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Geheimberuf Escort-Service "Ich hatte erwartet, mich dreckig zu fühlen"

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Corbis

Salomé liebt ihren Beruf - und spricht dennoch fast nie darüber: Als Escort-Dame begleitet sie Männer, meist auch ins Bett. Sie ist Gespielin und Sozialtherapeutin zugleich. Und kann sich in ihrem Gewerbe nur eine katastrophale Situation vorstellen.

Der Tisch beim Italiener ist bestellt auf den Namen Salomé. Ein Inkognito, selbstverständlich. Salomé wartet schon und möchte eingeladen werden. Eine Escort-Frau hat ihren Preis. Sie ist Anfang zwanzig, lebt in Berlin, studiert Philosophie, schreibt Kurzgeschichten und verdient zwischen 600 und 1000 Euro pro Nacht.

"Zum Escort kam ich, als ich einen Studenten-Job suchte und nicht kellnern wollte. Erst jobbte ich als Nacktmodell an der Kunst-Akademie. Das war anstrengend, zeitraubend und schlecht bezahlt. Dafür wusste ich danach, dass mir Nacktheit kein Problem bereitet. Ich habe mir Escort-Seiten angesehen und mich bei einer Agentur beworben. Im Bewerbungsgespräch ging es um Philosophie und Literatur. Der Chef wollte wissen, ob ich mich unterhalten kann. Weil er nicht glaubte, dass ich es auch mit dem Rest ernst meinte, verführte ich ihn. Das war vor einem Jahr.

Beim Escort gibt es klare Schweigegebote. Kunden legen großen Wert darauf, dass ich ihre Identität geheim halte. Ich erzähle Freunden nicht von meiner Arbeit und spreche mit Kunden nicht über andere Kunden. Mein Agent hat mir geraten, meinen Namen nicht zu nennen. Außerdem verrate ich grundsätzlich nicht, wo ich wohne. Eigentlich kann nicht viel passieren. Wir wissen so gut wie nichts voneinander, und ich sage meinen Namen ja nicht aus Versehen. Am Telefon melde ich mich nicht mit Namen, für die Kunden habe ich eine Fake-Mailadresse.

Als Kunden bevorzuge ich ältere Männer. Die sind gepflegt und können sich benehmen. Die meisten Kunden sind Mitte 50 bis Mitte 60, selten kommen Paare. Fast immer sind es Geschäftsreisende, manchmal Touristen, nie Berliner. Männer machen das lieber außerhalb ihres privaten Umfeldes. Das hat auch für mich Vorteile. So ist es fast unmöglich, jemanden zu treffen, den ich kenne. Meine Kunden leben nicht hier, und die Bekannten meiner Eltern sind nicht so reich, dass sie einen Escort nehmen.

Eine Katastrophe wäre es, wenn mal ein Freund meines Vaters vor mir steht. Aber wahrscheinlich würde ich ihn einfach bitten, nichts zu sagen. Wir würden uns einigen. Schließlich wäre es zwangsläufig eine Pattsituation.

Manche Männer weinen vor lauter Aufregung

Es gibt Männer, die meinen Beruf vergessen und eine Phantasie leben wollen. Die fragen, ob ich sie liebe. Ich bin dann ein bisschen gemein und sage: 'Du hast mir doch gerade einen Umschlag gegeben. Willst du eine ehrliche Antwort oder dass ich dir sage, was du hören möchtest?' Es gibt auch Männer, die sagen: 'Ich bin kein Narr. Natürlich liebst du mich nicht. Aber magst du mich denn?' Das ist im Grunde das Gleiche.

Oft erzählen mir Männer ihre Lebensgeschichte. Ich biete sexuelle Dienstleistungen und bin gleichzeitig Sozialtherapeutin. Es kommt auch vor, dass Kunden weinen. Manche weinen vor lauter Aufregung, andere weinen, weil sie bei mir weinen dürfen. Oft kommen diese Männer damit hinterher nicht klar. Die werden beleidigend oder sagen bei der Agentur, dass sie mich zu dick fanden.

