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Erste Hilfe Karriere Should I stay or should I go?

Ausguck: Nichts wie weg, wenn der Job für Frust sorgt Zur Großansicht
Corbis

Ausguck: Nichts wie weg, wenn der Job für Frust sorgt

Was tun, wenn der Job nur noch nervt? Viele Angestellte bleiben in ihrer Routine kleben, weil sie sich nicht trauen, den Beruf zu wechseln: das Risiko! Die Einkommens-Einbußen! Karriereberaterin Uta Glaubitz ermuntert zu einem Neustart - denn der Motivationsschub ist enorm.

Mitten im Leben seinen Beruf zu wechseln ist riskant. Denn Arbeitgeber haben Schwierigkeiten mit Quereinsteigern und bevorzugen Leute aus der Branche. So sagt man zumindest. Dann zählt man auf, welche Kosten während eines Berufswechsels weiterlaufen: die Miete, der Kredit und die Kfz-Steuer. Als ich vor 15 Jahren mit Berufsfindung anfing, galt es als ausgemacht, dass man "in Deutschland für alles einen Schein braucht". Echte Berufswechsel - so hieß es unhinterfragt - seien nur in Amerika möglich.

Nachdem wir nun verkraftet haben, dass Sabine Christiansen zuerst Stewardess und später Talkshowmoderatorin wurde und Angela Merkel erst Physikerin und dann Bundeskanzlerin, bleibt von der angeblichen Unmöglichkeit nicht mehr viel übrig. Stattdessen redet man vom Risiko. Es sei eben hochgefährlich, mitten im Leben seinen Beruf zu wechseln.

Ist das eher German Angst oder German Gemütlichkeit? Sind wir eher faul oder furchtsam? In beiden Fällen wird jeder Flügelschlag zur Befreiung unendlich schwer.

Würden wir uns das Risiko einmal genauer anschauen, stellten wir fest, dass es oft viel riskanter ist, im ungeliebten Beruf zu bleiben. In Deutschland sind Arbeitnehmer zusehends mit der Gesamtsituation unzufrieden. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen zeigte soeben, dass die Deutschen heute lustloser zur Arbeit gehen als vor 25 Jahren.

If I go there will be trouble...

Frust im Job macht krank. Wer unglücklich ist, kann Magengeschwüre, Magenschleimhautentzündung, Neurodermitis, Tinnitus und Bluthochdruck bekommen. Und auch wenn man nichts von psychosomatischer Ursachenforschung hält, bleibt, dass diese Unlust im Job zumindest nicht fördernd für die Gesundheit ist.

Erste Hilfe Karriere
Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

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Noch schlimmer sind Depressionen. Seelische Krankheiten sind in Deutschland inzwischen der häufigste Grund für Berufsunfähigkeit - noch vor kaputtem Rücken und Herzinfarkt. Knapp sechs Millionen Deutsche leiden jährlich an einer Depression. Die Dunkelziffer liegt deutlich darüber. Auch hier ist der Frust im Job nicht unbedingt alleinige Ursache für die Depression. Aber (um es in Psychodeutsch zu sagen): Der Frust im Job verstärkt die natürlich vorhandenen depressiven Anteile.

Magengeschwüre, Ohrensausen, Depressionen sind jedoch nicht die einzigen Gefahren: Wenn man einen Beruf ausübt, der nicht passt, wenn man sich ständig überfordert und gleichzeitig unterfordert fühlt, dann schlägt das aufs Selbstbewusstsein. Doch genau dieses Selbstbewusstsein ist ja die Grundlage für beruflichen Erfolg - mehr als jedes Talent oder jede gute Note. So erfolgreiche Köpfe wie Joschka Fischer oder Sarah Wiener haben ihre Karriere nicht auf Qualifikation, sondern auf Selbstbewusstsein gebaut.

...and if I stay it will be double

Zum Mitschreiben: Joschka Fischer hat kein Abitur und seine Lehre als Fotograf abgebrochen. Sarah Wiener hat keinen Schulabschluss und war allein erziehende Mutter ohne Ausbildung. Karl Lagerfeld hat keinen Abschluss, ebenso wenig wie sein Kollege Wolfgang Joop. René Obermann ist heute Chef der Telekom; sein Volkswirtschaftsstudium hat er früh geschmissen. Alice Schwarzer fiel bei der Aufnahmeprüfung zur Journalistenschule durch und studierte später ein wenig in Frankreich - ohne Abschluss.

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Prominente Uni-Deserteure: Abbruch, Aufbruch, Durchbruch
Jeder Normalarbeitnehmer kann daraus ableiten: Sehr gute Noten sind sehr gut. Für die Karriere ist ein gutes Selbstbewusstsein wichtiger.

Sein Selbstbewusstsein zu riskieren und seine Selbstachtung zu verlieren, ist also möglicherweise das größte Risiko für alles, was man beruflich vorhat. Je länger man aber im falschen Beruf bleibt, desto schlechter fürs Selbstbewusstsein. Dadurch wird es dann noch schwieriger, einen neuen Job zu finden. Denn um einen neuen Arbeitgeber von sich zu überzeugen, braucht man ja gerade Selbstbewusstsein und eine gute, optimistische Ausstrahlung. Und eben nicht Magengeschwür, Depression und Pessimismus.

Als wäre das alles nicht schlimm genug, gefährden unmotivierte Mitarbeiter ihren eigenen Arbeitsplatz. Falls Sie Ihren Jobfrust schlecht verbergen können, sollten Sie sich wappnen. Es könnte sein, dass man Sie deswegen bei der nächsten Kündigungswelle - zu Recht - entlässt. Und eine Kündigung, die man nicht selbst ausspricht, schlägt wieder aufs Selbstbewusstsein. Der Teufelskreis hat sich spätestens hier geschlossen.

Oft ist es nicht gefährlich zu wechseln. Es ist viel gefährlicher zu bleiben.

