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Digitale Nachlassverwalterin Ausgelöscht

Ein Angehöriger stirbt, die Erben regeln den Nachlass. Doch was passiert mit E-Mail-Accounts und Internetkonten? Birgit Janetzky knackt Passwörter von Toten - und löscht Geheimnisse, die niemand wissen sollte.

Am schlimmsten ist es, wenn Jugendliche sterben, und die Eltern sich bei Birgit Janetzky, 51, melden. Meist der letzte schwere Gang nach der Beerdigung. Erst neulich: "Können Sie bitte die Profile unserer Tochter löschen?", baten eine Mutter und ein Vater. Vor sechs Monaten hatten sie ihr Kind begraben, aber nicht seine Daten. Das merkten sie erst, als über Facebook eine automatisierte E-Mail mit Geschenk-Symbol kam: Heute ist Annas Geburtstag (Name geändert).

Birgit Janetzky kennt viele solcher Geschichten. Die Badenerin arbeitet als digitale Nachlassverwalterin, spürt Spuren Verstorbener im Netz auf: E-Mail-Accounts, Online-Postfächer, Mitgliedschaften und Konten bei Auktionshäusern, PayPal, auch Musiksammlungen bei iTunes und natürlich Anmeldungen in sozialen Netzwerken, wie Facebook und Twitter. Die Daten gibt sie zunächst an die Angehörigen weiter und löscht sie auch, wenn die es wünschen. Ein Beruf, der immer wichtiger wird: Denn Erben übernehmen alle Rechte und Pflichten der Verstorbenen - in der analogen, aber auch in der digitalen Welt.

"Bei meiner Arbeit lerne ich die Toten kennen", sagt die Theologin, die in Frankfurt aufwuchs, katholische Religion studierte und anschließend zehn Jahre lang als Jugend- und Bildungsreferentin im Bistum Mainz arbeitete. Vor 15 Jahren machte sie sich selbstständig, kümmerte sich um Menschen, die aus der Kirche ausgetreten waren. Damals war das eine große Nische: Geburten, Hochzeiten, Beerdigungen - sie übernahm die Rolle des Pfarrers, taufte Babys, traute Liebende, beerdigte Tote. Über 1500 Familien hat sie schon begleitet. Manche hat sie vergessen, aber Anna nicht.

Geschäft mit dem Tod: Birgit Janetzky ist digitale Nachlassverwalterin Zur Großansicht
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Geschäft mit dem Tod: Birgit Janetzky ist digitale Nachlassverwalterin

So viele Kleinmädchenträume. Janetzky hat sie im Netz entdeckt: Anna wollte Model werden, auf den großen Laufstegen dieser Welt flanieren - in Mailand, New York, Paris. Deshalb hatte sie sich auf über 30 Model-Plattformen angemeldet. Die Theologin sagt: Sie hat viel Zeit dort verbracht. Anna ist nur knapp 15 Jahre alt geworden.

Stirbt ein Mensch, gibt es nur selten ein Testament. Lediglich in 25 Prozent aller Fälle ist der Nachlass geregelt. Und von den Internetbenutzern haben nur sieben Prozent ihre Passwörter für E-Mail-Accounts bei einem Rechtsanwalt oder in einem Tresor hinterlegt. Für die Erben ein großes Problem: Sie haben keinen Zugriff auf Onlinekonten, können Internetrechnungen des Verstorbenen nicht begleichen, wissen nicht, ob Kreditraten fällig werden oder Verträge gekündigt werden müssen. Im schlimmsten Fall verlängern die sich von Jahr zu Jahr. Deutsche Provider wie GMX und Web.de akzeptieren immerhin einen Erbschein für einen Zugriff auf das Postfach.

