Arbeitgeber lieben Zeitarbeit. Sie ist eine Stütze des Aufschwungs, ein Flexibilitätspuffer in Zeiten der Krise und ein Signal an die Stammbelegschaft, dass es auch anders geht. Wer da stützt, puffert und sich bis zur Flexibilitätsgrenze verrenkt, sind bekanntlich die Zeitarbeitnehmer. Zeitarbeit: für viele ein Zeichen der Krise.
Soll man sich als Arbeitnehmer zur Not auf einen Zeitarbeitsjob einlassen? Kommt der HWG, der häufig wechselnde Gehaltsempfänger, überhaupt zurück in eine feste Jobbeziehung? Untergräbt man mit subalternen Robotnik-Tätigkeiten das eigene Kompetenzprofil?
Jede Zeitarbeit ist ein klar geregeltes Dreiecksverhältnis. Eine der Parteien zahlt bekanntlich drauf. In diesem Fall der Zeitarbeitnehmer. Die Umstände der Leiharbeit bringen es mit sich, dass man sich vielleicht wie auf dem richtigen Dampfer fühlt, doch leider in der falschen Uniform, von der Mannschaft bloß geduldet, von den Offizieren und dem Kapitän ignoriert und kaum je im beruflichen Aufstieg gefördert. Wenn es irgendwo brenzlig wird, schickt man den Zeitarbeiter hinein. Mehr Ärger, in jeder Hinsicht mehr Gefährdung, dafür weniger Heuer. Und jedes Mal, wenn das Schiff am Kai anlegt, die Angst, dass man von Bord komplimentiert wird.
Doppelte Loyalität ist gefordert - aber nur beim Arbeitnehmer
Leute, die mit der Zeitarbeit gehen, sollen auch noch doppelt loyal sein. Also keine schlechten Gefühle, sondern Dankbarkeit gegenüber einem tausendzweigstelligen Dienstleister, der sich als Makler zwischen dem Jobber und der Zielfirma stellt. Dazu soll man sich als Loyalitätsmäntelchen flugs die Corporate Identity jener Firmen überziehen, deren Management selbst nur bedarfsweise und projektbezogen mit einem rechnet.
Die Leiharbeit ist eine Drehtür, die man pushen kann, wie man will, ohne dass sie einen richtig rein oder raus führt. Man wird zum Diener zweier Herren, was nur dann eine Komödie ist, wenn man Theater liebt.
Die Profiteure der Zeitarbeit verweisen auf die vielen positiven Seiten: Schwer vermittelbare Menschen werden leichter vermittelt. Die Instant-Arbeitskraft, die nur so lange abgenommen wird, wie sie auch gebraucht wird, nutzt den Betrieben in unsicheren Auftragslagen. Berufseinsteiger, die sich erproben, ihre Fähigkeiten weiter vervollkommnen und Kurzbeziehungen mit attraktiven Organisationen eingehen wollen, sehen Zeitarbeit als die moderne Lern- und Wanderphase.
Die schöne Geschichte vom Klebeeffekt
Das Killerargument pro Zeitarbeit: Die lose geknüpften Arbeitsverhältnisse wirken wie Leimruten. Ein Teil der Interimsmitarbeiter bleibt hängen. 14 Prozent der Zeitarbeitnehmer sollen von diesem Klebeeffekt profitieren. Heißt aber auch: 86 Prozent können ein Lied singen vom Jobpech, das hartnäckig an einem klebt, und von schofeligen Arbeitgebern, denen man eine kleben möchte.
Zeitarbeit ist gut, wenn man nur eine begrenzte Zeit jobben, aus dem Stand heraus Geld machen oder aufgrund einer Bindungsscheu häufiger den Arbeitgeber wechseln will. Die Überlassenen zahlen in die Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung ein und schlüpfen unter den (etwas zu knapp gehaltenen) Mantel des gesetzlichen Kündigungsschutzes. Im Krankheitsfall gibt es Lohn. Wie reguläre Arbeitnehmer kann man bezahlten Urlaub von seiner Zeitarbeit nehmen.
Uni-Abschluss in der Tasche, und kein Mensch will ihn sehen? Man kann ein Praktikum dazwischenschieben, eine mehr oder weniger qualifizierte Zeitarbeit annehmen, von Arbeitslosengeld existieren oder sein Notebook im Café aufklappen und geschäftig tun. Was ist klüger? Das weiß man erst im Nachhinein.
Tun Sie das Angemessene, kommunizieren sie es als das Richtige
Wer es sich leisten kann zu warten, der entscheidet sich kaum für einen Zwischenjob unterhalb des Qualifikations- und Gehaltsniveaus. Jetzt ist auch ein guter Moment, um mit den Kumpels eine Geschäftsidee auszuprobieren, um sich für ein paar Monate einer lokalen Brigade zur Verschönerung der Welt anzuschließen oder um etwas komplett Eigensinniges zu tun. Respekt verdient aber auch derjenige, der übergangsweise jobbt.
Mein Rat als Bewerbungshelfer: Tun Sie das Angemessene und kommunizieren Sie es als das Richtige. Lassen Sie sich auf temporäre, miese Jobs ein, wenn es keine temporären guten Jobs gibt und verschaffen Sie sich Respekt durch Leistung. Ein Jobanbieter versteht das, wenn er Ihren Lebenslauf mustert, Ihr Anschreiben überfliegt, Ihre Arbeitszeugnisse checkt und Ihre Referenzliste durchsieht. Nichts leichter, als sein Dreiecksverhältnis im Lebenslauf abzubilden:
Verzeichnen Sie genau das, was war. Die Realität seiner Jobverpflichtungen getreulich abzubilden, ist ja die vornehmste Pflicht jedes Jobsuchenden.
Klar kann man an dieser Station alles schlecht finden, wenn man Marketing zu seinem Schwerpunktfach gemacht hatte und Wareneingangsbuchungen als unter seiner Würde empfindet. Damit ruiniert man aber den positiven Eindruck, den der Eintrag produziert. Nicht vergessen: 0,9 Millionen Deutsche jobben temporär. Falls Sie sich zur Zeitarbeit genötigt sehen, sind Sie nicht allein.
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