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Rat der Karriereberaterin Ein Schritt zurück ist auch okay

Rasanter Abstieg: Wer aufsteigt, kann auch wieder runter Zur Großansicht
Corbis

Rasanter Abstieg: Wer aufsteigt, kann auch wieder runter

Immer weiter, immer aufwärts - ist das die einzig mögliche Richtung für eine Karriere? Nein, sagt Beraterin Svenja Hofert. Wer einen Gang zurückschalten will, sollte sich nicht von überkommenen Vorstellungen abhalten lassen.

KarriereSPIEGEL-Klassiker
Manche Dinge ändern sich (fast) nie: Wie man eine interessante Bewerbung schreibt. Wie man im Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck hinterlässt. Die besten zeitlosen Artikel aus dem KarriereSPIEGEL präsentieren wir Ihnen in loser Folge.

Astrid ist bis zur Personalleiterin aufgestiegen - eine Musterkarriere. Doch sie arbeitet 60 Stunden, das soziale Umfeld bricht weg, sie wird krank. Sie entscheidet sich, künftig als Personalsachbearbeiterin zu arbeiten, weit unter ihrer Qualifikation. Alle raten ab. Sie fragt uns, ob sie ihrem dringenden Wunsch dennoch nachgeben sollte.

Zur Autorin
  • Ann-Christine Krings

    Karriereberaterin Svenja Hofert hat mehr als 25 Bücher geschrieben, darunter das "Slow-Grow-Prinzip. Lieber langsam wachsen als schnell untergehen" und "Am besten wirst du Arzt... Wie Eltern ihren Kindern wirklich helfen".

  • Haben Sie eine Frage an sie? Schicken Sie eine E-Mail.

Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:
Astrid, Sie haben nur ein Leben, und das gehört Ihnen. Gestalten Sie es so, wie es Ihnen richtig erscheint. Niemand ist zum Aufstieg verdammt. Wer eine Leiter raufgeht, kann auch wieder runter. Arbeit ist auch nicht alles - auch nicht für Leute, die hochqualifiziert sind. Der Beruf muss auch nicht Berufung sein. Wer das behauptet, beschäftigt vor allem die Coaching-Branche.

Befreien Sie sich also aus dem Karrierekorsett, wenn Sie es wirklich wollen. Es gibt Menschen, die leben für ihren Beruf, viel Arbeit bedeutet für sie: viel Leben. Aber es ist genauso richtig, den Job nicht so wichtig zu nehmen, weil anderes eben wichtiger ist. Wie bedeutsam Arbeit im Leben ist, hat viel mit der Lebensphase zu tun, in der jemand sich befindet.

Downshifting, so nennen wir Karriereberater das, ist gängige Praxis - ein wenig öfter anzutreffen bei Frauen als bei Männern. Das hat sicher damit zu tun, dass die Herren der Schöpfung sich nach wie vor eher über Geld und Job definieren und die Damen eher über das Leben, die Liebe, den Spaß. Ohne Klischees - die Tendenz stelle ich wirklich fest.

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Ich denke, es liegt nicht an Männern oder Frauen, sondern an einem Dilemma: Männer, vor allem in der mittleren Lebensphase und wenn Kinder da sind, sind nun mal oft die Hauptverdiener. Den Wunsch runterzufahren, haben viele. Nur können oder wollen sie sich das nicht leisten.

Bei den meisten meiner Kunden kristallisiert sich ein Wertewandel hin zu einem Leben jenseits des Berufs erst nach mehreren Jahren im Job heraus. Dann fängt man an, sich im beruflichen Alltag unwohl zu fühlen, krank zu werden oder die zu beneiden, die überschaubare Jobs haben. Überschaubar in Sachen Inhalt und Zeitaufwand - gerade Letzteres ist oft wichtig. Aber auch der Inhalt kann eine Rolle spielen: Viele möchten nicht immer wieder neu lernen, sich auf immer neue Dinge einlassen, sich ständig weiterentwickeln. Und auch wenn dieses Bedürfnis nicht zeitgemäß ist: Es ist absolut menschlich.

Für viele bleibt das "Andere" nur eine Zwischenstation

Dummerweise verdient man dort, wo es ruhiger zugeht, oft auch weniger Geld. Das ist eine Kröte, die viele ungern schlucken. Für manche Akademiker fängt Geldverdienen bei 50.000 Euro brutto im Jahr an. Da kommt man mit Sachbearbeiterpositionen selten heran. Viele am Downshifting Interessierte fragen mich dann, ob ich nicht einen Zauberkasten mit Jobs habe, die bei wenig Aufwand viel bringen - möglichst ohne vorheriges Lernen und bitte nicht im Vertrieb. Leider muss ich da passen.

