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Reinigungskraft als Zeitarbeiterin: 86 Prozent erleben den Klebeeffekt nicht

Zeitarbeit ist ein klar geregeltes Dreiecksverhältnis: Eine der Parteien zahlt drauf, nämlich der Arbeitnehmer. Taugt Zeitarbeit dennoch als Zwischenlösung, wenn sonst nichts geht? Oder verdirbt man sich damit den Lebenslauf? Bewerbungstrainer Gerhard Winkler zum geschickten Umgang mit der Zeit beim Verleiher.

Arbeitgeber lieben Zeitarbeit. Sie ist eine Stütze des Aufschwungs, ein Flexibilitätspuffer in Zeiten der Krise und ein Signal an die Stammbelegschaft, dass es auch anders geht. Wer da stützt, puffert und sich bis zur Flexibilitätsgrenze verrenkt, sind bekanntlich die Zeitarbeitnehmer. Zeitarbeit: für viele ein Zeichen der Krise.

Soll man sich als Arbeitnehmer zur Not auf einen Zeitarbeitsjob einlassen? Kommt der HWG, der häufig wechselnde Gehaltsempfänger, überhaupt zurück in eine feste Jobbeziehung? Untergräbt man mit subalternen Robotnik-Tätigkeiten das eigene Kompetenzprofil?

Jede Zeitarbeit ist ein klar geregeltes Dreiecksverhältnis. Eine der Parteien zahlt bekanntlich drauf. In diesem Fall der Zeitarbeitnehmer. Die Umstände der Leiharbeit bringen es mit sich, dass man sich vielleicht wie auf dem richtigen Dampfer fühlt, doch leider in der falschen Uniform, von der Mannschaft bloß geduldet, von den Offizieren und dem Kapitän ignoriert und kaum je im beruflichen Aufstieg gefördert. Wenn es irgendwo brenzlig wird, schickt man den Zeitarbeiter hinein. Mehr Ärger, in jeder Hinsicht mehr Gefährdung, dafür weniger Heuer. Und jedes Mal, wenn das Schiff am Kai anlegt, die Angst, dass man von Bord komplimentiert wird.

Doppelte Loyalität ist gefordert - aber nur beim Arbeitnehmer

Leute, die mit der Zeitarbeit gehen, sollen auch noch doppelt loyal sein. Also keine schlechten Gefühle, sondern Dankbarkeit gegenüber einem tausendzweigstelligen Dienstleister, der sich als Makler zwischen dem Jobber und der Zielfirma stellt. Dazu soll man sich als Loyalitätsmäntelchen flugs die Corporate Identity jener Firmen überziehen, deren Management selbst nur bedarfsweise und projektbezogen mit einem rechnet.

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Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

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Ein Entleiher, das ist jener Betrieb, dem man zugewiesen wird, wird schnell und hart reagieren, wenn man nicht mit ganzem Herzen dabei ist oder sich zu viele Blackouts leistet. Der Entleiher braucht zudem keine Fristen einzuhalten, wenn es sich flexibilitätsmäßig ausgepuffert hat. Auch der Verleiher, mit dem man seinen Arbeitsvertrag abschließt, profitiert von Kündigungsfristen wie zu Landarbeiterzeiten, das heißt, zwischen einem Tag und zwei Wochen.

Die Leiharbeit ist eine Drehtür, die man pushen kann, wie man will, ohne dass sie einen richtig rein oder raus führt. Man wird zum Diener zweier Herren, was nur dann eine Komödie ist, wenn man Theater liebt.

Die Profiteure der Zeitarbeit verweisen auf die vielen positiven Seiten: Schwer vermittelbare Menschen werden leichter vermittelt. Die Instant-Arbeitskraft, die nur so lange abgenommen wird, wie sie auch gebraucht wird, nutzt den Betrieben in unsicheren Auftragslagen. Berufseinsteiger, die sich erproben, ihre Fähigkeiten weiter vervollkommnen und Kurzbeziehungen mit attraktiven Organisationen eingehen wollen, sehen Zeitarbeit als die moderne Lern- und Wanderphase.

Die schöne Geschichte vom Klebeeffekt

Das Killerargument pro Zeitarbeit: Die lose geknüpften Arbeitsverhältnisse wirken wie Leimruten. Ein Teil der Interimsmitarbeiter bleibt hängen. 14 Prozent der Zeitarbeitnehmer sollen von diesem Klebeeffekt profitieren. Heißt aber auch: 86 Prozent können ein Lied singen vom Jobpech, das hartnäckig an einem klebt, und von schofeligen Arbeitgebern, denen man eine kleben möchte.

