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Freiberufler Die Selbstständigkeitsfalle der Frauen

Elke Holst ist die Avantgardistin der Genderforschung am DIW und Mitglied von Deutschlands "einflussreichsten Ökonomen" Zur Großansicht

Elke Holst ist die Avantgardistin der Genderforschung am DIW und Mitglied von Deutschlands "einflussreichsten Ökonomen"

Immer mehr weiblichen Talente haben genug von einer Unternehmenskarriere und suchen in der Selbstständigkeit ihr Glück. Eine besorgniserregende Entwicklung, findet DIW-Ökonomin Elke Holst. Und warnt: Auch für Freiberuflerinnen gibt es eine gläserne Decke.

Zwölf Top-Managerinnen, ein Dutzend Geschichten: Hier zeichnen erfolgreiche Frauen ihren Weg nach oben nach - und berichten, worauf es ankommt. Heute: Elke Holst über die Selbstständigkeitsfalle.

"Auf Veranstaltungen treffe ich zunehmend hochqualifizierte, engagierte Frauen, die ihre Anstellung aufgegeben und sich selbstständig gemacht haben. Auf meine erstaunte Frage, warum denn das, erhalte ich trotz der unterschiedlichen Karrieren und Biografien immer häufiger dieselbe Antwort: Die Frauen haben in ihrem Unternehmen keine Chance mehr für sich gesehen, karrieremäßig voranzukommen und/ oder sich inhaltlich entfalten zu können.

Dazu kommt, auch dieser Seufzer klingt immer gleich: Die Frauen auf dem Absprung haben das Machtgehabe ihrer männlichen Kollegen, wo es statt um Inhalte um Dominanz geht, einfach satt. In der Monokultur Mann fehlt die Luft zum Atmen für die weiblichen Topkräfte. Wer wollte sich über den Frust dieser Frauen erheben und Protest einlegen gegen ihr Verhalten? Und doch:

Mich entsetzt dieser Trend. Denn hier gehen den Unternehmen hervorragend qualifizierte Talente verloren. Ein Aderlass, den sich heutzutage niemand mehr leisten kann. Dazu kommt: Der frei gewordene Stuhl wird nicht zwangsläufig wieder mit einer Frau besetzt. Parallel zu dieser Entwicklung hallt es gleichzeitig aus den Chefetagen: "Wir suchen händeringend nach Führungsfrauen, es gibt aber leider keine", wahlweise "die Frauen wollen nicht, die springen nicht".

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Start-ups in Berlin: Zwischen Hype und Realität
Bekommen umstehende Frauen solche Gespräche mit, wird mein Entsetzen mit leidenschaftlichen Plädoyers beschworen. Ich müsse doch Verständnis aufbringen für diese Frauen, die keinen anderen Ausweg mehr sehen als den Sprung in die Selbstständigkeit, und dann fügen sie hinzu: "Es war auch bei mir nicht mehr zum Aushalten."

Was sind die Ursachen für den Exodus der Frauen?

Personalvorstände und die Wissenschaft müssen hier Fragen stellen. Wie kann es dazu kommen, dass eine zunehmende Zahl der angeblich von Unternehmen so verzweifelt gesuchten weiblichen Talente das Weite sucht, was stimmt hier nicht? Setzt sich hier etwa auf weniger prominenten Positionen fort, was sich genauso an der Spitze der großen Unternehmen abspielt; dass nämlich der Frauenanteil in den Vorständen, ohnehin auf äußerst geringem Niveau, sogar immer mal wieder rückläufig ist, weil die wenigen Frauen geradezu in Blitzgeschwindigkeit wieder ausscheiden?

Als Wissenschaftlerin bin ich interessiert an den Ursachen der Abgänge von Frauen aus Führungspositionen. Christiane Funken, Leiterin des Fachgebiets Medien- und Geschlechtersoziologie an der TU Berlin, hat die Generation 50plus unter den weiblichen Führungskräften unter die Lupe genommen und kommt zu dem Ergebnis, dass viele Frauen auf dem Höhepunkt ihrer bis dahin beachtlichen Karriere aussteigen, weil: "Ihr berufliches Engagement und ihre Investitionen in Aus- und Weiterbildung, die häufig auch mit hohen Folgekosten für den privaten Lebenszusammenhang verbunden waren, stehen in keinem positiven Verhältnis zur beruflichen Anerkennung und Lebensqualität".

Ein solches No Return on Investment der erfahrenen Führungsfrauen wirkt nicht gerade motivierend auf jüngere Frauen, den Weg in Richtung einer Führungsposition einzuschlagen. Gleiche Chancen in den Returns on Investments und damit auch der materiellen und immateriellen Anerkennung gleichwertiger beruflicher Leistung sind die Voraussetzung für das Verfolgen einer Karriere.

