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Manager in der Provinz Paris, Moskau, Gütersloh

Lockangebote für Nachwuchskräfte: Karriere in der Provinz Fotos
Stadt Gütersloh

Walldorf statt Washington, Schwäbisch Gmünd statt Shanghai. Viele deutsche Konzerne haben ihren Sitz in der Provinz - und lassen sich einiges einfallen, um Nachwuchskräfte in die neue Heimat zu locken. Da wird für jedes Baby ein Baum gepflanzt, gemeinsam im Garten meditiert oder in der Sauna geschwitzt.

Moskau, London, Paris, Berlin - die bisherigen Stationen im Leben von Anna Fedulow, 27, sind glitzernde Metropolen, Orte, in denen Trends geboren und After-Work-Partys gefeiert werden. Jetzt arbeitet sie in Gütersloh. Ein 96.000-Einwohner-Ort in Ostwestfalen-Lippe, in dem es zwei Kinos und keine ICE-Anbindung gibt.

Was nach einem Abstieg klingt, war für Fedulow eine bewusste Entscheidung - nach einigem Zögern. Ihre Abschlüsse: Diplom-Kauffrau, ein Master in Management von der ESB Business School in Reutlingen, das Diplôme Grande Ecole in Internationalem Management und ein Master in Rechtswissenschaften von der Sorbonne. Geboren in Moskau, aufgewachsen in Deutschland, vier Sprachen fließend - ein Profil, das Anna die freie Auswahl für Arbeitgeber und Arbeitsort ließ. Gütersloh stand nicht ganz oben auf der Wunschliste.

"Geplant hatte ich das so nicht", sagt Fedulow. Aus Neugier habe sie im Sommer 2010 an einem Recruiting-Event von Bertelsmann in Berlin teilgenommen. Sie fand die Branche spannend, die Leute sympathisch - und das darauffolgende Jobangebot sehr interessant. Trotzdem zögerte sie.

Die Entwicklungsmöglichkeiten im Job und die Atmosphäre im Unternehmen überzeugten sie schließlich vom Umzug von Berlin nach Ostwestfalen. Anfang 2011 fing sie als Associate in der Controlling- und Strategieabteilung der Bertelsmann AG an, des umsatzstärksten deutschen Medienkonzerns.

Nur vier von 100 Branchenriesen sitzen in Berlin

In Deutschland wird das große Geld nicht in Großstädten gemacht, sondern in der Provinz: Von den 100 umsatzstärksten Unternehmen haben gerade mal vier ihren Hauptsitz in der Hauptstadt, weniger als ein Viertel hat seine Zentrale in den drei größten Städten Berlin, Hamburg oder München.

Firmen in den Großstädten können darauf vertrauen, dass die Anziehungskraft ihrer Metropol-Lage hochqualifizierte Fachkräfte in den Bewerberpool spült, Unternehmen ab vom Schuss müssen sich mehr ins Zeug legen, um Fachpersonal zu gewinnen und zu binden. "Mitarbeiterbindung ist besonders bedeutsam für Firmen an weniger attraktiven Standorten", hat die Unternehmensberatung McKinsey in ihrer Studie "Wettbewerbsfaktor Fachkräfte" analysiert.

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Gehätschelte Mitarbeiter: Heute ein König
Doch wie werben Unternehmen für die neue, vermeintlich wenig attraktive Heimat in der Provinz? Ob Kinderbetreuung, kostenloses Mittagessen, ein Fitnessstudio, Massagen am Arbeitsplatz oder Freizeitgruppen - die Konzerne in der Kleinstadt bieten außer frischer Luft so einiges, um für sogenannte High Potentials attraktiv zu sein.

Anna Fedulow macht in ihrer Freizeit einen Tanzkurs, lernt Portugiesisch im Unternehmen, trifft sich mit Leuten von der Arbeit. Gütersloh gleich Bertelsmann - das ist die Rechnung für sie und die meisten ihrer Kollegen. Sie können aus 150 gratis Sportkursen wählen, von Aerobic bis Zumba, fast jeder Sprachkurs-Wunsch wird erfüllt. Wer ein Kind bekommt oder einen Angehörigen pflegt, kann sich an den Familienservice wenden, bekommt einen Betreuer vermittelt, wird bei Papierkram unterstützt.

