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30. August 2011, 09:17 Uhr

Erste Hilfe Karriere

Haste keinen, mach' dir einen

Was bin ich und wenn ja, wie heißt das? Zu Karriereberaterin Svenja Hofert kommen immer mehr Kunden, die keinen richtigen Beruf mehr haben. Was also tun, wenn man eben nicht Bäcker, Friseur oder Mechatroniker ist? Man lässt sich am besten selbst eine Jobbezeichnung einfallen.

Als sich hoher Besuch aus den USA mit diversen "Directors" ankündigte, fühlte sich der Geschäftsführer einer Kulturstiftung mit seiner Mannschaft plötzlich klein. Die "Mitarbeiterin Sponsoring" konnte doch nicht mit einem Director an einem Tisch sitzen? Der Manager entschied, seine Mitarbeiter kurzerhand ebenfalls in "Directors" zu verwandeln. Und die "Mitarbeiterin Sekretariat" bekam als Dankeschön für die schnelle Organisation der neuen Visitenkarten den Titel "Head of Office Management and Business Development". Schließlich hat sie ja einiges für die Geschäftsentwicklung getan.

Berufe sind in unserer neuen Arbeitswelt längst zu Jobs verkommen, Titel haben ihren hierarchischen Bezug verloren und werden dann verliehen, wenn der Bewerber sie einfordert oder die Chefs sie aus Prestigegründen brauchen. Ein Berater, den ich ebenfalls aus meiner Beratungspraxis kenne und der vorher zwei Jahre ohne weitere Berufsbezeichnung an unterschiedlichen Themen gearbeitet hatte, durfte sich vor einem wichtigen Termin schnell eine Visitenkarte als "Senior Consultant" drucken lassen. Lakonisch bemerkte der Chef, dass dieses Upgrade aber nicht mit einer Gehaltserhöhung verbunden sei.

Der Job des "Consultants" ist nicht nur gut als Image-Politur, sondern gibt auch Tätigkeiten einen Namen, für die es keinen gibt. Die Bezeichnung bündelt eine Reihe verschiedener Aufgaben, die in den letzten Jahren neu entstanden sind und entfaltet ganz unterschiedliche Facetten. So gibt es von Inhouse-Consultants, die Abteilungen in den Unternehmen beraten, über SAP-Consultants für alle möglichen Module und Spezialgebiete bis hin zu Consultants für die Schulmilchversorgung die unterschiedlichsten Berater-"Geschmacksrichtungen".

Ebenfalls der schönen neuen Arbeitswelt entsprungen ist der Projektmanager, der sich immer weiter ausbreitet und unkontrolliert vermehrt. Da Aufgaben immer seltener nur einer Abteilung zuzuordnen sind, außerdem ständig etwas eingeführt und optimiert werden muss, geht ihm niemals die Arbeit aus. Emsig sorgt er dafür, dass Projekte in "Time, Budget and Quality" nach bestimmten Methoden organisiert werden. Nun ja, manchmal auch nur in Time.

53.000 Projektmanager werden derzeit allein über die Metasuchmaschine Kimeta gesucht. Das ist enorm, vor allem wenn wir uns vergegenwärtigen, dass diesem unfassbaren Angebot 4000 Friseure gegenüber stehen. Jedoch: Während beim Friseur klar ist, was er tut (Haare schneiden), steht beim Projektmanager alles Mögliche drin, was ein Fach- oder Unternehmensfremder oft nicht mal verstehen kann.

Wir sehen: Nicht nur der Beruf als lebenslanger Begleiter, wie wir ihn früher kannten, stirbt aus. Es stirbt auch der Beruf, unter dem sich jeder das gleiche vorstellt. An seine Stelle treten Jobs mit einem Bündel Tätigkeiten, die ungleich komplexer sind als Haare schneiden und Brote backen.

Die Tätigkeitspäckchen der neuen Jobs sind ähnlich geschnürt: In der Mitte steht das Kernwissen in einer Branche, einem Fach, einer Methode oder allem zusammen. Flankiert wird das Ganze von analytischen, kommunikativen oder/und organisatorischen Aufgaben. Aufs Parkett treten dann neben Consultants und Projektmanagern auch Experten, Spezialisten, Referenten und Koordinatoren von Irgendetwas.

Wettbewerb um den schönsten Titel

Hinzu kommt Augenwischerei im Wettbewerb um den schönsten Titel. Den gewinnt oft der, der am wenigsten verständlich ist. Denn Blenden ist Absicht und erwünscht, siehe Beispiel oben.

Längst lassen sich diese neuen Jobs nicht mehr studieren. Den Weg dorthin bereitet vielmehr in der Praxis erworbenes Wissen über Branchen, Prozesse, Technik. Der "Technology Evangelist" etwa stellt den Prototyp eines Jobs in unserer Wissensgesellschaft dar - und zeigt gleichzeitig, wie sehr die richtigen Worte einen Job erhöhen. Im Grunde macht ein "Evangelist" nichts anderes als der - fast schon veraltete - Presales-Spezialist: Er informiert Menschen über eine bestimmte Technologie im Internet, auf Messen und direkt beim Kunden. Aber nein, er soll noch mehr: begeistern. Schließlich ist der technische Fortschritt das moderne Evangelium.

Da die neuen Jobs keine Berufe sind, wird auch die traditionelle Berufswahl zumindest im akademischen Bereich überflüssig. Es geht nicht mehr darum, XY zu werden. Es geht darum, sich für Themen zu interessieren und Wissen aufzubauen, dass sich in verschiedenen Tätigkeiten nutzen lässt.

Unternehmen haben die kaum lösbare Aufgabe, diesen Tätigkeiten Namen zu geben - irgendwas muss ja im Zeugnis stehen und nicht nur Besucher aus den USA brauchen Wortgeklimper. Erst recht, wenn sie ohnehin nicht so genau verstehen, was die Leute in ihren Jobs so machen.

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