Herrschen dagegen Perspektivlosigkeit, Frust oder mangelnde Anerkennung, kommt es in der Folge nicht selten zu gesundheitlichen Gefährdungen. Kein Wunder, dass Betroffene Auswege außerhalb des Unternehmens suchen. Doch was sind ihre Perspektiven? Der Wechsel in ein anderes Unternehmen? Jene Frauen, denen ich in zunehmender Zahl auf Veranstaltungen begegne, sehen ihre Perspektive in der Selbständigkeit und verbinden damit die Hoffnung, so die gläserne Decke und nervenzerreißende Widerstände zu überwinden.

"Don't forget the glass ceiling"

"Forget the Glass Ceiling: Build Your Business Without One" heißt es denn auch im Newsletter des renommierten Clayman Institute for Gender Research der Stanford University. Ist dieser Rat wirklich eine Alternative zu einer Führungsposition im unteren oder mittleren Management in einem großen Unternehmen? Ich habe meine Zweifel - zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht. Ein Blick auf die Einkommen der Selbständigen und den Gender Income Gap in Deutschland ist eher ernüchternd.

Die Verdienstunterschiede zwischen Frauen und Männern sind hier deutlich höher als bei den abhängig Beschäftigten. Nach einer Studie von Gather/ Schmidt/ Ulbricht aus dem Jahr 2010 lag das Einkommen bei männlichen Selbständigen mit Arbeitszeit von mehr als 35 Wochenstunden in der ersten Selbständigkeit bei durchschnittlich rund 3200 Euro, das der selbständigen Frauen bei rund 1600 Euro - also bei der Hälfte des Verdienstes der männlichen Kollegen.

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Weiberwirtschaft: Männliche Macht, weiblicher Mumm
Selbst Akademikerinnen erzielten nur ein Einkommen, das unter dem von Männern ohne Ausbildung liegt. Der berühmte Fingerzeig, das liege an den Kindern, kann nicht bestätigt werden: Frauen ohne Kinder erzielen hiernach ebenfalls kein statistisch signifikant höheres Einkommen als Frauen mit Kindern.

In einer anderen Studie stellte das DIW Berlin fest, dass viele Frauen Solo-Selbständige sind, die oft nur geringe Einkommen erzielen; und das trotz des in der Gruppe der Solo-Selbstständigen über dem Durchschnitt liegenden Qualifikationsniveaus. Viele haben einen Hochschulabschluss. Deshalb sollte der Imperativ lauten: "Don't forget the glass ceiling"! Denn die Strukturen in Unternehmen setzen sich in der Selbständigkeit fort.

Was aber kann getan werden, um die Talente zu halten? Trotz der zahlreichen Studien zu den Ursachen der Unterrepräsentation von Frauen in Führungspositionen, der Flut von Überlegungen und Erkenntnisse darüber, wie ihr Anteil gesteigert werden könnte, passiert wenig.

Warum? Thomas Sattelberger, früher Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom, der die 30 Prozent Quote für Frauen in Führungspositionen einführte, formuliert es so: "In Deutschland existiert eine besonders subtile Form des Kastensystems, das schwer zu durchdringen ist. Für eine gewisse Zeit werden politisch korrekte Debatten forciert, sozusagen auf der Vorderbühne, während zugleich, sozusagen in den Katakomben, das alte Leben weitergeht und sich nichts ändert."

Von Erich Kästner stammt das mit Moral überschriebene Zitat: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Als Ökonomin möchte ich hinzufügen, dass Gutes zu tun auch eine Frage der effizienten Unternehmensführung ist, nämlich die Besten für die Führung auszuwählen. Diversität und eine echte Willkommenskultur von Frauen in Führungspositionen sind dazu unabdinglich. Mehr Mut auf allen Seiten ist gefragt!"