Bertelsmann ist ein Musterbeispiel für internationale Konzerne aus Deutschland. Sie sind oft aus Familienbetrieben gewachsen, haben ihren Firmensitz noch da, wo das Unternehmen vor Jahrzehnten gegründet wurde. In den meisten Fällen sind das Orte, von denen man nicht weiß, wo man sie auf der Landkarte suchen soll.

Nach jeder Geburt wird ein Bäumchen gepflanzt

Der Naturkosmetik- und Arzneimittelhersteller Weleda, dessen Produkte von Hollywood-Stars wie Demi Moore oder Kate Hudson auch ohne Werbevertrag angepriesen werden, sitzt seit rund 90 Jahren im 60.000-Einwohner-Ort Städtchen Schwäbisch-Gmünd. Das Firmenlogo wurde einst vom Chef-Anthroposophen Rudolf Steiner persönlich entworfen, der Geist der ganzheitlichen Weltanschauung ist im Firmensitz am Fuß der Schwäbischen Alb immer noch deutlich zu spüren.

Die Kinder der rund 800 Mitarbeiter bekommen einen Platz in der betriebseigenen Waldorf-Kindertagesstätte. Schwangeren stehen ehemalige Mitarbeiterinnen als Patinnen zur Seite, in den Ferien springen sie auch mal als Kindermädchen ein. Nach jeder Geburt wird im Firmengarten ein Birkenbäumchen gepflanzt. Und flexible Arbeitszeiten und Home-Office sind nicht nur für Mitarbeiter mit Kindern eine Option.

Pharmazeutin Kathrin Schmich, 31, verbringt einen Teil ihrer Arbeitszeit im Zug. Seit einem Jahr leitet sie bei Weleda die Analytic-Abteilung für pflanzliche Arzneimittel. Für den Job zog sie mit ihrem Freund aus Freiburg, wo sie studiert und promoviert hat, ins schwäbische Waiblingen. Von dort pendelt sie täglich mit der Bahn nach Schwäbisch Gmünd, den Firmenlaptop auf dem Schoß, so wird die Anfahrt als Arbeitszeit angerechnet.

Der Arbeitgeber überzeugt im Bewerbungsgespräch

Dass nicht jede hochqualifizierte Nachwuchskraft in ein schwäbisches Nest ziehen will, weiß man bei Weleda. "Wir sind 50 Kilometer von der nächsten Großstadt, Stuttgart, entfernt. Wir müssen potentielle Mitarbeiter vom Gesamtpaket überzeugen", sagt Unternehmenssprecher Tobias Jakob. Bislang sei das gelungen. Die Firmenphilosophie sehe den Angestellten als Menschen, nicht nur seine Arbeitskraft.

Auf dem Weleda-Gelände gibt es ein Zentrum, in dem Yoga-Kurse, Massagen und Eurythmie angeboten werden, in der Mittagspause kann man im Garten entspannen, in der Kantine wird Bio-Essen gereicht. Letztendlich war es aber die Atmosphäre beim Bewerbungsgespräch, die Schmich überzeugt hat: "Es wurden nicht einfach der Lebenslauf oder Bildungsfakten abgefragt. Ich hatte das Gefühl, man ist wirklich an meiner ganzen Persönlichkeit interessiert."

Damit steht Schmich für jene Absolventen, die von Soziologen als "Generation Y" bezeichnet werden. Ihnen sind Persönlichkeitsentwicklung, Selbstbestimmtheit und Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf wichtiger als durchgetaktete Karrierewege.

Mit den Kollegen in der Sauna schwitzen

Generation Y, so nennt sie auch Christine Klever, Recruiting-Chefin bei SAP, dem größten Softwarehersteller Europas - mit Sitz im baden-württembergischen Walldorf, 15.000 Einwohner, 18.000 Arbeitsplätze, 12.000 davon bei SAP. "Jungen Arbeitnehmern ist es sehr wichtig, im Beruf ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zu haben", sagt Klever.

Vertrauensarbeitszeit ist das Stichwort, mit dem das Unternehmen seinen Beschäftigten diese Selbstbestimmung geben will. Jeder soll seinen persönlichen Rhythmus leben, auch mal von zu Hause arbeiten können und keine starren Anfangszeiten haben. Ein Arbeitszeitkonto wird mit Überstunden gefüllt und kann etwa für Bildungsauszeiten und Sabbaticals verwendet werden.

