf die fünf Tische. Obwohl es erst 17.15 Uhr ist und das Abendessen eigentlich um 18 Uhr beginnt, betritt ein alter Mann bereits den Raum und stützt sich auf einen Rollator. "Wollen Sie jetzt schon etwas essen?", fragt Piros und hilft ihm behutsam beim Hinsetzen.

Nach dem Abendessen bringt Lajos Piros die Bewohner in ihre Zimmer, hilft ihnen beim Entkleiden, Waschen und Zähneputzen. Am Ende seiner Schicht schreibt er den Pflegebericht: "Der ist wichtig, damit die nachfolgende Schicht zum Beispiel über bestimmte Beschwerden eines Bewohners Bescheid weiß." Bevor Piros nach Hause geht, schaut er noch einmal bei seinen Bewohnern rein, erkundigt sich nach dem Wohlbefinden und verabschiedet sich.

Abschalten kann der Pflegehelfer danach meist nicht so leicht. Was während seiner Schicht alles passiert ist, muss er erst einmal verarbeiten. Seitdem Lajos Piros in dem Steglitzer Pflegeheim arbeitet, sind zehn Bewohner in seinem Bereich gestorben. Zu einigen hatte er einen sehr guten Draht - "das nimmt dich ganz schön mit". Dennoch: Lajos Piros mag seinen Job, ist froh, ihn zu haben. Bis zur Rente will er unbedingt durchhalten.

  • Andreas W. Voigt (Jahrgang 1972) ist freier Journalist in Berlin.

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insgesamt 122 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ja, das ist so im....
Roueca 13.04.2012
Zitat von sysopAndreas VoigtViele Jahre verdiente Lajos Piros gutes Geld bei einem Fernsehdienst. Seit die Firma pleite ist, hält er sich im harten Job eines Pflegehelfers gerade so über Wasser - die Geschichte eines Berliners, der schon bessere Zeiten gesehen hat und mitten in der Niedriglohn-Realität angekommen ist. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,826237,00.html
...modernen Deutschland, daß wir am liebsten haben und für das wir unser Leben geben würden, unsere Kinder werden schlecht bezahlt und die Leute die die Menschen versorgen und pflegen, welche Deutschland aufgebaut und ein Leben lang geschuftet haben, die auch. Hauptsache ein Manager verdient Million und Abermillionen! Es wird Zeit das sich das grundlegend was ändert! Aber nein, in D kämpfen die Jungen gegen die Alten und die Alten gegen die Jungen und so ist es möglich, daß dieser Unsinn Blüten trägt!
2. 3000 Mark
kpfl 13.04.2012
wenn Lajos jetzt eine 100% Stelle hat verdient er fast soviel wie früher ;-)1360 €- früher waren es pro Stunde dann 9,30 €... die Zeiten in denen Pflegerhelfer mit 8,50 abgespeist werden sind ausserdem auch vorbei!
3.
testthewest 13.04.2012
Zitat von sysopAndreas VoigtViele Jahre verdiente Lajos Piros gutes Geld bei einem Fernsehdienst. Seit die Firma pleite ist, hält er sich im harten Job eines Pflegehelfers gerade so über Wasser - die Geschichte eines Berliners, der schon bessere Zeiten gesehen hat und mitten in der Niedriglohn-Realität angekommen ist. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,826237,00.html
Ein schönes Beispiel für innere Haltung und Wille. Sich nicht hängen lassen, wenn die Arbeit zu schlecht ist, kündigen und woanders weitermachen. Wir können nicht alle Millionäre sein, aber das ist auch nicht notwendig. Dieser Mann ist wie viele. Er arbeitet weniger wegen des Geldes, als der Befriedigung, nach einem Arbeitstag nach Hause zu kommen und sich gut zu fühlen, weil er etwas geleistet hat. Am Ende ist er wahrscheinlich zufriedener als ein Goldman-Sacks Banker.
4.
alexbln 13.04.2012
solche leute finde ich spitze! -da habe ich allergrößten respekt. der bekommt seinen hintern hoch und jammert nicht wie viele, die einfach keinen bock auf arbeit haben.
5. Hochachtung mein Lieber!
theodorheuss 13.04.2012
Zitat von sysopAndreas VoigtViele Jahre verdiente Lajos Piros gutes Geld bei einem Fernsehdienst. Seit die Firma pleite ist, hält er sich im harten Job eines Pflegehelfers gerade so über Wasser - die Geschichte eines Berliners, der schon bessere Zeiten gesehen hat und mitten in der Niedriglohn-Realität angekommen ist. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,826237,00.html
Hochachtung und Respekt vor solch einer Einstellung zum Leben im Ganzen und zur Arbeit im Speziellen. Von ihnen können sich so einige Landsleute eine dicke Scheibe abschneiden! Indes es bleibt da ein ganz bitterer Beigeschmack. WARUM bekommt ein solcher Malocher 8.50 Brutto die Std.? das sind 1.360,- Euro Brutto. Ich weiß jetzt nicht genau was da an Sozialabgaben und Steuern von abgeht, befürchte aber das Herr Piros nicht über 1.000,- Netto heraus bekommt. Gestern war ein Bericht an selber Stelle der publizierte das Hartz 4 Empfänger Leistungslos im Schnitt 807,- Euro erhalten. Da stimmt doch etwas ganz gewaltig nicht!!!
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Wie man Pflegehelfer wird
DPA

Angehende Pflegehelfer absolvieren einen sogenannten Pflegebasiskurs (400 Stunden). Jobcenter bieten dafür immer wieder Bildungsgutscheine an. Die Ausbildung von Pflegehelfern ist deutlich kürzer als die von examinierten Altenpflegern oder Krankenschwestern.
Was Pflegehelfer verdienen
Pflegehelfer erhalten niedrige Löhnen, die oftmals kaum zum Leben reichen. Während viele öffentliche und gemeinnützige Pflegeeinrichtungen ihren Pflegehelfern Tarifstundenlöhne zwischen 10,50 und 13,60 je nach Betriebszugehörigkeit zahlen, liegt der Stundenlohn in privat geführten Einrichtungen vielfach nicht höher, als der Mindestlohn (seit dem 1. Januar 2012: in Westdeutschland 8,75 Euro, in Ostdeutschland 7,75 Euro) es erfordert.
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Gegenwärtig sind 4,1 Millionen Menschen in Deutschland 80 Jahre und älter. 2030 werden es 6,3 Millionen sein, die Mehrheit von ihnen pflegebedürftig. Das Bundesgesundheitsministerium geht von knapp 3,3 Millionen Pflegebedürftigen im Jahr 2030 in Deutschland aus. Aktuell sind es 2,4 Millionen. Rund ein Drittel von ihnen wird vollstationär in Heimen betreut.

Klarer Fall von Fachkräftemangel
Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren Ende 2009 bundesweit 890.000 Menschen in der Altenpflege beschäftigt, davon 70 Prozent in Pflegeheimen. Schon heute fehlten in diesem Bereich rund 30.000 Fachkräfte, erklärt der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Und warnt vor einem Pflegenotstand: Bis zum Jahr 2025 würden mehr als 150.000 Fachkräfte in der Kranken- und Altenpflege fehlen. Nötig seien unter anderem eine bessere Aus- und Weiterbildung, zudem Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern sowie die unbürokratische Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.

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