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Erste Hilfe Karriere "Ich habe entschieden, alles offen zu halten"

Besser so als gar nicht: Nichts ist schlimmer, als Entscheidungen zu verbummeln Zur Großansicht
Corbis

Besser so als gar nicht: Nichts ist schlimmer, als Entscheidungen zu verbummeln

Eine Fehlentscheidung ist ärgerlich. Doch es ist ein Desaster, wenn gar keine Entscheidung fällt. Das gilt nicht nur im Management, sondern auch bei der Berufswahl. So studieren viele nur, um sich bloß nicht zu entscheiden. Das führt zu nichts, warnt Berufsberaterin Uta Glaubitz. Außer vielleicht zu Burnout.

Ordentliche Karriereentscheidungen zu vermeiden geht so: Man beginnt halbherzig eine Ausbildung und laviert sich durch. Man langweilt sich zu Tode, hat aber keine bessere Idee. Man denkt: "Was ich anfange, bringe ich auch zu Ende" oder "Irgendwas ist immerhin besser als nichts." Dann studiert man ein Fach, mit dem man angeblich immer etwas wird. Was genau das sein könnte? Keine Ahnung, man fummelt sich von Notlösung zu Notlösung.

Oder aber man studiert ein Fach, mit dem man angeblich nie etwas wird. Auch das ist eine gute Möglichkeit, der Berufsentscheidung auszuweichen. Dann kann man Sätze sagen wie: "Ich würde ja XYZ, aber ich habe leider nur Gender Mainstreaming und Interkulturelle Kommunikation studiert." Dabei wäre es für jemanden, der "so etwas" studiert, noch viel wichtiger zu wissen, wohin er damit will. Wenn Sie also Vergleichende Europäische Musikwissenschaften studieren und Musikredakteur werden wollen - schön! Wenn Sie aber nicht wissen, was Sie werden wollen, sparen Sie sich jede akademische Beschäftigungstherapie. Immerhin subventioniert die Allgemeinheit Ihre Uni und Ihr Bafög.

Setzen Sie sich lieber ein Wochenende auf den Hosenboden und ringen Sie sich zu einem Berufsziel durch. Leider verfahren die meisten stattdessen nach dem Erst-mal-Prinzip: Erst mal Studium fertig machen, erst mal Probezeit überstehen, erst mal zwei Jahre Berufserfahrung sammeln. Dann macht man erst mal ein Sabbatjahr und eine Fortbildung. Und danach? "Danach warte ich erst mal die neue Geschäftsführung ab." Dabei folgt auf jedes erledigte Erstmal das nächste: Erst mal ausprobieren, erst mal reinschnuppern, und bloß nichts entscheiden. Am besten noch mit der Begründung: "Ich habe mich damals bewusst dafür entschieden, mir viele Möglichkeiten offenzuhalten."

Erste Hilfe Karriere
Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

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Mit Mitte 30 sieht man dann, dass der Weg des geringsten Widerstands geradewegs auf die Müllkippe führt. Man hat brav alles erledigt und dafür einen Job, der einem nichts bedeutet und der einen nicht interessiert. Dafür hat man eine Eigentumswohnung an der Backe, der Hund muss zum Tierarzt und die Eltern wünschen sich Enkel. Man kann dann erst mal warten, bis der Hund aus der Klinik kommt, die Wohnung abbezahlt ist und der Nachwuchs aus dem Gröbsten raus. Aber dann hat man erst mal ein Burnout und muss sich danach erst mal erholen.

Und das alles, weil man sich von Anfang an um die Entscheidung gedrückt hat: Was will ich beruflich machen? Was soll das hier alles?

Die Gründe für die Entscheidungsvermeidung sind unter anderem Angst, Passivität, Unselbständigkeit. So lange man diese Gründe pflegt, können die besten Tipps für eine gute Entscheidung nicht greifen. Als da wären: Machen Sie sich klar, dass eine fehlende Entscheidung schlimmere Folgen hat als eine Fehlentscheidung. Schlechte Entscheidungen sind Entscheidungen, die man aus Angst fällt, weil man sich bequatschen lässt, unbedingt die Welt retten will oder irgendwelchen Ansprüchen von Eltern oder vom Ehepartner hinterher rennt.

Die Gedanken sind frei

Eine Berufsentscheidung dagegen, die Sie aus freien Stücken fällen, ist die richtige Entscheidung. Denn es gibt keine darüber hinausgehende Wahrheit über den für Sie besten Beruf. Wenn Sie die Entscheidung gefällt haben, stellen Sie sie nicht jeden Tag wieder in Frage. Ziehen Sie die Sache durch und schicken Sie alle Ablenkungsideen in den Papierkorb.

Denken Sie vor allem nicht, eine fehlende Berufsentscheidung würde Sie interessant machen. Entscheidungsschwäche ist kein Thema, mit dem Sie 1001 Nacht lang Freunde und Familie beglücken können. Suchen Sie nicht nach Gesinnungsgenossen und nicht nach Zuspruch à la "Ich finde das auch immer total schwierig, mich zu entscheiden."

Voraussetzung für eine gute Entscheidung ist, dass man überhaupt eine Entscheidung treffen will und sich nicht etwa einen sekundären Gewinn von der Entscheidungslosigkeit erhofft. Besser also, Sie stellen das ewige Grübeln ein.

