Von Jochen Leffers
Für Eilige: Hier geht's direkt zum Test!
Wie Journalisten früher, ohne Internet, schnelle Informationen und neue Blickwinkel gefunden haben, das kann sich Claus Kleber kaum noch vorstellen. Seit neun Jahren moderiert er das "heute journal" des ZDF, seit Jahrzehnten ist er im Beruf. Und im Studio dominiert Technik, das ist enorm hilfreich. Nur die E-Mails lenken Kleber wirklich ab. "Ich habe die Manie, mein Postfach so zu halten, dass es auf den Schirm passt, also nicht überläuft", sagte er dem "Zeit-Magazin". "Ich brauche einfach dieses Gefühl: Eine passt noch rein, dann ist es voll."
Also hat der Moderator über die Jahre eine Marotte entwickelt: Damit das Postfach immer nur einen Bildschirm füllt, beantwortet oder löscht Kleber ständig Mails, "auch noch kurz vor der Sendung, wenn ich eigentlich Wichtigeres zu tun habe. Wahrscheinlich ist das irgendeine Fehlschaltung in meinem Gehirn."
Ähnliche Spleens dürften Millionen Berufstätige kennen. Jeder entwickelt seine eigene Strategie, um die fast pausenlos heranbrandenden Mail-Fluten zu kanalisieren, etwa durch automatische Weiterleitungen und ausgefuchste Sortiersysteme. In etlichen Jobs sind E-Mails die gängige Kommunikationsform, die längst Telefonate, Faxe, Briefe abgelöst hat. Zweifellos ist das ein Segen, flotter und kompakter lassen Informationen sich ja kaum versenden. Aber ein Fluch ist es auch. Denn das Sichten und Löschen, Beantworten und Weiterleiten kann zu einem ewigen Kreislauf des Stumpfsinns werden.
Viele Angestellte sehen Mails als moderne Büropest, die sie dem Burnout näherbringt: weil die ständig übervolle Inbox wie eine Liste zum Abarbeiten wirkt, wie ein puckerndes schlechtes Arbeitsgewissen. "E-Mail macht krank, dumm und arm", so lautet die steile These und zugleich der Buchtitel von Anitra Eggler. Als "Digitaltherapeutin" gibt die Wiener Autorin Tipps für entschleunigtes und gesünderes Arbeiten. "Nur Sklaven sind ständig erreichbar", sagt Eggler (am Mittwoch im KarriereSPIEGEL-Interview).
Re: Fw: AW: Re: WG: Antwort: So kann isch ned abbeide!
Etwas Trost spendet gepeinigten Büromenschen allenfalls die Vision, dass E-Mails vielleicht nur eine "Brückentechnologie" sind, die in den nächsten Jahren ohnehin abgelöst wird. Manche Experten orakeln nämlich, dass vor allem soziale Netzwerke und neue Dienste das Mail-Dauerfeuer löschen helfen werden. Schließlich kann man auch per Facebook oder Twitter, Xing oder LinkedIn persönliche Nachrichten verschicken. Telefon- oder Videokonferenzen ersetzen endloses Rundmail-Pingpong. Betriebsintern sind Instant-Messenger-Systeme eine flinkere Alternative zu E-Mails, so wie Doodle bei der Terminfindung oder Firmen-Netzwerke bei der gemeinsamen Arbeit an Präsentationen und anderen Dokumenten.
Das mag zunächst gefühlte Entlastung schaffen, kann aber bumerangmäßig zurückkommen: Wer sichergehen will, wirklich nichts zu verpassen, erhält am laufenden Meter Benachrichtigungen, wer sich wann auf welchen Webseiten gemeldet hat. Natürlich per E-Mail. Am Ende trudelt statt weniger noch mehr Elektropost ein. Na toll.
Es hilft ja alles nichts: E-Mails sind gekommen, um zu bleiben. Sie gehen nicht mehr weg, sie werden keineswegs aussterben. Jedenfalls nicht morgen oder übermorgen. Gegen das Schmerzgefühl der elektronischen Versklavung hilft nur ein kluger, gelassener Umgang - indem man sich beim Mail-Versand selbst gut benimmt und darauf baut, dass andere das auch tun.
Fragen auch Sie sich, was Sie von der Zeit, die Sie in Mails investieren, zurückbekommen? Wissen Sie nicht mehr, wie die Welt je ohne E-Mail-Kommunikation funktionieren konnte? Wenn Sie herausfinden wollen, welcher E-Mail-Typ Sie sind und wie viele überflüssige Nachrichten Sie noch löschen müssen, um sich vom Posteingangs-Terror zu befreien, sind Sie beim Mail-Test genau richtig.
Jochen Leffers (Jahrgang 1965) ist SPIEGEL-ONLINE-Redakteur und leitet das Ressort KarriereSPIEGEL.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Berufsleben | RSS |
| alles zum Thema Karriere-Quiz | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH