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Einwanderer Eins, zwei, Multikulti-Polizei

Migranten: Orçuns Traum von der Polizei Fotos
DPA

Gute Polizisten sollen sie werden und zugleich Vorbilder - die Berliner Polizei sucht gezielt nach Mitarbeitern aus Einwandererfamilien. Und hat erste Erfolge: Spezialkurse machen junge Bewerber mit türkischen oder arabischen Wurzeln fit für den öffentlichen Dienst. Orçun Pamuk, 21, hat es geschafft.

Die beiden Deutschen schauen skeptisch auf den Türken zwischen ihnen. Sie sind groß, er ist eher klein. Ihr Blick sagt: Das packst du nicht - du wirst nie Polizist! Sie sprechen es nicht aus, doch Orçun Pamuk spürt die Botschaft. Sie sind beim Einstellungstest am Alexanderplatz. Alle wollen eine Ausbildung zum mittleren Dienst bei der Schutzpolizei machen.

Orçun Pamuk, 21, ist gut vorbereitet. Er hat mehrere Stifte dabei und gibt einen ab, als der Kuli von einem der Deutschen versagt. Früher entschied vor allem der Notenschnitt, ob man Polizist werden konnte, heute gibt es nur noch die Tests: Online-Vortest, Einstellungstest, Interview, Sporttest, Tauglichkeitsuntersuchung. Die Ergebnisse des Einstellungstests bekommen alle drei gleich nach der Prüfung. Die beiden Deutschen haben es nicht geschafft, Pamuk schon. Er erreicht Platz 18 - von 500 Bewerbern. Und gehört damit zu einem von 144 Anwärtern für den mittleren Dienst der Schutzpolizei, die am 1. September anfangen.

Nach Wunsch von Carola Bluhm (Linke), Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, soll 2013 jeder vierte Mitarbeiter im öffentlichen Dienst einen Migrationshintergrund haben - ohne explizite Quote. Es klingt nach einem leichten Ziel in Berlin, wo laut Bluhm 180 Nationen vertreten sind. Wie anspruchsvoll das Ziel ist, versteht man, wenn man weiß, dass selbst Orçun Pamuk, der vielleicht beste Bewerber mit Migrationshintergrund bei der Berliner Polizei, drei Anläufe brauchte, um eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Dass er es nun geschafft hat, verdankt er vor allem einem siebenmonatigen Vorbereitungskurs am Bildungswerk Kreuzberg (BWK).

"Lassen Sie sich nicht entmutigen"

Als die Absolventen des Kurses verabschiedet wurden, kam Senatorin Bluhm im Sommerkleid und lobte die jungen Männer und Frauen als "Träger der Veränderung". Die Möglichkeit und die Bereitschaft, sich in der Gesellschaft einzubringen, sieht sie als Voraussetzung für eine "prosperierende, friedliche und gerechte Entwicklung" der Hauptstadt. Bluhm forderte die Absolventen auf, ihre Erfahrungen aus dem Bildungswerk weiterzutragen - "erzählen Sie es Ihren Communities, Ihren Gangs". Das sagte sie wirklich, es hatte aber nichts Despektierliches, auch nicht, als sie zum Abschluss zweimal sagte: "Denken Sie daran: Sie stehen unter Beobachtung!"

Angesprochen fühlten sich elf Männer und zwei Frauen der Polizeiklasse sowie zehn Frauen und zwei Männer der Vorbereitungsklasse für den öffentlichen Verwaltungsdienst. 19 haben türkische Wurzeln, die anderen arabische oder kroatische.

