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Diskriminierung "Niemand gibt zu, dass es an der Herkunft liegt"

Nahaufnahme: Bewerber mit ausländischen Namen bekommen überdurchschnittlich viele Absagen Zur Großansicht
Corbis

Nahaufnahme: Bewerber mit ausländischen Namen bekommen überdurchschnittlich viele Absagen

Bewerber mit ausländischen Namen haben es bei der Jobsuche schwer, zeigte kürzlich eine Studie. Hier berichten drei Deutsche mit türkischen Wurzeln von zerrissenen Mappen, üblen Beleidigungen und Interviewmarathons.

Gegen Tim hat Hakan keine Chance. Nicht, weil er schlechtere Leistungen bringt. Er hat einfach den falschen Vornamen. Eine großangelegte Studie hat Deutschland ein ernstes Diskriminierungsproblem bescheinigt: Jugendliche mit ausländischen Wurzeln müssen deutlich mehr Bewerbungen schreiben, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Sie werden häufiger ignoriert, und sie müssen sich häufiger duzen lassen.

Für viele Leser war das Ergebnis der Studie keine Überraschung. Drei Betroffene haben uns von ihren Erfahrungen bei der Jobsuche erzählt.

Der Sozialökonom, 31: "Ich bekam meine Bewerbungsmappe durchgerissen zurück"

"Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Nach der Hauptschule habe ich eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht, die ich abbrechen musste, denn ich wurde immer wieder von Vorgesetzten beleidigt. Türken stinken nach Knoblauch, Scheißtürke... In jedem Satz, der auf mich bezogen war, kam das vor. Dann habe ich 450 Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz als Speditionskaufmann abgeschickt. Einmal bekam ich sogar meine Bewerbungsmappe in der Mitte durchgerissen zurück. Schließlich habe ich aber die Lehre absolviert.

Über die Abendschule war es ein langer Weg bis zu meiner hervorragenden Bachelorarbeit in Sozialökonomie. Ich habe studienbegleitende Praxiserfahrungen, ein Auslandssemester in Korea absolviert, spreche mehrere Sprachen. Ich würde gerne politische Analysen oder Marktanalysen machen.

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Inzwischen habe ich 150 Bewerbungen abgeschickt. Das ergab nur fünf Kontaktaufnahmen. In meiner Verzweiflung habe ich mich sogar wieder als Speditionskaufmann beworben. Kein Personaler sagt direkt, dass es am ethnischen Hintergrund liegt. Dann würde ich ihn auch sofort verklagen. Aber viele Stellen, um die ich mich vor Monaten bemüht habe, sind immer noch frei. Bei einer Projektgesellschaft in Hamburg zum Beispiel hatte die Personalsachbearbeiterin von Anfang an einen Hass gegen mich. Erst nach einem Monat bekam ich eine Antwort. Im Vorstellungsgespräch hat sie abfällige Bemerkungen gemacht. Bei einer türkischstämmigen Kommilitonin lief es ähnlich.

Je niedriger die Bildungsschicht, desto rabiater die Diskriminierung, aber vorhanden ist sie überall. Manche Firmen sagen, sie hätten immer Probleme mit türkischstämmigen Mitarbeitern. Die Frage ist aber, wer schafft diese Probleme? Die ständige Diskriminierung ist die Ursache. Meine Verlobte ist Koreanerin, und ich will nicht, dass sie auch diese Erfahrung macht. Inzwischen bewerbe mich in England, Korea, in der Türkei. Dort ist wenigstens die menschliche Wertschätzung vorhanden."

  • Die Studentin, 20: "Bei Bewerbungen mit Foto gab es nur Absagen"

"Es fing an, als ich auf dem Gymnasium war und einen Nebenjob suchte. Da habe ich in der Fußgängerzone Bewerbungen abgegeben. Aber ich bin Kopftuchträgerin, und sobald die das Foto gesehen haben, hatte ich keine Chance. Als ich nachgefragt habe, wurde mir auch einmal gesagt: 'Wir nehmen keine mit Kopftuch.' Es habe Vorfälle gegeben, da seien die Eltern gekommen und hätten gesagt: 'Wenn meine Tochter hier arbeitet, dürfen keine Männer in das Geschäft.' Da denke ich mir: Wenn eine Blondine Mist baut, wird man auch nicht sagen, wir nehmen keine Blonden mehr. Ich finde es blöd, dass man uns alle über einen Kamm schert. In einem Geschäft ist ein Mädchen angenommen worden, obwohl sie eine geringere Schulbildung hatte als ich.

