Kürzlich las ich, dass die Hälfte der älteren Arbeitslosen gar nicht mehr in der Statistik auftaucht. Sie wird schlicht herausgerechnet. Der Trick: Wenn ein über 58-Jähriger sich arbeitslos meldet und innerhalb eines Jahres kein Stellenangebot von der Arbeitsagentur bekommt, dann gilt er als unvermittelbar. Er wird dann nicht mehr als arbeitslos gezählt.
Das bedeutet: Ältere Arbeitnehmer gelten vor allem dann als nicht vermittelbar, wenn alle Beteiligten ein Jahr lang still halten. Passiert zwölf Monate nichts, hat das Jobcenter Ruhe und der Arbeitslose auch. Er wird dann nicht mehr - wie es in Arbeitslosendeutsch heißt - "schikaniert".
Das wirft die Frage auf: Wieso eigentlich suggeriert ausgerechnet ein Amt, das Agentur für Arbeit heißt, Leuten ab 58 Jahren, sie seien nicht vermittelbar? Statt klarzustellen, dass eine Arbeitslosigkeit bei aktuell mickrigen 6,6 Prozent Arbeitslosigkeit eine absolute Ausnahme sein muss und nicht langfristig hinnehmbar ist. Zumindest nicht, wenn die Gemeinschaft den Lebensunterhalt des Arbeitslosen finanziert.
Einige Bundesländer haben momentan eine Arbeitslosigkeit, die kaum mehr messbar ist: Baden-Württemberg 3,9 Prozent und Bayern 3,4 Prozent. Würde die Agentur nicht angeblich unvermittelbare Opfer produzieren, müssten einige Arbeitslose schlicht dorthin gehen, wo es Arbeit gibt. Apropos: Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung liegt die Zahl der offenen Stellen in Deutschland momentan bei knapp einer Million.
Durch meine Kolumnen bekomme ich viele Mails von Arbeitslosen, auch von älteren. Schaut man hinter die Kulissen, liegen die Fälle fast immer anders als gedacht. Manche sind arbeitslos, weil sie krank sind oder den kranken Ehemann pflegen. Andere sind arbeitslos, weil sie sich nichts zutrauen oder unter Depressionen leiden. Wieder andere weigern sich schlicht, vernünftige Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen, zum Frisör zu gehen und ein ansprechendes Bewerbungsfoto machen zu lassen.
Wenn die Gemahlin die Bewerbungen schreibt
Ich habe mit älteren arbeitslosen Ingenieuren zu tun gehabt, denen die Ehefrauen die Bewerbungen schreiben und die kategorisch ausschließen, ihren Anrufbeantworter ordentlich zu besprechen. Ich habe mit älteren arbeitslosen Zahnarzthelferinnen zu tun gehabt, die Angst haben, zum Zahnarzt zu gehen und sich die Zähne ordentlich machen zu lassen. Und ich habe mit promovierten Geisteswissenschaftlern zu tun gehabt, die täglich Stunden im Internet verbringen. Allerdings suchen sie da nicht nach einer Stelle, sondern nach einem Schuldigen. Sie treiben sich in Chatforen herum, die "die Unternehmen" oder "die Wirtschaft" oder "die Politik" für die eigene Arbeitslosigkeit verantwortlich machen.
So gibt es in der Welt der älteren Arbeitslosen alles: vom schweren menschlichen Schicksal, das Hilfe verdient, bis zum hochnäsigen Langzeitarbeitslosen, der seine Ansprüche so hoch hängt, dass sie auf natürlichem Weg nicht zu befriedigen sind.
Ein durchschnittlicher Fall könnte so liegen: Ein Arbeitnehmer hat durch lange Betriebszugehörigkeit ein hohes Gehalt erreicht. Das Unternehmen wird verkauft, er bekommt eine Abfindung und ist zunächst nicht bereit, in einem neuen Job weniger zu verdienen. Schnell ist ein Jahr vergangen und er findet sich nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik. Aus einem Jahr werden vielleicht zwei.
Wenn er dann anfängt, sich zu bewerben, so machen die beiden Jahre Arbeitslosigkeit bei Arbeitgebern nicht unbedingt Appetit auf den Kandidaten. Das schlägt aufs Selbstbewusstsein und so wird das Problem immer größer.
Hier einige Anregungen, der Misere zu entkommen. Keine Wunderrezepte, aber probate Mittel für einen Wiedereinstieg in höherem Alter.
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