Von Gabriele Eisenrieder
Moskau, London, Paris, Berlin - die bisherigen Stationen im Leben von Anna Fedulow, 27, sind glitzernde Metropolen, Orte, in denen Trends geboren und After-Work-Partys gefeiert werden. Jetzt arbeitet sie in Gütersloh. Ein 96.000-Einwohner-Ort in Ostwestfalen-Lippe, in dem es zwei Kinos und keine ICE-Anbindung gibt.
Was nach einem Abstieg klingt, war für Fedulow eine bewusste Entscheidung - nach einigem Zögern. Ihre Abschlüsse: Diplom-Kauffrau, ein Master in Management von der ESB Business School in Reutlingen, das Diplôme Grande Ecole in Internationalem Management und ein Master in Rechtswissenschaften von der Sorbonne. Geboren in Moskau, aufgewachsen in Deutschland, vier Sprachen fließend - ein Profil, das Anna die freie Auswahl für Arbeitgeber und Arbeitsort ließ. Gütersloh stand nicht ganz oben auf der Wunschliste.
"Geplant hatte ich das so nicht", sagt Fedulow. Aus Neugier habe sie im Sommer 2010 an einem Recruiting-Event von Bertelsmann in Berlin teilgenommen. Sie fand die Branche spannend, die Leute sympathisch - und das darauffolgende Jobangebot sehr interessant. Trotzdem zögerte sie.
Die Entwicklungsmöglichkeiten im Job und die Atmosphäre im Unternehmen überzeugten sie schließlich vom Umzug von Berlin nach Ostwestfalen. Anfang 2011 fing sie als Associate in der Controlling- und Strategieabteilung der Bertelsmann AG an, des umsatzstärksten deutschen Medienkonzerns.
Nur vier von 100 Branchenriesen sitzen in Berlin
In Deutschland wird das große Geld nicht in Großstädten gemacht, sondern in der Provinz: Von den 100 umsatzstärksten Unternehmen haben gerade mal vier ihren Hauptsitz in der Hauptstadt, weniger als ein Viertel hat seine Zentrale in den drei größten Städten Berlin, Hamburg oder München.
Firmen in den Großstädten können darauf vertrauen, dass die Anziehungskraft ihrer Metropol-Lage hochqualifizierte Fachkräfte in den Bewerberpool spült, Unternehmen ab vom Schuss müssen sich mehr ins Zeug legen, um Fachpersonal zu gewinnen und zu binden. "Mitarbeiterbindung ist besonders bedeutsam für Firmen an weniger attraktiven Standorten", hat die Unternehmensberatung McKinsey in ihrer Studie "Wettbewerbsfaktor Fachkräfte" analysiert.
Anna Fedulow macht in ihrer Freizeit einen Tanzkurs, lernt Portugiesisch im Unternehmen, trifft sich mit Leuten von der Arbeit. Gütersloh gleich Bertelsmann - das ist die Rechnung für sie und die meisten ihrer Kollegen. Sie können aus 150 gratis Sportkursen wählen, von Aerobic bis Zumba, fast jeder Sprachkurs-Wunsch wird erfüllt. Wer ein Kind bekommt oder einen Angehörigen pflegt, kann sich an den Familienservice wenden, bekommt einen Betreuer vermittelt, wird bei Papierkram unterstützt.
Bertelsmann ist ein Musterbeispiel für internationale Konzerne aus Deutschland. Sie sind oft aus Familienbetrieben gewachsen, haben ihren Firmensitz noch da, wo das Unternehmen vor Jahrzehnten gegründet wurde. In den meisten Fällen sind das Orte, von denen man nicht weiß, wo man sie auf der Landkarte suchen soll.
Nach jeder Geburt wird ein Bäumchen gepflanzt
Der Naturkosmetik- und Arzneimittelhersteller Weleda, dessen Produkte von Hollywood-Stars wie Demi Moore oder Kate Hudson auch ohne Werbevertrag angepriesen werden, sitzt seit rund 90 Jahren im 60.000-Einwohner-Ort Städtchen Schwäbisch-Gmünd. Das Firmenlogo wurde einst vom Chef-Anthroposophen Rudolf Steiner persönlich entworfen, der Geist der ganzheitlichen Weltanschauung ist im Firmensitz am Fuß der Schwäbischen Alb immer noch deutlich zu spüren.
Die Kinder der rund 800 Mitarbeiter bekommen einen Platz in der betriebseigenen Waldorf-Kindertagesstätte. Schwangeren stehen ehemalige Mitarbeiterinnen als Patinnen zur Seite, in den Ferien springen sie auch mal als Kindermädchen ein. Nach jeder Geburt wird im Firmengarten ein Birkenbäumchen gepflanzt. Und flexible Arbeitszeiten und Home-Office sind nicht nur für Mitarbeiter mit Kindern eine Option.
