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24. Juni 2011, 08:46 Uhr

Erste Hilfe Karriere

Akademiker, fürchtet euch nicht!

Vollbeschäftigung - und die Hosen voll: Warum haben eigentlich so viele Akademiker Angst vor Arbeitslosigkeit? Karriereberaterin Uta Glaubitz sieht die Schuld vor allem bei denen, die von den Sorgen anderer Menschen leben: Medien, Experten, Lobbyisten. Ihr Rat: bloß nicht kirre machen lassen.

Angstmachen ist zu einer eigenen Branche geworden. Dort arbeiten Medienschaffende, etwa Journalisten, Talkshowmoderatorinnen und Ratgeberautoren. Aber auch NGO-Aktivistinnen, Gutachter und jede Menge Experten, die sonst nichts zu tun hätten. Eine Talkshow über saubere Flüsse und gesunde Wälder guckt kein Mensch. Folglich könnte kein Experte eingeladen oder in irgendeine Kommission berufen werden. Viele Sachbuchautoren wären ohne die Angst vor Klimakatastrophe und/oder Atomkraft arbeitslos.

Auch Berufs- und Karrierejournalisten leben von der Angstbranche. Ein Magazin mit dem Titel "Leute, es ist alles in Ordnung" würde keine Auflage erzielen. Zu Themen der Berufswelt muss es also mindestens heißen: "Juristen ohne Chance", "Im Sturzflug abwärts", "Dr. Arbeitslos" oder "Generation Praktikum" - alles Titel, die die rasant wachsende Arbeitslosigkeit von Akademikern nahelegen.

Das Problem ist nur: Das Problem gibt es nicht. Seit fünfzig Jahren liegt die Akademikerarbeitslosigkeit in Deutschland unter fünf Prozent, im Moment bei völlig talkshowuntauglichen drei Prozent. Und da sind die Romanisten, Ethnologen und Kunstgeschichtler bereits inbegriffen.

Schwächen der Statistik gleichen sich vermutlich aus

Nun meinen manche, die Statistik sei manipuliert, weil die Bundesagentur für Arbeit Akademiker in Qualifizierungsmaßnahmen nicht mitzähle. Das mag so sein. Doch zählt die Statistik auch die nicht mit, die zwar arbeitslos gemeldet sind, in Wirklichkeit aber schwarzarbeiten. Vermutlich gleichen sich beide Seiten in etwa aus. Übrig bleibt der Skandal, dass es überhaupt Qualifizierungsmaßnahmen gibt für die Privilegierten des Arbeitsmarkts, die auch eine arbeitende Krankenschwester über ihre Beiträge finanzieren muss.

Soll also der Magazinmacher statt seiner Story über Akademikerarbeitslosigkeit lieber schreiben über unqualifizierte Wanderarbeiter aus dem Kaukasus, die möglicherweise wirklich schlechte Karrierechancen haben? Nein, sagt der amerikanische Soziologe David L. Altheide in seinem Buch "Creating Fear". Um richtig Angst zu verbreiten, braucht die Bedrohung einen Plot.

Der Plot muss beinhalten: "Diese Bedrohung betrifft mich, könnte mich betreffen, oder zumindest könnte ich jemanden kennen, der durch diese Bedrohung betroffen ist." Unqualifizierte Wanderarbeiter aus dem Kaukasus aber lesen sowieso keine deutschen politischen Magazine und schauen im Zweifelsfall nicht mal "Anne Will".

Aber deren Zielgruppe ist höher qualifiziert, deswegen muss der Bedrohungsplot unbedingt um die höher Qualifizierten gestrickt werden. Auch, wenn es keinerlei Zahlen gibt, die das Bedrohungsszenario stützen. Außer einer Umfrage unter Studenten und Studentinnen, ob sie Angst haben, irgendwann arbeitslos zu werden. Denn auf diese Frage antworten alle mit Ja.

"A way of looking at life"

So wird durch die Berichterstattung über Angstäußerungen also Angst verbreitet, was wiederum zu der Annahme führt, die Angst sei auch berechtigt, da sie ja so verbreitet ist. So entsteht durch das professionelle Angstmachen eine komplett verzerrte Wahrnehmung der eigenen Situation auf dem Arbeitsmarkt. Völlig ungestraft darf jeder - auch der Höchstqualifizierte - Angst vor dem Absturz in die Arbeitslosigkeit haben.

Als ich vor einigen Jahren Jurastudenten der Universität Göttingen fragte, wie hoch sie die Arbeitslosigkeit unter fertigen Juristen einschätzten, antwortete einer: "Na, so fünfzig Prozent." Und das bei mehr oder weniger Vollbeschäftigung von Akademikern. Angst, so Altheide, beginnt mit Dingen, vor denen wir Angst haben. Aber über die Zeit und mit ausreichender Wiederholung wird daraus eine Haltung - "a way of looking at life".

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