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Jobchance Deutschlehrer Ich Paul, du Mahmud

Unterricht für Flüchtlinge: Plötzlich Sprachlehrer Fotos
Markus Huth

Für arbeitslose Geisteswissenschaftler ist die Flüchtlingskrise eine Chance: Sie können als Sprachlehrer arbeiten - auch ohne pädagogische Ausbildung. Schlecht bezahlt, aber besser als Hartz IV.

"Ich gehe zum Lageso", sagt Paul Löwenstein, mit Betonung auf dem "zum". Präpositionen stehen heute auf dem Unterrichtsplan. "Lageso, Scheiße!", blafft einer seiner Schüler. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales ist für die 17 Syrer und zwei Iraker der Inbegriff für endlose Wartezeiten, bürokratische Schikane und Ungewissheit. Löwenstein überhört den Einwurf - oder tut zumindest so. Auch er hat mit deutschen Behörden keine guten Erfahrungen gemacht.

Die Sachbearbeiter im Jobcenter konnten ihm nach seinem Studium nicht weiterhelfen. "Das Paradoxon in Sigizmund Krzizanovskijs Prosa", lautet der Titel seiner Masterarbeit in Slawistik an der HU Berlin, Note 1,0. Löwenstein hatte nach seinem Abschluss promovieren wollen. Doch erst bekam der Lehrstuhl die beantragten Fördermittel nicht. Und dann kamen Löwenstein Zweifel, ob die akademische Welt das Richtige für ihn ist. Es folgte: Hartz IV. "Es ist schlimm, das so zu sagen, aber für mich war der Unterricht für Flüchtlinge der Ausweg aus einer Lebenskrise", sagt er.

Es war eine Bekannte, von der er erfuhr, dass jeder Deutsch-Muttersprachler auch ohne pädagogische Ausbildung an privaten Sprachschulen freiberuflich Deutsch unterrichten kann. Schlecht bezahlt, aber immerhin besser als Hartz IV. Nach einem einwöchigen Einführungskurs war er plötzlich Deutschdozent für ausländische Studenten und Fachkräfte.

"Wir haben kaum Dozenten gefunden"

Anfang Januar stand er zum ersten Mal vor einer Flüchtlingsklasse. Aber wie bringt man Menschen ohne Vorkenntnisse Deutsch bei, wenn man selbst keine pädagogische Ausbildung hat? "Man orientiert sich an den Lehrbüchern, aber ganz am Anfang ist es ein bisschen wie bei Tarzan und Jane", sagt Löwenstein. Ich Paul, du Mahmud. Kleine Schritte. Fünf Tage pro Woche, vier Monate lang. Nach Löwensteins Einstiegskurs kommt der Anfängerkurs A1, erst ab B2 kann man sich mehr oder weniger in einer Sprache verständigen.

Mehr als eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. 400 Millionen Euro hat die Bundesagentur für Arbeit für sogenannte Einstiegskurse zur Sprachförderung bereitgestellt - und die bürokratischen Hürden für Lehrer gesenkt.

Seit zehn Jahren gibt es in Deutschland verpflichtende Integrationskurse für Zuwanderer. Diese Kurse darf nur unterrichten, wer eine Zulassung des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge hat, und die gibt es nur mit einem akademischen Abschluss und einem Zusatzstudium "Deutsch als Fremdsprache" oder einer vergleichbaren pädagogischen Qualifikation. Löwenstein hat keine. Doch für die neuen Sprachkurse gelten die Regeln nicht. Zum Glück, sagt Ayla Ertürk.

Sie leitet das deutsch-türkische Zentrum (dtz) in Berlin-Neukölln, einer von vielen freien Trägern, die den Unterricht mit öffentlichen Geldern anbieten. "Wir haben wegen der großen Nachfrage kaum Dozenten gefunden", sagt sie. Jeder zum Sprachkurs angemeldete Flüchtling habe am nächsten Tag drei Freunde mitgebracht. Die Schülerzahlen seien explodiert. Heute gibt es an ihrer Schule 85 Kurse mit je rund 15 Teilnehmern. Löwenstein ist einer ihrer Dozenten.

1000 Euro netto im Monat

Für die Flüchtlinge ist er hier die wichtigste Bezugsperson. Löwenstein sieht das pragmatisch: "Ich werde dafür bezahlt. Ohne den Unterricht hätte ich keine Arbeit." Und doch ist es kein Job wie jeder andere. Seine Schüler leben mit 180 anderen jungen Männern in einer Turnhalle in Ostberlin. Einer hat Narben am Arm - er wurde im Auto mit einer Panzerfaust beschossen. Ein anderer hat seinen Bruder bei einem Bombenangriff verloren.

Auf den Umgang mit den Kriegserlebnissen seiner Schüler wurde Löwenstein nicht vorbereitet. Seine Strategie: "Ich versuche zuzuhören, ohne zu bewerten. Ich weiß nicht, wie es mir nach solchen Erlebnissen gehen würde."

Anes aus Aleppo will in Deutschland als Mikrobiologe arbeiten, Mahmud sein Wirtschaftsstudium fortsetzen. Löwenstein weiß nicht, ob sich ihre Träume erfüllen können, aber er weiß: Sie haben nur eine Chance, wenn sie Deutsch lernen.

Auch außerhalb seiner Arbeitszeit versucht er, den tristen Alltag seiner Schüler aufzulockern. Er kommt, wenn sie ihn abends zum Essen einladen, und versucht, für sie einen Platz zum Fußballspielen zu organisieren. Auch wenn er mit rund 1000 Euro netto im Monat nicht viel verdiene, könne er doch zum ersten Mal seit seinem Studium von seiner Arbeit leben, sagt Löwenstein und fügt hinzu: "Ich fühle mich gebraucht, das ist vielleicht das Wichtigste."

  • Markus Huth (Jahrgang 1982) ist Chefredakteur von "Weltseher", einem digitalen Magazin für Reportagen. Daneben arbeitet der studierte Archäologe und ausgebildete Nachrichtenredakteur als Autor und Fotograf für renommierte Print- und Online-Medien. Gerade lebt er im bulgarischen Plovdiv und schreibt ein Buch für den Random House Verlag.

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