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Bestatterin "Der ist tot, da hilft auch keine Schminke"

In manchen Fällen sollte man den Sargdeckel lieber nicht lüften Zur Großansicht
Corbis

In manchen Fällen sollte man den Sargdeckel lieber nicht lüften

Sägespäne rein, Kuscheltier dazu, Deckel drauf - so stellt man sich eine Beerdigung nicht vor. Wie es in der Branche wirklich zugeht, warum zugenähte Augen grenzwertig sind und Priester manchmal vor Musik fliehen wollen, erzählt eine junge Bestatterin aus Berlin.

Maria S. arbeitet seit 13 Jahren als Bestatterin in Berlin. Ihren echten Namen möchte sie hier nicht verraten.

"Einmal war ich geschockt: Wir kamen in den Kühlraum eines Fuhrunternehmens, da lagen die Verstorbenen wie reingeworfen, im Schlafanzug, die Handtasche noch obendrauf geknallt, bei einer Frau konnte man zwischen die Beine schauen. Pietätlos. Das kommt vor, ist aber wirklich eine Ausnahme. Wir haben dann eine andere Firma beauftragt.

Heute ist es oft so, dass Bestatter mit Fuhrunternehmen zusammenarbeiten, man sich also die Arbeit teilt. Die einen organisieren die Bestattung, so wie ich. Die anderen überführen die Toten, richten sie für die Beerdigung her, tragen den Sarg. Das wäre nichts für mich.

Wenn jemand stirbt und die Familie bei uns anruft, gehe ich zu ihr und berate sie. Viele denken, da kommt ein Faktotum in Schwarz. Dass ich eine junge Frau bin und eher businessmäßig angezogen, das hilft. Bei der Trauerfeier und am Grab bin ich dabei. Manchmal sind gleich mehrere Beerdigungen hintereinander, Großstadt eben.

Es gibt Angehörige, die wollen, dass die Verstorbenen möglichst so aussehen wie immer. Aber bitte: Der ist tot! Der kann gar nicht aussehen wie immer. Da hilft auch keine Schminke. Natürlich, es ist wichtig, dass sie gepflegt aussehen, die Haare gekämmt. Aber für mich gehört dazu, dass der Tod auch sichtbar ist. Manche Bestatter kleben die Münder zu, nähen die Augen zu, das finde ich grenzwertig. Mit geschickter Bettung geht es auch anders. Etwa, indem man den Hemdkragen entsprechend hinrichtet, etwas darunterlegt.

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Eine Erdbestattung gibt es heutzutage für 2000 Euro, eine Feuerbestattung für 1500. Und ja, es gibt auch schwarze Schafe in der Branche, nicht nur bei den Discount-Bestattern. Die betten den Sarg nicht mit Wattematratzen aus, sondern nur mit Sägespänen. Da gibt's keine Decke, kein Kissen, die Kuscheltiere werden einfach reingeworfen - Deckel drauf. Das ist unwürdig. Unsere Daumenregel ist: Die Familie muss jederzeit den Sarg aufmachen und reinschauen können, wenn sie will.

Es gibt natürlich auch Fälle, wo wir den Angehörigen davon abraten. Wir hatten mal einen Selbstmord, der Mann hatte sich den Strick um den Hals gelegt und war von einer Brücke gesprungen. Der Kopf war abgetrennt. Aber die Mutter wollte ihn unbedingt im offenen Sarg aufbahren.

Beim "Heideröslein" ist Schluss

Wenn Leute durch Unfälle sterben, sehen sie einfach nicht mehr sonderlich gut aus. Ich versuche dann, den Angehörigen klar zu machen, dass der Anblick sie unter Umständen verfolgen wird. Aber diese Mutter ließ sich nicht überzeugen. Wir haben damals mit Halstüchern gearbeitet. Man sollte ja nicht unbedingt sehen, dass der Leichnam nicht aus einem Stück besteht.

Weil es billiger ist, gibt es immer mehr Feuerbestattungen. Wir fahren dafür mittlerweile in ein Krematorium nach Brandenburg, weil die Abgasverordnung in Berlin so streng ist: Man darf hier jemanden nur in einem speziellen Gewand verbrennen. Einem Verstorbenen sein Lieblingshemd anziehen, geht also nicht. Ein Mann brachte sogar mal das Brautkleid seiner verstorbenen Frau, damit sie darin eingeäschert wird.

Übrigens kommen immer mehr zu uns, die ihre eigene Bestattung im Voraus buchen und bis hin zur Musik alles festlegen. Mit der katholischen Kirche gab's da schon Probleme, ein Priester sagte mal, er gehe, wenn das 'Heideröslein' gespielt wird.

Der Tod von Kindern ist für mich der absolute Härtefall. Ganz stumpft man ja nicht ab, nur weil man jeden Tag mit dem Tod zu tun hat. Bis zu einem bestimmten Punkt muss ich berührt bleiben, um aufmerksam sein zu können. Und es bereichert mich sehr, dass ich helfen kann, den Abschied etwas leichterzumachen.

Aber der Wille zur Trauerkultur lässt deutlich nach. Die meisten wollen die Toten so schnell wie möglich aus dem Haus haben. Ich verstehe das ehrlich gesagt nicht."

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insgesamt 60 Beiträge
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    Seite 1    
1. Vertrauen ist gut ...
ein-gast 21.06.2013
... Kontrolle ist besser. Meine Mutter sagte schon 1979 zum Tode meines Vaters: "Der rechnet hier Decken und Kissen ab und rät uns den Toten so in Erinnerung zu behalten, wie wir ihn gekannt haben. Wer weiß, wie oft der die gleichen Sachen an die Leute verkauft." Offene Aufbahrung als Vertragskontrolle, so kann man es eben auch sehen und das ist vielleicht gar nicht so falsch. Sich den Toten noch einmal anzusehen, ist auch eine Form, den Tod nicht zu verdrängen.
2. Wie das?
anfrager 21.06.2013
Da steht: "Wenn jemand stirbt und bei uns anruft,,," Wie das, aus dem Jenseits?
3. Trauerkultur?
fotowilly 21.06.2013
Finde ich in D schon lange barbarisch. Da gibt es viele Gründe. Einfach mal nach Italien schauen, wie dort mit den Toten umgegangen wird. Eben eine andere Kultur.
4. tot ist tot,
sitiwati 21.06.2013
bei den Moslems oder Juden, gibts, bis auf wenige Ausnahmen keinen solchen Auflauf, der/die Tote wird in ein Tuch gwickelt und basta, meist sind teure Särge oder teure Grabstätten eh nur der Ausdruck des schlechten Gewissens der Erben !
5.
static2206 21.06.2013
also spätestens dann würde ich den Beruf wechseln. Aber die deutsche Sprache ist manchmal was richtig lustiges :)
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