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Doppelspitze Wie ein altes Ehepaar auf dem Chefsessel

Zwei Chefinnen in einer Geschäftsstelle: Andrea Kelch und Astrid Meincke Zur Großansicht
Thomas Duffé/ SAGA GWG

Zwei Chefinnen in einer Geschäftsstelle: Andrea Kelch und Astrid Meincke

Zwei Alpha-Tiere, ein Chefposten - kann das gutgehen? Ja, sagen Führungskräfte und Experten. Das eigene Ego und die deutsche Mentalität stören dabei machmal. Und auch für Mitarbeiter kann das "Topsharing" zum Problem werden.

Egal ob sie an der Kasse steht oder am Frühstückstisch mit ihrer Familie sitzt - wenn Astrid Meincke auf dem Handy anruft, dann geht Andrea Kelch sofort dran. So haben sie es vereinbart. Für die beiden Frauen ist es eines der wichtigsten Regeln, um ihre Arbeit erfolgreich abzuliefern.

Meincke, 50, und Kelch, 43, sind beide Chefin einer Geschäftsstelle des Hamburger Wohnungsanbieters "Saga GWG", sie teilen sich den Leiter-Posten zu je 50 Prozent. Die halbe Woche sitzt also die eine auf dem Chefsessel, die restliche Zeit die andere. Trotzdem wissen beide immer über alles Bescheid, sprechen sich bei wichtigen Entscheidungen kurzfristig ab. Wenn es sein muss, eben auch unterwegs per Handy.

Dass ihre Zusammenarbeit als Doppelspitze gut funktioniert, liegt vor allem daran, dass sich beide blind vertrauen und von Anfang an offen an dieses Arbeitsmodell herangegangen sind: "Natürlich war ich zuerst skeptisch und dachte, das kann doch gar nicht gut gehen", sagt Kelch.

Sie habe sich nur schwer vorstellen können, wie man sich gerade bei der Führungsarbeit mit einem gleichberechtigten Partner abstimmen soll. Auf einen Versuch ließ sie es vor rund sechs Jahren aber trotzdem ankommen. "Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen", sagt sie. Bereut hat sie es bis heute nicht.

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Wenn zwei sich den Chefposten an der Spitze eines Unternehmens oder einer Abteilung teilen, spricht man von Doppelspitze oder auch "Topsharing" - abgeleitet vom Prinzip des Jobsharings. Der Begriff Topsharing stammt in erster Linie aus der Schweiz, hier setzen viele Unternehmen das Modell bereits um.

Vier-Augen-Prinzip oder Alleinherrscher

Auch bei deutschen Chefs findet die Idee mehr und mehr Zuspruch - ob in Teilzeit oder als Vollzeit-Gespann. Häufig sind es Frauen, die gemeinsame eine Abteilung leiten. Aber selbst wenn es um die Gesamtverantwortung für eine Firma geht, kommt die Teamarbeit immer öfter in Frage.

Prominente Beispiele sind etwa die Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen bei der Deutschen Bank oder der Doppel-Vorstand bei SAP, die bei aller Kritik beweisen: Auch zwei am Ruder lassen einen Kahn nicht kentern.

Im Gegenteil, es gibt mehrere Vorteile: Für das Modell spricht zum Beispiel das Vier-Augen-Prinzip. "Die Geschäftswelt wird zunehmend komplexer und widersprüchlicher. Alle Rahmenbedingungen als alleiniger Chef im Blick zu haben, ist darum eine extrem große Herausforderung und birgt auch Haftungsrisiken", sagt Ulrich Goldschmidt, Hauptgeschäftsführer des Berufsverbands für Fach- und Führungskräfte.

Sonst sorgt die Sekretärin für den Erfolg des Chefs

Dazu kommt, dass bei zwei Chefs einer mal ausfallen kann, etwa wegen Krankheit. Trotzdem bleibt keine wichtige Geschäftsentscheidung liegen. Damit besteht auch weniger die Gefahr, dass sich der eine überarbeitet. Theoretisch ist mehr Zeit für die Mitarbeiter und deren Anliegen. Außerdem kann eine Doppelspitze aus einer jungen und einer älteren gestandenen Führungskraft helfen, einen Generationenwechsel gut über die Bühne zu bringen.

