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Integrationslehrer Nur raus aus dem Traumberuf

Deutschunterricht für Zuwanderer: "Klarer Fall von Scheinselbstständigkeit" Fotos
DPA

Jeder Zuwanderer muss in Deutschland einen Integrationskurs absolvieren. Doch den Schulen laufen die Lehrkräfte davon. Sabine Heurs bleiben am Monatsende 1200 Euro - damit gilt sie im Dozentenjob schon als Top-Verdienerin.

Im Kurs von Sabine Heurs sitzen ein politisch verfolgter Tierarzt aus Iran, ein nigerianischer Bischof, der mehrere Stammessprachen spricht, und eine chronisch übermüdete junge Rumänin, die nachts im Fitnessstudio putzt. Menschen, die von einem besseren Leben träumen.

Das haben sie mit ihrer Dozentin gemeinsam. In Vollzeit verdient Heurs 1200 Euro netto im Monat - und zählt damit zu den Top-Verdienerinnen in ihrem Beruf. "Ein Witz", sagt sie und wirkt ziemlich ernst dabei.

Vor zehn Jahren führte die Bundesregierung verpflichtende Integrationskurse ein. Deutsch für Zuwanderer, damit sie Anträge ausfüllen, Arbeit suchen und ihren Kindern bei den Schulaufgaben helfen können. "Die Kurse haben sich bewährt", so steht es im aktuellen Koalitionsvertrag. Die Politik hat erkannt, dass Integration Geld kostet. Wie viel genau, bleibt eine unbequeme Rechnung.

Abends halb zehn in Berlin, Sabine Heurs, 44, gönnt sich zum Feierabend ein Kännchen Hibiskustee. Zehn Kursstunden an der Volkshochschule Reinickendorf liegen hinter ihr. Manche Teilnehmer sind in ihren Herkunftsländern nur wenige Jahre zur Schule gegangen, "man muss sich verdammt reinhängen, um alle mitzunehmen", sagt sie. Warum ihre Arbeit weniger wert sein soll als die angestellter Pädagogen, versteht die Magisterabsolventin nicht. Als Berufsschullehrerin würde sie etwa das Doppelte verdienen, hat sie recherchiert.

Integrationskurse
Inhalt und Teilnehmer
Die Integrationskurse bestehen aus 600 Stunden Sprachunterricht und 60 Stunden Orientierungskurs zu Geschichte, Kultur, Alltag, Recht und dem politischen System in Deutschland.
Jobcenter oder Ausländerbehörde können Zuwanderer zur Teilnahme verpflichten, wer deutscher Staatsbürger werden möchte, muss im Abschlusstest die Niveaustufe B1 erreichen. Für Sozialhilfe- und ALG-II-Empfänger sind die Kurse kostenfrei, die übrigen zahlen einen Eigenanteil (1,20 Euro pro Kursstunde).
Finanzierung und Träger
Das System der Integrationskurse wird vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verantwortet und finanziert. Es zahlt den Kursträgern 2,94 Euro pro Teilnehmer und Kursstunde (bzw. 1,74 Euro für Teilnehmer, die einen Eigenanteil leisten). Rund 1800 private und öffentliche Träger sind für Integrationskurse zugelassen. Die Träger müssen ihren freiberuflichen Lehrkräften 20 Euro pro Stunde zahlen. Zahlen sie weniger, können sie nach einem Jahr die Zulassung durch das Bamf verlieren.
Lehrkräfte
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat bislang rund 24.000 Lehrer für den Unterricht in Integrationskursen zugelassen. Sie müssen dafür neben einem akademischen Abschluss ein Zusatzstudium "Deutsch als Fremdsprache" oder eine gleichwertige pädagogische Qualifikation vorweisen. Wie viele Lehrkräfte derzeit in Integrationskursen arbeiten, ist nicht bekannt, allein beim größten Kursanbieter, den Volkshochschulen, sind es derzeit etwa 3000. Nur ein geringer Teil der Lehrkräfte ist festangestellt.

(Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Deutscher Volkshochschul-Verband)
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zahlt den Sprachschulen 2,94 Euro je Teilnehmer und Kursstunde - "das ist keinesfalls kostendeckend", so die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie fordert höhere Beträge und für die Dozenten ein Mindesthonorar von 30 Euro pro Stunde.

Aktuell liegt es zehn Euro darunter. Davon müssen die Honorarkräfte Renten- und Krankenversicherung komplett selbst finanzieren, Geld für die unbezahlten Urlaubs- und Krankentage zurücklegen. Kündigungsschutz gibt es nicht, nur Fristverträge.

Dass unter diesen Bedingungen zehn zusätzliche Euro die Dozenten kaum vor dem Prekariat bewahren, kann Sabine Heurs an ihren Kontoauszügen ablesen. Als einer der wenigen zahlt ihr Träger bereits 30 Euro pro Stunde; Renten- und Krankenkasse verschlingen davon ein Drittel. "Jedem von uns ist klar: Wer den Job eine Weile macht, wird am Ende richtig arm sein", sagt sie.

"Wir sind Lehrer und wollen auch so behandelt werden"

Georg Niedermüller wähnte sich im Traumberuf, als er 2009 Integrationslehrer wurde. Schnell wachte er auf. "Ich habe das ganze Jahr mit Hartz IV aufgestockt." Mit seiner "Initiative Bildung prekär" prangert er die Beschäftigungsverhältnisse an: "Wir Dozenten arbeiten für nur einen Auftraggeber, in festen Räumen, nach vorgeschriebenem Lehrplan, zu nicht verhandelbaren Honoraren - klarer Fall von Scheinselbstständigkeit."

Er sieht nur einen Ausweg aus dem Dumping-Dilemma: die Festanstellung. "Wir sind keine Unternehmertypen, wir sind Lehrer und wollen auch so behandelt werden." Höhere Honorare seien keine Lösung, "die würden nur unseren Selbstständigenstatus zementieren".

Die Rufe nach fairer Bezahlung sind so alt wie die Integrationskurse selbst. Ebenso beharrlich verweist das Bundesamt auf die Vertragsfreiheit zwischen Trägern und Lehrkräften. "Eine Erhöhung des Kostenerstattungssatzes ist derzeit nicht geplant", heißt es auf Nachfrage.

Dabei ist die Gelegenheit, bessere Bedingungen zu erwirken, günstig wie nie: Das Weltgeschehen füllt unaufhörlich die Kursräume, das Bundesamt zählte bislang weit mehr als eine Million Teilnehmer, jedes Jahr wird ein neuer Teilnehmerrekord vermeldet. Künftig sollen auch Asylbewerber Integrationskurse belegen dürfen. Gleichzeitig laufen den Sprachschulen die Lehrkräfte davon; viele wandern in besser honorierte und gesicherte Beschäftigungen ab, wie der deutsche Volkshochschulverband beobachtet hat.

Zum Aufbegehren fehlen Zeit und Kraft

Ob aber dieser Nachfrageüberhang den verbliebenen Dozenten hilft? Eben jene Arbeitsbedingungen, gegen die sie aufbegehren sollten, hindern viele am Protest: Wer zu Demos fährt, verzichtet auf Honorar, bezahlt wird nur jede geleistete Kursstunde. Und wer für ein paar Euro extra noch einen Abendkurs übernimmt, dem fehlen Zeit und Kraft zum Aufbegehren.

Andere wagen sich nicht aus der Deckung, weil finanzielle Not sie zu Betrügern macht: Es gilt als offenes Geheimnis, dass eine Mehrheit trotz Versicherungspflicht keine oder zu geringe Beiträge in die Rentenkasse einzahlt. "Wir haben Angst aufzufliegen", sagt eine Dozentin aus Westfalen, die anonym bleiben möchte.

Auch unter der hohen Fluktuation leidet die Schlagkraft der Interessenvertretungen. Nach Angaben der GEW sind weniger als zehn Prozent der Betroffenen gewerkschaftlich organisiert. Und Niedermüllers "Initiative Bildung prekär"? Besteht neben ihm aus drei weiteren Mitstreitern. Bei der Politik stießen sie auf taube Ohren, klagt er: "Die SPD hat auf unsere letzten zwölf Mails gar nicht mehr reagiert."