Wenn Angehörige keinen Ausweg mehr wissen, kommt Birgit Janetzky ins Spiel. "Semno" hat sie ihr Unternehmen in Denzlingen, nördlich von Freiburg im Breisgau, genannt. Das Wort kommt aus dem Griechischen und heißt würdevoll. Und würdevoll geht sie auch mit den Daten der Toten um. Dazu gehören mitunter auch vertrauliche E-Mails, die Fremde eigentlich niemals lesen sollten, über die sie aber stolpert, weil die sich mit den geschäftlichen mischen. "Häufig weiß ich nach der Recherche, wo der Tote seine Zeit verbrachte und wovon er träumte."

Zum Beruf des digitalen Nachlassverwalters kam sie eher durch Zufall, als sie selbst einmal Inhalte aus dem Internet entfernen wollte. Es dauerte Monate, bis sie es schaffte. Danach fragte sie sich: Was passiert eigentlich mit den Daten Verstorbener? Die Idee war geboren.

Weil die Theologin selbst keine Passwörter knacken konnte, engagierte sie Computerspezialisten, die das im Auftrag der Angehörigen erledigen. Die durchforsten dann Rechner und Smartphones. Es gibt eine klare Arbeitsteilung. Janetzky: "Die IT-Experten kümmern sich um die Technik, ich tröste die trauernden Menschen."

Erinnerungsfotos von der Plattform retten

Nicht viele Fälle gehen ihr so nah, wie der von Anna. Auch deshalb, weil die digitale Bestatterin ihre Kunden nur selten persönlich sieht. Vater, Mutter, Geschwister, Kinder melden sich per E-Mail oder erzählen ihr von dem Toten am Telefon. Die meisten wurden ganz plötzlich mitten aus dem Leben gerissen. Birgit Janetzky: "Deshalb konnten sie ihren Nachlass nicht regeln."

Es gibt verschiedene Gründe, warum sich die Erben bei der Theologin melden: Die einen wollen Zugang auf Geräte und Daten, um etwa Fotos, Briefe und andere Erinnerungen zu sichern. Andere sehen es geschäftlicher: Ihnen geht es um die Geräte selbst, oder um Rücklagen bei Ebay, um gespeicherte Bücher, Musik und Computerprogramme.

Obwohl immer mehr Trauernde einen digitalen Nachlassverwalter engagieren, kann Birgit Janetzky nicht davon leben. Sie hat den Zeitaufwand unterschätzt: "Mein Angebot ist sehr individualisiert." Eine Analyse für die Hardware kostet pro Gerät 249 Euro. 39 Euro nimmt sie für jedes Profil, das sie in sozialen Netzwerken oder bei Auktionshäusern löscht. Ab 20 gibt es Mengenrabatt.

Noch ist das Geschäft im Aufbau. Gerade hat sie eine Preisanpassung vorgenommen, jetzt hat sie schon wieder eine neue Idee: Sie möchte zum Beispiel als Beraterin für Versicherungen arbeiten. Janetzky: "Die haben gerade den Tod im Internet als Produkt für sich entdeckt."

Informationen von Anna werden sie nicht mehr finden. Die hat die Theologin alle gelöscht.

  • Peter Ilg (Jahrgang 1960) arbeitet als freier Journalist in Aalen und schreibt vor allem über Berufe und Karrieren.
Wenn ein Mitarbeiter stirbt
Diensthandy - Was passiert, wenn ein Mitarbeiter stirbt?

Wenn der Angestellte seinen Computer oder das Smartphone gleichzeitig beruflich und privat genutzt hat, ist es der Firma zunächst nicht gestattet, geschäftliche E-Mails zu lesen, wenn im Postfach auch private Nachrichten liegen.

E-Mail-Postfach in der Firma – Wer darf es öffnen?

Was im Falle eines Todes geschieht, sollte in Verträgen und Betriebsvereinbarungen festgelegt werden. Zum Beispiel, dass der Zugriff auf das Postfach des Verstorbenen nur mit einem fachkundigen IT-Mitarbeiter erfolgen darf, und private E-Mails ungelesen an die Erben weitergeleitet werden.

Wer erbt ein E-Mail-Konto?

Grundsätzlich gehen Konten von E-Mail-Anbietern, sozialen Netzwerken und anderen Webseiten nach dem Tod eines Menschen an dessen Erben über – vorausgesetzt, diese legen einen Erbschein vor. Gleiches gilt für Daten bei Cloud-Diensten und Domains bei Webhosting-Anbietern.

Was passiert im Falle eines Todes mit dem Facebook-Account?

Bisher wurden die Accounts beim Tod eines Nutzers eingefroren. Auf Kritik von Angehörigen können diese das Profil jetzt weiterführen, also auch ältere Postings herunterladen oder es ganz löschen lassen.

Warum brauchen Erben die Passwörter der Verstorbenen?

Weil sie die Schlüssel zu wichtigen Information sind: Immer mehr Menschen speichern auch private Unterlagen in digitaler Form oder Fotos in Clouds. Die können nur mithilfe der Zugangsdaten abgerufen werden. Ähnlich ist es bei Online-Konten.

Wie bestimme ich einen digitalen Nachlassverwalter?

Am besten, Sie erstellen eine handschriftliche Vollmacht für einen Freund oder Verwandten. Darin könnte stehen: Hiermit bevollmächtig ich Vorname, Nachname, Geburtsdatum, Geburtsort, Wohnort, sich vollumfänglich um all meinen digitalen Nachlass zu kümmern. Ort, Datum und eigene Unterschrift.

Kann ein finanzieller Schaden für die Erben entstehen?

Wenn auf der Plattform Vermögenswerte des Erblassers hinterlegt sind: Zum Beispiel können gekaufte Bücher, Musik oder Software zur Erbmasse gehören. Verweigert der Provider den Zugriff auf die Plattform, müssen die Zugriffsrechte unter Umständen vor Gericht geklärt werden.