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insgesamt 26 Beiträge
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    Seite 1    
1. ^^
JacksonBlood 03.08.2011
was bei soclhen berichten immer unter den Tisch gekehrt wird in der ganzen "ich erfinde mich nun neu!"-Euphorie ist die alltägliche realität: Kredite die bezahlt werden müssen, ggfls. BAFÖG, Pflegekosten der eltern, vielleicht auch das Eigenheim, dass in Zeiten festerer Bindung am Arbeitsplatz gekauft wurde, Kinder, Familie - das Leben eben. Es dürfte nur ein sehr geringer Prozenztsatz der 30-40 jährigen geben, die mal eben ohne grössere Probleme sich was neues, spannendes und was zum arbeiten suchen können.
2. ^^
JacksonBlood 03.08.2011
was bei solchen berichten immer unter den Tisch gekehrt wird in der ganzen "ich erfinde mich nun neu!"-Euphorie ist die alltägliche realität: Kredite die bezahlt werden müssen, ggfls. BAFÖG, Pflegekosten der eltern, vielleicht auch das Eigenheim, dass in Zeiten festerer Bindung am Arbeitsplatz gekauft wurde, Kinder, Familie - das Leben eben. Es dürfte nur ein sehr geringer Prozenztsatz der 30-40 jährigen geben, die mal eben ohne grössere Probleme sich was neues, spannendes und was zum arbeiten suchen können.
3. Wechsel?
Michael Giertz 03.08.2011
Zitat von sysopWas tun, wenn der Job nur noch nervt? Viele Angestellte bleiben in ihrer Routine kleben, weil sie sich nicht trauen, den Beruf zu wechseln: das Risiko! Die Einkommens-Einbußen! Karriereberaterin Uta Glaubitz ermuntert zu einem Neustart - denn der Motivationsschub ist enorm. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,777948,00.html
Es sagt sich so einfach: "mich nervt der Job, morgen geh' ich zum Chef und lege ihm die Kündigung unter die Nase!" Realität? Die Konsequenzen sind einfach zu groß: eine Kündigung zieht erstmal eine dreimonatige Bezugssperre bei ALG I nach sich - das können sich viele nicht leisten. Zudem muss man sich "parallel" bewerben, d.h. noch während man für den einen arbeitet, muss man sich für den anderen bewerben. Das kollidiert dann aber spätestens, wenn man ein Vorstellungsgespräch hat - je nach dem, wie wenig bürokratisch das alte Unternehmen ist, bekommt man schnell mal einen Tag Urlaub oder kann Überstunden abfeiern. Es geht nicht nur allein um den Verdienstausfall. Den können gerade die besser Qualifizierten leichter verkraften als Geringqualifizierte. Es geht einfach darum, dass ein Wechsel heutzutage keine Frage von wenigen Tagen oder ggf Wochen ist, sondern sich u.U. mehrere Monate hinziehen kann. Die Risiken sind fast unkalkulierbar geworden, sogar hier unten in Süddeutschland. Im Osten, aus dem ich stamme, sind die Risiken noch wesentlich höher.
4. Titellos glücklich!
kjartan75 03.08.2011
1. Sehr lustig, welche Luxusprobleme hier angesprochen werden, während es auf dem Arbeitsmarkt wahrlich nicht so aussieht, als könne man sich jeden x-beliebigen Traum erfüllen. 2. Das Alter spielt weiterhin eine entscheidende Rolle, und wenn man nun mal keine Erfahrung auf dem neuen Sektor hast und dazu noch jenseits der 35 Jahre, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, einen AG zu finden, der dich nimmt.
5. Kein Titel
ohne_sorge 03.08.2011
Zitat von JacksonBloodwas bei solchen berichten immer unter den Tisch gekehrt wird in der ganzen "ich erfinde mich nun neu!"-Euphorie ist die alltägliche realität: Kredite die bezahlt werden müssen, ggfls. BAFÖG, Pflegekosten der eltern, vielleicht auch das Eigenheim, dass in Zeiten festerer Bindung am Arbeitsplatz gekauft wurde, Kinder, Familie - das Leben eben. Es dürfte nur ein sehr geringer Prozenztsatz der 30-40 jährigen geben, die mal eben ohne grössere Probleme sich was neues, spannendes und was zum arbeiten suchen können.
Die Beispiele, die hier genannt werden sind bis auf Rene Obermann aus der kreativen Ecke. Wer dermaßen kreativ ist, dass er andere damit begeistern kann und so mit etwas Geld verdienen kann, mit dem andere kein Geld verdienen können, der braucht auch keine Ausbildung. Bei jedem anderen wird sehr wohl nach bisheriger Ausbildung und Berufserfahrung geschaut. Da hat sich in Deutschland nichts verändert. Wer hier den Beruf wechselt muss die Lehrjahre von vorne antreten und ganz unten anfangen, weswegen die Leute lieber im verhassten Job bleiben, damit sie nicht starke Gehaltseinbußen hinnehmen müssen. Ein zweiter Punkt ist auch, dass Unternehmen nur dann suchen, wenn sie dringend sofort einen brauchen. Wenn sie da Experimente eingehen und der Kollege in der Probezeit wieder entlassen wird, müssen sie neu suchen und dazu haben auch die Unternehmen keine Lust und verlieren unnötig Zeit bei der Suche nach neuen Arbeitnehmern. Daher bleibt alles wie es ist. Deutscher Areitsmarkt ist einfach deutscher Arbeitsmarkt und amerikanischer Arbeitsmarkt ist amerikanischer Arbeitsmarkt. Übrigens ist auch generell der deutsche Markt ein anderer als woanders auf der Welt. Wer daran Zweifel hat, kann ja mal Wal Mart oder z.B. Daihatsu oder SsangYong befragen.
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Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und unterstützt andere dabei, herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Ihre Kunden im Vorher-Nachher-Vergleich präsentiert sie auf ihrer Internetseite.


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