ThemaBewerbungenRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Erste Hilfe Karriere Bluff mit MINT-Geruch

Ingenieure: Viele arbeiten auf Positionen, wo es auch eine andere Ausbildung täte Zur Großansicht
BASF

Ingenieure: Viele arbeiten auf Positionen, wo es auch eine andere Ausbildung täte

Zu wenige Technikstudenten oder schon zu viele? Karriereberaterin Svenja Hofert bezweifelt die Horrorszenarien, wonach Deutschland bald die Ingenieure ausgehen. Doch ebenso wenig drohe eine Absolventenschwemme. Ihre These: Es zählt immer weniger, was genau ein Bewerber studiert hat.

"Mit Karacho in den Schweinezyklus", schrieb KarriereSPIEGEL vor einer Woche. These: Durch den Ruf nach Ingenieuren steigen die Studentenzahlen in den Ingenieurfächern enorm. Das könne der Arbeitsmarkt nicht vertragen. Damit werde der Schweinzyklus angeheizt: In ein paar Jahren gebe es wieder zu viele Absolventen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), während der Arbeitsmarkt gesättigt sei. Ist was dran an der These?

In meiner Beratung begegnen mir Maschinenbauingenieure, die zehn Bewerbungen schreiben und zehn mal eingeladen werden. Die Bewerbung kann 23 Seiten lang sein und voller Fehler; das macht nicht wirklich viel aus.

Grund für die große Nachfrage der Arbeitgeber ist weniger das Studium als viel mehr die Erfahrung, die Bewerber gesammelt haben. Je umfangreicher, je spezifischer, desto besser. Kommt noch Weiterbildung dazu und ein zumindest moderat kommunikatives Wesen, stehen derzeit noch viele Türen offen.

Aber doch nicht alle: Aus zehn Gesprächen werden in anderen Fällen fünf oder nur eins - je höher die Position, desto geringer die Ausbeute. Auch der Ingenieur kann mal "Nein" sagen, wenn ihm statt einer Stelle eine Frechheit angeboten wird. Mieses Klima, ausbeuterisches Umfeld, ätzende Arbeitsbedingungen - all das kommt vor.

Erste Hilfe Karriere
Diese Experten schreiben regelmäßig im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

Sie haben Fragen zu Karrierethemen, Probleme am Arbeitsplatz, Themenanregungen? Unsere Experten freuen sich über Ihre Nachricht!
So etwas lassen Lobbyisten wie der Verband Deutscher Ingenieure (VDI), die penetrant bis aggressiv nach mehr Absolventen in den technischen MINT-Fächern rufen, gern außer acht. Die Wahrheit aber lautet: Der Arbeitgeber möchte, gestützt von den Verbänden, die Wahl haben, um die schlechten ins Kröpfchen sortieren zu können. Das geht nur, wenn es genug Leute zum Aussortieren gibt.

Eine Stelle, drei Meldungen

Schauen wir uns mal die Zahlen an, gute Diskussionsgrundlage ist das Papier "Ingenieurmonitor" des VDI: 31.600 Fahrzeug- und Maschinenbauingenieure scheinen zu fehlen, 18.500 Elektroingenieure und 10.500 Bauingenieure. Doch die Zahlen führen in die Irre.

Erstens: Es werden Jobs mitgezählt für Stellen, für die gar kein Ingenieur nötig wäre, etwa für eine Vertriebsmitarbeit, die allenfalls grundlegende Technikkenntnisse fordert. Auch der derzeit boomende Stellenmarkt für technische Redakteure verlangt demnach Ingenieure, braucht und findet aber keine. Ein Schreiberling mit Technikaffinität wäre hier aber meist die weitaus bessere Wahl.

