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Arbeiten ohne festen Arbeitsplatz Mama, ich will Nomade werden

Film "Digitale Nomaden": Das Büro im Rucksack Fotos
Regina Sablotny

Thorsten Kolsch, 34, hat einen Film über Menschen gedreht, die von unterwegs arbeiten, nur mit Laptop und Handy. Jetzt will er selbst digitaler Nomade werden. Seine Eltern sind entsetzt.

Marlies Kolsch denkt bei Nomaden an Leute, die ihre Miete nicht zahlen und Wohnungen verwüsten. Ihr Sohn Thorsten Kolsch denkt bei Nomaden an seine Freunde.

Mutter Kolsch, 66, gelernte Stenotypistin, hatte früher viele Aushilfsjobs und eine Modeboutique, die nicht gut lief. Die Schulden zahlte sie zwei Jahre lang ab. Von der Selbstständigkeit hält die Rentnerin seither nichts.

Thorsten Kolsch, 34, selbständig im Onlinemarketing, träumt von einem Leben ohne festes Büro. Er reist gern und braucht für seine Arbeit nur einen Laptop und ein Handy. Beides trägt er immer bei sich. Kolsch will digitaler Nomade werden.

In Artikeln und Blogs hat er über die modernen Wanderarbeiter gelesen: Darüber, dass es immer mehr werden und dass sie inzwischen eine eigene Konferenz in Berlin abhalten.

Doch bevor er selbst den Schritt wagt, wollte er digitalen Nomaden Fragen stellen. Schafft man es wirklich, ständig auf Reisen zu sein und trotzdem Geld zu verdienen? Oder, wie Kolsch sagt: "Scheint den Nomaden die Sonne aus dem Arsch?"

Er reiste durch Deutschland und interviewte fünf rastlose Laptop-Arbeiter. Heraus kam der Dokumentarfilm "Digitale Nomaden - Deutschland zieht aus". Nachdem der Film abgedreht war, stand Kolschs Entscheidung fest: Er wollte es als digitaler Nomade versuchen.

Einen Tag vor der offiziellen Premiere will Thorsten Kolsch seinen Eltern den Film zeigen. Marlies Kolsch und ihr Mann Eberhard, 77, sind für die Vorführung extra von Nordrhein-Westfalen nach Hamburg gereist. Andere in ihrem Alter bräuchten nach so einer Autofahrt ein Nickerchen. Nicht die Kolschs, die beiden wirken aufgekratzt. "Wir wollen doch wissen, was Thorsten macht", sagt Vater Kolsch. Morgen geht es weiter zur Premierenfeier nach Berlin. "Für ein paar Tage sind wir seine Filmnomaden."

"Veränderungen hasse ich"

Bei der privaten Vorführung sitzen sie auf breiten Sesseln, beide so dicht an die Lehne gedrückt, dass sie sich fast berühren. "Ha", ruft Vater Kolsch. Sein Sohn hatte eine Nomadin im Film nach Existenzängsten gefragt. "Was ist das eigentlich?", fragt sie zurück. "Die Angst, dass man nicht mehr existiert? Oder dass das Geld weg ist? Dann würde ich wohl meine Eltern anrufen."

Ein unstetes Leben - nichts für Kolsch senior: "Veränderungen hasse ich." In 45 Berufsjahren wechselte er zweimal die Firma, 28 Jahre war er bei einer Brauerei im Finanzwesen angestellt. Computer gab es anfangs nicht. Und schon gar keine, mit denen man auf Reisen gehen konnte. "Hat aber auch funktioniert", sagt er.

Vater: "Im Einstellungsgespräch sagte mir der Personalchef: 'Gehen Sie davon aus, es handelt sich hier um eine Lebensstellung.' Das war wie ein Sechser im Lotto."

Sohn: "Klingt für mich wie ein Witz. Oder eine Drohung."

Im Film sagt eine junge Frau, ihren Angestelltenjob habe sie als Gefängnis empfunden. Vater Kolsch runzelt die Stirn. "Das ging mir nie so. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht, und ich konnte mich frei bewegen." Und doch kann er die Pläne seines Sohnes nachempfinden. "Er will raus und hat einen Job, mit dem das geht."

Für sie selbst hätte das Ganze auch etwas Gutes, wirft seine Frau ein und schaut rüber zu ihrem Sohn. "Wir können dich überall besuchen!" Mutter Kolsch würde am liebsten mit ihm losziehen. "Wenn das zu meiner Zeit schon möglich gewesen wäre, hätte ich das auch ausprobiert."

Im Sommer verkaufte Thorsten Kolsch Möbel und Klamotten. Was übrig ist, passt in zwei große Koffer. Drei Tage die Woche arbeitet er bei einem Kunden in Hamburg, in der Zeit wohnt er bei einem Freund. Ansonsten ist er in Deutschland und Europa unterwegs. Langfristig will Kolsch komplett ortsunabhängig arbeiten.