"Ich bin stolz auf Sie", sagte Nihat Sorgeç, Geschäftsführer des Bildungswerks, "auch auf diejenigen, die den Test nicht bestanden haben. Lassen Sie sich nicht entmutigen. Machen Sie weiter so, und Sie werden Erfolg haben." Sorgeç weiß, wovon er spricht: Als 14-Jähriger wanderte der gebürtige Türke 1972 nach Deutschland ein, studierte Maschinenbau und arbeitete als Produktmanager und Vertriebsingenieur. 1997 gründete er das BWK, das vornehmlich Jugendlichen hilft, eine Lehrstelle zu bekommen, aber auch eigene Ausbildungen (Kaufmann, Hotelfachfrau, Koch) anbietet.

Polizisten erzählen im Kurs vom Dienstalltag

Sorgeç ist ein umtriebiger Mann. Sobald er die Worte "Migranten" und "Beruf" hört, dauert es nicht lange, bis ein neuer Kurs geboren ist. Eine Journalismusausbildung etwa. Oder eine Vorbereitung für Bankkauf-Lehrlinge in Kooperation mit der Commerzbank. Deutschtürken am Hermannplatz in Neukölln gehen nun mal bisweilen lieber zu einem türkischen Bankkaufmann als zu einem deutschen. Sorgeç versteht sie in vieler Hinsicht besser; vor drei Jahren erhielt er für sein soziales Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Das BWK hat sich bundesweit einen Ruf erarbeitet. "Wir nehmen die Schüler ernst", sagt Lehrerin Verena David, 52, "wir bringen ihnen bei, eigenständig zu arbeiten, Konflikte zu ertragen. Nur, wenn die Schüler mit uns arbeiten möchten, lernen sie etwas." 80 Vorstellungsgespräche führte David für den Polizei- und den Verwaltungskurs. 35 durften anfangen, 30 machten die Kurse zu Ende. Neben klassischen Schulfächern lernen die Schüler, von denen die meisten einen qualifizierten Hauptschulabschluss haben, auch Konzentration, Merkfähigkeit und absolvieren ein Kommunikationstraining.

Die Polizei-Atmosphäre bringen aber erst die Polizeihauptkommissare Andreas Hehn, 46, und Klaus-Dieter Schelske, 56, mit. Sie sind bei der Landespolizeischule für Aus- und Fortbildung zuständig. Jeden Freitag kamen sie vorbei und erklärten den Schülern, was es bedeutet, Polizist zu sein.

Andreas Hehn, Freizeithemd, beigefarbene Cargo-Weste, spricht von "Unterricht zum Anfassen, kein Frontalunterricht". Mal stiegen die Schüler in einen Wasserwerfer, mal besuchten sie die Landespolizeischule, und oft erzählten Polizisten im Kurs, was sie so im Dienstalltag erleben.

Drogen? "Nein, ich fahre zum Polizeivorbereitungskurs"

Der joviale Marathonläufer Klaus-Dieter Schelske, an dem alles grau ist (Schnurrbart, Haar, Hemd), nur seine Ausstrahlung nicht, begrüßt die Schüler mit Kumpelhandschlag, alle sind per Du. Schelske erzählt eine Anekdote: "Ein Schüler aus dem Wedding wurde einmal in der U-Bahn von Polizisten gefragt, ob er Drogen bei sich habe. Nein, erwiderte er, er fahre zum Polizeivorbereitungskurs." Ohne Polizisten mit Migrationshintergrund gehe es nicht mehr, sagt der Ausbilder. Die Polizei brauche sie schon allein, um Vorurteile abzubauen.

Orçun Pamuk fand es toll, jederzeit Fragen stellen zu können. Er erzählt enthusiastisch, dass er am liebsten sofort mit der Ausbildung anfangen würde. Schon sein Vater wollte Polizist werden, sah aber keine Chance, seinen Traum zu verwirklichen, obwohl er in Deutschland aufwuchs. Erst eröffnete er eine Bäckerei, später einen Gebrauchtwagenhandel, die Mutter half aus, blieb sonst aber Hausfrau für die Tocher und den Sohn, der nun den Traum des Vaters lebt. Ohne Zweifel ist es aber auch Orçuns eigener Traum.

