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Erfolg mit Heavy Metal "Ich habe das Blut-und-Satan-Zeug so satt"

Heavy-Metal-Unternehmer: Vollgasmusik aus dem Ländle Fotos
Jonas Nonnenmann

Im idyllischen Donzdorf auf der Schwäbischen Alb spielen Death-Metal-Bands direkt neben dem Stammtisch: Möglich macht das der emsige Mittelständler Markus Staiger, der mit Heavy Metal Millionen umsetzt. Dafür gönnt er sich 110 Flipperautomaten und einen Porsche. Besichtigung eines Alb-Traums.

Markus Staigers Lieblingsspielzeug hat 530 PS, jeder Auspuff ist so dick wie ein Ofenrohr. Wenn sein Fuß das Pedal durchtritt, presst ihn die Wucht der Beschleunigung in den Sportsitz seines Porsche. "Geil, oder?", ruft der 44-Jährige, lacht und dreht die Musik auf. Metal natürlich.

Vollgas geben, das war schon immer sein Motto. Im schwäbischen Donzdorf bei Stuttgart hat er eine der weltweit größten unabhängigen Plattenfirmen für Heavy Metal aufgebaut und rund hundert Bands unter Vertrag, darunter Szene-Größen wie Nightwish mit millionenfach verkauften Alben. Nuclear Blast heißt der Laden, Atomknall. "Nuklearblascht" sagen sie in der Gegend.

Der Weg zur Firma führt vorbei an biederen Einfamilienhäusern in ein kleines Industriegebiet, der zweistöckige Zweckbau könnte auch einer Schraubenfirma gehören. In hellen Großraumbüros hängen dunkle Poster von Monstern und von Menschen, die sich wie Monster verkleiden, weil das zur Metal-Musik gehört wie die Brille zu Heino.

Im Aufenthaltsraum sitzt Staiger auf einer breiten Ledercouch vor seiner Sammlung goldener Schallplatten. "Hey", grüßt ein Künstler, schwarze Haare, helles Gesicht, Sonnenbrille. Er sieht ein bisschen aus wie Ozzy Osbourne, als der noch nicht so kaputt war. "Wir wollten dich mal kennenlernen", sagt Ozzy auf Englisch. "Wie viele Platten verkauft ihr so?", fragt Staiger. "Ein paar hunderttausend." - "Nicht schlecht. Wir könnten eine Million daraus machen."

Misthaufen Distributions hieß der erste Versand

Der Erfolg begann im Kinderzimmer. Als Zehnjähriger hörte Staiger zum ersten Mal Hardrock, mit 15 druckte er Fan-Zeitungen und verkaufte sie für eine Mark auf dem Schulhof. Um diese Zeit hörte er Hardcore-Punk, trug als Einziger in der Klasse eine blond gefärbte Mähne, die voluminöser war als sein Kopf. Mit 17 importierte er CDs aus den USA und verteilte sie in Deutschland; seinen mit Erspartem finanzierten Versand nannte er Misthaufen Distributions. Nicht nur seine Eltern hielten ihn für verrückt. "Sagen Sie Ihrem Sohn, er soll das lassen", habe deren Steuerberater empfohlen.

Die Eltern mussten tapfer sein, Misthaufen Distributions blieb keine Laune. Während seine Schwester eine Familie gründete und ein Häusle baute, wie es sich in der Gegend gehört, verbrachte Markus seine Zeit mit Langhaarigen. Er schaffte viel, aber eben das, worauf er Lust hatte. Sein Eingeständnis ans schwäbische Sicherheitsdenken: Während andere Partys feierten, machte er außer der Versand-Arbeit eine Ausbildung zum Maschinenschlosser (hat doch auch mit Metall zu tun), dann das Fachabitur.