Für viele Mitarbeiter ist das Unternehmen eine zweite Familie. Sie treffen sich zum Elternstammtisch oder zum Musikabend, spielen zusammen Tennis, schwitzen im Fitnessstudio oder in der Sauna, alles auf dem Firmengelände. Kollidiert die eigene mit der SAP-Familie und ist der Nachwuchs trotz Kita-Vermittlung unbetreut, stehen Eltern-Kind-Notfallbüros zur Verfügung, mit einem separaten Spielzimmer.

Die Provinz als Startrampe

Bei Krisen gibt es kostenlose psychologische Beratung für Mitarbeiter und Familienangehörige. Und sogar das Mittagessen ist umsonst. Wie ein Mutterschaf kümmert sich SAP um seine Lämmchen. Eine ziemlich ehrgeizige Mutter allerdings: 2010 offenbarte eine Mitarbeiterbefragung schlechte Stimmung und fehlende Identifikation mit dem Unternehmen, offenbar ging das rasante Geschäftswachstum zu Lasten der Beschäftigten. Seither haben Personalabteilung und Konzernspitze reagiert, die Befragung fiel Ende 2011 deutlich positiver aus: 88 Prozent sind stolz darauf, für SAP zu arbeiten.

Das muss auch so bleiben, 2011 verzeichnete der Spezialist für Unternehmenssoftware Rekordergebnisse, nun müssen noch mehr IT-Spezialisten aus aller Welt in die Kurpfalz kommen.

Der Weg geht aber auch umgekehrt: SAP hat mittlerweile Niederlassungen in mehr als 50 Ländern, Bertelsmann ist in mehr als 60 Ländern vertreten. "Für mich ist Gütersloh ein guter Ausgangspunkt. Ich kann mir gut vorstellen, in einem nächsten Schritt in eine größere Stadt oder ins Ausland zu gehen, für Bertelsmann", sagt Anna Fedulow. Auch die Provinz kann das Tor zur Welt sein.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Gabriele Eisenrieder (Jahrgang 1984) ist Absolventin der Axel Springer Akademie und arbeitet als freie Redakteurin in Berlin.