Für Niedermüller geht der Kampf weiter. Auch wenn er davon wohl nicht mehr profitiert. Er wolle "unbedingt raus" aus dem Job, sagt er. Sein neuester Plan: eine eigene Sprachschule gründen - und sich dann selbst ein besseres Honorar zahlen.

  • KarriereSPIEGEL-Autor David Krenz (Jahrgang 1984) ist Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule und lebt als freier Journalist in Berlin.

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insgesamt 83 Beiträge
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    Seite 1    
1. Menschen integrieren, wenn man selbst nicht integriert ist
Eros1981 02.09.2015
Ich habe die letzten 2 Jahre als Integrationshelfer an einer Grundschule für ein verhaltensauffälligen Jungen für 8,50 Euro brutto die Stunde gearbeitet. Es ist eine absurde Situation, wenn man selbst aufgrund schlechter Bezahlung und in meinem Fall noch mit Hartz 4 aufstocken muss, aber einen Beitrag dazu leisten soll, dass bestimmte Menschen in die Gesellschaft integriert werden. Bezahlt die Menschen in sozialen Berufen anständig, so dass sie später auch eine vernünftige Rente erhalten. Mit 1200 Euro netto monatlich ist Altersarmut vorprogrammiert.
2. Weil wir beim Geld sind...
muttisbester 02.09.2015
so, na dann plaudere ich mal aus dem Nähkästchen: TU-Dresden: stellt nur noch Honorarkräfte als Sprachdozenten ein. Wird über eine private gGmbH geregelt. In diesem Fall: TUDIAS Honarar seit über 10 Jahren unverändert 18,50 Euro (Brutto) pro Unterrichtseinheit Volkshochschule Dresden: ca. 16,50 Euro pro Unterrichtseinheit (auch weniger) ebenfalls seit 10 Jahren unverändert. Wer glaubt, "das ist doch recht ordentlich" dem sei gesagt: ein festangestellter Lehrer kommt auf max. 28 Unterrichtseinheiten - denn man muss ja vorbereiten und nachbereiten. Die Honarkräfte, kommen vielleicht auf 10 Stunden pro Woche, wenn sie Glück haben. Und nein, 2 Arbeitgeber wird man kaum finden. Vor allem, weil man kaum die Zeit hat, zwischen zwei Arbeitsplätzen zu pendeln. Mach also pi mal Daumen zwischen 600 und 800 Euro Brutto im Monat. In den Ferien dann 0 Euro (auch Volkshochschulen und Universitäten machen Ferien). Also haben die Honorarkräfte nur knapp 8 Monate im Jahr ein prekäres Einkommen. Da haben wir uns ein ganz tolles Bildungsprekariat geschaffen.
3.
silenced 02.09.2015
Ja, die "sozialen" Jobs sind eben schlecht bezahlt, denn sie helfen erstmal nur der Gesellschaft, nicht den Unternehmen. Die dann aber gerne die gut deutsch sprechenden und arbeitswilligen Zugewanderten nehmen. Traurig, aber wahr.
4. ...
berndine 02.09.2015
Was geht denn noch von den 30€ ab? 1/3 für Krankenvers. + Rentenvers. dann bleiben noch 20€. Mein Baumschneider nimmt 50€/h.
5.
Stäffelesrutscher 02.09.2015
Es könnte so einfach sein. Wenn die Arbeits- und Sozialgerichte ihren Job machen und dabei das Gesetz und nicht Herrn Schäubles Haushaltslage zur Grundlage nehmen würden. Auch die Rentenversicherung hat die Möglichkeit, eine Statusüberprüfung durchzuführen. Und dann hätte sich der Spuk mit der Scheinselbstständigkeit sehr schnell erledigt. Übrigens auch bei denen, die für zwei, drei oder vier Träger arbeiten.
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