Erste Hilfe Karriere Schuld und Bühne - der Guttenberg-Effekt
Hochmut kommt vor dem Fall - und manchmal auch danach. Das zeigt der Fall Guttenberg. Sein scheinbares Schuldeingeständnis wendete er in eine Attacke. Viel zu selbstgerecht, findet Karriereberater Martin Wehrle: Wer im Berufsleben so mit Kollegen umgeht, demontiert sich selbst.
Dieter B., Ingenieur, fragt:
"Vor einem halben Jahr habe ich ein großes Projekt in den Sand gesetzt. Seither haftet mir der Stempel des Versagers an. Mein Chef hat mich bei Projekten ins zweite Glied verbannt. Mittlerweile habe ich jedoch meinen Fehler erkannt: Ich war in Gedanken immer schon einen Schritt zu weit und habe meine Kollegen nicht mitgenommen. Sie denken deutlich langsamer als ich, das habe ich zu wenig berücksichtigt.
Gerne würde ich nun ein neues Projekt anpacken, um allen zu zeigen: Ich kann es doch! Denn das, was meine Kollegen als Projektleiter leisten, kann ich sicher übertreffen - das sehe ich als Projekt-Mitarbeiter deutlicher als je zuvor. Stimmen Sie mit mir überein, dass nach einem halben Jahr der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um wieder in die erste Reihe zu treten?"
Ihr Fall erinnert mich an Karl-Theodor zu Guttenberg: Ein Mann hat einen Fehler begangen. Er gibt diesen Fehler auch zu. Aber sein Geständnis klingt so halbherzig, dass man sich fragt: Meint er es wirklich ernst? Oder hält er sich für ein Opfer?
Guttenberg hat sich bei seinem "Zeit"-Interview mit dem Büßerhemd kostümiert, um direkt danach in die Robe des Anklägers zu schlüpfen. Da griff er die Universität Bayreuth an und polterte gegen seine CSU-Parteifreunde. Bei Dostojewski hieße das wohl: Schuld und Bühne.
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"Ich schon wieder"
Denken Sie an Guttenberg: Wer gescheitert ist und eine zweite Chance will, sollte vorher unzweifelhaft zeigen, dass er seinen Fehler einsieht. Er sollte lang genug Buße tun und dann deutlich machen, was er gelernt hat.
Wissen Ihre Kollegen, dass Sie zu Ihren Fehlern als Projektleiter stehen? Haben Sie offengelegt, welche Konsequenzen Sie daraus ziehen? Und haben Sie wirklich darauf verzichtet, das mangelnde Tempo der Kollegen anzuklagen?
Buße ist ein Ritual, auch in Unternehmen: So mancher, der in der ersten Reihe versagt, muss vorübergehend ins zweite Glied treten. Bei einem größeren Fehler ist ein halbes Jahr zu kurz - warten Sie besser 12 bis 18 Monate ab, um den "Ich-schon-wieder"-Effekt zu vermeiden. Wie wäre es, wenn Sie als einfacher Projekt-Mitarbeiter durch gute Leistungen auf sich aufmerksam machten? Und zwar so lange, bis Ihr Chef und die Kollegen Ihnen signalisieren: "Versuch's noch einmal!"
"Was machen die besser als ich?"
Ein weiterer Tipp: Schauen Sie auf die jetzigen Projektleiter nicht herab, als wären es Leistungszwerge. Fragen Sie sich stattdessen: "Was machen die besser als ich? Wie schaffen sie es, das Tempo auf die Mitarbeiter abzustimmen?" Dieser Blickwinkel hilft Ihnen beim Lernen und beim Reifen, er schiebt der Selbstüberschätzung einen Riegel vor.

Mit dieser Strategie könnten Sie zweierlei verbinden: die symbolische Buße und die praktische Vorbereitung auf Ihr "Comeback". Übereilen Sie nichts! Für jeden, der an sich selbst arbeitet, arbeitet auch die Zeit.
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