Die Betriebswirtin Diana Roth, 28, kam nicht einfach ins Karrierecoaching, sie machte einen Auftritt daraus: Auf hohen Stöckelschuhen, nicht immer völlig trittsicher, tippelte sie mir entgegen. Ein schwarzes Designer-Kostüm, mit glitzernder Perlenkette im Ausschnitt, umschmeichelte ihren sportlichen Körper. Und ihre strohblonde Frisur war so kunstvoll aufgetürmt, als hätte sie gerade ein Date mit Udo Walz gehabt.
Sie ließ sich aus dem Mantel helfen, lächelte kunstvoll und platzierte sich kerzengerade auf dem Stuhl. Ihr Problem beschrieb sie so: "Die Kollegen wissen einfach nicht, was sie an mir haben. Ich wünsche mir mehr Wertschätzung."
Ich wollte genauer herausfinden, wo der Stöckelschuh drückte: "Beschreiben Sie einmal, was zwischen Ihnen und den Kollegen passiert." - "Das fängt schon morgens an: Da latscht eine verschlafene Figur im Schlabberpulli an mir vorbei und murmelt ein M-Wort, das ich kaum verstehen kann. Erwarte ich wirklich zu viel, wenn ich ordentlich gegrüßt werden will?"
"Wie stellen Sie sich eine 'ordentliche Begrüßung' vor?" - "Dass ein Kollege stehen bleibt und ein paar Worte mit mir spricht - sich zum Beispiel erkundigt, wie es mir geht. Und dass er, wenn er 'guten Morgen' sagt, nicht einen Ton verwendet, der nach 'bescheidenen Morgen' klingt."
"Da könnte genau so gut eine Fremde auf dem Bürostuhl sitzen!"
"Und was versäumen die Kollegen sonst noch so?" - "Wenn ich mit einer neuen Frisur oder einem neuen Kleid ins Büro komme, können Sie sich vorstellen, wie frustrierend es ist, wenn kein Mensch ein Sterbenswörtchen dazu sagt?" - "Dieses Schweigen sagt Ihnen ...?" - Sie atmete tief durch: "Dass ich den Kollegen völlig egal bin! Da könnte sich eine Fremde auf meinen Bürostuhl setzen, aber niemandem fiele es auf. Sie müsse nur meine Arbeit ordentlich machen."
"Wann haben Sie eigentlich zuletzt einen Kollegen gelobt?" - "Das ist lange her; ich hab' ja wenig Anlass dazu." - "Und wie halten Sie es morgens mit dem Grüßen?" - "Da habe ich auf Sparflamme umgestellt. Meine Oma sagte immer: Jeder muss einstecken können, was er selbst austeilt."
Aha! Die Lady war eine Prinzessin auf der Erbse, die bei ihren Kollegen das kleinste Fehlverhalten erspürte. Doch was sie anderen als Flegelei ankreidete, hielt sie bei sich selbst für eine angemessene Reaktion. Woher wusste sie eigentlich, dass sie auf das Verhalten ihrer Kollegen reagierte - und nicht umgekehrt? Je länger ich im Beratungsgespräch nachhakte, desto mehr wurde ein Teufelskreis sichtbar.
"Was bildet sich die Tussi eigentlich ein?"
Erst war sie von ihren Kollegen noch freundlich gegrüßt worden, wenn auch ohne halbstündiges Gespräch zum persönlichen Befinden, ohne Applaus für die Frisur, ohne Jubel fürs neuste Kleid. Auf diese "Fastfood"-Freundlichkeit reagierte sie wie eine zugeschnappte Auster ("Diese Stoffel werde ich spüren lassen, was ich von ihnen halte!"). Worauf die Kollegen immer flüchtiger grüßten ("Was bildet sich diese Tussi eigentlich ein?"). Worauf sie immer mehr zuschnappte. Und wenn sie nicht gestorben sind, ignorieren sie sich in ein paar Monaten völlig - und geben sich gegenseitig die Schuld daran.
Diese Tatsache verblüfft mich immer wieder: dass dieselben Kollegen, die mit Samthandschuhen behandelt werden wollen, mit Boxhandschuhen austeilen. Statt anderen auf die Nase zu hauen, ist es aber klüger, sich an die eigene Nase zu fassen. Diese Botschaft habe ich, freundlich verpackt, an Diana Roth vermittelt. Sie schluckte und versprach, bis zur nächsten Beratung darüber nachzudenken.
Es gibt nur einen Weg, wie man Kollegen verändern kann: indem man sich selbst verändert. Ich war sicher: Durch eine positive Erwartungshaltung, durch mehr Freundlichkeit gegenüber ihren Kollegen würde Diana Roth auch dasselbe ernten - mehr Freundlichkeit. Aus dem, was jetzt ein Teufelskreis war, konnte sie einen Engelskreis machen. Nur musste sie den ersten Schritt gehen und aus ihrem Verhaltensmuster ausbrechen.
Beim Abschied strengte ich mich an, mir ihre kunstvolle Frisur einzuprägen. Denn war es nicht wahrscheinlich, dass sie ihr nächstes Date mit Udo Walz vor unserem Wiedersehen hatte? In dieser Hinsicht wollte ich eine bessere Figur als ihre Kollegen abgeben. Ein Minimum an Aufmerksamkeit hat eine Prinzessin dann doch verdient.
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