1987 gründete Staiger Nuclear Blast, eine Firma, die Jahr für Jahr wuchs. Staiger arbeitete "zehn Jahre lang sieben Tage die Woche", vom neuen Reichtum kaufte er Männerspielzeuge: Autos und 110 Flipperautomaten, die in einer früheren Aldi-Filiale stehen. Wenn er auf einen Knopf drückt, gehen alle auf einmal an. Inzwischen macht die Firma 35 Millionen Euro Umsatz im Jahr, Tendenz steigend. Etwa die Hälfte verdient Staiger mit Musik, den Rest mit dem Versand von Fan-Artikeln wie Postern und T-Shirts, dazu Metal-Nippes wie künstliche Totenköpfe, Patronengürtel oder aufblasbare Wikingeräxte. Metalfans sind da treu.

Der Hotelier lobt die freundlichen Gäste, immer gut drauf

In Donzdorf beschäftigt Staiger heute 92 Mitarbeiter, die meisten sind so Metal-verrückt wie er selbst. Leute wie der IT-Chef Markus Klumpp, der zu Hause 42.000 Musikalben stehen hat. Zehn Jahre lang arbeitete Klumpp, 42, als Unternehmensberater für Firmen wie Adidas und Mercedes, vor drei Jahren stieg er bei Nuclear Blast ein. Klumpp legte den Anzug ab und hörte auf, sich komplett zu rasieren. Er trägt jetzt einen Ziegenbart, der bis zur Brust reicht.

"Hobby und Beruf sind jetzt eins", sagt Klumpp, der Umgang in der Metal-Firma sei viel persönlicher. Manchmal führe die gemeinsame Leidenschaft aber auch zu Konflikten. "Wenn ich sage, ich will diesen Artikel im Sortiment, dann ist das eine Herzensangelegenheit. Wegen solcher Kleinigkeiten haben wir uns schon heftig gezofft." Auch der Chef sei nicht immer rational: Wenn ihm eine Band gefällt, unterstützt er die - der Umsatz ist da zweitrangig.

Im 11.000-Seelen-Ort Donzdorf kennt man die Musikfans gut. Es ist eine verblüffend friedliche Koexistenz: Bauern bratzen mit Treckern durchs Dorf und langhaarige Ledermänner auf Motorrädern ebenso; der Landstrich ist tief schwarz, die Metal-Menschen sind es auch. Nur eben etwas anders. Auch wenn Musikfans sich ab und an Kunstblut ins Gesicht schmieren, können sie recht schüchterne, umgängliche oder auch ein bisschen konservative Menschen sein.

Wie gut das alles zusammengeht, zeigte der Film "Heavy Metal auf dem Lande" eindrucksvoll. Der so fleißige wie erfolgreiche Markus Staiger und seine Leute werden in Donzdorf respektiert. Hauspartys finden schon mal im Gasthaus neben dem Stammtisch statt, und Death-Metal-Stars übernachten regelmäßig im Hotel "Becher". "Ich kann mich nicht erinnern, dass sich ein Gast beschwert hätte", sagt der Geschäftsführer. "Das sind meist freundliche Leute, immer gut drauf."

"Die Christen sind toll, die machen keine Probleme"

Auch der Pfarrer hat sich vergewissert, dass alles mit rechten Dingen zugeht: Der kam schon in die Firma und zum Konzert einer christlichen Death-Metal-Band, wie Markus Staiger erzählt. Sonntags gingen die Musiker in die Kirche, anschließend gab's beim Pfarrer Kaffee.

"Die Christen sind toll, die machen keine Probleme", sagt Staiger und lacht. "Ich hätte gern mehr solche Bands." Im Lager wiegt er einen Totenkopf aus Plastik und schaut abschätzig. "Ich habe dieses ganze Blut-und-Satan-Zeug so satt. Damit erschrickt man doch keine kleinen Kinder mehr."