Zeitarbeit ist gut, wenn man nur eine begrenzte Zeit jobben, aus dem Stand heraus Geld machen oder aufgrund einer Bindungsscheu häufiger den Arbeitgeber wechseln will. Die Überlassenen zahlen in die Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung ein und schlüpfen unter den (etwas zu knapp gehaltenen) Mantel des gesetzlichen Kündigungsschutzes. Im Krankheitsfall gibt es Lohn. Wie reguläre Arbeitnehmer kann man bezahlten Urlaub von seiner Zeitarbeit nehmen.

Uni-Abschluss in der Tasche, und kein Mensch will ihn sehen? Man kann ein Praktikum dazwischenschieben, eine mehr oder weniger qualifizierte Zeitarbeit annehmen, von Arbeitslosengeld existieren oder sein Notebook im Café aufklappen und geschäftig tun. Was ist klüger? Das weiß man erst im Nachhinein.

Tun Sie das Angemessene, kommunizieren sie es als das Richtige

Wer es sich leisten kann zu warten, der entscheidet sich kaum für einen Zwischenjob unterhalb des Qualifikations- und Gehaltsniveaus. Jetzt ist auch ein guter Moment, um mit den Kumpels eine Geschäftsidee auszuprobieren, um sich für ein paar Monate einer lokalen Brigade zur Verschönerung der Welt anzuschließen oder um etwas komplett Eigensinniges zu tun. Respekt verdient aber auch derjenige, der übergangsweise jobbt.

Mein Rat als Bewerbungshelfer: Tun Sie das Angemessene und kommunizieren Sie es als das Richtige. Lassen Sie sich auf temporäre, miese Jobs ein, wenn es keine temporären guten Jobs gibt und verschaffen Sie sich Respekt durch Leistung. Ein Jobanbieter versteht das, wenn er Ihren Lebenslauf mustert, Ihr Anschreiben überfliegt, Ihre Arbeitszeugnisse checkt und Ihre Referenzliste durchsieht. Nichts leichter, als sein Dreiecksverhältnis im Lebenslauf abzubilden:

  • Seit 06.2011 Verwaltungsangestellte, Laws Professional GmbH, Berlin
  • Überlassung durch Time is Money GmbH, Berlin
  • Verwaltung und Versand - Wareneingangsbuchungen; Prüfung Auftragsbestätigungen, Eingangsrechnungen; Bestellung Bauteile; Materialabgleich; Zahlungsavis; Einreichung Schecks; Statistiken.

Verzeichnen Sie genau das, was war. Die Realität seiner Jobverpflichtungen getreulich abzubilden, ist ja die vornehmste Pflicht jedes Jobsuchenden.

Klar kann man an dieser Station alles schlecht finden, wenn man Marketing zu seinem Schwerpunktfach gemacht hatte und Wareneingangsbuchungen als unter seiner Würde empfindet. Damit ruiniert man aber den positiven Eindruck, den der Eintrag produziert. Nicht vergessen: 0,9 Millionen Deutsche jobben temporär. Falls Sie sich zur Zeitarbeit genötigt sehen, sind Sie nicht allein.