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Andere sind, wie Astrid, bereit, die Kröte des niedrigeren Verdienstes zu schlucken. Für sie ist der Wechsel in eine niedrigere Position trotzdem nicht einfach. Bei der Realisierung des Vorhabens, sich nach unten zu bewerben, steht man oft unter dem Fluch der guten Ausbildung. Wer sich unter seinem Marktwert anbietet, gerät schnell unter Generalverdacht: Ist das ein "faules Ei"? Meint der Bewerber das ernst? Ist ein solcher Bewerber nicht nach kurzer Zeit wieder weg?

Solche Bedenken sind nicht immer, aber öfter berechtigt. Ich erinnere mich an einen erfolgreichen Eventveranstalter, der plötzlich Sehnsucht nach regelmäßigen Arbeitszeiten hatte. Er bekam sogar den Job, den er sich wünschte. Dort hielt er es zwei Wochen aus. So hatte er sich das nicht gedacht, mit so wenig Verantwortung und mit Ansagen von oben.

Das ist kein Einzelfall. Auch Führungskräfte, die dann plötzlich normales Teammitglied werden, kommen nicht immer zurecht. Einen ähnlichen Effekt beobachte ich auch in turbulenten Branchen, in denen die Mitarbeiter hochtourig arbeiten, etwa der Film- und Fernsehbranche. Diese Leute suchen nicht selten nach einem extremen Gegenpol, etwa in der Immobilienverwaltung. Die neue Aufgabe erleben sie dann oft als so extrem anders, dass sie rasch weiterziehen.

Fragen Sie sich also, wenn Sie in Astrids Position sind, warum Sie kürzer treten wollen. Ist es ein momentanes Gefühl von Überlastung? Sind Sie einfach außer Puste und brauchen nur Erholung? Oder ist ein einfacherer Job wirklich etwas für Sie, auch dauerhaft? Wenn das so ist, nehmen Sie sich selbst und Ihr Vorhaben ernst. Ignorieren Sie die Unkenrufe aus Ihrem Umfeld. Aber planen Sie Ihr Vorhaben. Suchen Sie nach dem Job, den Sie dann auch wirklich machen wollen. Absolvieren Sie ein Praktikum, probieren Sie aus, was Sie nur aus der Theorie kennen. So nehmen Sie auch die größte Hürde: Das Misstrauen der Arbeitgeber gegenüber Bewerbern, die Karrierestufen herunter steigen wollen, sinkt, wenn sie sie kennen.

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insgesamt 31 Beiträge
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    Seite 1    
1.
großwolke 18.11.2015
Ich sehe da zumindest für Fälle wie die beschriebene "Astrid" noch eine Möglichkeit: Wer auf der Leiter weit genug nach oben gekommen ist, sollte eigentlich gewisse Möglichkeiten haben, den Stresslevel seines Jobs selbst zu gestalten. Klar, die Möglichkeit fällt für leistungsstarke Einzeltäter flach. Aber wer genug Leute unter sich hat, sollte eigentlich relativ fix den Finger auf die Stellen legen können, die die Arbeitswoche so hässlich lang und/oder unplanbar machen. Nicht alle Sachen muss man selber machen, um sie hinterher mit einem guten Gefühl abnicken zu können.
2.
skylarkin 18.11.2015
Ja warum soll es immer mehr,mehr,mehr sein? Wenn man mit weniger Geld auskommt und dafür unbezahlbare Lebensqualität zurückgewinnt ist das ein symphatischer und sinnvoller Schritt. Sowohl ich, als auch meine Lebensgefährtin haben schon einmal darüber nachgedacht und zumindest ich habe deswegen schon einmal eine mögliche Beförderung ausgeschlagen und bin bis heute froh darüber.Im Freundeskreis haben mir viele zu meiner Entscheidung gratuliert. Ich war selbst überrascht über die Zustimmung.
3. Ratschläge die von derPraxis überholt werden
tommit 18.11.2015
wenn man in einem gewissen Alter nicht in der dispositiven Ebene ist, wird man ein Praxisopa der schief angeschaut wird und von der Technik zweimal überrundet. Ich erinnere mich noch an meine Studienzeit, als wir als letzter Jahrgang Cobol Prgrammierung hatten... Andere waren dort jahrelang unterwegs und wenn die Firma und der Mitarbeiter bei Qualiufizierungen nicht mitziehen kann, weil er mit Projekten ausgelastet ist... SHit happens..
4.
Bobby Shaftoe 18.11.2015
Downshifting vor allem bei Frauen, weil die sich über Spaß und Liebe definieren? Wie wär's mal mit dem naheliegendsten: Familie und Kinderkriegen?
5. Ah wie?
Leser161 18.11.2015
Bei einem Schritt zurück ist man doch gleich überqualifiziert. Und kommen Sie erst gar nicht auf die Idee sich für was zu bewerben was nicht ganz ihr Fachgebiet ist. Die Flexibilität von Personalern wird weithin überschätzt.
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