Bei einem Rundgang durchs Haus erzählt er das jedem, der es hören will. Vielleicht hat das alles mit seinem persönlichen Wandel zu tun. Staiger versucht, kürzer zu treten; er mache jetzt täglich Sport, sagt er und wippt dabei mit den Beinen. Im Hotel "Becher" bestellt er seinen Espresso koffeinfrei, und als seine Eltern kamen, waren ihm die ganzen Flipper nur peinlich. "Ich will auf dem Boden bleiben", sagt er, "mittags Sushi essen und trotzdem abends Bier trinken."

Lässig brettert Staiger über den Kreisverkehr, als ginge die Straße geradeaus, und dreht am Rädchen der Anlage, bis der Bass lauter wummert als der Motor. "Die Musik höre ich noch als Opa", sagt er und gibt Gas.

Jonas Nonnenmann (Jahrgang 1986) arbeitet als freier Journalist in Reutlingen. Zuvor besuchte er die Zeitenspiegel-Reportageschule.

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insgesamt 22 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ledercoach
Eigengott 08.06.2011
"sitzt Staiger auf einer breiten Ledercoach " Ledercoach/Dominatrainer: same thing
2. Geldgeldgeld
Smartpatrol 08.06.2011
Zitat von sysopIm idyllischen Donzdorf auf der Schwäbischen Alb spielen Death-Metal-Bands direkt neben dem Stammtisch:*Möglich macht das der emsige Mittelständler Markus Staiger, der mit Heavy Metal Millionen umsetzt. Dafür gönnt*er sich 110 Flipperautomaten und einen Porsche.*Besichtigung eines Alb-Traums. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,767235,00.html
Mit denen kann man vermutlich bequemer Geld scheffeln, ja. Vermutlich noch besser, wenn Sie Mallorcaschlager machen würden. Vielleicht bessere und passendere Gefilder für den Geschäftsmann?
3. Geht doch!
sappelkopp 08.06.2011
Zitat von sysopIm idyllischen Donzdorf auf der Schwäbischen Alb spielen Death-Metal-Bands direkt neben dem Stammtisch:*Möglich macht das der emsige Mittelständler Markus Staiger, der mit Heavy Metal Millionen umsetzt. Dafür gönnt*er sich 110 Flipperautomaten und einen Porsche.*Besichtigung eines Alb-Traums. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,767235,00.html
Träume nicht Dein Leben, lebe Deinen Traum! Glückwunsch!
4. schöner artikel
grinta, 08.06.2011
und siehe da, es geht doch. auch seine eltern sind inzwischen bestimmt stolz auf ihn. da kann man nur sagen: weiter so! \m/
5. Hm.
Kunstbanause 08.06.2011
Den Verdruss an Metalklischees kann ich nachvollziehen - auch wenn ich diese Musik nun seit Ende der 80er höre, ging mir das Deibel-Rebellen-Blut-Arghhh-Klischee des Metal und die oftmals martialische Attitüde dieses Genres mächtig auf den Keks. Meistens hält mich das aber trotzdem nicht davon ab, die Musik zu hören. ;-) Schade bei einem Label wie Nuclear Blast finde ich, dass diese Plattenfirma über die Jahre ihre Musik immer mehr als Produkt behandelt, was sich meistens in der Gleichförmigkeit der Releases widerspiegelt. Die Werbekampagnen werden immer aggressiver, die Special Editions immer reichhaltiger und großkotziger, doch die musikalische Substanz der vertretenen Künstler rückt immer mehr in den Hintergrund. Mit dem idealistischen Ansatz des Metal hat das nicht mehr viel zu tun - und wenn man sich anschaut, was z.B. über den Blast-Katalog vertrieben wird, fühlt man sich schon ein wenig verschaukelt, wenn man Herrn Staiger in seinen frühen Jahren im Grunde wegen seiner Verbundenheit zu den Fans und dem seinem musikalischen Gespür unterstützt hat. Es war eine schöne Sache, damals noch mit ihm selbst telefoniert und fachgesimpelt zu haben, und es ist schon - völlig neidfrei konstatiert - ein wenig befremdlich, wie großkotzig dieser Mann "von der Basis" rüberkommt.
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