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insgesamt 63 Beiträge
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1. zeitarbeit
propaganda 09.06.2011
ist weitgehend ausbeutung. ehrliche absichten seitens der arbeitgeber selten, seitens der zeitarbeitsfirmen nicht vorhanden.
2. Kein Job
Nonvaio01 09.06.2011
Zitat von sysopZeitarbeit ist ein klar geregeltes Dreiecksverhältnis: Eine der Parteien zahlt drauf, nämlich der Arbeitnehmer. Taugt Zeitarbeit dennoch als Zwischenlösung, wenn sonst nichts geht? Oder verdirbt man sich damit den Lebenslauf? Bewerbungstrainer Gerhard Winkler zum geschickten Umgang mit der Zeit beim Verleiher. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,767454,00.html
verdirbt den lebenslauf. Ich hab auch schon Jobs gemacht die weit unter dem Niveau von meinem vorherigenb Job waren, weil es die situation erforderte. Im Einstellungs gespraech habe ich das auch so gesagt, es war zum hoehepunkt der Kriese und bevor ich nichts mache doch lieber einen Job der Essen auf den Tisch bringt, auch wenn ich ca 15000 Euro weniger einhamen hatte, besser als ALG. Ueberall wo ich mich danach beworben habe kamm das sehr gut an weil es Zeigt das man flexibel ist, und auch mal taetigkeiten uebernehmen kann die eigentlich unter dem Anforderungs profil sind wenn die situation es erfordert, bei einer Grippe Welle oder in der Urlaubs saison. Lieber 20 Jobs im Lebenslauf als keinen.
3. Zeitarbeit ist Kriminell
phantom63 09.06.2011
Das ist ein sehr schöner Artikel. Dieses Konzept ist der größte Betrug den ich mir nur Vorstellen kann. Habe nur schlechte Erfahrungen mit der Zeitarbeit gemacht. Harz IV freut sich das Sie die Arbeitsuchenden damit in die Billiglöhne abschieben kann, bei Verweigerung gibt es ja gleich eine Kürzung der Bezüge, die Stammbelegschaften sind Erpressbar geworden da die Gewerkschaften ausgehebelt wurden. Die Arbeitgeber sagen wenn Du nicht willst nehme ich einen Kündbaren Befristeten Zeitarbeiter. Zeitarbeit soll eine Brücke sein ? Bei großen Konzernen sind 30 % Zeitarbeiter Beschäftigt die nicht kurzfristig dort etwas Auffangen sonder schon mehr als 2 Jahre dort sind. Gegen das Gesetz aber keiner tut was??? Können ja nach einem halben Jahr, offiziell Raus gehen (Kündigen) jedoch auch gleich wieder Eingestellt werden da es ja Befristete Verträge sind. Was für eine Sumpf. Soziale Markwirtschaft das ich nicht Lache. Dann kenne ich einige ehemahlige Arbeitsamtmitarbeiter die jetzt Zeitarbeitsfirmen gegründet haben. ( Wer dabei nichts Böses Denkt.) Dann auch noch Monatlich an einer Fremden Arbeitskraft als 3.Person zu verdienen ist schon mit Sklaverei zu vergleichen. LG Deutschland
4. x
Betonia 09.06.2011
Zitat von Nonvaio01.... Ich hab auch schon Jobs gemacht die weit unter dem Niveau von meinem vorherigenb Job waren, weil es die situation erforderte. Im Einstellungs gespraech habe ich das auch so gesagt, es war zum hoehepunkt der Kriese und bevor ich nichts mache doch lieber einen Job der Essen auf den Tisch bringt, auch wenn ich ca 15000 Euro weniger einhamen hatte, besser als ALG. ...
Das ist die richtige Einstellung und so findet man am ehesten einen bleibenden Job. Leute, die arbeiten können, die auch mal anpacken können, sind immer gefragt.
5. Verweigert Zeitarbeit!
Volker Birk 09.06.2011
Wer noch alle Latten am Zaun hat, wird sich nicht für diese Abzocke hergeben. Was uns hin und wieder fehlt sind Arbeitnehmer, die bereit sind, auch Drecksarbeit zu machen. Was soll das heissen, "macht sich schlecht im Lebenslauf"? Wenn ich sowas in einem Lebenslauf lese, finde ich das einen Pluspunkt, wenn sich jemand auch mal mit Drecks-Jobs durchschlägt, bis er wieder was Gescheites hat. Aber was uns aber vor allem auch fehlt, sind Arbeitnehmer, die sich der Abzocke und Ausbeutung verweigern. Zeitarbeit ist ein reines Betrugsmodell, genau wie die ganzen kostenlosen "Praktika" und die Arbeitsstellen, die wesentlich unter 10,- EUR Stundenlohn zahlen oder das "Aufstocken". Warum macht Ihr diesen Wahnsinn mit? Wenn sich genügend verweigern, klappts nicht mehr. Wo sind die Gewerkschaften, die das organisieren, wo die Leute, die in der Not neue Gewerkschaften gründen, wenn DGB & Co. so ganz offensichtlich nichts mehr auf die Reihe kriegen? Wo ist der Generalstreik, bis diese unhaltbaren Zustände wieder weg sind mit der Abzocke? Ich kann nur den Kopf schütteln – und ich bin wohlgemerkt auf der anderen Seite des Schreibtischs, wenn Leute eingestellt werden. Aber dass diese Abzocke läuft, macht den Markt kaputt, zerstört die soziale Marktwirtschaft. Und kaputte Märkte haben wir inzwischen genug, was wir brauchen, ist dass das Geld wieder in den Konsum geht. Und zwar hier, und nicht auf Pump in Spanien oder Griechenland. Viele Grüsse, VB.
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Gerhard Winkler arbeitet als Trainer und Bewerbungshelfer in Berlin. Er bloggt regelmäßig auf www.jova-nova.com.
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