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Forum - Was ist Heimat?
insgesamt 257 Beiträge
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1. Was ist Heimat?
chirin 05.04.2012
Zitat von sysopWenige Begriffe sind so diffus und gleichzeitig so emotional aufgeladen wie "Heimat". Wo liegt dieser Ort? Der Ort der Geburt oder der, wo man Wurzeln geschlagen hat? Ein geistiger oder sehr konkreter, physischer Ort? Ausdruck einer Idee oder gänzlich konkret voller Geschmack, Bildern und Aromen? Irgendeine Heimat beansprucht nahezu jeder Mensch auf der Erde. Was ist Heimat für Sie?
Heimat hat auch etwas mit "vertraut" zutun. Insofern, ich habe mehrere "Heimaten" und meine vielen Verwandten in aller Welt - auch. Meine engste Heimat ist eigentlich nach dem Krieg , ich zwischen meiner Mutter und meinem Bruder , fühlte mich beschützt. Und ich fahre desöfteren nach Berlin -Mitte und suche die alten Orte auf- sofern die noch da sind. Und dann kommt das "Achja" Erlebnis, z.B. das kleine Schreibwarengeschäft meiner Mutter und der Gemüsehändler nebenan mit der Tochter Helga und im Erdgeschoß die einzige Toilette, um die ich mich mit der Helga heftig stritt - mit in die Wange beißen. Auch das ist Heimat und mein Cousin fuhr, wenn er bei uns aus aller Welt weilte , gern zum Mariannenplatz in Kreuzberg, da wohnte er, leider haben sich dort die Bewohner verschlechtert und das Bethanien gibt es auch nicht mehr. Und nun habe ich meine Heimat in Steglitz und mein Cousin in Costa Rica, meine Tante in Norwegen, die andere Tante in Afrika, eine in Ungarn und eine im Iran. Die Tochter in Amerika- tja - und jeder fühlte sich immer noch bei uns zu hause und wohl, das liegt vielleicht am Essen oder am Geruch oder weil wri uns alle voll vertrauen? Aber wo meine Lieben wohnen, ist für mich auch Heimat.
2. zu Hause
toskana2 06.04.2012
Zitat von sysopWenige Begriffe sind so diffus und gleichzeitig so emotional aufgeladen wie "Heimat". Wo liegt dieser Ort? (...)
Alt und abgedroschen und dennoch wahr: Heimat ist der Ort, wo ich mich zu Hause fühle und wo mein Herz ruhig schlägt. Wo Umgebung und Menschen "mir bekannt vorkommen". Und wo der eine oder der andere Duft, der Baum oder die Steine mich an meine Kindheit erinnern. Elvis brachte es in einem Lied "banal" aber zutreffend zum Ausdruck: Zu Hause ist, wo das Herz ist ("Home is where the heart is").
3. Seelenfrieden
Heitgitsche 06.04.2012
[QUOTE=chirin;9961614]Heimat hat auch etwas mit "vertraut" zutun. Insofern, ich habe mehrere "Heimaten" und meine vielen Verwandten in aller Welt - auch. Meine engste Heimat ist eigentlich nach dem Krieg , ich zwischen meiner Mutter und meinem Bruder , fühlte mich beschützt. Und ich fahre desöfteren nach Berlin -Mitte und suche die alten Orte auf- sofern die noch da sind. Und dann kommt das "Achja" Erlebnis, z.B. das kleine Schreibwarengeschäft meiner Mutter und der Gemüsehändler nebenan mit der Tochter Helga und im Erdgeschoß die einzige Toilette, um die ich mich mit der Helga heftig stritt - mit in die Wange beißen. Auch das ist Heimat und mein Cousin fuhr, wenn er bei uns aus aller Welt weilte , gern zum Mariannenplatz in Kreuzberg, da wohnte er, leider haben sich dort die Bewohner verschlechtert und das Bethanien gibt es auch nicht mehr. Und nun habe ich meine Heimat in Steglitz und mein Cousin in Costa Rica, meine Tante in Norwegen, die andere Tante in Afrika, eine in Ungarn und eine im Iran. Die Tochter in Amerika- tja - und jeder fühlte sich immer noch bei uns zu hause und wohl, das liegt vielleicht am Essen oder am Geruch oder weil wri uns alle voll vertrauen? Aber wo meine Lieben wohnen, ist für mich auch Heimat.[/QUOTE Seelenfrieden auf dem Friedhof eines kleinen Dorfes im Sudetenland. 2 Gräber stehen noch. Eines mit einem Photos des frühverstorbenen Bruders meines Großvaters. Einige in der Familie ähneln ihm.
4.
pcpero 06.04.2012
Zitat von sysopWenige Begriffe sind so diffus und gleichzeitig so emotional aufgeladen wie "Heimat". Wo liegt dieser Ort? Der Ort der Geburt oder der, wo man Wurzeln geschlagen hat? Ein geistiger oder sehr konkreter, physischer Ort? Ausdruck einer Idee oder gänzlich konkret voller Geschmack, Bildern und Aromen? Irgendeine Heimat beansprucht nahezu jeder Mensch auf der Erde. Was ist Heimat für Sie?
Where ever I lay my hat, that's my home. (Paul Young)
5. Finger weg ...
Colara 06.04.2012