Nach dem Abitur habe ich mich um Ausbildungsplätze beworben. Bei den Firmen, an die ich ein Foto geschickt habe, habe ich eine Absage bekommen, ohne Foto gab es Zusagen. Ich habe mich zum Beispiel für eine Ausbildung an Krankenhäusern beworben. Lauter Absagen. Ein Praktikum durfte ich aber machen. In der Ausbildung hätte ich das Kopftuch ablegen müssen. Das verstehe ich nicht, denn es bringt ja für die Hygiene eher einen Vorteil. Es sind meistens Vorurteile: Man kennt keine Muslime persönlich. In den Medien hört man etwas, aber macht sich kein wirkliches Bild.

Wenn ich weder einen Ausbildungs- noch einen Studienplatz gefunden hätte, hätte ich das Kopftuch abgenommen. Aber ich habe dann angefangen, Grundschullehramt zu studieren. Allerdings weiß ich noch nicht, was ich mache, wenn ich fertig bin. Mein Bundesland akzeptiert das Kopftuch in der Schule nicht. Im schlimmsten Fall würde ich es ablegen. Unter Kindern ist es auch kein Problem, wenn man seine Haare zeigt. Vielleicht kann es einen Kompromiss geben, so dass ich im Lehrerzimmer mein Kopftuch behalten darf. Auf jeden Fall will ich in Deutschland bleiben. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Die Türkei ist für mich nur ein Urlaubsort."

  • Der Ingenieur für Elektrotechnik, 43: "Ausländische Fachkräfte haben geringere Karrierechancen"

"Vor ein paar Jahren musste ich aus wirtschaftlichen Gründen meine Projektgruppe verlassen. Ich habe mich um eine Stelle in einer anderen Abteilung beworben und musste dafür sechs Interviews führen. Das gibt es sonst noch nicht mal bei externen Bewerbungen. Der gesamte Prozess hat vier Monate gedauert. Ein deutscher Ingenieur mit der gleichen Qualifikation wusste schon nach drei Wochen Bescheid. Natürlich gibt niemand zu, dass es an meiner Herkunft liegt. Aber ein deutscher Arbeitskollege hat mir gesagt, dass es daran liegen könnte.

Es gab auch andere Stellenausschreibungen in der Firma. Aber das Management hat gezielt bestimmte Angebote für Führungskräfte nicht an mich weitergeschickt - obwohl ich angedeutet habe, dass ich Interesse habe. Ausländische Fachkräfte haben geringere Karrierechancen.

Aber bei wem soll man sich beschweren? Die meisten Führungskräfte und auch der Betriebsrat sind deutsch. Ich habe diese Sachen einem Betriebsratsmitglied erzählt, und seine Antwort war: Sie müssen extrem gut sein, um etwas zu erreichen.

Allgemein ist es nicht so einfach, wenn man zum Beispiel als ausländische Fachkraft Projekte leitet. Manche Menschen wollen das nicht akzeptieren und machen mit Absicht den Prozess langsamer. Auch bei Meetings werden die Argumente von ausländischen Mitarbeitern nicht ganz ernst genommen. Und wenn man zusammen zum Essen geht, sitzen die Leute eher nicht neben einem.