Zweitens: Ingenieurdienstleister wie Bertrandt, Yacht Teccon oder Ferchau leihen ihre Leute an Unternehmen aus. Solche Leiharbeitsunternehmen schreiben die gleiche Stelle wie ihre Auftraggeber unter dem eigenen Logo aus. Das heißt: 36.000 Stellen könnten sich im Maximalfall mit einem Schlag auf nur noch 12.000 reduzieren. Ganz so viele Mehrfachnennungen werden es nicht sein, aber Tatsache ist: Die Arbeitsagentur zählt jede dieser Stellen als eine.

Die nächste Wirtschaftskrise dräut

Klar, Ingenieure sind 30 Prozent seltener von Arbeitslosigkeit betroffen. Aber bleibt das so? Die Wirtschaft dreht sich gerade, die Vorzeichen sind deutlich. Abbau kündigt sich an. Kaum zwei Jahre ist es her, da litten viele hochqualifizierte arbeitslose Autoingenieure unter der Wirtschaftskrise. Da hatten wir die Abwrackprämie und ein brachliegendes Automotive-Umfeld. Diesmal wird es schlimmer, hörte ich neulich vom Vertreter einer Privatbank.

Ingenieure - gleich ob in Maschinenbau, Bauwesen oder Elektrotechnik - sind wie kaum eine andere akademische Berufsgruppe von Konjunkturschwankungen bedroht. Aber ob sich daraus wirklich ein Schweinezyklus mit deutlichem Überangebot und schlechten Jobperspektiven wie einst bei den Juristen entwickelt, wie von KarriereSPIEGEL prognostiziert, bezweifle ich.

Was viele noch gar nicht erkannt haben: In der Arbeitswelt der Zukunft zählt nicht die eine Ausbildung oder das Studium. Entscheidend sind oft nicht eine, sondern mehrere Ausbildungen, die Erfahrung und die Persönlichkeit. Die Ausbildung ist letztendlich nur ein Stück Brot, für sich genommen maximal zum Suppetunken geeignet. Aber es gibt eben Schwarzbrot und Weißbrot. Ingenieurausbildungen werden auf lange Sicht Schwarzbrot bleiben. Also gesund, wenn man was draus macht.

Letztlich ist Weiterbildung die Butter, das Schmiermittel zur besseren Verdaulichkeit für Arbeitgeber. Wirklich schmackhaft aber ist nur der Belag. Ohne ihn ist alles nichts.