Was ich erlebe, muss ich loswerden. Deshalb führe ich ein 'Nutten-Tagebuch' und erzähle meinem Freund von meinen Aufträgen. Wir lachen viel darüber. Sonst überlege ich mir gut, wem ich von meinem Beruf erzähle. Ich habe Freunde deswegen verloren und neue Freunde unter den Kolleginnen gefunden. Es gibt Frauen, die eigentlich sehr sittsam sind, aber im Escort aus diesem Leben ausbrechen. Das sind Kandidatinnen für ein hartes Doppelleben.

Bei mir ist die Diskrepanz nicht groß. Ich lebe meine Phantasien und verdiene gut damit. Mit zwei Terminen im Monat kann ich gut leben. Mehr als drei Termine in der Woche mache ich nicht. Escort ist physisch und psychologisch anstrengend. Den ganzen Prozess, der bei einem normalen Paar mehrere Tage dauert, vom Flirt über Küssen zum Sex, durchlebe ich in drei Stunden.

Charme vermieten statt Körper verkaufen

Einen Unterschied zwischen Prostitution und Escort sehe ich nicht. Ich bin Prostituierte. Aber ich stehe nicht auf der Straße und friere mir den Hintern ab. Außerdem habe ich weniger Kunden und entscheide selbst, ob ich Termine wahrnehme oder nicht. Ich habe mich bewusst dafür entschieden und weiß, dass ich meinen Körper nicht verkaufe, sondern meinen Charme vermiete. Hinterher dusche ich und nehme meinen Körper wieder mit nach Hause. Benutzt habe ich mich nie gefühlt. Ich habe die Situation unter Kontrolle.

Nach dem ersten Mal habe ich mich gefragt, wie fühlt sich das jetzt an? Ich hatte erwartet, dass ich mich dreckig fühlen würde. Das Gegenteil war der Fall. Ich kam mir rein und unschuldig vor. Fast war ich ein bisschen stolz, wie ein kleines Kind nach einer guten Schulnote. Ich hatte etwas Gutes getan.

Es besteht immer die Gefahr, vom Escort abhängig zu werden. Deshalb ist es wichtig, noch einen anderen Beruf zu haben. Was eine Frau nebenher macht, ist egal. Viele geben etwas an, was nicht stimmt. Ein prestigeträchtiges Studienfach hebt das Produkt. Das ist im Grunde unwichtig, weil wir mit unseren Namen ohnehin Kunstwesen sind. Aber das sollte man reflektieren können. Ich muss mir immer die Frage stellen, wie viel Salomé ich bin.

Salomé ist eine Stimmung von mir, eine Art kalkulierter Selbstentfremdung. Für mich ist Escort eine Möglichkeit, mich auszuprobieren. Ich kann mich auf mein Studium konzentrieren und schreiben. Mit 40 möchte ich nicht mehr davon leben. Vielleicht habe ich dann eine eigene Agentur oder ein Luxusbordell.

Ein Badezimmer, so groß wie die eigene Wohnung

Wer zu streng mit sich und anderen Menschen ist, sollte keinen Escort anbieten. Ich muss bereit sein, an jedem etwas Liebenswertes zu suchen. Meistens ist es nicht schwer zu finden. Viele Männer sind toll. Das ist fast ungerecht. Ich werde eingeladen zu einem tollen Essen mit großartigen Getränken, in Hotels, die ich sonst nie betreten würde, habe guten Sex und bekomme Geld dafür. Wenn ich dann nackt in einem Badezimmer stehe, das so groß ist wie meine Wohnung, frage ich mich manchmal, wann ich aufwache.

Manchmal ist die Geheimhaltung lästig. Was wir tun, ist nicht verboten, es ist nicht gefährlich, es ist die unschuldigste und die natürlichste Sache der ganzen Welt. Das gehört für mich in eine Reihe mit Nähen und Kochen. Jeder Mensch muss sich anziehen, essen und braucht guten Sex, verschieden häufig und in unterschiedlichem Maß. Weil Sex in unserer Gesellschaft warenförmig ist, kann man ihn kaufen. Die meisten Menschen haben keinen guten und zu wenig Sex. Deshalb gibt es uns.

Beim Sex muss man sich gelegentlich Mühe geben. Es ist nett, wenn ein Paar im Bett liegt, Pornos guckt und fummelt. Aber es ist ein völlig anderer Akt, wenn ich mich rituell schön mache, meinen Körper mit duftenden Ölen einreibe, mich frisiere und schminke und schön anziehe. Ich gehe aus, esse und trinke etwas Besonderes und wecke nach und nach alle Sinne auf. Und dann habe ich Sex.

