Von Peter Wagner
Es ist neun Uhr an einem Freitagmorgen, der Sommer über München ist sehr freundlich. Die Unternehmensberaterin Ulla Rinkes, 31, geht in ihr Büro an der prächtigen Ludwigstraße, wo sich die Boston Consulting Group (BCG) sowas wie ein Nest gebaut hat. Rinkes öffnet eine Glastür, geht in den hellen Lichthof, in dem der Blick fünf Stockwerke nach oben wandert. Sie sucht sich ein freies Büro, öffnet ihr Laptop, tippt einen Code in ein Telefon und ist dort nun unter ihrer Büronummer erreichbar.
Unternehmensberater sind flüchtige Wesen. Sie backen keine Brötchen, deren Produktion man sich anschauen kann. Sie brauchen nur einen Laptop und ein Telefon. Sie arbeiten für verschiedene Branchen, sie fliegen montags zum Kunden, arbeiten dort in eigens bereitgestellten Zimmern und fliegen donnerstags zurück. Am Freitag versuchen sie dann, die Ereignisse der Woche zu sortieren.
"Ich hatte nur eine vage Vorstellung davon, was ein Unternehmensberater macht." Ulla Rinkes hat das Gespräch mit dem Projektleiter beendet und denkt über ihren Job nach, der sie auf Neuland geführt hat. Sie hat an der Katholischen Universität Eichstätt Psychologie und später Philosophie, Kunstgeschichte und Europäische Ethnologie studiert und vor drei Jahren bei BCG angefangen.
Einmal pro Woche geht es zurück ins Dorf
Christian Greiser zum Beispiel ist einer von 100 Partnern bei BCG. Die Partner sind wichtig, sie führen die Geschäfte der BCG und ihrer 910 Mitarbeiter in Deutschland und Österreich. Greiser, 46, darf ein bisschen präziser werden. Er ist seit zehn Jahren im Unternehmen und das ist einiges. Er erzählt, wie Strategieberatung funktioniert. "Es kann zum Beispiel sein, dass sich ein Getriebehersteller überlegt, ob er sein Portfolio auf 'Getriebe für Windanlagen' erweitern soll? Dieser Markt ist noch jung und das Wissen ist fragmentiert, für die Firmen ist es daher schwierig, sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Man kann die Dinge aber erst beurteilen, wenn man sie im Zusammenhang sieht. Diesen Zusammenhang stellen wir her."
Das Haus an der Ludwigstraße ist putzig eingeteilt. Ulla Rinkes Büro gehört zu einem von 13 Dörfern. Jeder Berater ist einem Dorf zugeteilt. Wenn die Berater freitags heimkommen, beziehen sie ihr Dorf. Dort sollen sie Kollegen aus anderen Projekten kennenlernen. Sie sollen im Gespräch voneinander lernen und vielleicht sollen sie auch die Anspannung der Woche abbauen. Rinkes geht aus dem Büro hinauf auf die Dachterrasse. Sie ist mit einem Kollegen verabredet, plaudert, schaut Richtung Alpen. Nebenan stehen auf einem Tisch drei leere Flaschen Augustinerbier.
Ulla Rinkes Wochen sehen uniform aus. Montagmorgen fliegt sie aus München weg. "Das ist für mich mittlerweile fast wie Busfahren", sagt sie und gibt eine Erfahrung wider, die alle Berater machen. Das Unterwegssein ist am Anfang toll, dann normal und dann oft "ach". Rinkes bearbeitet gerade ihren zehnten Fall. Manchmal, erzählt sie, sitzt sie mit Mitarbeitern des Kunden im selben Zimmer und sichtet Märkte, liest Reports, interviewt Menschen. Es geht hin und her zwischen Beratung und Kunde, Rinkes spricht von einem "iterativen Verfahren", in dessen Verlauf die Empfehlungen entstehen, die das Beraterteam am Ende in einer Präsentation vorstellt. Es entsteht für kurze Zeit so etwas wie ein enges Verhältnis und trotzdem, so Rinkes, müssen die Botschaften klar sein. "Es bringt nichts, eine Situation schönzureden. Schließlich sind wir auch dazu da, die Schattenseiten aufzuzeigen."
Wer, wie Rinkes, aus den Geisteswissenschaften kommt, wird bei BCG in einer Art Schnellkurs mit den Grundzügen der BWL ausgestattet. Und dann geht es los. Manchmal kann ein Projekt eine Woche dauern, manchmal ein Jahr. "In der Regel gilt: Je kürzer die veranschlagte Zeit des Projekts, desto länger sitzen Sie abends am Schreibtisch", sagt Rinkes. Trotzdem bleiben der Samstag und der Sonntag unangetastet. "Ich arbeite am Wochenende nicht. Ich bin seit drei Jahren hier und habe nur an zwei Wochenenden etwas gemacht."
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