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insgesamt 35 Beiträge
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1.
meinmein 26.07.2015
Was die Frau da macht ist alles Unsinn und für die Erben rausgeworfenes Geld. Die allermeisten Leute haben im Netz nur Unwichtiges, das kann ruhig als Karteileiche weiterbestehen. Das beste Beispiel ist Facebook. Ich möchte nicht wissen, wie viele ungenutzte Accounts da vor sich hinschimmeln. Sollten noch Außenstände bei Firmen vorhanden sein, werden die sich nach einer Weile schon per Brief melden, das Gleiche gilt für Banken bei Onlinekunden. Guthaben können die Erben auch per Post einfordern.
2. @meinmein
sangria 26.07.2015
Werte(r) meinmein, schließen Sie bitte nicht von sich auf Andere. Gerade junge Leute haben im Netz durchaus Wichtiges, weil sehr Persönliches. Facebook ist hier nicht mal ansatzweise das beste Beispiel. Denken Sie mal an Profile bei diversen Flirtportalen. Auch wenn man die Nachrichten nicht mehr abruft, ist es eine Sache der Pietät gegenüber dem Verstorbenen und der Achtung gegenüber dem Nachrichtenschreiber, Flirts mit Toten zu verhindern. Ihr digitales Auftreten ist für routinierte Internetnutzer veritabler Bestandteil ihres Lebens, der Begriff "Karteileiche" ist hier mehr als fehl am Platz.
3.
B.Buchholz 26.07.2015
Braucht kein Mensch. Wenn juckt ein ungenutztes Postfach? Der Provider bekommt eh kein Geld mehr und wird das auch alleine schließen. Und wenn irgendwo irgendwas jahrelang ungenutzt dahinvegetiert, kann der Anbieter per Mail um Aktivität zur Bestätigung bitten, und bei Ausbleiben derselben den Account schließen. Erlebe ich bei alten Accounts immer wieder, und ich habe schon einige "geschlossen", indem ich eben einfach nicht reagiert habe. So werden ja auch ständig Angebote "bereinigt". Facebook-Erinnerungsfotos etc. kann ich auch vorher selber sichern, oder eben die FB-Kontakte, dazu ist dann ja ewig Zeit. Und wenn irgendeiner von einem Toten noch Geld haben will, wird er sich schon bei der hinterlegten Adresse melden, denen muss doch kein Angehöriger zuvorkommen. Und wenn man selber noch Geld haben möchte? Paypal, eBay, wo hat man sonst schon virtuell noch großartig Guthaben hinterlegt? Die könnte man pauschal auch so abfragen, ohne da noch Rechnungen eines solchen digitalen Nachlassverwalters zu bekommen, die das Guthaben wahrscheinlich meist noch übersteigen. 250 Euro pro Gerät, 40 Euro pro Account. Heißt in der Praxis dann: "Hier, ich habe ihnen 20 Bildchen aus sozialen Netzwerken gesichert, die eh alle Freunde schon hatten, sowie 24,73 Euro bei Paypal. Macht wegen Rechner, Notebook und Tablet und der untersuchten Accounts dann 995 Euro." Ja super. Und zu allerletzt: Wenn ich sterbe, möchte ich sicherlich nicht, dass wildfremde Menschen in meinem E-Mail-Account rumlesen, meinen Rechner durchwühlen und sich alles anschauen, was per Passwort gesichert war.
4.
MustermannZZZ 26.07.2015
ich denke nicht, dass man löschen sollte. wenn es die daten wirklich 200 jahre oder so in die zukunft schaffen sollten wäre es für diese leute sicher interessant sich mal alles anzuschauen.
5.
Yacco 26.07.2015
@meinmein - tatsächlich gibt es immer mehr Banken und Versicherungen, die ausschliesslich elektronisch mit ihren Kunden kommunizieren. Und über Veträge dieser Art können die Erben oft ausschliesslich über das Öffnen der e-mail-accounts Kenntnis erlangen. Gerade im Todesfall werden viele Banken nicht von sich aus aktiv, die Erben von Konten oder Depots zu ermitteln. Der Grund ist, dass ein Guthaben, das über 30 Jahre nachrichtenlos bleibt, verjährt und samt Zinsen von der Bank eingezogen wird.
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Alternativen zum Friedhof: Lass die Asche fliegen

Bestattungsriten
Islam
Nach der Waschung wird der Leichnam in ein Kefen, ein Leinentuch ohne Nähte, gewickelt. Beim anschließenden Totengebet liest ein Prediger aus dem Koran. Im Grab wird der Verstorbene auf die rechte Seite, das Gesicht gen Mekka, gelegt. In muslimischen Staaten ist die Beisetzung im Leichentuch üblich, in Deutschland haben inzwischen 12 der 16 Bundesländer den Sargzwang aufgehoben.
Judentum
Dem Verstorbenen wird ein langes, weißes Totenkleid angezogen und eine weiße Kopfbedeckung aufgesetzt. Jeder bekommt den gleichen, einfachen Sarg. Männern wird der Gebetsmantel mit hineingelegt. Am Grab werfen die Anwesenden drei Hände Erde auf den schlichten Sarg, wobei sie jedes Mal sagen: "Von Staub bist du und zum Staub wirst du zurückkehren." Ansprechend wird das Kaddisch gesprochen. Jüdische Gräber dürfen nicht eingeebnet werden, sie sollen Bestand haben für alle Zeiten.
Buddhismus
Den Buddhisten gilt der Tod gleichzeitig als Ende und Neubeginn. Im Sterbeprozess löst sich der Geist, nach einiger Zeit verbindet er sich wieder mit einem neuen Körper. Es gibt keine einheitlichen Riten oder Zeremonien für die Bestattung. Da der Geist wichtiger ist als der Körper, ist der Sterbeprozess, der bis zu drei Tagen dauern kann, auch wichtiger als die Beisetzung.


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