Ich habe auch überlegt, ins Ausland zu gehen, aber es ist nicht so einfach, einen neuen Freundeskreis zu finden. Die meiste Zeit verbringe ich mit deutschen Freunden. Die Mehrheit der Deutschen aber begegnet Ausländern nur als Taxifahrern oder McDonald's-Arbeitern, sehr wenige haben ausländische Freunde. Vielleicht verbessert sich die Situation, weil der deutsche Arbeitsmarkt sich wandelt. Die Hoffnung stirbt zuletzt."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
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1. ...
Newspeak 01.04.2014
Ja, es gibt Diskriminierung in Deutschland, und nicht zu knapp, aber nicht nur wegen der Herkunft oder des ausländischen Namens, sondern auch wegen Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung und vor allem auch sozialer Herkunft. Das ist das eine. Und nicht, daß das toll wäre. Aber... Ich habe mich zum Beispiel für eine Ausbildung an Krankenhäusern beworben. Lauter Absagen. Ein Praktikum durfte ich aber machen. In der Ausbildung hätte ich das Kopftuch ablegen müssen. Das verstehe ich nicht, denn es bringt ja für die Hygiene eher einen Vorteil. ...mit solchen Argumentationen schießt man sich schon selbst ins Aus. Ein Kopftuch ist nicht vergleichbar mit einer medizinischen Einweghaube. Das hat mit Diskrimierung durch den Arbeitgeber nichts zu tun, sondern mit dem Schutz des Arbeitsnehmers und vor allem der Patienten. Wenn man das schon nicht einsieht, dann ist man vielleicht unabhängig von der Herkunft nicht ausbildungsfähig. Nur so ein Gedanke...
2. In
faust1911 01.04.2014
einem säkularen Staat zu erwarten, daß offene und provokant zur Schau getragene Religionsinsignien bei einer Bewerbung ignoriert werden müssen, hat nichts mit Intoleranz zu tun, sondern mit Ignoranz seitens der Bewerberin. Und lenkt leider von den berechtigt angeprangerten Ungerechtigkeiten in der Behandlung von Menschen mit vorurteilsbehafteten Merkmalen ab.
3.
Horstino 01.04.2014
Kandidat 3 wurde echt übel mitgespielt und das ist besonders bitter, weil der Mensch im Leben eigentlich alles richtig gemacht hat. Bei den Kandidaten 1 + 2 ist die Sache aber komplexer. Kandidat 1 scheint nicht besonders reflektiert zu sein. Wenn Firmen meinen, türkischstämmige Mitarbeiter wären problematisch, so ist daran allein die Diskriminierung schuld. Auf die Idee, dass eine Erziehung des Sohnes zum verwöhnten Pascha der sich nichts zu sagen oder gefallen lassen hat zu einem schwierigen Verhalten in hierarchischen Strukturen führen könnte, kommt er nicht. Niemand muss ein Duckmäuser sein, aber im Zweifel muss es laufen wie der Chef es sagt. Und bei Kandidatin 2 ist es letztlich ähnlich. Wenn ich einmal Ärger mit dem Vater eine Verkäuferin hatte wegen dessen obskuren Sittenvorstellungen, schaue ich, dass ich das in Zukunft vermeide. Dabei vom Kopftuch auf die problematischen Vorstellungen zu schließen ist sicherlich valider als dies anhand der Haarfarbe zu tun. Umgekehrt habe ich türkische Verkäuferinnen erlebt, die mich mit einem Maximum an Verachtung behandelt haben. Als zahlender Kunde wurde ich wie ein Bittsteller behandelt. Ich glaube das Diskriminierungsproblem ist keine Einbahnstraße.
4.
charlie1111 01.04.2014
Zitat von faust1911einem säkularen Staat zu erwarten, daß offene und provokant zur Schau getragene Religionsinsignien bei einer Bewerbung ignoriert werden müssen, hat nichts mit Intoleranz zu tun, sondern mit Ignoranz seitens der Bewerberin. Und lenkt leider von den berechtigt angeprangerten Ungerechtigkeiten in der Behandlung von Menschen mit vorurteilsbehafteten Merkmalen ab.
Mir ist kein Fall bekannt, bei dem eine Trägerin einer Kette mit Kreuz diese abnehmen musste, Ihnen?
5. Diskriminierte diskriminieren
kernziel 01.04.2014
hört sich paradox an, ist aber so....leider. Das habe ich schon häufig selbst erlebt und bin doch jedes Mal erenut darüber verwundert. Ich kann es einfach nicht fassen, dass Menschen, die selbst die Erfahrung machen, diskriminiert zu werden, häufig nicht die Fähigkeit entwickeln, mit anderen Menschen zu fühlen, die aus anderen Gründen diskriminiert werden. Traurig, SEHR traurig!
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