"Aha, der Mann hat sich ein Escort-Mädchen genommen, Glückwunsch!"

Das ist der Unterschied zwischen einer Klappstulle und einem Fünf-Gänge-Menü. Das sollte nicht in einer dunklen Ecke stattfinden. Es wäre nett, wenn jeder sagen würde: 'Aha, der Mann hat sich heute ein Escort-Mädchen genommen und macht sich einen schönen Abend, herzlichen Glückwunsch.' Stattdessen gilt es als verwerflich und wird möglichst geheim gehalten.

Wenn ich Kunden im Restaurant oder Hotel treffe, erkennt kaum jemand die Situation. Die Menschen sind blind. Trotzdem haben Männer schreckliche Angst, als Freier erkannt zu werden. Manche sind regelrecht paranoid. Das ist lächerlich. Andere Gäste merken nichts, und Restaurant- und Hotelangestellte erkennen es sofort. Wenn im Hotel der Zimmerservice kommt, mache ich mir einen Spaß daraus, nackt die Tür zu öffnen. Kellner lächeln dann diskret, als sei ich angezogen.

Einmal traf ich einen Kunden, der gab mir zur Begrüßung drei Bücher, damit die Leute nichts denken. Da musste ich laut lachen. Welche Frau kommt in hohen Schuhen mit einer kleinen Tasche in die Lobby eines edlen Hotels und setzt sich alleine in die Sitzgruppe? Wenige Stunden später steht sie mit nassen Haaren wieder da und lässt sich ein Taxi rufen. Was gibt es da bitte zu spekulieren?"

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Carola Dorner ist freie Journalistin und lebt und arbeitet in Berlin. Sie schreibt vor allem über schräge Typen und deren merkwürdige Berufe.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 651 Beiträge
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    Seite 1    
1. optional
uschikoslowsky 14.06.2012
Erst "Kunden legen großen Wert darauf, dass ich ihre Identität geheim halte. Ich erzähle Freunden nicht von meiner Arbeit und spreche mit Kunden nicht über andere Kunden." und dann " Deshalb führe ich ein 'Nutten-Tagebuch' und erzähle meinem Freund von meinen Aufträgen. Wir lachen viel darüber." Ja was denn nun? Das üben wir dann aber nochmal, ja?!
2. Mein Profil
air plane 14.06.2012
Dieser Artikel zum "Thema Berufe" in der Rubrik "Karrierespiegel"? Na dann bin ich schon auf das Sperrfeuer der Feministinnen gespannt!
3. Schöner Artikel
whiterussian 14.06.2012
Unkapriziöser Artikel, der die Geschichte auf unterhaltsame Art und Weise auf den Punkt bringt. Ich befürchte zwar auch ein "Sperrfeuer" der Feministen, aber dass gehört bei diesen Themen immer dazu und hat ja mittlerweile auch den Unterhaltungswert von "Opa erzählt vom Krieg" Geschichten:)
4.
Hans Klopek 14.06.2012
Zitat von sysopDer Chef wollte wissen, ob ich mich unterhalten kann. Weil er nicht glaubte, dass ich es auch mit dem Rest ernst meinte, verführte ich ihn.
Der Herr ist mit allen Wassern gewaschen und weiß, wie man zu Gratis-Sex kommt.
5.
HuFu 14.06.2012
Zitat von sysopSalomé liebt ihren Beruf - und spricht dennoch fast nie darüber: Als Escort-Dame begleitet sie Männer, meist auch ins Bett. Sie ist Gespielin und Sozialtherapeutin zugleich. Und kann sich in ihrem Gewerbe nur eine katastrophale Situation vorstellen. Escort-Service: Prostituierte berichtet von ihrem geheimen Beruf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,837498,00.html)
Eigentlich schon ne traurige Geschichte. Mich verwundert immer, daß offenbar immer recht intelligente Frauen sich prostituieren und nix mit sich selber anzufangen wissen, wenn es um Jobsuche geht. Ich lese immer wieder "Studentin braucht Geld". Das Abrutschen ins Millieu ist da fast vorprogrammiert, auch wenn "Escort" sich natürlich edler und besser anhört. Es ist und bleibt Prostitution!
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