Pharmazeutin Kathrin Schmich, 31, verbringt einen Teil ihrer Arbeitszeit im Zug. Seit einem Jahr leitet sie bei Weleda die Analytic-Abteilung für pflanzliche Arzneimittel. Für den Job zog sie mit ihrem Freund aus Freiburg, wo sie studiert und promoviert hat, ins schwäbische Waiblingen. Von dort pendelt sie täglich mit der Bahn nach Schwäbisch Gmünd, den Firmenlaptop auf dem Schoß, so wird die Anfahrt als Arbeitszeit angerechnet.
Der Arbeitgeber überzeugt im Bewerbungsgespräch
Dass nicht jede hochqualifizierte Nachwuchskraft in ein schwäbisches Nest ziehen will, weiß man bei Weleda. "Wir sind 50 Kilometer von der nächsten Großstadt, Stuttgart, entfernt. Wir müssen potentielle Mitarbeiter vom Gesamtpaket überzeugen", sagt Unternehmenssprecher Tobias Jakob. Bislang sei das gelungen. Die Firmenphilosophie sehe den Angestellten als Menschen, nicht nur seine Arbeitskraft.
Auf dem Weleda-Gelände gibt es ein Zentrum, in dem Yoga-Kurse, Massagen und Eurythmie angeboten werden, in der Mittagspause kann man im Garten entspannen, in der Kantine wird Bio-Essen gereicht. Letztendlich war es aber die Atmosphäre beim Bewerbungsgespräch, die Schmich überzeugt hat: "Es wurden nicht einfach der Lebenslauf oder Bildungsfakten abgefragt. Ich hatte das Gefühl, man ist wirklich an meiner ganzen Persönlichkeit interessiert."
Damit steht Schmich für jene Absolventen, die von Soziologen als "Generation Y" bezeichnet werden. Ihnen sind Persönlichkeitsentwicklung, Selbstbestimmtheit und Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf wichtiger als durchgetaktete Karrierewege.
Mit den Kollegen in der Sauna schwitzen
Generation Y, so nennt sie auch Christine Klever, Recruiting-Chefin bei SAP, dem größten Softwarehersteller Europas - mit Sitz im baden-württembergischen Walldorf, 15.000 Einwohner, 18.000 Arbeitsplätze, 12.000 davon bei SAP. "Jungen Arbeitnehmern ist es sehr wichtig, im Beruf ein gewisses Maß an Selbstbestimmung zu haben", sagt Klever.
Vertrauensarbeitszeit ist das Stichwort, mit dem das Unternehmen seinen Beschäftigten diese Selbstbestimmung geben will. Jeder soll seinen persönlichen Rhythmus leben, auch mal von zu Hause arbeiten können und keine starren Anfangszeiten haben. Ein Arbeitszeitkonto wird mit Überstunden gefüllt und kann etwa für Bildungsauszeiten und Sabbaticals verwendet werden.
Für viele Mitarbeiter ist das Unternehmen eine zweite Familie. Sie treffen sich zum Elternstammtisch oder zum Musikabend, spielen zusammen Tennis, schwitzen im Fitnessstudio oder in der Sauna, alles auf dem Firmengelände. Kollidiert die eigene mit der SAP-Familie und ist der Nachwuchs trotz Kita-Vermittlung unbetreut, stehen Eltern-Kind-Notfallbüros zur Verfügung, mit einem separaten Spielzimmer.
Die Provinz als Startrampe
Bei Krisen gibt es kostenlose psychologische Beratung für Mitarbeiter und Familienangehörige. Und sogar das Mittagessen ist umsonst. Wie ein Mutterschaf kümmert sich SAP um seine Lämmchen. Eine ziemlich ehrgeizige Mutter allerdings: 2010 offenbarte eine Mitarbeiterbefragung schlechte Stimmung und fehlende Identifikation mit dem Unternehmen, offenbar ging das rasante Geschäftswachstum zu Lasten der Beschäftigten. Seither haben Personalabteilung und Konzernspitze reagiert, die Befragung fiel Ende 2011 deutlich positiver aus: 88 Prozent sind stolz darauf, für SAP zu arbeiten.
Das muss auch so bleiben, 2011 verzeichnete der Spezialist für Unternehmenssoftware Rekordergebnisse, nun müssen noch mehr IT-Spezialisten aus aller Welt in die Kurpfalz kommen.
Der Weg geht aber auch umgekehrt: SAP hat mittlerweile Niederlassungen in mehr als 50 Ländern, Bertelsmann ist in mehr als 60 Ländern vertreten. "Für mich ist Gütersloh ein guter Ausgangspunkt. Ich kann mir gut vorstellen, in einem nächsten Schritt in eine größere Stadt oder ins Ausland zu gehen, für Bertelsmann", sagt Anna Fedulow. Auch die Provinz kann das Tor zur Welt sein.
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