Mutter: "Dass du gleich deine Wohnung aufgeben musstest... Die hättest du doch untervermieten können."

Vater: "Jeder braucht einen Rückzugsraum."

Sohn: "Wenn die Wohnung untervermietet ist, kann ich aber auch nicht kommen und gehen, wann ich will."

Mutter: "Aber dann hättest du was Eigenes."

  • Anja Tiedge (Jahrgang 1980) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg.

Der Film "Digitale Nomaden - Deutschland zieht aus" von Thorsten Kolsch und Tim Jonischkat ist in ausgewählten Kinos zu sehen.

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insgesamt 66 Beiträge
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1.
Mehrleser 17.10.2014
Schade, dass man nicht mehr erfährt - der Artikel scheint einfach in der Mitte aufzuhören. Vielleicht ist er ja auch nomadisch erstellt worden und der Autorin ging bei Starbucks der Kaffee aus. Ich hätte gerne gewusst, mit welchem Geschäftsmodell man seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, wenn als Arbeitsfläche nur ein Laptop zur Verfügung steht. Oft fällt da der Begrifff "Online", aber was ist damit gemeint? Etwas Entwicklung von Apps? Oder bloggen? Youtuben? Es können eigentlich nur Content-Sklaven sein, für alles andere reicht es nicht.
2. Digitaler Nomade? Oh je.
login37 17.10.2014
Massenweise tragen sie es wie eine Religion vor sich her, sie seien digitale Nomade. Das wäre ein Lifestyle. Und der wäre so etwas von cool und überlegen. So ziemlich jeder soll das können und jeder der das nicht so macht, ist wohl ein bisschen doof und rückständig. Die "digitalen Nomaden" sind alle so wahnsinnig erfolgreich mit ihren Blogs samt Affilate-Links und angebotenen minderwertigen eBooks. Und weil die alle (nicht) so wahnsinnig erfolgreich sind, geben die nun alle auch Seminare (nicht digital, sondern klassische Präsenzseminare - schöner Treppenwitz) "Wie wird man digitaler Nomade" um ein paar Einnahmen zu erzielen. Und wenn dann mal was schief geht, dann jammern die Leute herum, die vor kurzem noch in ihrem Blog herum gepostet haben, wie überlegen und toll das Leben als digitaler Nomade doch angeblich sei. Dann kommt plötzlich raus, wie wahnsinnig dünn die finanzielle Decke ist und das sie quasi von der Hand in der Mund leben. Jung sind sie fast alle. Zu 90% ledig und zu 99,9% kinderlos. Einige sagen es naiv ganz offen und andere nur hinter vorgehaltener Hand: Was kann man mir schon passieren? Man ist in Deutschland ja so gut abgesichert. D.h. die digitalen Nomade verlassen sich auf die soziale Hängematte in Deutschland. Ein System zu dem sie meistens 0,0 beitragen, weil sie hier in der Regel weder Steuern noch Sozialbeiträge zahlen. Man ist dann mehr Made als Nomade. Ich liebe auch das Reisen und ich bin auch gern an nicht ganz so gängigen Zielen wie Zimbabwe oder dem Oman unterwegs. Die Motivation der Leute, zu reisen, etwas von der Welt sehen zu wollen, kann ich deshalb absolut nachvollziehen. In jungen Jahren um die Welt zu ziehen, halte ich auch für absolut richtig. Dieser Planet ist abgefahren schön und interessant. Man sollte möglichst viel davon sehen. Nur wenn mit missionarischem Eifer das digitale Nomadentum propagiert wird, reagiere ich mittlerweile etwas allergisch. Es ist kein Lifestyle, kein Lebensentwurf. Der Hype erfüllt in vielen Punkten die Merkmale eines klassischen Schneeballsystem. Wenn viele so leben würden, dann wäre jede Gesellschaft, jedes Sozialsystem am Ende.
3. Herrlich familienkompatibel
subcomandante_m 17.10.2014
... viel Spaß beim Aufwachen in der wirklichen Welt. PS Bin seit 20 Jahren international als Consultant tätig
4. Stereotypistin?
Kom_Mentar 17.10.2014
....hmmmmm kann mir jemand beschreiben, was das sein soll? Eine Frau, die gelernt hat stereotyp zu sein? Oder ist hier vielleicht nicht eher die Stenotypistin gemeint? Also das menschliche Diktiergerät. Sie wissen schon, die Damen, die nur für Eingeweihte lesbare Zeichen auf dem Papier hinterlassen konnten.
5. Genau so habe ich mir das gedacht
vaterstochter 17.10.2014
"Sein Sohn hatte eine Nomadin im Film nach Existenzängsten gefragt. "Was ist das eigentlich?", fragt sie zurück. "Die Angst, dass man nicht mehr existiert? Oder dass das Geld weg ist? Dann würde ich wohl meine Eltern anrufen." Das wird Thorsten im Zweifel auch tun.....
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