Warum trotzdem viele davor zurückschrecken? Das liege vor allem an der Mentalität vieler Deutscher, attestiert Jürgen Wegge, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der TU Dresden. "Man geht immer von dem einen begnadeten Chef aus." Das schmeichele natürlich dem Ego, wenn es heißt "Du bist der Boss, du darfst alleine entscheiden". Aber in der Realität trage nicht zuletzt die Sekretärin des Chefs zum Erfolg bei.

Natürlich bringt eine Doppelspitze besondere Herausforderungen mit sich. Michael Riermeier kann das nach fünf Jahren in einem Führungs-Trio bestätigen. "Manchmal dauern Entscheidungen länger, weil jeder seine Argumente einbringt", erläutert der 37-jährige Teil-Chef der Beratungsfirma Raum für Führung. Ein Nachteil sei daraus bislang aber nie entstanden.

Der Netzwerker, der Techniker, der Verkäufer

Nicht selten driften Auseinandersetzungen ins Persönliche ab. Dann sind Toleranz und Ausdauer gefragt, um das Gespräch wieder auf eine sachliche Schiene zu bringen. Riermeiers Erfahrung: "Wer in einem Führungsteam arbeiten will, darf durchaus mal Alpha-Tier sein. Rücksichtslosigkeit und Eigensinn verbieten sich aber. Bescheidenheit und Demut sind wichtige Eigenschaften, die jeder mitbringen sollte."

Entscheidend sei außerdem, wie die Teilung organisiert ist. Die Aufgaben sollten immer klar voneinander zu trennen sein. Zum Beispiel nach Kompetenzen - so läuft es auch beim Berater-Trio. "Einer betreut eher technische Zusammenhänge, der Zweite ist überwiegend Verkäufer und der Dritte bringt sich wo immer möglich als Moderator und Netzwerker ein", sagt Riermeier.

Auch die Mitarbeiter spielen beim Thema Doppelspitze eine große Rolle. Bei ihnen kann sich das Gefühl einstellen, keinen eindeutigen Ansprechpartner zu haben. Oder sie sehen sich zwischen den Stühlen zweier sich widersprechender Chefs. "Es kommt auch schon mal vor, dass Mitarbeiter versuchen, die Leiter gegeneinander auszuspielen", berichtet Astrid Meincke von der "Saga GWG". Deshalb sollten sich Teilzeit-Chefs keine Alleingänge erlauben. "Doppelspitze ist eben ein bisschen wie Ehe und Familie", sagt Meincke.

  • et Lux
    KarriereSPIEGEL-Autorin Lara Sogorski (Jahrgang 1988) arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Ihre Ausbildung hat sie an der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft gemacht.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Fantail 18.06.2013
Kaufmaennischer Direktor / Technischer Direktor. Gab es schon vor mehr als 100 Jahren. Gibt es eigentlich einen Nobelpreis fuer das Wiederauffinden alter Huete? ;-)
2. Tssss
quark@mailinator.com 18.06.2013
Natürlich "kann" es gut gehen, aber das sollte nicht die Frage sein, sondern vielmehr entweder "geht das regelmäßig gut" oder noch besser "ist das im Schnitt besser als eine Einzelspitze" ... Meine Erfahrung zeigt, daß gemeinsames Geschäft das gemeinsame Verhältnis stark belasten kann. Viele Freundschaften sind schon daran zerbrochen (und das in der Artikel-Überschrift enthaltene Ehepaar trennt sich in DE auch in 50% der Fälle). Ich denke mal, es sollte gute Gründe geben, eine Doppelspitze zu bilden, z.B. wenn es möglich ist, die Bereiche klar zu teilen. Allerdings würde ich sagen, daß es nur gut geht, wenn einer der beiden bei strittigen Themen am Ende eben doch meist das Sagen hat (primus inter pares). Wenn beide den Anspruch auf die größere Macht haben, gibt es nur Krieg, wenn beide Konsens wollen, gibt es faule Kompromisse. Naja ... letztlich hat jede funktionierende Armee nur einen Oberbefehlshaber, es gibt aber genug Beispiele, wie Armeen scheiterten, wenn die Führung gespalten wurde (politische Einflußnahme).
3. Wie gehabt...
mabo08 18.06.2013
...muß bei einem Duo oder Trio im Zweifelsfall jemand definitiv das letzte Wort haben.Sonst wird das nix, und Aufgaben oder Probleme werden wie in der Politik, totgeredet und vertagt bis St Niemmerlein.
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