Unternehmen Irrsinn Der letzte Firmengruß
Wenn ein Mitarbeiter stirbt, lebt der Irrsinn seiner Firma auf - in der Todesanzeige. Die Art, wie sich Unternehmen von ihren Mitarbeitern verabschieden, lässt tief blicken. Der Karriereberater und -Coach Martin Wehrle hat die kuriosesten Nachrufe analysiert.
Früh am Morgen, mit finsterer Miene, trommelte der Projektmanager des Faser-Produzenten sein ganzes Team zusammen. Er räusperte sich und sagte: "Ich habe eine schlechte Nachricht. Herr Schmidt hatte gestern einen Unfall. Er lebt nicht mehr."
Es wurde so still im Raum, dass der Verkehr von der Hauptstraße, den vorher keiner gehört hatte, mitten durch die leeren Köpfe zu rauschen schien. Schockiert saßen die Mitarbeiter da. Ausgerechnet Jürgen Schmidt! Er war ein beliebter Kollege gewesen, 13 Jahre in der Firma und immer hilfsbereit.
Der Chef fuhr mit fester Stimme fort: "Das ist ein schwerer Verlust für uns, auch mit Blick auf das laufende Projekt. Wir müssen besprechen, wer seine Aufgaben übernimmt. Und wir müssen einen adäquaten Ersatz für ihn suchen." Ganze drei Sätze hatte es gedauert, bis der tragische Todesfall zum Ausfall einer Arbeitskraft geschrumpft war. Noch am selben Tag schickte der Chef seine Assistentin an den Schreibtisch von Jürgen Schmidt, ließ dessen persönliche Gegenstände in einen Karton stopfen und als Päckchen an die Hinterbliebenen verschicken, garniert mit einem Standard-Trauerbrief.
Zwei Tage später in der Lokalzeitung: Die Todesanzeige für den "langjährigen Projektingenieur Jürgen Schmidt" erschien. Direkt daneben stand eine Stellenausschreibung, mit der die Firma einen "erfahrenen Projektingenieur" suchte, "zum nächstmöglichen Zeitpunkt". Die Stellenausschreibung war eineinhalbmal so groß wie die Todesanzeige; an Trauer spart es sich leichter.
Die letzte Ehre, die Firmen ihren Mitarbeitern erweisen, hat nicht immer mit Ehre zu tun. Der Tod eines Mitarbeiters wird als Sachproblem gesehen, als Loch in der Personaldecke, das es schnell und vor allem kostengünstig zu stopfen gilt.
Wer nach irren Todesanzeigen für Mitarbeiter sucht, wird fündig in den Büchern von Christian Sprang und Matthias Nöllke. Zum Beispiel trauert das Café Belstner um Frieda R., die dort 40 Jahre als Bedienung gearbeitet hat: "O Herr, gib ihr ewige Ruhe!" Doch die Ruhe währt nicht lang, denn das Café klinkt in die Todesanzeige eine schrille Werbebotschaft ein: "Ab jetzt ist das Café Belstner wieder jeden Sonntag von 12.30 bis 18.00 Uhr geöffnet, weil es Frau Rs letzter Wunsch war." Als hätte die Mitarbeiterin auf dem Sterbebett keine größeren Sorgen gehabt, als die künftigen Öffnungszeiten ihres Irrenhauses vorzugeben.
Der Tod als Werbebotschaft
Oder: Ein Berliner Autohaus gedenkt "in stiller Trauer" dem Tod seines Gründers. Doch in den Trauerchor des Anzeigentextes mischt sich eine trällernde Werbestimme: "Einem der letzten Wünsche unseres Firmengründers entsprechend, sind unsere Kunden und Freunde zum traditionellen Herbstfest am Samstag, 30. Oktober 2010, ins Autohaus ( ) eingeladen."
Freilich handelt es sich bei dem Fest um keine Totenmesse, sondern um einen knallharten Verkaufstag. Und natürlich weiß ein Autohaus, dass man auf die Tränendrüse ähnlich wie auf ein Gaspedal drücken kann: "In Anbetracht der durch den Tod verursachten schwierigen Geschäftssituation findet zur Sicherung unserer kurzfristigen Liquidität ( ) ein Fahrzeug-Sonderverkauf mit drastischen Preisnachlässen statt." So wird der Tod zur Werbebotschaft, zum Aufhänger für einen Sonderverkauf. Der Gründer ist gestorben; die Gier lebt weiter.
Doch nicht nur an Geld sparen die Irrenhäuser in ihren Nachrufen, sondern erst recht an gutem Geschmack. Da wird einem verstorbenen Mitarbeiter attestiert: "Er wird in unseren Werken weiterleben." Um welche Werke es sich handelt, ob um Nagellack, Gallseife oder Klo-Reiniger, bleibt offen. Ob der Tod da nicht doch die bessere Wahl wäre?
Und "Herr W." wird von seinem Irrenhaus mit gebührendem Titel verabschiedet: als "Abteilungsleiter Schrankwände". Als wäre kein Mensch gestorben, nur der Inhaber einer Funktion. Und den kann man sich natürlich, gleich einer Schrankwand, aus neuem Personalrohstoff nachzimmern.
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Den letzten Unfall kann ich erklären. Immer wieder frage ich mich, wenn ich Firmen-Todesanzeigen in der Zeitung lese: Ist der "tüchtige und liebenswerte" Mitarbeiter Heinz Schäfer, der für "stete Loyalität, menschliche Qualitäten und unermüdlichen Einsatz" gelobt wird und dessen "Tod eine nicht zu schließende Lücke reißt" - ist dieser arme Mensch nicht schon letzte Woche verstorben?
Dann wühle ich im Altpapier und finde heraus: Letzte Woche wurde exakt derselbe Anzeigentext gedruckt. Nur galt die letzte Lobpreisung einem anderen Mitarbeiter. Etliche Firmen halten es mit den Todes- wie mit den Stellenanzeigen: Die Irrenhäuser tauschen nur Namen und Position aus, der restliche Text bleibt. Der Nachruf von der Stange spart Arbeitszeit.
Lassen Sie uns die Sache positiv sehen! Erstens: Viele Mitarbeiter, die ihr Arbeitsleben lang nur kritisiert wurden, kommen durch ihren Tod in den Genuss des ersten, sogar schriftlichen Lobes durch die Firma - kostbarer Proviant für die letzte Reise. Und zweitens: Wer seine Firma als Irrenhaus, als Brutstätte der Ungerechtigkeit erlebt hat, kann angesichts der Anzeigentexte in der tröstlichen Gewissheit sterben: Im Tod sind alle gleich!
Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Wehrles Buch "Ich arbeite noch immer in einem Irrenhaus". Mehr davon nächste Woche auf KarriereSPIEGEL.
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Martin Wehrle:
Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus
Neue Geschichten aus dem Büroalltag.Illustriert von Dirk Meissner; Econ Verlag; September 2012; gebunden; 320 Seiten; 14,99 Euro
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AFP/ Taronga Zoo
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