Der Artikel wurde mit leichten Änderungen aus Svenja Hoferts Blog übernommen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wirklich schmackhaft aber ist nur der Belag
jocurt 14.09.2011
Zitat von sysopZu wenige Technikstudenten oder schon zu viele? Karriereberaterin Svenja Hofert bezweifelt die Horrorszenarien, wonach Deutschland bald die Ingenieure ausgehen. Doch deshalb muss nicht unbedingt ein neuer "Schweinezyklus" drohen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,786077,00.html
Letztlich ist Weiterbildung die Butter, das Schmiermittel zur besseren Verdaulichkeit für Arbeitgeber. Wirklich schmackhaft aber ist nur der Belag. Ohne ihn ist alles nichts. Die tollste Ausbildung taugt nichts, wenn Peanuts Gehälter gezahlt werden und man dann meint im Ausland gehts noch billiger. Die OECD Stattistiken werden von unseren AG garantiert nicht ernst genommen. Mal abgesehen davon, warum sollte ein englischsprechender Student Deutsch lernen oder soll jetzt jeder Mittelständler Englisch zur Erstsprache für meinetwegen 500 MA machen um 3 Ing`s aus Asien einzustellen.
2. Löhne Löhne Löhne
profdocnix 14.09.2011
Wie die Autorin schon ähnlich sagt, ist dieses Gejammer der Versuch, einen Käufermarkt herzustellen, in dem die zu zahlreichen Anbieter (Ingenieure) froh sein können, wenn sie genommen werden. Warum wollen sich eigentlich ausgerechnet die Unternehmen immer aus der Marktwirtschaft verabschieden, wenn sie selbst zahlen müssen? Wer zu wenig zahlt, bekommt keinen Mitarbeiter. Punkt. Marktwirtschaft. Da muss man nicht jammern, nicht mit dem Zeigefinger drohen, nicht mit Moral und Ermahnung kommen, nicht den Staat bemühen. Zahlt mehr, dann wollen mehr bei euch arbeiten. Und langfristig wollen dann mehr solch ein fieses Studium auf sich nehmen, damit sie auch wie die anderen Ingenieure eine S-Klasse fahren können. Und ein Letztes: Bei einem Ingenieurbüro mag man noch verstehen, dass man besorgt ist über den hohen Preis eines Ingenieurs. Aber bei anderen Unternehmen ist das ein Ingenieur auf 20 oder 50 andere Angestellte. Da kann man doch locker einen teuren verkraften, vor allem wenn man bedenkt, wie viel Einfluss ein guter Ingenieur auf die Produkte einer Firma haben kann.
3. Wozu
dipl.inge82 14.09.2011
Zitat von sysopZu wenige Technikstudenten oder schon zu viele? Karriereberaterin Svenja Hofert bezweifelt die Horrorszenarien, wonach Deutschland bald die Ingenieure ausgehen. Doch deshalb muss nicht unbedingt ein neuer "Schweinezyklus" drohen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,786077,00.html
brauchen Ing's die angeblich auf 10 Bewerbungen genauso viele Vorstellunggespräche bekommen noch eine Beratung? Und wo haben die sich denn beworben? Bei den DAX30? Wohl eher im Bereich der Dienstleister und ohne Angabe der Gehaltsvorstellungen.
4. Schön beschrieben...aber...
fatherted98 14.09.2011
...längst bekannt. Das Gejammer nach Führungskräften ist doch blanker Unsinn. Die Unternehmen wollen billige Arbeitskräfte...die Löhne steigen nicht...also sind auch keine Fachkräfte knapp...denn wenn etwas knapp wird wird es teuer. Wenn die nächste Rezession hereinbricht (dauert sicher nicht mehr lange) sieht das alles schon ganz anders aus...dann wird wieder Kurzarbeit gemacht und die Arbeitslosenzahlen (auch in den MINT Fächern) steigen.
5. Der Spiegel...
schwarzertee 14.09.2011
... macht mobil gegen die teuren Ingenieure. Herrlich anzusehen, diese Kampagne, die jetzt schon Wochen andauert. Jagt den Ingenieuren weiter Angst ein, sie könnten demnächst ohne Job dastehen oder müssten lange nach einer Stelle suchen. Wenn die arbeitssuchenden Ings sich dann erbarmen eben für 35T Euro im Jahr zu arbeiten, nur um genommen zu werden, ist die Mission des Spiegels erfüllt. Ich sage jetzt schon mal: Glückwunsch. Im Krisen heranzuschreiben und pessimistische Einstellungen verbreiten ist der Spiegel TOP!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Bewerbungen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Zur Autorin
Svenja Hofert plant in ihrem Hamburger Büro für Karriere & Entwicklung mit ihren Kunden den nächsten beruflichen Schritt. Die Outplacement- und Karriereberaterin hat mehr als 25 Bücher geschrieben, darunter das "Karrieremacherbuch" und "Ich hasse Teams", und betreibt ein Karriere-Blog.
Fachkräftemangel
Sag mir, wo die Fachkräfte sind
Im Aufschwung brummte es bei den Unternehmen. Aber zugleich wurden die Alarmrufe lauter, hochqualifizierte Fachkräfte würden fehlen. Wo es hakt, was man dagegen tun kann - ein Überblick.
Die MINT-Lücke
Im Februar 2011 konnten 117.000 Jobs für Spezialisten der MINT-Fachgebiete (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) nicht besetzt werden. Das meldet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft. Der Fachkräftemangel werde zum "Bremsklotz für die konjunkturelle Erholung", warnte die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA).
Trotzdem viele arbeitslose Ingenieure
Techniker sind am stärksten gefragt. "Ein Abschluss als Ingenieur ist derzeit nahezu eine Jobgarantie", so Willi Fuchs vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Den vielen offenen Ingenieursstellen - laut VDI 76.400 - standen im August knapp 20.400 Arbeitslose gegenüber. Viele seien schwer zu vermitteln, weil sie nicht die geforderte Qualifikation mitbrächten (im Fachjargon "Mismatching"), meist wegen längerer Erwerbslosigkeit - so sehen es zumindest die Arbeitgeber.
Das Potential älterer Ingenieure
Ob es tatsächlich einen flächendeckenden Mangel gibt oder Engpässe in einigen Ingenieurberufen, ist in der Fachwelt umstritten. Einig sind sich fast alle Experten, dass Unternehmen stärker auf den Sachverstand älterer Ingenieure zurückgreifen könnten. Linderung der Not erwartet die Wirtschaft von der Anhebung des Rentenalters ("Rente mit 67"), die 2012 beginnt: Werde ein Jahr länger gearbeitet, blieben damit 50.000 Hochqualifizierte länger im Job.
Abbrecher: Fix aus dem Studium herausgeprüft
Die Branchenverbände trommeln seit vielen Jahren vehement, um mehr Abiturienten ins MINT-Studium zu locken. Technik, die nicht immer begeistert: Die deutsche Ingenieurs-Ausbildung ist eher wenig einladend - teils trist und praxisfern, teils übertrieben hart. So beendeten 2008 nur 52 Prozent aller Maschinenbaustudenten ihr Studium erfolgreich; 34 Prozent brachen es komplett ab, der Rest wechselte das Fach. Dass bei Maschinenbau-Prüfungen mitunter 80 Prozent durchfallen, sei "kein Beweis von Qualität", kritisierte BDA-Bildungsexpertin Barbara Dorn. Es gehe auch nicht an, dass Hochschulen die Studierenden schon im zweiten oder dritten Semester "hinauskomplimentieren".
Dauerstreit um Zuwanderer
Hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland könnten um Fachkräfte barmenden Unternehmen helfen, doch das ist ein notorisch heikles Thema. Nach langen Debatten hat die Bundesregierung Ende Juni die Vorrangprüfung für ausländische Ärzte und Ingenieure der Fachrichtung Maschinen- und Fahrzeugbau sowie der Elektrotechnik abgeschafft. Danach mussten Arbeitgeber bisher bei der Anstellung von Einwanderern immer erst nachweisen, dass der Arbeitsplatz nicht auch mit einem vergleichbar qualifizierten Deutschen besetzt werden kann.