Protokolliert von Gisela Maria Freisinger

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
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1. Sauber
beyman 11.12.2014
Wieder alles drin, was "frau" braucht, um rum zu jammern. Man kommt karrieremäßig nicht weiter? Wow, das geht Männern natürlich nie so. Selbstständigkeit ist nicht einfach? Siehe letzten Punkt. Und natürlich das alte Märchen mit dem Gender Pay Gap.....so ist das halt, wenn man "was mit Medien", "was mit Kindern" oder sowas machen will. Schlimm genug, dass sich solche Leute wie Frau Holst Wissenschaftler schimpfen dürfen.
2. ... und?
ugt 11.12.2014
... als ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber angefangen habe, da ist der Chef aufgestanden und hat mir sofort Platz gemacht. Ich brauchte nichts tun. Die Sekretärin kam und wusste gleich, dass ich meinen Kaffee schwarz trinke. Um mir das Leben zu erleichtern einigten wir uns auf eine 10 Stundenwoche bei doppeltem Gehalt. Natürlich muss ich nur kommen wenn ich Lust dazu habe, wenn ich lieber mit den Nachbarn ein Käffchen trinken möchte, ein Sonderangebot in meinem Lieblingsladen ist oder einfach nur die Sonne scheint bleibe ich zu Hause.
3. ... und?
ugt 11.12.2014
... als ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber angefangen habe, da ist der Chef aufgestanden und hat mir sofort Platz gemacht. Ich brauchte nichts tun. Die Sekretärin kam und wusste gleich, dass ich meinen Kaffee schwarz trinke. Um mir das Leben zu erleichtern einigten wir uns auf eine 10 Stundenwoche bei doppeltem Gehalt. Natürlich muss ich nur kommen wenn ich Lust dazu habe, wenn ich lieber mit den Nachbarn ein Käffchen trinken möchte, ein Sonderangebot in meinem Lieblingsladen ist oder einfach nur die Sonne scheint bleibe ich zu Hause.
4. Versteh ich nicht:
Seitenblick_ 11.12.2014
Selbstständigkeitsfalle? Gibt es denn irgendwas, was bei Medienberichten noch nicht als ganz schlimme Falle für Frauen aufgetaucht ist, ähnlich wie Nessie im Sommerloch? Kinderfalle, Singlefalle, Altersfalle, Ehefrauenfalle, Geliebtenfall - aber was für ein Frauenbild steckt dahinter? So von Fallen umgeben - mein Gott, Bambi, flüchte! Und was soll es eigentlich heißen "Denn die Strukturen in Unternehmen setzen sich in der Selbständigkeit fort." Äh - wie soll das denn gehen? Engagiert sich die Selbstständige dann Mitarbeiter, die an ihrem Stuhl sägen und sie nicht vorankommen lassen? Oder ist das einfach nur mal so drauf los behauptet? Ich habe so viele männliche Kollegen gehabt, die gekündigt haben, weil es auf der Arbeitsstelle nicht mehr zum Aushalten war - das gilt geschlechterübergreifend, und wer nicht auf einem Auge blind ist, bemerkt das auch. Den entscheidenden Hinweis gibt die Autorin selber, ohne daraus was zu machen: "Ihr berufliches Engagement und ihre Investitionen in Aus- und Weiterbildung ... stehen in keinem positiven Verhältnis zur beruflichen Anerkennung und Lebensqualität". Eben, Lebensqualität. Darauf zu achten, ob die stimmt, ist übrigens kein Zeichen von Dummheit. Und die richtig Klugen verstehen obendrein, dass mehr Lebensqualität mit mehr Zeit für sich und seine Lieben im Gegenzug oft auch heißt, weniger auf dem Konto zu haben, wenn man das zeitliche segnet.
5.
Löschknecht 11.12.2014
Zitat: "Ihr berufliches Engagement und ihre Investitionen in Aus- und Weiterbildung, die häufig auch mit hohen Folgekosten für den privaten Lebenszusammenhang verbunden waren, stehen in keinem positiven Verhältnis zur beruflichen Anerkennung und Lebensqualität". Wenn alle Arbeitskräfte, die diese Erkenntnis erlangen, es sich leisten könnten zu kündigen, dann wären die Flure bei einigen Firmen sehr leer und ein wirtschaftlicher Kollaps stünde bevor. Und was das niedrigere Einkommen der selbständigen Frauen angeht - so sehe ich da zwei vom Artikel abweichende mögliche Begründungen: 1. Wenn jemand zugunsten einer besseren Work-Life-Balance und um dem Macht (=Geld) und Dominanz-Gezerre zu umgehen wird er nicht um jeden nervigen Auftrag kämpfen, sondern öfters mal sagen: "Ich gönne mir die Freiheit einen Auftrag nicht anzunehmen, weil es mir damit besser geht" -> weniger Geld 2. Hat man schon öfters fetgestellt, dass Frauen bei Gehaltsverhandlungen weniger risikobereit und aggressiv verhandeln. Dies wird im Angestelltendasein teilweise durch Tarifverträge / equal pay Richtlinien etc abgefangen. Als selbständiger liegt es an einem selbst, wie hart man an die Linie des maximal möglichen Ertrages heranverhandelt. Bei jedem Auftrag aufs neue. Und ich kann mir schon vorstellen, dass mehr Männer hierauf Energie verwenden, allein um sich selbst was zu beweisen. Viele Frauen hingegen sind wohl vielmehr auf den eigentlichen Auftrag und gute Arbeit dort fokussiert. Gut für den Kunden, schlecht fürs Budget.
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