Na, isses kaputt? Suchen wir es nun in der Zeitung? Das ähnelt dem Kind, das am Morgen seine Sandburg zertreten und am Abend darüber gejammert hat ... Nehmt Eure dreckigen diffus-link-liberalen Griffelfinger von Begriffen, die ihr mit dem angehäuften Reflexionsmüll der letzten Jahrzehnte nicht wieder zusammensetzen könnt. Die unübersetzbare Heimat ist als Ort Herstellungsraum seßhafter Gemeinschaft und ihrer Sittlichkeit; damit deren für den Einzelnen anschaulicher Lebensprozeß. Darin inbegriffen sind alle Gefühle, Erinnerungen, Prägungen, Sprech- Hör-, Schmeck-, Handlungsweisen - aber auch die Generationenfolge, das Werden und Vergehen derer, die bedingungslos für uns oder wir bedingslos für sie da sind. Ein immer mehr zur MassenGesellschaft deformiertes Gebilde wie das da draußen ist am Ende Ausdruck vollendeter Gemeinschaftszerstörung - das sodann die Heimat zu vermissen und zu suchen beginnt. Viel Glück, Spiegeleier.
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Für flexible Arbeitszeiten gibt es eine Reihe von unterschiedlichen Modellen. Manche werden in vielen Unternehmen, andere nur ausnahmsweise praktiziert. Insgesamt arbeiten gut 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland mit einem solchen Stundenplan. Ein kleines Glossar der modernen Welt der Arbeitszeiten.
Reduzierte Tagesarbeitszeit
Der Klassiker, der kaum Freiräume ermöglicht. Ein Angestellter arbeitet zum Beispiel nur vormittags oder nachmittags. Die Zeitfenster ändern sich nicht.
Reduzierte Wochenarbeitszeit
Eine fast ebenso gängige Variante: Drei- oder Viertagewoche, die übrigen Tage sind frei, und Teilzeitmitarbeiter bestimmen in Absprache mit ihrem Team den freien Tag oft selbst.
Reduzierte Monatsarbeitszeit
Wenig verbreitet: Man verteilt ein Zeitbudget beliebig auf den Kalendermonat. Drei Wochen am Stück arbeiten, eine Woche frei - das geht.
Gleitzeit
Auch "gleitende Arbeitszeit" genannt, bedeutet, dass Beginn, Ende und Dauer der täglichen oder wöchentlichen Arbeitszeit nicht festgelegt sind, sondern zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verabredet werden. Man unterscheidet "einfache" und "qualifizierte" Gleitzeit. Bei der "einfachen" Gleitzeit wird eine feste "Kernarbeitszeit" und ein "Gleitzeitrahmen" festgelegt, z.B. 7-20 Uhr Gleitzeitrahmen / 10-17 Uhr Kernarbeitszeit. Bei der "qualifizierten" Gleitzeit wird die "Kernarbeitszeit" noch einmal reduziert oder ganz abgeschafft. Vereinbart wird meist eine bestimmte Stundenzahl in der Woche, im Monat oder im Jahr. Die weitere Planung der Arbeitszeit übernimmt der Arbeitnehmer in eigener Verantwortung.
Arbeitszeitkonten
Viele Unternehmen haben mittlerweile Konten eingeführt, auf welchen die Arbeitszeit laut Vertrag, Tarif oder Vereinbarung mit der tatsächlich geleisteten Arbeit verrechnet wird. Besonders bei Modellen wie Gleitzeit oder bei Schichtarbeit werden sie eingesetzt; zudem gibt es meist Vereinbarungen, wie viel "Guthaben" oder "Schulden" auf einem solchen Konto angesammelt werden dürfen.
Sabbatical
Im Sabbatjahr ließen die Bauern Israels, so erzählt das Alte Testament, die Felder ruhen und alle Schulden wurden erlassen. In der Arbeitswelt können Beschäftigte in regelmäßigen Zeiträumen ein bezahltes Sabbatjahr nehmen, wenn sie zum Beispiel Arbeitszeit angespart oder eine Zeitlang Vollzeit für das halbe Gehalt gearbeitet haben.
Jahresarbeitszeit
Streng genommen eine Variante der Gleizeit: Arbeitgeber und Angestellte verteilen in Absprache das Arbeitszeitvolumen eines Betriebs nicht gleichmäßig, sondern flexibel über ein Jahr. Dieses Modell bietet sich dann an, wenn es vorhersehbare saisonale Schwankungen im Arbeitsaufkommen gibt.
Job-Sharing
Ein recht seltenes Modell: Ein, zwei oder auch drei Kollegen teilen sich eine Vollzeitstelle. Wer wann im Büro sitzt, machen sie unter sich aus. Jeder Jobpartner ist im Prinzip für sich selbst verantwortlich. Eine weitere Variante ist das "Job-Pairing", bei dem mehrere Kollegen ein Team bilden, das die Verantwortung, meist für ein weit gestecktes Arbeitsziel oder Projekt, gemeinsam trägt.
Vertrauensarbeitszeit
Dieses Arbeitszeitmodell hat kaum noch mit dem genauen Zeitraum zu tun, der für Arbeit aufgewandt werden muss. Es orientiert sich eher an einem bestimmten Arbeitsziel, einem Produkt zum Beispiel, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein soll. Bei der Vertrauensarbeitszeit liegt es weitgehend in der Verantwortung des Arbeitnehmers, seine Zeit und seine Arbeit zu organisieren. Überstunden gibt es bei diesem Modell nicht, dafür auch kein Zuspätkommen. Eine vertraglich festgelegte Arbeitszeit aber sehr wohl, sie wird jedoch meist nicht kontrolliert.

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