Außerdem wurde angekündigt, ausländische Berufsabschlüsse schneller und unbürokratischer anzuerkennen als bisher - auch als Willkommenssignal. Gabriele Sons von Gesamtmetall plädierte dafür, die Gehaltsgrenze für die uneingeschränkte Anwerbung qualifizierter Ausländer zu senken: von derzeit 66.000 auf rund 40.000 Euro im Jahr. Den Vorschlag unterstützt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und die FDP-Fraktion im Bundestag. Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) kritisiert den Status quo: Es könne nicht sein, "dass ein Zuwanderer mehr verdienen muss als ein Hochschulprofessor, um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen".
Kann es sein, dass Weibsvolk anwesend ist?
In den Hörsälen und Labors des klassischen Ingenieurstudiums: eher nicht. In allen MINT-Fächern war 2009 ein Drittel aller Absolventen weiblich, in den technischen Disziplinen aber nur gut ein Fünftel, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt. Bisher gelingt es den Ingenieurwissenschaften kaum, junge Frauen für ein Technikstudium zu begeistern. (mamk/jol)

Fotostrecke
Arbeitslose Ingenieure: Wir wurden aussortiert
Verwandte Themen

Fotostrecke
Ingenieurgehälter im Überblick: Gleichung mit vielen Pluszeichen

Fotostrecke
Ingenieurgehälter: Top 5 und Flop 5 nach Branchen

Social Networks