Fünf der 13 Schüler aus dem Polizeivorbereitungskurs haben bereits eine Ausbildungsstelle bei der Polizei. Fast alle anderen sind nicht am Wissenstest, sondern am Sporttest gescheitert - es galt, einen Hindernisparcours zu überwinden und 2000 Meter in 9:20 Minuten zu laufen (Frauen 11:20). Die Mehrheit der Durchgefallenen hat aber schon eine andere Ausbildung gefunden. Von den Absolventen der Verwaltungsklasse haben bislang acht von zwölf einen Ausbildungsvertrag. In beiden Fällen eine gute Quote, wie alle Beteiligten finden.

Trotzdem ist ungewiss, ob es einen nächsten Kurs geben wird. Wegen der anstehenden Wahlen in Berlin kann Senatorin Bluhm noch kein Geld versprechen. Nihat Sorgeç ist trotzdem optimistisch. "Es gibt keine Alternativen. Man kann nicht sagen, man möchte mehr Menschen mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst haben und nicht handeln. Von allein passiert nichts", sagt er, als sich die Feier dem Ende neigt, und zieht an seiner Zigarre.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Jan Söfjer (Jahrgang 1980) hat Online-Journalismus in Darmstadt studiert und die Zeitenspiegel-Reportageschule absolviert. Heute arbeitet er von Trier aus als freier Journalist.

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insgesamt 113 Beiträge
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    Seite 1    
1. Gähn.....
sexobjekt 25.07.2011
Zitat von sysopGute Polizisten sollen sie werden und zugleich Vorbilder - die Berliner Polizei sucht gezielt nach Mitarbeitern aus Einwandererfamilien. Und hat erste Erfolge: Spezialkurse machen junge Bewerber mit türkischen oder arabischen Wurzeln fit für den öffentlichen Dienst. Orçun Pamuk, 21, hat es geschafft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,776404,00.html
.....der wöchentliche Vorzeigemigrant. Kennen wir, wissen wir. Finden alle toll, ich auch.
2. ...
aat 25.07.2011
Zitat von sysopGute Polizisten sollen sie werden und zugleich Vorbilder - die Berliner Polizei sucht gezielt nach Mitarbeitern aus Einwandererfamilien. Und hat erste Erfolge: Spezialkurse machen junge Bewerber mit türkischen oder arabischen Wurzeln fit für den öffentlichen Dienst. Orçun Pamuk, 21, hat es geschafft. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,776404,00.html
Schön, daß es endlich passiert - traurig, daß es Jahrzehnte gedauert hat, bis mal jemand darauf gekommen ist bzw. die Gesellschaft bereit für solche Maßnahmen ist.
3. Bumerang
hatem1 25.07.2011
Diese Anwerbeaktionen gehen zuweilen nach hinten los: http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/rockerspitzel-bei-der-polizei-enttarnt/1969134.html Und ob es richtig ist, die Einstellungshürden zu senken, ist fraglich: http://www.tagesspiegel.de/berlin/kurs-bereitet-migranten-auf-ausbildung-vor/1943816.html
4. Ähm?
hatem1 25.07.2011
Zitat von aatSchön, daß es endlich passiert - traurig, daß es Jahrzehnte gedauert hat, bis mal jemand darauf gekommen ist bzw. die Gesellschaft bereit für solche Maßnahmen ist.
Wer hat denn bisher Migranten daran gehindert, sich bei der Polizei zu bewerben?
5. ♟
flachatmer 25.07.2011
---Zitat--- "Ein Schüler aus dem Wedding wurde einmal in der U-Bahn von Polizisten gefragt, ob er Drogen bei sich habe. Nein, erwiderte er, er fahre zum Polizeivorbereitungskurs." Ohne Polizisten mit Migrationshintergrund gehe es nicht mehr, sagt der Ausbilder. Die Polizei brauche sie schon allein, um Vorurteile abzubauen. ---Zitatende--- Im letzten Satz fehlt ein "ihre".
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