Entscheidungen werden nicht besser, je länger man darüber nachdenkt. Entscheidungen werden schlechter, je länger man darüber nachdenkt.

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Jo!
wschwarz 20.08.2012
Dasselbe erzählt das Arbeitsamt auch 15-jährigen Realschülern. Wer mit 15 noch nicht weiß, was er werden will, der sollte nichta auf das Gymnasium gehen, denn das bringt nichts, wenn man nicht weiß, was man will. Bessser ins Lager, da braucht man z. Zt. unbedingt junge leute!
2. Hü und Hott
Krassmus 20.08.2012
Hmm, ich lese diesen Artikel und denke gerade: vor zehn Jahren lautete das alles noch etwas anders. Als ich anfing mit der Universität, haben die Personalchefs dieser Nation gepredigt, ich müsse flexibel sein. Jetzt heißt es, man müsse von Anfang wissen, was man später einmal machen möchte und soll sich davon nicht beirren lassen. Beides kann doch nicht des Pudels Kern sein! Da denke ich mir: vielleicht sollten sich die Personalchefs mal grundsätzlich entscheiden - nicht über Berufswahl sondern darüber, was genau sie jungen Leuten raten wollen.
3. Unverständlich bis oberflächlich
dipl.inge82 20.08.2012
Was will der Artikel sagen? Das man nur glücklich wird wenn man sich nicht treiben lässt, sondern jeden Kurswechsel und jede Entscheidung im Leben straight und durchdacht fällt und umsetzt? Ich kenne soviele Menschen die zu Schulzeiten nie wussten was sie mal machen wollen und dann durch Zufall in einen Beruf geraten sind der ihnen jeden Tag Spass bringt, ordentlich Kohle obendrein. Und genausoviele die schon damals dachten sie wären viel schlauer als alle anderen, weil sie ihren Weg schon 100% vor Augen hatten. Die Ausbildung, das Studium, jedes Praktikum, alles generalstabsmässig durchgeplant. Die Fachrichtung total gesucht (MINT lässt grüssen...). Top Noten, logo. Und heute hangeln sie sich von Job zu Job. Immer befristet und mit Mitte 30 noch in der WG weil es für eine Wohnung nicht reicht und der Einsatzort sowieso jährlich schwankt. Kaum Aussicht das sich das demnächst ändert... Die Thematik hängt von so vielen Einflüssen ab auf die man kaum Einfluss hat. In meinen Augen ziemlich oberflächlich, allen, die nach ein paar Jahren in eine berufliche Sackgasse geraten sind, mangelnden Einsatz, Weitsicht oder Planungsfähigkeit zu unterstellen.
4.
The Captain 20.08.2012
Zitat von sysopEine Fehlentscheidung ist ärgerlich. Doch es ist ein Desaster, wenn gar keine Entscheidung fällt. Das gilt nicht nur im Management, sondern auch bei der Berufswahl. So studieren viele nur, um sich bloß nicht zu entscheiden. Das führt zu nichts, warnt Berufsberaterin Uta Glaubitz. Außer vielleicht zu Burnout. Erste Hilfe Karriere: "Ich habe entschieden, alles offen zu halten" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,850998,00.html)
Ja, solche Leute kenne ich auch persönlich: erst Realschule, dann auf einmal Abi ranhängen und jetzt, im letzten Jahr des Abiturs, weiß frau immernoch nicht, ob Studium oder Ausbildung. Um dem ganzen eins aufzusetzen: sie weiß nicht, was sie studieren will - und auch nicht, welche Ausbildung es werden soll. Leider müsste sie sich aber in diesem Jahr entscheiden, was es denn nun werden soll - allein, der Wille fehlt. Und mit 19, fast 20, sollte man da schon eine Idee haben. Oder auch ein Kumpel, der bis 28 sich irgendwie durch's Leben gewurschtelt hat: erst Realschule, dann Abi, dann Ausbildung und dann noch ein Studium, was er schließlich abgebrochen hat: bis fast 30 ohne Broterwerb durch's Leben kommen ist auch schon professionell. Faulheit kann man ihm dabei nichtmal unterstellen, nur Entscheidungsunvermögen. Entscheidungsfreude muss erlernt werden.
5.
rulamann 20.08.2012
Zitat von sysopEine Fehlentscheidung ist ärgerlich. Doch es ist ein Desaster, wenn gar keine Entscheidung fällt. Das gilt nicht nur im Management, sondern auch bei der Berufswahl. So studieren viele nur, um sich bloß nicht zu entscheiden. Das führt zu nichts, warnt Berufsberaterin Uta Glaubitz. Außer vielleicht zu Burnout. Erste Hilfe Karriere: "Ich habe entschieden, alles offen zu halten" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,850998,00.html)
Leben und leben lassen, immer wieder witzig wie bestimmte Leute bzw. Organe anderen ihre Lebensentwürfe aufzwingen wollen, wer keinen Bock hat angepasst zu leben der tut es auch nicht. Hauptsache die Rädchen drehen sich..
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  • Foto: D. Stratenschulte
    Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und unterstützt andere dabei herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Ihre Kunden im Vorher-nachher-Vergleich präsentiert sie auf ihrer Internetseite:
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